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Der Israelit · 1920-11-25 · Heft 47 (25.11.1920) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 47 (25.11.1920)
Date
1920-11-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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LS. November1930 Der JSraeltt. Nr. 47 Sette 9 Ckana sieht ihm nach, bis er ihr aus den Augen verschwindet. . Am Donnerstag und Freitag pflegt dies länger zu dauern. „Wieviel hast du hier in diesem Papierchen"? frägt Chana. „Zweiundzwanzig Groschen". „Ich üabe Angst, es dürfte viel zu wenig sein". „Was hast du denn nötig"? „Um einen Sechser Salbe für das Kind, um einige Groschen Kerzen, Chala ist schon da . . . auch Fleisch, anderihalben Pfund . . . Nun also Branntwein für den Kidusch. Außerdem sind noch einige Holzscheite nötig".' „Holzscheite will ich dir schon besorgen, sie müssen am Rtngplatz zu haben sein". „Und dann brauche ich noch . . ." Und sie zählt auf, was sie noch für Sabbat braucht, nun endlich entschließt man sich, daß Ktdusch auch über die „Chalos" gemacht werden kann und daß man auch noch eine ganze Reihe von Sachen leicht zu entbehren vermag. Das wichtigste wären die Kerzen und die Salbe für das Kind. Und trotzdem fügt es der Ewige so, daß die Kinder gesund und die Leuchter nicht verpfändet sind und insbesondere wenn ein Kugel vorhanden ist, dann hat das Ehepaar einen lustigen Sabbat. Weil Chana eme besondere Künstlerin ist im „Kugelmachen". Immer pflegt ihr etwas zu fehlen, zuweilen ist es Mehl, Eier oder Feit und trotzdem kommt ein fetter, süßer, herzerquickender „Kugel" heraus, fodaß es einfach in Mark und Min zergeht. „Dies hier wird von^inem Engel gekocht", bemerkt Chana, indem sie lächelt. „Gewiß, ein Engel, ein Engel"!, lächelt Chaim. „Glaubst du etwa, daß du nicht selber ein kleiner Engel bist, indem du soviel von mir und den Kindern auszustehen hast. Sich, wieviel Kränkung sie dir zu verursachen pflegen, manchmal gerate ich in Zorn, pflegt es je vorzukommen, daß du mich fluchest, wie cs die anderen Weiber tun? Und was eigentlich, gehr es dir etwa so gut,bei mir? Gehst du doch mit den Kindern nackt und barfüßig herum . . . Welchen Nutzen bringe ich eigentlich? Keinen, ich vermag nicht einmal gehörig „Smtrot" zu singen . . ." „Du bist aber doch ein guter Vater und ein guter Ehemann"!, Hält Chana bei ihrer Meinung fest ,,tch wünsche mir und der ganzen jüdischen Gemeinschaft ein solches Jahr . . . Ach, daß ich doch mir dir nur att werden möchte . . . Gott im Himmel . . Das Ehepaar schaut einander so warm, so gutherzig in die Augen, daß es scheinen mag, sie sind erst vom Traubaldachtn her gekommen. Und noch heiterer wird es bei der Tafe* . . . Allein nach dem Schlaf geht Chaim in Sie Synagoge, um dort den Thoravorrrag anzuhären. Dort sitzt ein Lehrer und lernt mit dem ungebildeten Publikum „Alkchich". Die Hitze, ist groß, die Gesichter sind noch ganz verschlafen, der eine schlummert noch ein wenig, der andere gähnt laut. Chaim steht in der Regel in der Nähe des Kamins. Seine Augen füllen sich mit Tränen, tbm zittern Hände und Füße, er ist ganz im Jenseits. Dann aber freut er sich mit allen Gerechten, er sieht den lichtvollen Gan-Eden, die Engel, hen Lewiatan und sonstige gute Sachen, alles steht vor ihm leibhaftig da. Ist der Melamed fertig, küßt und schließt er das^ Buch, so erwacht Chaim wie aus einem Traum, gleichsam, als käme er vom Jenseits. „Ach", atmet er schwer auf, „Herr der Welt, daß mir auch ein kleines Bruchstück, ein Brosamen vom Jenseits befchieden sein möge. . . Für mich, für meine Frau und für meine Kinder . . Und dann wird ihm traurig zumute und er frägt sich: Leider wofür, weswegen? . . . Sie waren einst mit dem Lernen fertig und er näherte sich dem Melamed. „Rabbi", sagt er mit zitternder Stimme, „ratet mir dock, wieso ich doch das „Olam habba" erwerben könnte"? „Lerne, Kind, die Thorü", wird ihm erwidert. „Ich bin unwissend". „Also lerne „Mischnajot", „Ajn Jakob" (Agadahsammlung), zumindest den Perek",. „Zch bin unwissend". „Sage dann Tehilim". „Dazu fehlt mir die nötige Zeit"! „Also bete andachtsvoll". „Ich verstehe aber den Wortstnn nicht". Der Melamed sieht ihn mitleidsvoll an. „Was bist du"?, frägt er. „Ein Träger". „Also bediene gelehrte Männer". „Wieso denn"? „Hole allabendlich einige Kannen voll Wasser in die Beth-Hamidrasch, damit die Gelehrten was zu trinken haben". Chaim wird munter. „Rabbi", frägt er weiter, „und mein Weib"? Sobald der Mann im Gan-Eden auf einem Stuhl fitzt, so ist das Weib mit dabet". Als Chaim nach Hause kam und Hawdalah machen wollte, saß Chana und sprach das „Goit des Abraham". Und als er sie sah, ergriff eS ihn beim. Herz. „Chana", stürzt er hervor. „Ich habe nun „Olam habba" gekauft . . . auch für dich . . Minderecke. Talmudische Weisheit. Bearbeitet von CH. Bloch. Die verachtete Ware. Einen Mann, der Hadrian hieß, überkam das Begehren, zum Judentum überzutreten. Er hatte aber einen strengen Oheim und er fürchtete dessen Zorn. Eines Tages kam er zu seinem Oheim. Er gab vor, daß er sich dem Handel widmen wolle, daher eine kleine Reise amrete. „Was soll dir der Handel?" fragte ihn der Oheim. „Willst du Retchtümer erwerben? Da hast du meine Schätze, sie sollen dein sein!" Hadrian entgegnete: „Nicht des Reichtums wegen will ich mich dem Geschäft widmen, sondern um Welt und Menschen kennen zu lernen, und ich bitte euch, mich mit euren Ratschlägen zu unterstützen." „Gut", sprach der Oheim, „weün dies deine Absicht ist, so geh' in Gottes Namen. Und hier mein Ratbeherzige ihn, wenn du in die Welt htnauskommst: Suche nach der verachtetsten Ware, mach' sie dir zu eigen, sie wird einst im Preise steigen." Darauf verabschiedeten sie sich. Hadrian aber ging zu den Juden, vertiefte sich in ihre Lehre und nahm dann den jüdischen Glauben an. Es verging dann eine lange Zeit. Hadrian, der indes ein überzeugter Jude geworden war, kehrte heim. Und da er vor seinem Oheim ersch'en, erkundigte sich dieser, welche Ware er hein'brächte. Hadrian sprach: „Ich habe nach eurem Ratschlag gehandelt und habe mich dem Judentum an geschlossen." „War das mein Rat?/ fragte der Ohetm zornig. „Gewiß!" entgegnete Hadrian. „Habt ihr mir nicht geraten, nach der verachtetsten Ware zu suchen? Ich habe, fürwahr, unter allen Völkern der Welt kein verachteteres gefunden als das jüdische — in seine Gemeinschaft ließ ich mich aufnehmen, denn ich weiß, daß einst seine Morgenröte tagen und dieses Volk sich eiW8 Tages aufrichten wird." Ein Gastmahl für Gott. Ein dummer Fürst sprach zu einem jüdischen Weisen: „Ich will eurem Gott eine herrliche Tafel bereiten." , „Da wirst das Mahl nicht geben können!" erwiderte der Weise. „Warum wähnst du das?" fragte der Fürst verstimmt. „Darum", erwiderte der Gelehrte, „weil sein Gefolge zahllos ist, ein Mahl für sie zu bereiten, ist lange Zeit nötig — und das Leben eines Menschen ist'doch so kurz." — „Das soll deine letzte Sorge sein!" sprach der Fürst. „Das. Mahl für das ganze Gefolge wird in kürzester Zeit fertig sein, nur will ich deinen Ratschlag, wo ich die Tafel veranstalten soll." Der Weise .überlegte eine Weile und sprach bald: „Es soll am Ufer des Meeres hergerichtet werden!" Dem Fürsten gefiel der Ratschlag und er ließ sechs Monate hindurch tausende Diener arbeiten, befahl voübeladene Wagen Speisen und Getränke hinzubringen, und trug endlich auf, die Tische herzurichten. Das Gastmahl am Ufer des Meeres war fertig und schon die Einladung ergangen. Da kam ein Sturmwind, warf alles in das tobende Meer — und die Wellen verschlangen alles. Der Fürst war aber nicht bloß ein Dummkopf — er war auch ein Starrkopf — und was er fich etnblldete, das wollte er durchsetzen. So ließ er auch diesmal ein neues Gastmahl Herrichten. Und da brach wieder ein Sturm aus und fegte das Ufer rein . . . Darauf ließ der Fürst den Meisen zu sich kommen und sprach zu ihm: „Was soll ich nun tun?" „Du mußt neuerdings" — erwiderte der Weise — eine Tafel Herrichten, denn weißt du, jene Winde, die da gekommen waren, sind die Diener, die dem göttlichen Gefolge vorangrhen — sie haben ihren Teil verzehrt Jetzt erst aber ist das Gefolge selbst ick Heranrücken!" Dieses Mal trat der Fürst von seinem Vorhaben zurück.- Ein Mselmärchen. Von Heinrich Einstädter. ' Das ist Euch nichts Neues, meine lieben Freunde, daß es in tiefen Schluchten und in düsteren Felsklüften, in hohlen Bäumen und zwischen altem Wurzelwerk allerlei Kobolde und Zwerge gibt. Sicherlich habt Ihr davon schon manche Geschichte gelesen und auch auf Bildern solch wunderliches Kleinzeug betrachtet. Mir ist aber dieser Tage ein Zwerglein zu Gesicht gekommen, 'das war etwas ganz Besonderes! Lag gemütlich hingestrcckt und lief nicht davon, als ich mich ihm näherte. Hatte weder Bart noch Haar, sondern bestand nur aus einem zerdrückten Mützchen, einem gestärkten Kray eichen, einem gebügelten Röckchen, einem — durchlöcherten Strümpfchen und einem dichten Sttefelchen. Ich blickte es an und guckte und staunte und fand kein Wort vor Verwunderung. Da lachte es hell auf und rief belustigt: „Du schaun mich jq an, als ob du mein Innerstes kennen lernen möchtest! Soll ich wich dir etwa vorstellen? Nein, mein Sohn! Meinen Namen — es ist ein gut jüdischer Name, der dir jetzt an manchem Schabbos häufig entgegentönt — mußt du selbst erraten. Gar zu leicht darf man es euch Menschenkindern nicht machen. Aber meine Familie sollst du kennen lernen." Bei diesen Worten rückte es sein gestärktes Krägelein mit dem zerdrückten Mützchen davor ein wenig ab und sprach: „Das ist mein Vater." Dann zog es sein festes Stiefeletn aus und legte es hinter das zerknäulte Käppchen. „Das ist die Mutter!" Schließlich legte es sein, gestärkt Krägelein vor mich hin und sein gebügelt Röcklein daneben und rief: „Dies ist mein Sohn!" ^- Und nun seid Ihr wohl neugierig geworden? Wollt gern auch den Wunderzwerg sehen? Möchtet wissen, wo Ihr ihm begegnen könnt? — Ei, da braucht Ihr nicht erst in die Wildnis, in Wälder und Höhlen zu gehen. Schreibt nur seinen Namen recht säuberlich in viereckigen hebräischen Buchstaben auf, wenn — Ihr ihn erratet. Dann seht Ihr schon gleich rechts das zerdrückte Mützchen und daneben das gestärkte Krägeloh:n und nachher das gebügelte Röckchen und darauf das zerrissene Strümpfchen und am Ende das dichte Stiefelchm. Und wenn Ihr, so wie es der Zwerg tat, die Kleidungsstücke richtig ordnet, werdet Ihr auch bald dem Vater, der Mutter und dem Sohne begegnen. — Ja, Kinder, geschehen noch immer Wunder, besonders eifrigen Knaben und Mädchen an friedlichen Winterabenden. Nullösung 965 Rätfeis in Nr. 44: nw nm- Richtige Lösungen sandten ein: Lehrer E. Wertheimer, Hardheinr- Sara Katz, Karlsruhe: Hans Zinkes, Rödelbeim; Ist Kachmarm und Jos. Bär, Berlin; Werner Levi, Halberstadt - M. Wetnreb, Ludwigs« Hafen.

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