Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1920-11-25 · Heft 47 (25.11.1920) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 47 (25.11.1920)
Date
1920-11-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2450088-2450132--68583-2525729
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Feuilleton-Vellage zu Ar. 47 des „Maelit". wz1?* faß* wm Ser Srunnen. Eine Erzählung aus Erez Jisroel. Bon Josef Kaftein. (Fortsetzung.) „Und die anderen? Sie hatten meist nichts oder nur wenig. Arme Teufel waren dabei, die drüben nicht leben und nicht sterben konnten. Sie hatten gerade so viel, daß sie die Ueberfahrt bezahlen kannten. Aber als sie hier standen, waren sie doch wie Herren. Wir haben gemeinsam den Boden gekauft und aufgeteilt, und ich habe das meiste Geld dafür gegeben. Ich habe auch das meiste Land dafür bekommen, und das schönste. Denn ich allein von allen kann hier ganz weit schauen, bis nach den Bergen von Jerusalem. Wir schlugen Pfähle ein und spannten lange Schnüre über die Grenzen eines jedes Landes., Und als das geschehen war, gingen wir in unsere schnell aufgeschlagenen Zelte und waren alle voller Hoffnung. Und als wir uns organisieren wollten, — du weißt, wenn Menschen zusammen lebe^ wollen, müssen sie unter sich eine Ordnung haben — da wollten die anderen, daß alle gleich seien in-dem neuen Gemeinwesen, daß alle glclche Rechte und Wichten haben sollten. Das ging mir nahe. Das. wollte ich nicht. Ich hatte doch das meiste Geld gegeben, und die anderen mußten mir doch abzahlen. Ich lätte kaufen können ohne sie, aber nicht, sie ohne mich. Dafür wollte ich der erste unter ihnen sein, begehrte, daß sie auf mich hören sollten, weil ich ihnen geholfen hatte. Das war das Recht des Besitzes, das ich vor ihnen voraus haben wollte und auf das ich pochte. Und ich dachte nicht, daß sie sich widersetzen würden. Aber sie taten es doch. Sie sagten, es wäre meine Pflicht gewesen, ihnen zu helfen. Ich lachte und wies auf meine vollen Taschen mit Gold. Einige wollten sich fügen, aber andere, und mir scheint heute, als ob das gerade die Aermsten gewesen wären, die begehrten auf und wollten Gleichheit. Sie sagten, wenn ich auch ohne sie hätte kaufen können, so wäre ich doch ohne sie schutzlos und haltlos. Mir widerstrebte es, mit ihnen zu streiten. So habe ich mich von ihnen getrennt. Hier draußen, hart an der Grenze, habe ich mein Haus gebaut. Sie kamen, um mir beim Bau zu halfen, noch ehe sie selbst ein Dach über dem Kopfe hatten. Aber ich habe sie sortgejagt und habe fremde Arbeiter genommen, die keine Liebe zu dem Werk ihrer Hände hatten, die nur immer an jedem Abend auf das Geld warteten, das ich ihnen auszahlte. Und inzwischen wuchsen unten im Tale die kleinen, schmucken Häuser aus weißem Fachbauwerk langsam empor. Die fremden Arbeiter haben mich bestohlen. Ich geriet hart mit ihnen zusammen, und als einer mir drohte, griff ich zur Waffe. Die Arbeiter entflohen. Es war eine heimtückische Ruhe in den unfertigen Mauern meines Hauses. Aber von unten aus dem Dorfe kamen sie in Scharen gelaufen, als ob nichts geschehen wäre, mit einer Selbstverständlichkeit, die mich empörte. Sie brachten Waffen mit, um mich und mein Land zu schützen. Sie warnten mich vor der Blutrache der Araber und rieten mir zur Flucht. Aber ich erlaubte ihnen nicht, Partei für mich zu ergreifen. Sie sollten sehen, daß ich nicht nur ohne sie Land kaufen konnte, daß ich auch ohne sie mich selbst behaupten konnte. Und ich wollte von dem Boden nicht weichen, wollte die teuer erkämpfte Heimat nicht wieder aufgeben. So zogen sie wieder ab. Mit Geld habe ich schließlich den Streit mit den Fremden geschlichtet. Aber es hat viel, viel gekostet. Und von da an ha'te ich unter dem Haß der Fremden zu leiden. Meine Scheuern haben sie in Brand gesteckt, meine Gärten verwüstet, wie sie ihr erstes Grün ansetzten, meine Saat gestohlen, noch ehe sie auf die Felder kam. Und wenn ich an einem Ende meiner Felder Rache verlangend mit meinem Gewehr wartete, hatten sie schon am anderen Ende irgend was anderes gestohlen oder verwüstet. Und so verbrachte ich meine Tage damit, hin und her zu gehen und auf den Tag der Rache zu warten. Unten im Tale indessen blühten die ersten Pflanzungen. Ganz aus dichtem Grün heraus schimmerten Blüten, und wohin ich sah, immer gewahrte ich irgend eine Stelle, wo der Boden sich wieder erschlossen hatte, und über den ersten Wohnungen schwankten die ersten zarten Bäumchen. Ais die ersten Orangen reiften, stiegen aus meinen Scheuern die Rauchwolken der Brandstiftung. Die andern > kamen und wollten mir helfen gegen die Rachsucht der Fremden. Doch ich wollte ihre Hilfe nicht, woll^ ihnnr nicht zu Dank verpflichtet sein, sondern wollte unabhängig von allen sein und über ihnen stehen. Mein Stolz ließ es jetzt nicht mehr zu, mich in die Gesamtheit etnzufügen. Ich sah, daß ich als einzelner nutzlos mein Vermögen verschwerÄete. Aber auch das bewog mich nicht. Ich fühlte, daß es ganz einsam und leer um mich herum war, daß ich wie ein ganz Einsamer durch fremde Wege ging. Aber auch das war mir kein Grund. Die Ernte kam heran. Meine Felder trugen schlecht. Der Brand kam in die Körner, noch ehe sie reis waren. Gelb und verdorrt lagen die weiten Flächen. Wie Hingemäht lagen die dünnen Halme. Die aus dem Dorfe brachten mir Saat, die sie ausgeprobt hatten. Aber ich ließ die Felder lieber brach liegen. Die Sommersonne sengte über das Land hinweg. Der schmale Bach, der bislang Wasser geführt hatte, versiegte. Und nun bauten sie unten im Dorfe eine große Wasseranlage. An der tiefsten Stelle des Ortes, wo jetzt d-e große Tränke ist, gruben sie, und weil dle Stelle sehr tief war, stießen sie bald auf Waffer. Es war ein gutes, gesundes Wasser, das ganz h^ll aus der Erde kam. Roch heute höre ich jhr Jubeln und Rufen, als die ersten blanken Wollen aus der Tiefe kamen. So könnt ihr in eurem Lande euch nicht über Wasser freuen, wie die Menschen hier, so, als wäre es eine große Gabe, die man in eure Hand legt. — Endlich kamen sie zu mir, weil sie nicht wußten, wie sie das Wasser hinaustreiben sollten zu meinem Hause, das erhöht liegt. Aber ich wollte kein Wasser von ihrem Brunnen. Ich wollte nichts mit ihnen gemeinsam haben. Schon die frohen Gesichter schienen mir wie eine Verhöhnung, mit der sie mir zeigen wollten, wie sehr ich von ihnen abhängig sei. So begann ich selbst einen Brunnen zu graben, hier diesen Brunnen. Ich nahm wieder fremde Arbeiter. Ganz heimlich ließ ich sie ans Werk gehen,. und eines Tages wollte ich die Waffer meines Brunnens rauschen lassen, denen da unten zum Trotzwollte es über die Felder hinfließen lassen, daß es wie uralte Fruchtbarkeit aus dem Boden steigen sollte, und sah schon im Geiste die grüne Fruchtbarkeit in Wellen über das" Land jagen und ward heiß und kalt bei dem Gedanken an meines Willens endlichen Sieg. Aber die Wirklichkeit war Langsamer als meine Gedanken. Es wurde eine schwere Arbeit. Der Boden hatte felsigen Untergrund, und es mußten große Blöcke gehoben werden. Langsam, qualvoll langsam ging alles vonstatten. Tagtäglich hämmerten die Meißel und Spitzhacken gegen den; harten Untergrund, und es stäubte und splitterte Die andern aus dem Dorfe kamen und sagten, der Ort liege zu hoch, das Grundwaffer liege sehr tief. Es sei schwere und unnütze Arbeit, und sie hätten ja den Brunnen im Dorfe. Aber ich hörte nicht auf sie. Ich dachte nur immerr morgen, morgen wird Waffer da sein! Endlich ging die Arbeit schneller. Der Brunen war schon sehr tief, und die fremden Arbeiter murrten, weil sie Angst hatten, in solche Tiefe hinabzusteigen. Und eines Tages brachten sie einen herauf, der war bewußtlos geworden von giftigen Gasen, die sich dort unten irgendwie angesammelt hatten. Da zogen sie ab und ließen die Arbeit liegen, wie sie war. Nun gähnte die Höhlung des Brunnens schwarz und heimtückisch und mit liefen Schatten. Alles lag braw^ Der Sommer war so heiß wie selten einer. Ich' hätte nur eine Pumpe anzulegen brauchen, um das Waffer vom Dorfbrunnen heraufzuschaffen. Mein Trotz war größer als alle Einsicht. Mein Vermögen schmolz zusammen, aber ich war entschlossen, alles daranzusetzen. Geflucht habe ich in den langen Nächten, wenn die Hitze mich nicht schlafen ließ, und ich an das Land dachte, das kein Waffer hat-und draußen stand der Brunnen und war leer! Ein schwarzes Loch, in dem Stetnsplitter und Felsen lagen, und kein Wasser, nicht soviel, um meine heißen Lippen zu feuchten. Die Zeit verging. Heiß fuhr der Cham-sin') über das. Land. Matte Regenschauer gaben einen schwachen Schimmer von Grün über meine Felder. Aber in den Ställen brüllte das Vieh vor Durst. Bis ich es nicht mehr anhören mochte. Ich ging und trieb neue Arbeiter auf. Die Arbeiten fingen wieder an. Der Brunnen wurde tiefer und tiefer. Wenn man einen Stein hineinwarf, mußte man lange horchen, bis man ihn aus dem Grunde aufschlagen hörte. Und eines Morgens kamen die Arbeiter zu mir und sagten: „Herr, es ist Waffer in dem Brunnen!" (Forts, folgt.) Slam habba. Nach einer jüdischen Skizze von I. L. Perez Chain, ist Träger von Beruf. Passiert er die Gasse unter der Warenkiste gebückt, sieht man ihn kaum heraus, es scheinr, als würde die Kiste auf zwei Beinen selbst dahinschleichen ... Allein das mühselige Atmen ist schon von weitem zu vernehmen! Und doch. Kaum hat er sich von der Bürde freigemacht und kaum erhält er die ihm gebührenden wenigen Groschen, so richtet er sich auf, atmet wieder frei, bindet sich los, wischt den Schweiß vom Angesicht ab, geht zum Brunnen, schlürft ein wenig Waffer und eilt in einen Hofraum. Da nähert er sich einer Mauer und schwingt das Riesenhaupr so in die Höhe, daß die Spitze seines ' Bartes, mit der Nase, mitsamt dem Schirm seiner Kappe, in eine Lage zu stehen kommen. Nun ruft er: „Chana'! r Unterm Dach wird ein kleines Jensterlein geöffnet und ein kleines Weiberhaupt in weißer Haube antwortet: „Chaim"? Das Ehepaar sieht einander zufrieden an, die Nachbarn meinen sogar, sie verhätscheln einander. Chatm schleudert das verdiente Geld in Papier eingewickelt hinauf. Chana erhascht es in der Luft, es ist ja nicht das erste Mal. „Wie geschickt"!, meint Chaim und hat gar keine Lust fortzugehen. „Geh', geh' doch Chaim", lächelte sie, „ich kann doch vom kranken Kind nicht fort . . . Ich habe das Wteglein zum Kamin gestellt, mit der einen Hand entschäume ich die Töpfe und mit dem Fuße lulle ich das Kind ein". „Wie geht es ihm, nebbich"? ' „Besser"! „Gott fei Dank! Und Hene"? „Ist bei der Näherin". „Und Joffel"? „Im Che der". Chaim läßt den Bart wieder finken, geht fort. *) Wüstenwind...

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.