Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1920)
- Date
- 1920-11-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 6 Nr. 47 l Wer die Leiden der jüdischen Bevölkerung in Wilna in diesen Uebergangstagen kennt, wird diesen von England und Spanien zugesagten Schutz in erster Reihe als Schutz der Juden ansprechen und begrüßen. Uwmimiett. Rumänien als Ilafionalifiifen-Sfaat- Miei», 19. Nov. Nach einer amtlichen rumänischen Statistik für das Jahr 1920 leben in den an Rumänien neu angegliederten Gebieten 4.984.842 Rumänen und 4.159.923 Nichtruwänen. Von den letzteren sind 600.000 Juden und zwar 267.000 in Beßarabien und 102.000 in der Bukowina, 64.000 in Siebenbürgen und 16Ö.000 in den sonstigen ehemals ungarischen Provinzen. Ukraine. Die neueren Pefljura-Pogrome. Mudapest, 18. November. Allen Protesten zum Trotze veranstalteten in den letzten Tagen die vorrückenden Petljura- Truppen in einer ganzen Reihe von ukrainischen Ortschaften wiederum schreckliche Judenpogrome. So wurden in Lu bar 44, in Ostropol 10, in Polonolje 10, in Wiznopol 6 und in Utonow 10 Juden auf die grauenhafteste Weise ermordet. Dns ganze jüdische Hab und Gut wurde von den Petljura- Soldaten geplündert. In allen Ortschaften zünden die Petljura-Truppen die jüdischen Häuser an und plündern während der Feuerbrunft die jüdischen Einwohner aus. Auf der Strecke Luba—Podwoloczyska und Polonoje— Rowno begegnet man Tausenden von jüdischen Familien, die aus der Ukraine flüchten. WttKarest, 17. Nov. Die Agentur Damian meldet aus Czernowitz: Petljura hat heute an den Kommandanten der 4 rumänischen Division General Jadik das Ansuchen gerichtet, ihn und feinem Stabe das Ashlrecht auf rumänischem Territorium zu gewähren. 4ftra«kretdj. Eine flhiion für Oie uhrainifdien Ingen- Saris, 13. November. DasExekutiv-Komitee der JüdischenWelt. Hilfskonferenz hat beschloffen, zu Beginn des nächsten Jahres eine Konferenz in Sachen der jüdischen Hilfsarbett in der Ukraine in eine der europäischen Städte einzuberusen. Die Konferenz wird die Aufgabe haben, die Hilfsarbeit verschiedener jüdischer Organisationen zugunsten der Ukrainer Juden zu vereinigen. Es sollen ferner die erforderlichen rechtlichen Bedingungen für diese Arbeit geschaffen und die Initiative der jüdischen Kreise geweckt werden. Dank den Bemühungen der Jüdischen Welthilfszentrale sollen in kurzem medizinisch-sanitäre und Htlfsabteilungen nach der Ukraine geschickt werden. Ebenso wird ein Projekt für einen „Fonds zur Rettung öeS jüdischen Kindes" ausgearbeitet und Vorbereitungen gemacht, die ukraininschen Waisen zu ihren Verwandten im Westen hinüberzunehmen. England. Ittöifche SlüMInge in InSien- London, 10. November. Aus Kalkutta wird unter dem 10. Nov. depeschiert: Eine große Anzahl russischer Juden aus Buchara flüchtete vor den Bolschewiken nach Indien. Sie verlangen, daß man ihnen Pässe nach Jerusalem ausstellen soll. Die üeberfiedlung der „Rguäas Jisrol" nach London. New-YorL, 5. Noo. Der Beschluß der Preßburger Konferenz auf Der J-raettt ' Verlegung des Zentralbüros der Agudas Jtsroel-Gesamt-Organ'sation nach London hat in der jüdisch-amerikanischen Presse viel Beachtung gefunden und ist sehr sympathisch ausgenommen worden. So schreibt z. B. das in jüdischer Sprache erscheinende „Morning Journal": „Die Zukunft der Juden liegt in der englisch sprechenden Welt. Amerika allein hat jetzt mehr Juden, wie jedes einzelne Land der alten Welt und die günstige politische und materielle Lage, in der wir uns da befinden, macht unsere Beteiligung an jeder jüdischen Bewegung für den Erfolg notwendig. Auch sind gerade in dem Teile der Welt-Politik, an dem Juden interessiert sind, Amerika und England praktisch einig. Die erste große Einwanderung nach England und Amerika kam von Deutschland, und deutsche Juden und ihre Kinder sind noch heute die hervorragendsten jüdischen Persönlichkeiten: in beiden Ländern. Das ist eine der Ursachen dafür, daß die orthodoxe Masse der späteren Einwanderer die sich noch nicht ganz ausgelebt hat, es so schwer findet, in den jüdischen Angelegenheiten die ihr zukommende Vertretung und Anerkennung zu finden. Der Terror der von der radikalen Minderheit unter den Einwanderern aus den slawischen Ländern ausgeht, veranlaßt, daß die weniger Tiefblickenden aus Unwissenheit die Macht der Orthodoxie stark unterschätzen. Die Orthodoxie braucht nicht Maffen-Demonstrationen zu organisieren, um zu beweisen, wie groß sie ist. Das ist nicht ihre Methode und sie bedarf solcher künstlicher Mittel nicht. Aber wenn sie in ruhiger solider Arbeit einer Körperschaft, wie der Agudas Jisroel sich anschließt, so wird sie in sehr kurzer Zeit, anfangs im Innern unter den Juden selbst und alsdann auch in der großen Welt diejenige Anerkennung erlangen, die ihr zukommt, und diese Anerkennung wird umso schneller eintreten, in englisch sprechenden Ländern, wo bisher die geistige Einstellung der gläubigen Juden noch nicht klar herausgearbeitet wurde, wo aber andererseits der biblische Geist, der in der allgemeinen Atmosphäre herrscht, den Bestrebungen der Orthodoxie mächtig zu Hilfe kommen wird. Die Uebersiedlung des orthodoxen Hauptquartiers nach London ist nach dieser Richtung ein ausgezeichneter erster Schritt." Zurückweisung lüdifcher Emigranten in Rmeriha. ZSerli«, 13. November. Aus Danzig wird mitgeteilt, daß am vergangenen Freitag ein amerikanisches Schiff 28 jüdische Emigranten aus Amerika zurückgebracht hat, weil sie ohne die nötigen Dokumente hingefahren sind. Die jüdischen Emigranten werden daher gewarnt, ohne die nötigen Papiere, Pässe usw. die Reise nach Amerika anzutreten. Palästina. Paiäffinas ITorBarenje- London, ^i9. Nov. Nach einer Meldung aus Jerusalem hat der Staatsrat in seiner zweiten Tagung den Oberkommiffar aufgefordert, auf eine den wirtschaftlichen Interessen des Landes entsprechenden Regelung der Nordgrenze hinzuwirken. Diese Interessen erforderten, daß der untere Lauf des Lithani, sowie sämtliche Täler des Jordan und des Jarmuk zu Palästina geschlagen würden. Personalien. Berlin, 22. Nov. Am Freitag, IS. November <8. Kisten,), ist nach einer kurzen, schweren Erkrankung der Dozent am Rabbinersemtnar, Herr. Dr. Simon Epp en Ne in verstorben. Eine Würdigung dieses trefflichen Menschen und Gelehrten, dessen jähes Ableben in der jüdischen Welt schmerzlich empfunden wird, behalten wir uns für die nächste Nummer vor. 2» November 1920 Frankfurter Berichte. Pit Katastrophe des jüdischen Kolkes im Hsten. Eine Kundgebung jüdischer Solidarität war eS, was wir am letzten Mittwoch abend in dem bis auf den letzten Platz besetzten großen Saal der Börse erlebten; ohne Diskussionen und Resolutionen hatte mrm dem Schmerz der orthodoxen Judenheit und ihre« Mitempfinden mit . den Brüdern im Osten die wärmsten Töne verliehen. Einberufen war die Versammlung von der Orts- und Jugendgruppe der AgudaS JtSroel, Frankfurt a. M., als Referenten sprachen die Herren Redakteur S. Schachnowitz und Hermann Schwab aus Halberfladt, und Herr Jacob Rosen he im gab als Leiter der Versammlung mit Eröffnungs- und Schlußworten den Referaten den würdigen Rahme». Ec knüpfte sein Begrützungswort an den vor acht Tagen gehaltenen Fastlag an und sagte u. a.: Die Vorgänge tm Osten solle« uns nicht nur Tränen, sondern auch Taten abzwingen, sollen unseren Willen zum Mithelfe« und Mitarbeiten anregen. Der erste Redner, Herr Redakteur Schachnowitz, ging von einer talwudischen Erzählung aus, in der berichtet wird, wie die Juden tm römischen Weltreich einstens mit Erfolg an daS Brudergefühl ihrer Feinde appelliert hatten. Heute, nach anderthalb Jahrtausenden Kultur, würde ein solcher Appell an Brüderlichkeit und Menschlichkeit nur Hohn und Spott auSlösen. U«s» mehr müßte der Bruderruf die wirklichen Brüder, und im Westen, erreichen. Das Meer des jüdischen Leide» sei ohne Anfang und ohne Ende und auch wir stünden mitten in der Strömung drin. Redner entwirft dann in kurzen Zügen rin klares Snuationsbild über die derzeitige Lage der Juden in der Welt, von Deutschland und Mitteleuropa an, wo der Haß nur noch redet und droht bis zum Höchstpunkt feiner wilden Brandung in Polen und in der Ukraine. Einzelheiten könne matz nicht wiedergeben, aber tpische Einzeifäüe zeigten den Jammer des Ganzen. Auf die Frage nach dem „Warum?" weist Redner die Haltlosiakett der unS znr Last gelegten Vergehen nach. Es liege auch nicht in unseren Kräften, den Haß abzuwenden, denn wie e» der Jude auch immer mache, es werde ihm immer zu« Bösen ausgelegt. Unsere Rechrfei ttgung verhallt gen an so, wie unsere Klage und Anklage. Nichtsdestoweniger sollten wir unsere Stimme erheben und nicht eher ruhe«, als bis sie das Ohr der Welt erreicht har, daß die Völker und ihre Tribunale die Kathastrophe des jüdische» Volkes tm Osten nicht mehr übersehen und überhöre» können. Ten Fluten von Haß, die von allen Set e» auf uns einstürmen, müssen wir eben soviel Liebe entgegensetzen. Nicht Liebe zum Feinde, die unsere. jüdi'che Lehre nicht gebieter. Aber Liebe zu uns und inner uns selbst, Liebe zur jüdischen Gemeinschaft, Liebe zu Israels Thora und Liebe zu Israels Land. Der zweite Referent, Herr Hermann Schwab, Hnlberstadt, gibt die tragische Erzählung eines Kriegsteilnehmers wieder, in der er ein Symbol für die große jüdische Tragödie steht. Hunterttausen*e unserer Brüder find umgekommen, aber im Namen von zehntausenden der tzUeberlebenden wendet sich der Waisenfond der Agudas Jisroel an die jüdische Oefflnilichkeit. Unter finnigen Ausdeutungen von Bibel- und Talmudstelle», bespricht der Redner in eindringlicher Weise die «n» obliegende Pflicht, für die Waisen tm Osten zu sorge«. Essind bereits fünf Waisenhäuser geschaffen, andere werden weitgehend unterstützt,? und in all diesen Häuser» lernen die Kinder nicht nur beten, lesen uirv., sonder« auch lachen. Nun ist der große Plan gefaßt, im Einvernehmen mit der Palästina-Zentrale der AgudaS JtSroel in Palästina ein Heim für jüdische Waisen auS der Ukraine zu schaffen. Der Redner spricht sich über diesen Plan und die Vorbereitungen zu dessen Ausführung noch näher aus. Wenn bald am Ehanukafefte die Lichter an unseren Fenstern aufblinke», dann erzählen wir unseren Kindern von jenen viele» Häusern, in denen kein Licht mehr flackert und Kinder kein Chanuka haben, damit auch unsere Kinder i» Nahmen der AgudaS Jisroel sich an Sammel- und Liebeswerk nach ihren Hräften beteiligen. Redner schließt mit einem Thorawort über die Opferung Isaak» und die unzähligen Ukedau», die dieser in unserer lange» Geschichte gefolgt sind. Beide Referate wurden in geradezu weihevoller Stille angehört und mit rauschendem Beifall belohnt. Herr Jacob R o s e n h e i m verlieh dem Beifall noch einige Worte und meinte, daS Geheimnis des jüdischen Leides, deS jüdischen Golus, gehe weit über das, was Menschengeist zu ahnen vermag. Wir leiden um Gotte» willen und um des Menschheitsheiles willen. Solange der Völkerbund ein Bund machtgerüsteter Nationen ist, kann auch die jüdische Hoffnung nicht auf ihm ruhe». Erst dann, wenn er die Liga der, sich um Gott schaarenden Völker ist, — -psicn ihjn — kann von ihm die Welterlösung erhofft werden. Mit dieser Hoffnung schloß die eindrucksvolle Versammlung, die wie die zirkulierende Spendebogen zeigten, auch eine ansehnliche Summe für den KrtegswaisenfondS der AgudaS Jisroel erbrachte. TrairerkrrAdgevrrrrfür de» Karratter Karo. Sonntag abend 8 Uhr veranstalten die hiesige» Vereine ,Agnda» Jisroel Ort»- und Jugend-