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Der Israelit · 1920-11-04 · Heft 44 (4.11.1920) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 44 (4.11.1920)
Date
1920-11-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Gelte L Nr. 44 zwischen den Zeilen mit den Entwürfen seiner Antworten. Der Einblick in diese Korrespondenz läßt keinen Zweifel daran übrige wie Hildesheimer über die Austrittsentscheidung dachte. Er sagt an einer Stelle aus dem Februar 1878 über die theoretische Grundfrage folgendes: „Sie sprechen in Ihrem Gesamturteil über den Hirsch-Bamberqerschen Streit ein großes Wort mit einer Gelassenheit — sit venia verbo — einer Vornehmheit aus, die es mir wahrscheinlich macht, daß Sie die Antwort Htrschs an Bamberger nicht gelesen haben, in der, man mag sagen, was man will, der POL ein wahrhaft unwiderleglicher, so großartig angelegt und so gediegen begründet, daß ihn kein O'2 183227 HKJ*) hätte besser hergeben können." Man beachte, daß es sich damals nicht um „Berliner Verhältnisse", sondern um Frankfurt handelte, und daß dabei ausdrücklich, wie aus der Korrespor dcvz h'rvorgeht, die Koordination des neuanznstellenden orthodoxen Rabbiners mit dem Rtformrabbiner und die Bildung einer Art von gesetzestreuer Sondergemeinde in der Gemeinde vorausgesetzt war! Hildesheimer sagt in dieser Hinsicht u. a. ausdrücklich: „Der Teil der Frommen, der nicht austreten will, mag es eben, wenn es gegen ihre Ueberzeugung — sagen wir lieber Frankfurtertum — ist, — lassen und Statusquo-Tcilnehmer an der Reltgionsgesellschaft bleiben, ganz wie bisher geschehen, nicht aber eine ganz überflüssige Separatgemeinde schaffen, welche nur den Zweck hat und haben kann, die. Religionsgesellschaft zu » zersprengen." In den allerschärfsten Ausdrücken sucht Hildesheimer im Verlaufe der über ein Vierteljahr sich Hinz'ehenden Korrespondenz die Annahme der Frankfurter Stelle durch einen seiner Schüler zu verhindern und versteigt sich dabei sogar zu der Drohung:-„wenn sich aber ein „Hildesheimerianer" dazuhergeben sollte^— so hörte er eben damit auf, ein solcher zu sein." Wenn die „Jüdische Prksse" weiter die persönliche Freundschaft, welche Dr. Hildesheimer in der Tot bis an sein Ende mit seinem Lieblingsschüler Dr. Horovitz verband, als Beleg dafür anführt, daß Hildesheimer die Stellung seines Schülers gebilligt habe, so sind wir in der Lage, auch diese Deduktion auf Grund einer schriftlichen Aeußerung Hildesheimers bündig zu widerlegen. *) Die beiden hebräischen Worte sind undeutlich, sie können auch D'rwnstP ’s'nj gelesen werden. Kleines Feuilleton. Slumen und Hunger.*) Auf'dem S . . . wege hat sich dieser Tage eine in jüdischen Kreisen bekannte Frau in Not und Verzweiflung aus dem Fenster im dritten Stock auf die Straße gestürzt. Im Erdgeschosse dieses Hauses ist ein Blumengeschäft, aus dem ich gestern einen jungen Mann glückstrahlend heraustreien sah. ein in Seidenpapier gehülltes kostbares Bouqueit in der Hand. Der junge Mann kann es sich heute leisten — das prachtvolle Blumenarrangement im Preise von 300 Mk. für seine Braut oder das Mädchen, das es werden soll .... Die Frau oben konnte es sich heule nicht mehr leisten — die Gasrechnung für einige Monate und sie wurde gepfändet. Ihre schöne Bettdecke, noch von der bräutlichen Ausstattung her, wurde ihr genommen Und das Gas in der Küche brannte lange nicht mehr .... Da kamen Nacht und Nebel über ihren Geist und sie tat das — was sie als jüdische Frau nicht hätte tun sollen . . . . Das sind zwei krasse Gegenfälle, zwischen denen die hundert kleinen Tragödien des Tages liegen, welche wir heute gar nicht mehr beachten. *) Von einer auf sozialem und philantropischem Gebiete hochverdienten Persönlichkeit erhalten wir eine Anregung, die wir für so beherzigenswert halten; daß wir ihr in dieser Form Ausdruck verleihen. Der Israelit. Kurz na ch demÄmtsantrit Dr. H?s richtete ein Frankfurter Gemeindemitzlied unterm '*t an Dr. Hildesheimer ein Schreiben in dem es u. A. folgendermaßen heißt: . ,. . . . Gestern Abend wurde nämlich öffentlich versichert, Ew. Ehrwürden selbst hätten einen -tsnnp direkt an Herrn Dr. Horovitz empfohlen, auch wurde schon öfters beteuert, daß Sie mit Herrn Dr. Horovitz ' wieder ausgesöhnt und nun mit seiner Stellung hier einverstanden seien." Die Antwort Dr. Hildesheimers beginnt wie folgt: „Ihr Geschätztes habe ich erhalten, es ist nicht wahr, daß ick mit dem von Dr. Horovitz zu meinem innigsten Bedauern getanen Schritt ausgesöhnl, oder mich gar mit seiner Stellung einverstanden erklärt habe." Die Empfehlung des Sckaucket und eine indirekte Empfehlung in einer Gemilus Chffed- Angelegenheit an Dr. Horovitz wird alsdann als Ergebnis ernster inne-er Erwägungen und Konflikte zwischen „fiat jüstitia und httörn* Pfl cht" entschuldigt und schließlich darauf hingewtesen, daß die Situation leider unabänderlich und die Sanktion derselben „gegen meine Neberzeugung" Vonseiten talmudischer Kapazitäten in Franksmt ei folgt sei. Durch diese letztere Korrespondenz gewinnt man einen deutlichen Einblick in die psychologische Ursache für den sonst unerklärlichen Gegensatz zwischen der Halachisch-religiösen Uebeczeugung Hildesheimers nnb seinem persönlichen Verhalten zu den Vertretern des entgegengesetzten Standpunktes. Hilderheimers Wesen, sein goldenes Herz, war eben von L ebe und Güte derart beherrscht, daß es ihm unmöglich war, bloß aus Furcht vor Mißverständnissen auf die Dauer Distanz vor Persönlichkeiten zu halten, deren subjektive Uebrrzeugun getreue und deren Frömmigkeit er natürlich nicht anzwerfeln konnte und wollte. Der dritte Beweis, den die jüdische Presse anführt, scheint uns an mancherlei. Unstimmigkeiten zu kranken. Es handelt sich hier um ein Fornlular, das in derselben Fassung auf Jahre und Jahrzehnte hinaus gewisse Minimalprinzipien feftlegen soll. Es ist also vollkommen verständlich, daß man sich dabet eine gewisse Beschränkung auferlegt, da ja die Verschiedenartigkeit der Verhältnisse eine eindeutige Stellungnahme zu allen möglichen, im vorhinein nicht vorauszusehenden Gestaltungen des Gemeindelebens gar nicht angängig erscheinen läßt. So z. B. wäre es ja — auch im Sinne der Hirsch'schen Auffassung — für die Annahme oder Ablehnung einer Rabbinatsstelle von entscheidender Bedeutung, ob an einem Orte neben 4. November 192Ö der Reformgemeinde eine selbständige orthodoxe Gemeinde überhaupt besteht oder nicht. Das Formular des Seminars konnte also in diesem Punkte gar keine einheitlichen Normen ausftellen. Daraus aber Schlüsse auf die Gesinnung oder gar aus eine Gesinnungsänderung Israel Hildesheimers ziehen zu wollen, ist u. E. durchaus unzulässig. Wir glauben demnach, daß grade die Ausführungen der Jüdischen Presse zu einer „Legendenbildung" über die wahre Gesinnung Israel Hildesheimers führen müssen und haben uns darum gestaltet, ihnen das unverdächtige Zeugnis des Meisters selber entgegenzustellen. An der geschichtlichen Tatsache, daß Hirsch und Hildesheimer in der Austrittsfrage absolut eines Sinnes waren, ist nicht zu rütteln. Wochemundschau. Das neue Lehrerbefoldungsgesetz und die jüdischen Lehrer- Unter den Beamtengehallsgesktzen, die z. Zt. wegen ihrer Rückwirkung auf die Fi anzlage als eine der wichtigsten Staatsangelegenheiten die beiden Berliner Parlamente beschäftigen, befindet sich auch ein Besoldungsgesetz für die Lehrer an öffentlichen Volksschulen in Preußen. Der von der Regierung vorgelegte Entwurf hält hinsichtlich der Anrechnung der Dienstzeit die alten Bestimmungen wörtlich aufrecht. Danach wurden bet der Anstellung an einer öffentlichen Volksschule die an einer privaten Volksschule zurückgelegten Dienst jahre nur nach einer Nachzahlung an die Alterszulagenkaffe seitens des Anzustellenden angerechnet.. Da nur die wenigsten jüdischen Lehrer, im Gegensa zu ihren christlichen Kollegen, Gelegenheit hatten, unmittelbar nach abgelegter Prüfung an einer öffentlichen Volksschule Anstellung zu finden, vielmehr oft lange Jahre auf eine solche Stelle warten mußten — die meisten fanden überhaupt keine —, bedeutete diese Nachzahlung für den jüdischen Volksschullehrer eine schwere Belastung, die nicht dadurch gemildert wurde, daß bei der Beratung des letzten Gesetzes i. I. 1908 die Bildung eines Unterstützungsfonds für derartige Nachzahlungen in Aussicht gestellt wurde.. Das preußische Finanzministerium hielt die Hand auf den Beutel, und die arnien Lehrer mußten zahlen, wenn sie nicht auf Anrechnung ihre Dienftjahre oder auf die Anstellung überhaupt verzichten wollten. Der neue Entwurf verschärfte die Bestimmungen dadurch, daß die Nachzahlung von 270 Mk. auf 2200 Mk. pro Jahr erhöht, die Zahl der anrechnungsfähigen Jahre dagegen Wißt ihr, liebe Freunde, daß es bei uns in Franffu't viele Hunderte vvn Kindern in den besten jüdischen Häusern gibt, die seit Jahren kein Et, keine Milch, keine Butter gesehen haben, Kinder, an die in Schule und Haus Ansprüche gestellt werden, die weit über den Achtstundentag hinausgehen . . .? Wißt ihr, daß es Männer drr g iftigen Arbeit gibt, die von Sabbat zu Sabbat keine Unze Fleisch zu sehen bekommen, die, wenn sie nach zwölfstündiger, ausregellder und aufreibender Tätigkeit in später Abendstunde nach Hause kommen, einige Kartoffeln und eine saure Gurke dazu als Nachtmahl finden und es nicht wagen, ein Stückchen t.ocknes Brot nachzuessen, um es den Kindern nicht vom Munde wegzunehmen, die morgens um halb achte damit in die Schule müssen? Wißt ihr das, ihr Glücklichen, die ihr Geld habt für Blumen und Bänder und Tanz und Tand? „Es gibt heute Alles und es ist eine wahre Freude, die Auslagen in den Lebensmittelgeschäften anzusehen"! ... Nein, es gibt nichts und es ist wahrlich keine Freude, die schönen Auslagen anzuschauen, wenn man bet Aufbietung der letzten Kräfte etwa 800 bis 1000 Mk. monatlich aufbringt und damit seine Kinder ernähren, Holz, Kohlen und Kartoffeln beschaffen, auch Miete und Steuern zahlen mutz und es außerdem noch feinem Stande schuldig ist, mit einem ganzen Rock und ganzen Stiefeln daherzugehen ... Und das trifft heute bei allen Männern der geistigen Arbeit zu und bei allen, die in Beamtenstellen oder in, Privatbetrieben jenseits der Hochkonjunktur ihr Fixum beziehen. Und, da gehen sie hin und kaufen Blumen . . .! Wüte iE eine Frau oder ein Mann, den man mit! Blumen, ehrt, ich wüHe sagen: „Lieber Freund, lieber Z Mann oder lieber Schatz! Blumen sind schön und machen mir viel Freude, aber sie welken und dann stimmen sie mich traurig, sehr traurig, wenn ich an junge Mer schenpflauzen denke, die man mit dem gleichen Gelds vor dem Verwelken bewahren könnte. Siehe Schatz, der letzte Blumenstrauß hat 30 Mk. gekostet. Wenn du mich bei nächster Gelegenheit wieder erfreuen willst, dann schickst du mir!! att der Blumen eine QuittungübereinDutzend Eier, das du deinem Bekannten, der es sich selbst nicht leisten kann, für seine Kinder ins Haus geschickt hast.... ' Allein, es hungern heute Kinder auch in Hausern, in die man nicht so ohne Weiteres etwas schicken kann. Gut, so spare das Geld der Blumen und gib es der Gemeinde, der Schule, daß sie ihre Beamten, ihrer Lehrer besser besolden kann. Gib es den Vereinen, die es wtffen, wie man diskrete Hilfe leistet.... Zahle ohne Aerger die erhöhte Arztrechnung, denn die Aerzte stehen im Dienste der Menschheit und muffen auch, oft um Mitternacht sogar, zu denen tm dritten und vierten Stock hinaufsteigen, die nicht zahlen können. Erhöhe das Stundenhonorar deines Hauslehrers, der in dieser schweren Zeit von kargem Stundenlohn leben mutz. Denke daran, daß er auch in den Ferien, wenn du am Meereöstrand oder aus Bergeshöhen deiner Erholung nachgehst,, essen muß und zieh' ihm auch nichts ab, wenn er einmal krankheitshalb er die Stunde nicht geben kann ... Wer so unsozial wäre, derartiges zu tun? Es gibt gottseidank Einzelne, heute mehr denn je, denen mau all dieses rängst nicht mehr zu sagen braucht. Aber Biele, viele sind es, die Blumen, viele Blumen kaufen und ObtaeS noch nicht wissen ....

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