Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1920-10-21 · Heft 42 (21.10.1920) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 42 (21.10.1920)
Date
1920-10-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2450088-2450127--68519-2525660
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Feuilleton-Vellage zu Ar. 42 des „Zsraelit". Land. LMM 'zm »on s. Jrchakk. (Fortsetzung.) Zu früh ist die Herbstnacht herum. Wie zerne ginge man „Schulen", schon nur um Menschen zu sehen . . . Ich gehe ans Fenster. Vom Kirchberg schrillt eine dünne Glocke, eS ist kern Kirchengeläute, sondern ein Zeichen, daß eS regnet und daß darum die Kinder heute „Schulz hätten . . . Die Schule öffnet ihre Pforten im Sommer und Herbst, nur, wenn» der Himmel will und regnen.läßt. Dann läutet' die eine Kirchenglocke und die Straße belebt sich sofort mit Jungen und Mädels allen Alters, die gerade wie sie auS den Häusern und Höfen von der Glücke geholt wurden, in Stallschürzen und Holzschuhen hastig, fast panikartig, zum Schulhof klappern. Der Schlüssel zu dieser Kirckenglvcke liegt in den Händen des jüdischen Lehrers, der als Dienstältester auch zu bestimmen hat, wann sie, zum Schrecken der Schuljugend, in Bewegung gesetzt wird. Nachmittags läuten die Glccken wieder. SS gilt dieseSmal nicht der Schule, sondern dem Backhaus. Im Gemeindebackhaus backen die einzelnen Familien abwechselnd nach dem Lose und ist die Zeit da, daß die Würfel fallen sollen, läutet dir Kncheuglocke. Heute läutet sie den jüd tsch en Fnmtlien zum Backen des FestkuchenS für die „hinteren Tage", und straßauf straßab wandeln Mädchen und Frauen, die auf riesigen Blechen ihren Apfel- und Zmetschgenkuchen bedächtig fast feierlich tnS Backhaus tragen. Wrr von den Frauen noch mcht an der Reihe ist, steht im Haustore und zählt verstohlen und gewissenhaft die Kuchenzahl der Nachbarin. Heute halün Löbchens den Rekord geschlagen. Genau fünf mal ist LöbchenS Babett mit den Blechen zum Backhaus gewandert. Kein Wunder, denn Löbchens haben heut abend da- Lernen . . . Gegen neune sind wir alle bet Löbchens versammelt. An einen Löwen erinnert der Hausherr mit seiner kleinen verhutzelten Gestalt nicht im geringsten, aber er wie seine Damen sind rührig, gesprächig und ungeheuer gastfreundlich. Eine längliche Srube zur ebenen Erde gelegen. Auf dem Tische zwei Karbidlampen, deren dünne Flämmchen von einem dicken Rauchmbel ganz verschleiert sind, denn alle anwesenden Männer haben die Pfeife im Munde, und — Jochim hatte recht: der Tubak wird immer schlechter... AuS dem Nebelschleier hebt sich endlich etwas deutlicher das Bild hervor. Auf dem Tische ganze Hügel von Kuchen aller Art, Schüsseln voll Obst und derlei guter Dinge mehr. Zwei oder drei Greise lesen angestrengt aus dem Tckun-Buche. Die Andern rauchen gemütlich, essen fleißig und sprechen von Geschäft, bis der eine oder andere mit der Pfeift im Munde ein wenig einschlummert. Zur richtigen Stunde sind sie aber zugleich fertig und das gemeinschaftliche Till imsagen beginnt unter der Kommando des Herrn Lehrer, der das Kommandieren im Priesterwalde vertiefflich gelernt hatte. ES ist allesehr gut und ehrlich gemeint, waS hier durch den Rauchqualm zum nächtlichen Himmel emporfteigt, «der König Dawtd wird einige Mühe haben, seine schönen Verse wieder zu erkennen ... Den Abschluß der leiblichen Genüsse bildet eine solenne Kaffeetafel, genau um die Mltteruachtsftunde, auch der geistige Teil gelangt bald darauf zum Abschluß, mit dem Dortrag des Soharstückes. Diese Ehre wird vom Herrn Lehrer mir übertragen. Ich lehne eS ab, das Kapitel von den Schaltenzeichen zu übersetzen, wiewohl ich auf mancherlei Schatten Hinweisen könnte . . . Aber die Leute ahnen ungefähr, was sich hinter dem unverständlichen aramäischen Worten verbirgt und schaudern ... Es ist auch Mitternacht! ... Draußen leuchret die Mondscheibe in voller, runder Pracht und die Erde schläft sanft und tief in der Ruhe der klaren Herbstnacht. Das Gesicht im Monde mitten in seiner Sternenherde trägt merklicy die Züge von Schäfer Jochim ... Aber ein Gedanke schrickt mich auS mer-.er Vision. Wer weiß, ob der gute Mond/ der „so stille geht", nicht noch zur späten Nachtstunde die Stadt verraten, daß sie dort, just zur Zeit, da hier alles Nachtfrieden atmet, im dumpfen Keller atemlos die Einschläge über ihren Köpfen zählen?... Morgen» um sechse ist Gottesdienst in der kleinen Synagogeder erste Gottesdienst, seitdem ich hier bin. Alles ist dem Hoschanorabbo zu Ehren pünktlich am Pla>e. Aber wie! Alle haben die Stallkappe auf dem Kopfe und die bunten Pantoffeln an den Füßen. Einschließlich des Vorbeters, den nicht der Lehrer, sondern ein zahnloser Alter macht. Der Alte nimmt ein ganze- Dutzend Worte in den Mund, um sie, zu einem Klumpen zusammengeballt, wieder htnauszusch leben. Auf einzelne Worte und Sätze kommt eS nicht an. Aber die Rundgänge gehen nach Recht und Brauch vor sich, und man freut sich, doch schließlich einen gemeinsamen Gottesdienst miterlebt zu haben, Die Hoschanos werden so kräftig geklopft, daß für Minuten völliges Chaos herrscht, in dem daS „Kolmewasser" aus des Alten zahnlosem Munde restlos untergeht . . . Eine Stunde später sehe ich meinen Freund H., im schwarzen Rock und den harten Ftlzhut auf dem Kopf, frisch gewaschen und in vollem WichS vor seinem Fuhrwerke stehen. „Wohin mein lieber H. schon so früh und so feierlich herauSgeputzt?" fragte ich. „Nach A. muß ich", sagte er, „auf- Amt, in einer Sreuergefchichte." „Mein lieber Freund", konnte ich mich n'cht enthalten, „sie waren auch heute früh um fechte auf dem Amte, standen vor dem Höchsten aller Aemter, vor dem König aller Könige, und sie hatten Stallkappe auf und Pantoffeln an. Sollte dleseS höchste Amt nicht die gleiche Achtung und Ehrfurcht beanspruchen können, wie der Herr Amtsschreiber in A.P" Mein Freund kratzte sich verlegen am Hinterkopf. Das war eigentlich vollkommen richtig, waS er La hörte. Es war io klar ünh wahr, wie es wahr rst, daß der Weg nach A. rechts und nicht links ging. „Es ist einmal so", sagte er nichtssagend. Ja, „eS ist einmal so." Aber muß eS denn so fein? Vielleicht bedarf es nur eines Wortes der Belehrung, daß es anders und bester werde P... x ft s Am Abend ist aber allein Festputz und pünklich zur Stelle in der kleinen Synagoge. Es ist SchminiazereSabend. „Lecho dauoi" und „Jgdal" erklingen in vollen Akkorden. Man liebt in Oberhessen in der Synagoge ein kräftiges Dur. Heiter ist die Situation aber keineswegs. In der Schul brennt kein einziges Licht, auch nicht auf dem Vorbeterpulte. ES ist noch hell draußen, sagen sie und die Kerzen sind teuer ... Das erfuhr ich auch am folgenden Tage, da man nach dem. Gottesdienste nach altem Brauche die diversen Ehrenlieferungen des JahreS „verkauft". Die Kauflust ist schwach. Der „Millionär" hält die Hände in die — leeren —Hosentaschen vergraben und wartet brscheidentlich, daß die Anderen bieten ... Tr denkt, sie werden ihn „hochtreiben" und er wird eS ihnen zuletzt Anhängen. DaS wäre ein echter rechter Spaß. Aber die Anderen sind nicht minder schlau und warten, daß „er" ein Minimalangebot mache. „Wer bietet für NelamoP (Ner lamoer) Wieviel für Jankdsch" (J'jin Kiddusch), schreit sich der zahnlose Alle die Kthle auS. Eisiges Schweigen. Die Kerzen und der Wein sind teuer . . . Die „Lieferungen" sollen nun „vergeben" werden, d. h. die Gemeinde will eine Summe dafür «ussetzen. „Wer übernimmt» P" Keiner. Wer wird sich auch nachsagen lassen, daß er sich sowaS bezahle» ließe P . . . Ein gelinder Streit hebt an, rs drohen ernste Zusammenstöße, da tr ich vermittelnd ein. „Wenns die Gewetm ezahlt", sage ich mit Ewphäse, als würde ich ty us dem „Sefer Hachajim" lesen — ein Buch, «*■. sie* besonders Eindruck macht, da es >o v. -.0« Tode spricht — „so kommt es auf dtt Gem<!ndesteuer, jeder hat eS dann zu zahlen und h«t noch obendrein die „Mizwoh", die früher i" der Gemeinde so viel galt, mißachtet, da ist doch wn blsser, jede Famille liefert abwechselnd je . .e» Monat oder länger den Wein und die Achter und hat dabet die Genugtuung, eine alte jüdische Pfllcht in alter Weise erfüllt zu haben und allsabbatltch des Segens teilhaftig zu werden. Auf alle Fälle wäre damit die alte Jnstitutlon gerettet bis zu besseren Zeiten — da der XBet» und die Kerze billiger werden . . . „So machen wirs auch!" wurde allgemein zugestimmt. Vielleicht war es diesem vertrag auf Gegenseitigkeit zu danken, daß am Abend (Gtmchesthoraabend) zwei Kerzenstümpfe am Borbeterpult brannten. Sonst aber deutete nichts ans die „Freude an der Thora" hin. Ich summe eine alte vertraute Melodie vor mich hin und bin im Geiste in dem prächtige« Raume, wo im Lichtermeere der hundert Flammen der große Umzug mit den im Stlberschmucke prangenden zwanzig Thorarollen unter Jubelgesang der ganzen festgesttmmten Gemeinde und den stürmischen Küffon der Jugend vor sich geht... Ich schaue weiter und sehe im Geiste, wie i« bescheidenen Raume alte Juden, sonst sorgenschwer und notgkbeugt, sich mir helleuchtenden Gesichtern krampfhaft an die Thora klammern und Verjüngt im Kreise tanzen . . . Jetzt erst empfinde ich es, wie dunkel und öde eS h er bet den zwei Kerzenstumpfen ist! . . . Die Kinder scheinen von de» gleichen Gefühlen bewegt. Sie summen unausgesetzt die „Slssu-Meldle" . . . Morgens sind wir aber einigermaßen entschädigt. Der Gottesdienst geht umer rühriger Teilnahme der gesamten männlichen und weiblichen Jugend vor sich.- Sogar die „höheren Schüler" stellen heute die Fahrt zur Schule ein, um aufgerufen zu werden . . . Alle Fahnen, die ma» sich in der Hindenburgzeit in patriottichrr Aufwallung an geschafft und nun so lange geruht hatten werden zur Synagoge geschafft und dienen nun einem höheren Zwecke. . . Die Kleinsten sind in der Regel zu klein und zu schwach um die großen schweren Fahnenstange» bei den zwei Dutzend Umzügen — es wird auch bet „Sissu" und „Ogtl" herumgezogen — zu bawäitigen, so ziehen dir Väter mit. Voran Borbeter und Parnes ober sonstige Ehrenckerso» mit den zwei Seforim, hintennach die größere» Jungen und Mädchen mit den Fahnen und zuletzt die glücklichen Väter mit ihren Kleinen auf dem Arm, die mit Hilfe der väterlichen Hand die Fahne so bedrohlich schwingen, daß man gut tut, den Kopf rechtzeitig in Sicherheit zu bringe». „Gelelent" wird solange, bis daß alle, auch die kleinsten aus der. männlichen Zukunft der Gemeinde, daran waren. Es werden immer Vater und Sohn zugleich aufgerufen. Ist letzterer schon im sprrchfähigen Alter, so wird er mit in deS Vaters TaltS gehüllt und wird ihm

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.