Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1920)
- Date
- 1920-10-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Sette 10 Nr. 41 Da gehe ich auf die nahe Wiese hinaus zu meinem Freunde Jochim. Jochim ist der Gemeindehirte, der richtige, der die Schafe hütet, nicht der andere, der auf dem Kirchberg wohnt... Ein merkwürdiger Mensch, dieser Jochim. Er ist nicht jung und wird nicht alt. Vor bald zwanzig Jahren sah. ich ihn auf dem gleichen Platze. Er hat sich seitdem in nichts geändert. Dieselben Falten im kupfernen Gesichte, dieselben geruhigen blaugrünen Augen, die eins zu sein scheinen mit dem Himmel und der Wiese, sogar derselbe zweigeschulterte inzwischen gänzlich farblos gewordene Kaisermantel und derselbe graugrüne breitkrämpige, symetrisch durchlochte schwarze Strohhut. Ein Stück Natur aus der Gegend, ist der Jochim unwandelbar und unveränderlich. Keiner im Dorfe weiß, wie alt er ist, er selbst schon gar nicht. Aber alles achtet ihn gleich hoch, als Philosophen, als Ratgeber, als Heilkundigen für Mensch und Vieh ... Er kennt alle Gräslein und Kräutlein so genau wie die Menschen und Schafe seines Dorfes, und keiner wie er weiß so gut, wie man Hexentanz austreibt, Zahnweh stillt und einer flatterhaften Henne den Hühnerstall lieb macht . . . Auch in Wettersachen ist er bewährter Spezialist. Alles kommt zu ihm, dem Jochim, der Bauer und der Knecht . . . Auch ich gehe, um dem fürchterlichen Tode der Langeweile zu entgehen, zum Jochim auf die nahe Weide hinaus und setzte mich zu ihm auf den gefällten querltegenden Baumstamm. „Na, wie gehts immer, Jochim?" „No jo! Schlecht gehts, immer schlechter werd -er Tubak . . ." sagt er und stochert in seiner Pfeife herum. Der Tabak ist für Jochim das Maß aller Dinge. Nach dem Rauche der Pfeife urteilt er über das kommende Wetter, aber auch über alle Vorgänge in der Welt. . . Wollte man von ihm etwas wißen, so stellte man ihm zunächst den Tabak, daß er sich bet seiner Pfeife befragen konnte, von ihr erhielt er, sagt man, das zweite Gesicht ... Der „Tubak" war wieder schlecht, das war nicht aut für die Welt . . . „Wie steht es mit der Gesundheit, Jochim?" „No jo! Gesund ist man allema!, wenns einem schmeckt. Denn worum? So lang des Schoos frißt, sog ich, is es gesund . . „Und was haltet Ihr, Jochim, vom Kriege?" „Wos fürn Krieg?" „Wißt Ihr nicht, daß draußen Krieg ist?" „No jo, hob schon was gehört, aber i misch mir nit ein . . . Denn worum? Scho anno 66, wie es los ging, do sogte mir der Badder, du, Jochim, bleibst mir do bei die Schoos, wies geschrieben steht: „Bleibe hier und hüte meine Schafe —4 sagte der Herr . . und auch anno 70 ging es ganz gut ohne mir . . ." Ich: „Ihr habt es aber gut, Jochim, dort in der Stadt kommen sie uns extra aus Paris g eslogen und schlagen uns die Fensterscheiben, wenns sich trifft, auch den Schädel ein, und Ihr wißt von alldem nichts. Wie still und ruhig hier ringsherum, wie friedsam die Schafe weiden . . ." Jochim orientierte sich wieder einmal nach der Windrichtung des Rauches aus seiner Pfeife. „No jo, es kummt wies alleweil kumme muß. Denn worum? Die Menschen Hans nie nimmer satt, nie nimmer genug . . . Schaut zu, des junge Schoof do, mit dem rote Streif am Hals. Es steht mitten drin im Futter, sucht und hopst scho aber weg auf die andere Seit. Worum? Hot dort wo Grünes gesehen, des dumnr Vieh ... So machens die Mensche grad. Vom Dorf in die Stadt geloffen, die Stadt scho zu klein, geht* man ins ärmere Land, und jetzo schlogt man sich die Dickköpf wund . . . Und worum? Ist doch hier Wald und Wies für alle genug!... Kaspers Jean ist in die Pollakei, will'die Russe austreibe und die Pollakei für uns einstreiche. Derweil hie sein Korn im Feld und sein Holz im Wald verfault. Worum? Der Kasper ist alt unkrank und der Jean hot kei Zelt mehr, er muß die Pollakei habe . . . Schaut zu, ist des dumme Schoof zu weit gelöste, do kummt der Hund ... Der JSraettt.__ Und sein die Menschen zu weit geloste, kummet gerad so der Hund . . . Dös do ist es mit dem Krieg ..." „Ihr habt ganz recht, Jochim, aber das Beispiel mit den Jean und seiner Pollakei stimmt nicht ganz. Der Einzelne kann doch, weiß Gott, nichts dafür". „No jo! Weiß scho, die Großen! Aber ich sags vom Jean, worum? Man redt nur a so ..." „Und wie meint Ihr, Jochim, soll das ausgehen?" „Auß' gehn wirds nimmer gut, ich misch mir auch gar nit ein, aber wenns mir nach geht, machen mirs, wie ichs anno 83 in einem Zirkus in Geißen gesehe. Dort waren in einem Käfig. Löb und Tiger und Hund beisamme und bissen sich die Hälse blutig. All die Großen, derweil sie die Boxerei habe wolle, alle, aus Berlin, Paris und Londun, gehöre in so einen Käfig rinn und möge es dort unter sich ausmache, derweil mir alle von auße zugucke. Ich hätt, met Seel, heut noch mei Spaß dra ..." „Ihr habt recht, Jochim, grüße Euch Gott und erhalte Euch gesund, daß Euer Rat der dummen Welt noch lange erhalten bleibe! . . „Grüß Gott, un nichts für ungut. I misch mir nit ein ..." — -- (Fortsetzung folgt.) (Wandernde Kinder). In New-York langte ein Schiff mit 780 Kindern aus Sowjet-Rußland an, darunter 80 jüdischen Kindern aus Petersburg, die alle eine sehr interessante Geschichte haben. Im Mai 191.8 wurden die Kinder nach Sibirien überführt, wo tm Vergleich zu Rußland die Ernährungsverhnltniffe sehr günstig lagen. Beim Ausbruch des Krieges zwischen den Bolschewisten und der Tschecho-Slowaket wurde Sibirien von den Truppen Koltschaks erobert, wodurch die Kinder von ihren Ettern abgeschnitten wurden. Das amerikanische „Rote Kreuz" hatte es übernommen, die Kjnder heimzuführen. Der Weg führt aber zunächst über Japan. Bon dort wurden die Kinder mit einem Schiff nach St. Franz isko transportiert, von wo sie jetzt nach New-Z)ork gebracht wurden. Bon dort geht die Reise über Frankreich, Schweiz, Deutschland, Schweden, nach Rußland. Die Kinder werden von ihrer Erholungsreise was erzählen können. inderecke. Sine Bekehrung. Bon Heinrich Einstiidter Das Abteil der vierten Klaffe war überfüllt. Schon lange vor Abgang des Zuges hatten die ersten der Anstürmenden die beiden Bänke besetzt. Die nächsten waren froh, wenigstens* an den Wänden unterzukommen, wo sie sich doch anlehnen konnten. "Nach und nach füllte sich dann auch der ganze Jnnenraum. Unter den Glücklichen, die sich Sitzplätze erobert hatten, waren zwei Kinder, die zur Erholung aufs Land reisten. Es waren Bruder und Schwester. Ihre Abstammung konnten sie nicht verleugnendenn das Mädchen hatte rabenschwarzes Haar und der Knabe dazu noch eine gebogene Nase. Das beeinträchtigte weder ihre Schönheit, noch ihr Verhältnis zu ihren Lehrern und Mitschülern. Es waren bildhübsche Kinder, die von allen, die sie kannten, wohlgelitten waren. Der Landmann, an dessen Seite sie Platz genommen hatten, kannte sie aber nicht, und ein Schatten des Unmuts war über sein Gesicht gegangen, als die Geschwister sich neben ihm niedergelassen hatten. Er richtete kein Wort an sie, sie saßen still und bescheiden neben ihm, und wenn sie miteinander sprachen, so taten sie dies leise, um die Mitreisenden nicht zu belästigen. __14. Oktober 1920 Diese schimpften bald über den Mangel an Raum und machten den Bahnbeamten allerlei Vorwürfe. An einer Haltestelle stieg ein altes- Mütterchen l ein. Sofort stand der Knabe auf und ließ es sitzen, und als dann noch "in Kriegsbeschädigter kam, machte ihm das Mädchen Platz. Das hatte der Landmann nicht erwartet. Er hatte immer gemeint, die Juden seien anmaßend und drängten sich überall vor. „Gewiß fahren sie nicht weii/" dachte er bet sich. „Sonst würden sie wohl ihre Plätze behauptet haben"- Aber er irrte sich. Auf seine Frage/ wohin sie reisten, nannten die Kinder das Dorf, in dessen Nähe sein Bauernhof lag. Mit Staunen bemerkte er im Laufe der nächsten Stunden, wie vorteilhaft sich die Geschwister von anderen Kindern, die im gleichen Wagen waren, unterschieden. Sie schenkten den Kleinen von ihren mttgebrachten Früchten. Sie waren alten Leuten beim Aussteigen behilflich, indem sie ihnen ihr Gepäck reichten. Sie beantworteten höflich alle an sie gerichteten Fragen und traten bescheiden zur Seite, wenn andere Leute die Gegend, durch die man führ, betrachten wollten. Da änderte der Bauersmann seine Meinung über'die Juden und bedauerte, ihnen stets aus dem Wege gegangen zu sein, weil er Uebles von ihnen gehört und gelesen hatte. Er merkte, daß es auch unter ihnen gute und rücksichtsvolle Menschen geben müsse. Als er ausstteg, lud er die braven Kinder ein, mit ihm auf seinem Korbwagen, der an der Station ihn erwartete, nach dem noch eine Stunde entfernten Dorfe zu fahren, und sie mußten ihm versprechen, ihn öfters zu besuchen. Er selbst kam noch am gleichen Tage zu dem Manne, der die Geschwister ausgenommen hatte, um sich bereit zu erklären, für seine jungen Freunde täglich die Milch zu liefern, und bald wurden diese die liebsten Spielkameraden seiner eigenen Kinder. Liede junge Freunde! Im Morgenlande war es lange Zeit 415 gewesen. Es wuchs fast nur Dorn und 654, und mancher 231 trocknete aus. Da kamen schwere Zeiten. Selten hörte man mehr auf den Straßen ein 254. Der Hunger breitete sein 642 um die Menschen. Biele fürchteten, daß es für sie kein 65234 tm Lande geben werde. Da lebte aber ein frommer Vater, ein Greis von ehrwürdiger 236. Der sprach zu feinen Söhnen: „Der Ewige hat einen 6521 geschloffen, um uns dieses Land 425 zu lassen. Er, der 654321 alles 321, er wird uns nicht der 641 preisgebendenn wer in 245 vor ihm wandelt, hat nichts zu 325. Unsres 265 bewußt, laßt uns ohne 662 das 432 erheben und dorthin wandern, wo 214 stattfindet (wo es 214 gibt), um 21 für unsere Familie einzukaufen." — Liebe junge Freunde! Ich weiß nicht, ob Euch dieser Brief noch vor 654321 --- 614 erreichen wird. Wie dem auch sein möge, jedenfalls will nicht versäumen, Euch freundlich einzuladen, an den gemütlichen Winter-Freitagabenden, die nun beginnen, unsere Ecke aufzusuchen und mutig die Nüsse zu knacken, die Euch gern senden will Euer Onkel in der Ktnderecke. fluflöfuna des Räffeis in IIr. 35: pDjnn bz bz#n *6. Richtige Lösungen sandten ein: Ruth und Manfred Fischer, Hamburg; Karl, Fanny und Henriette Strauß, Köln ,' Heinrich Simon,* Darmstadt; Hermann Landau, Fürth; Emil Schwarzschild, Emil Offenbacher, Karl Stern, Ludwig Rapp, Jakob Felsenstein, Ernst Hamburger und Albert Löwenthal, Frankfurt a. M