Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1920)
- Date
- 1920-10-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Jßfesd Land. Bon «. J-chakl. (Fortsetzung.) Am Nachmittag taucht»» wie Von ungefähr ß'nige junge Leute auf, aubenachbarten Ortschaften. Sie kamen zu Fuß oder auch mit der Bahn. Alle feldgrau, einer sogar mit Feldwebeltreffen. Die männliche und weibliche Jugend war jetzt beisammen und promenierte die breite Dorsstraße hinauf, zum kleinen Bahnhof. Der- Bahnhof ist in einem solch kleinen Orte der Mittelpunkt deganzen Lebens, der Bouleward des Dorfes, wo sich die „vornehme Gesellschaft" ein Rendezvous gibt. Hier trifft sich alles. Am Sonntag ist beim Ein- und Abgang der Züge die nichtjüdtsche Jugend im Sonntaasputz, an Sabhat und Feiertagen sie jüdische Jugend voll vertreten. Man erwartet keinen, aber hier sind die Schienenstränge, die die Verbindung mit der großen Welt bedeuten und das Weite, Große, Unbekannte ahnen lassen, nach dem sich im Dorfe die Menschen wett mehr sehnen als inder Stadt. Meine feldgrauen neuen Freunde find aber keine Dörfler mehr in diesem Sinne. S i e haben die Welt gesehen und haben sie, wie sie sagen, bis zum Hemdekragen satt... Sie haben sie durch die Gucklöcher der Gasmasken gesehen und aus Ritzen und Spalten der Stollen und Schützengräben, sie haben gesehen, wie wett und breit die Erde außerhalb de- Dorfes ist und dennoch nicht Raum für alle hat, so daß sie jeder auf seinen Teil mit Eisen und Feuer noch..zu erweitern und zu vergrößern strebt.. . Das war alles zum Wahnsinnigwerden unerklärlich. Aber sie haben einen Eckel vor dem „ganzen Schwindel" und denken, an einem Festrage in der Heimat zumal, überhaupt nicht gern daran. Bei dieser Gelegenheit kam es mir aber erschreckend zum Bewußtsein, welche Wandlung bet der männlichen Jugend auf dem Lande vor sich gegangen ist, und wie naiv manche Kreise in der Stadt find, die heute noch mit dem trauten, stillen, nichtsahnenden Landjuden rechnen, der nur nach Erleuchtung und Belehrung dürstet... Es ist nicht mehr der junge Dorfjude von vor 1914. Diese Jünglinge , die. hinausgekommen find, kennen die Welt und das Leben, sind in der Stille und Muße nächtlicher Nachtdienste, oder in den geschenkten kostbaren Minuten nach einem Kugelregen, beim steten Anblick von soviel Größe und so viel Gemeinheit, echte, rechte Philosophen, Kritiker und Skeptiker geworden. Nichts wird mehr so auf Treu und Glauben hingenommen. Bor Jahren erzählte ich in dieser Gegend vor einem Kreise gespannt lauschender junger Leute von der Welt jenseits unserer Grenzpfähle, und was sie hörten, waren Wunder, über Wunder. Jetzt erzählen sie mir vom Leben der Juden in Litauen, Polen und der Ukraine...Ein. jünger Viehhändler kennt -den Argonnenwalh. und die Mze Gegend Um die Champagne so. gut wie ' seinen lieben MgeMAg: DevStzeMWelM ungefähr zwetJahrehtttdürchanö'auernd zwischtztt Lille und Lodz herumgependelt. Denen haben wir nicht mehr viel zu erzählen ... Das jüdische Denken und Fühlen hat leider dabei nicht immer gewonnen. Der mit seinem engen Sinne aus dem engen Kreise Herausgekvmmene hatte von Hauauselten Kompaß Und Wegweiser, um sich bet der Fülle der einstürmenden Eindrücke in seelischen Dingen zurechtzufinden. Der Horizont ist gewettet, aber damit hat sich vieles vom Alten und Guten verflüchtigt und verloren. Auf der anderen Seite ließe sich aber heute mit manchem Jüngling auf dem Lande eher reden und überzeugender arbeiten, als früher. Rur müssen es ändere Mittel sein als früher, andere Hebel und an anderer Stelle angesetzt. Dalebendige, frisckpulsierende jüdische Leben im Osten hat auf Biele dieser Dörfler einen gewaltigeren Eindruck gemacht, als zu erwarten war. —- — — Die Rächt dunkelt heran. Vor der kleinen Synagoge sammeln sich die Gemeindemitglieder, unterhalten sich über Essen, Politik und Geschäft und suchen den Himmel nach den nötigen drei Sternen ab. Rach „Schul" haben wir noch eine Stunde bis zum Abgang des Zuges, der uns noch an diesem Abend weiter ans Ziel führen soll. Ein gute- Abendessen zum Abschied, und nun ein paar äußerst peinliche Minuten. Ich bitte um meine Rechnung. Verlegene- Ausweichen. Ich fordere, ich dränge, da verschwinden die Frauen wie auf Kommando. und der Herr schneidet ein beleidigtes Gesicht. Wie ich dazu eigentlich käme, anzunehmen, daß er sich Gastfreundschaft bezahlen ließe. Oh wtr keine Juden wären ... und ob er nicht geschrieben stände . . und ob ich es ihm gegenüber nicht genau so machen würde vsw. usw. „Erlauben Sie mal", wagte ich etnzuwenden. Aber er erlaubte gar nicht-. Höchstennur, daß wtr das Packet, das inzwischen die Frau, sauber eingepackt, auS der Küche brachte, als Reisezehrung mitnehmen. „Aber ich könnte doch beispielsweise die Kosten de- Lulaw ganz oder zur Hälfte tragen." Rein, das hätte er an mir schließlich doch nicht verdient, daß ich ihn um diese Mtzwoh bringen wollte ... Und jedes weitere Verhandeln war nutzlos. Den Töchtern des HauseS schloß sich noch die gesamte abkömmliche Jugend des Dorfes an, um „den Besuch" an die Bahn hinaus zu begleiten. Im abgedunkelten Wagen (eS war zur Fliegerzeit) hatte ich eine volle Stunde Zeit, über diesen herrlichen SukauStraum nachzugrübeln. Dann stiegen wtr in R. aus, wo schon das Fuhrwerk unserer wartete. Eine märchenhafte Wagenfährt durch die klare, fast taghelle Herbstnacht, begleitet vom vollen Monde, der über den Wipfeln deS schlafenden Waldes Wacht hielt, beschloß den ersten Teil unserer SuckauSferien. 8 8? St. ist eine Dorfgemeinde wie hündert andere im oberen Heffenlande. Besteht nach der letzten Zählung aus so und so viel Ochsen, Kalbern und anderen Tieren mit und ohne Borsten,, einem Bürgermeister, fünf Gemeinderäten, einem Spritzenhause, in das der Gendarm, der anderSwo wohnt, gelegentlich Landstreich«r einliefert, einem Gasthofe „zur grünen Traube" und einem anderen „zur roten Rase", oder ähnlich) ferner zählt da- Dorf so und so viel brave Bauersleute, die seitdem eS in der Stadt so viel Hungerleider gibt, erst die rechte Freude am Essen haben und im übrigen fleißig Papiergeld sammeln und es behutsam hinter den Kornsäcken auf dem Heuboden verstecken, die sie wiederum dem. Kommunalverbände vom Munde äbsparen . . Am Kopfe des Ortes --- ein Zeichen.guter Kultur — »in neu- und schön- '»rbauteS. helles Schulgebäude mit;gut gepflegtem Bprqntz HMergartem-^ Hier haust, merkwürdigerweise, ein jüdischer Lehrer, der mit Hilf» eines dicken Stockes und eines dünnen Unterlehrers bereits zwei Jahrzehnts ein» Bauerngeneratton nach der anderen großzieht . . . Wenn eS regnet und die Feldarbeit ruht, wird in der Schule unterrichtet. Außerdem erteilt der Herr . Lehrer an die drei oder vier jüdischen Kinder zweimal in der Woche, zuweilen auch Lei Sonnenschein, Religionsunterricht. Im Jahre, da er als Unteroffizier im Ara'onnenwalde Dienst tat, hatten die Kinder keine Religion . . . Von den zwanzig jüdischen Familien steht man die Woche über nur die Frauen und Kinder. Die Männer, allesamt Viehhändler, gehen schon vor Tag auf die eine Stunde weit entfernte Station, um in die Welt hinauszufahren. Die Welt ist in der Regel Alsfeld, Fulda, und wennhoch kommt, Gießen, da- Ende der Welt ist Frankfurt, wohin alle Ströme fließen. Cafe Goldschmidt ... Die Großhändler, die allwöchentlich diesen weitesten Weg machen, stnd die „Mekkaptlger", die hoch in der Achtung stehen und den „weißen Turban" tragen, d. h. beim Morgenschoppen in der „Roten Rase" am . Samstag nach Schul in Politik und Handel daerste große Wort führen. Viele sollen „Geld gemacht" haben. Einer ist „Millionär" geworden. Freilich hatte die Million auf'm Lande, früher wenigsten-, nur fünf Nullen ... CS ist im Ganzen eine „fromme" Gemeinde. Sie gehört dem orthodoxen Provtnztalrabbtnate an. Aber den Herrn Rabbiner kennt die jüngere Generation noch nicht von Angesicht, d» es in den letzten Jahren d«s Kriegekeine Trauungen im Dorfe gegeben hat . . . „Begraben", d. h. „schöne Leichenreden halten", kann der Herr Lehrer selbst ... Aber die Gemeinde ist „fromm", hat eine kleine Synagoge und hatte auch einmal eine Mikwoh, von der noch eine verfallene Ruine deutliche Spuren zeigt. . . Keiner geht am Sabbat auf den Handel, aber die Schuljugend fährt auch am Sabbatmorgen nach A. zur besseren Schule und die erwachsene Jugend reist am Festmittag dahin und dorthin, zum Amüsement . . . Nicht eine Frau weiß, daß man am Sabbat auch durch das Mädchen nicht kochen oder wärmen lassen darf. Die Alten sagen „Tillim", sagen aber den Jungen nichts, wenn sie am Sabbat im Wirtshause ihre Zeche bezahlen ... Keiner besitzt eine Suckoh, wiewohl alles mit einer Verschwendung an Raum gebaut ist und die Höfe eine Fülle von Platz und Brettermaterial aufweisen. In jedem Hause soft ist noch von alten Zeiten her ein altes graue» Lulow vorhanden, das mitsamt halbverpulverten Myrten als Familienerbftück von Vater auf Sohn übergeht. Zu diesem hatte sich früher der Hausherr bei Sänger oder Hofmann neben dem Cafe Goldschmidt, wenn er gerade in Frankfurt war, für anderthalb Mark sein Esrog, recht groß und schwer, gekauft. Heute aber wäre e» „eine Sünd", für so wa- Mk. 40 auszugeben . . . Das einzige Gemeindelulow mit Esrog ruht beim Herrn Lehrer oder Parnes gut, ohne die Woche über von Jemand in Anspruch genommen zu werden. Keiner vergißt in der Gemeinde da- Rachtletenen, aber viele, viele das Trsillinlegen . . . Keiner unterläßt daS Kaporesschlagen, alle stnd am Hauschanorabbo mit HauschanoS versehen... DaS ist, die heutige Landgemeinde in ihrem inneren Gesichte! ... Bier lange Tage, jede Minute eine bleierne Ewigkeit, kein Mensch, rein Buch, keine Zeitung... Die Kinder erbauen sich im Stalle am niegeschauten Wunder eines frisch gelegten Eis,, eines. Eimers frisch gemolkener Milch-- richtiger Milch- > .nicht au» einer Kanne und Blechdose, son-, dern aus einer lebendigen Kuh, fallen begeistert in daS Mktriki des Gockel ein, schließen dicke Freundschaft mit Fred, dem Ackerknecht und Fox, dem Hofhund . . . Der Erwachsene, der all diese Wunder von früher her noch kennt, sehnt sich nach Menschen, nach Büchern, nach lebendigen oder gedruckten Worten, man sehnt sich nach Theater, Bibliothek und Museum, die man in der Stadt schon seit Jahren nicht besucht hat. ...