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Der Israelit · 1920-12-16 · Heft 50 (16.12.1920) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 50 (16.12.1920)
Date
1920-12-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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(Schluß.) Der Adjutant des Generals TeLLenbern lächelte über die Einfalt dieses Spions. Eigentlich hätte er ihn arretieren und an den nächsten Baume aufhängen lassen müssen. Der Offizier war mit 300 Kosaken ausgeschtckt worden, um die abziehenden Franzosen zu beunruhigen, während sich General Tettenborn mit feinem Armeekorps nach den Mündungen der Elbe gewandt hatte. Der Offizier glaubte, seinem Väterlande einen besseren Dienst zu erweisen, wenn er den armen Schelm laufen ließ und mit falscher Nachricht heimsandte. „Ja", sagte er, „ich bin ein alter Hannoveraner, und die Geschichte geht mich gar nichts an. Gern will ich Ihm helfen, das Geld zu verdienen, und so will ich Ihm die Mitteilung machen, daß General Tettenborn mit 30,000 Mann auf dem Marsche nach V. ist und schon heute Abend dort anlangen wird." „Danke schön", sagte der Bauer und eilte davon, um seinem Auftrageber die wichtige Nachricht zu überbringen. Dieser sprengte im Galopp nach V. und meldete die Allarmnachrtcht dem Prinzen R., der sogleich Generalmarsch blasen und'zum Abzüge rüsten ließ. In banger Erwartung sah der Kaufmann L. den kommenden Dingen entgegen. Da wurde an seine Türe geklopft. „Im Namen des Kaisers, öffnet!" Herr L. und sein Hausknecht wollten die schweren Kisten und Kasten htnwegräumen, um die Türe zu öffnen. Das ging aber nicht so schnell, und die draußen wurden ungestüm. In V. ist zwischen den meist, n Häulern ein schmaler Gang, eine sogenan.i.; äu ,ng. Reul nennt man es in Süddeutsch Durch die Häufung begab sich L. zu orn Pochenden und fragte nach ihrem Begehr. „Wir sollen den Verwundeten holen", antworteten die Franzosen. Herr L. führte sie durch die Häufung. „Hört einmal, citoyen," sagte der Unteroffizier, „Ihr habt aber einen miserablen Eingang für Euer Haus!" „Gut genug für die Plünderer", antwortete L. „Es wird nicht geplündert", sagte der Korporal, „wir ziehen eben ab. Die Russen sind uns auf den Fersen." Als sie das Haus betraten, hob L. seine Hände empor und sprach: „Gelobt seiest Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du "gütig bist und Gutes erweisest." Unterdes hatte der Hausknecht mit schwerer Mühe die Barrikade von der Haustüre entfernt, so daß die Patrouille mit dem Verwundeten bequem abziehen konnte. Gleich darauf kamen die zwei Elsässer, die auf Wache waren, um ihre Bagage zu holen. Nach Mitternacht verließen die Franzosen durch das Brückentor die Stadt. Als sie das jenseitige Ufer erreicht hatten, ließ Prinz R. die hölzerne Brücke, die über den Fluß führte, anzünden. Während die Flammen hoch gen Himmel aufsttegen und die ganze Umgegend beleuchteten, ritt der Adjutant des Generals Tettenborn an der Spitze seiner 300 Kosaken durch, das Nordertor in die Stadt ein. Sie sprengten durch dieselbe hindurch, dem Feuerscheine folgend. Die brennende Brücke, hielt sie auf. Da ließen sich einige'Kosaken Balken über die vom Keu« schon halb zerstörte Brücke legen | und ritten mit ihren Pferdchen hinüber. Sie fanden jedoch nur noch den Regimentsarzt, der in einer Mühle am jenseitigen Ufer sich ein Frühstück hatte bereiten lassen. Sie nahmen ihm Alles, Uhr, Börse, Kleider, Stiefel und schickten ihn dann in erbarmungswürdigem Zustande — bei zehn Grad Kälte — der französischen Heeresabteilung nach. So oft in späteren Jahren die Chanukaltchter brannten, erzählte Herr L. seinen meistens erst nachher geborenen Kindern von dem großen Wunder, durch das er und die ganze Stadt an jenem Chanukaabende errettet war worden. Die zwei ältesten Töchter taten sich dann nicht wenig zu Gute, daß sie das Wunder miterlebt und zu Gott gebetet hatten, „daß sie nicht unter den Wagen kommen möchten", eine Bezeichnung für Errettung aus der großen Gefahr, die stets im Familienkreise die allgemeine Heiterkeit erregte. Zwei Besuche. Unter dem Titel „Zwei Besuche" veröffentlicht der Jerusalmer Korrespondent des Amsterdamer „Allgemeen Handels, blad", Jacob Israel de Haan, folgendes Stimmungsbild aus der Hauptstadt Palästinas: R. Chaim Sonnestld, der Oöerrabbiner einer der .beiden askenasischen Gemeinden in Jerusalem, hatte Sir Herbert Samuel, den ersten jüdischen Gouverneur von Palästina seit den Seiten der Makkabäer, um eine Audienz gebeten. Mr gingen hin. Me Ewigkeit ist immer weise! Weiches Glück daß der Palast von Sir Herbett, das frühere, mächtige deutsche Sanaotrmm, auf einem der drei Hügel des Oelberges gebaut ist! Tenn tver sich von Jerusalem ans mit kleinen Gedanken über Politik auf den Weg macht. Whtt durch die herrliche sonnige Landschaft,' Hügel und Abhänge rund um die Stadt. Mit unglaublichen Aussichten überall. Mit der Sonne und dem Wind. Er denkt daran, was der Dichter der Psalmen schrieben hat: „Jerusalem. Berge ringsum. Und Gott rings irm sein Volk." Und alle Politik ist fortgeweht. * Sir Herbett empfängt uns. Die Sonne scheint ihm ins Gesicht. Ein sanftes, starkes, ruhiges Gesicht. Ist das Lächeln echt? Haben die wohlwol- . lenden Watte Wett? R. Chaim verliest eine hebräische Begrüßung; im Namen der polnischen Agudas Israel. An erster Stelle unbeschrieben durch den Oberrabbiner von Ger. „Der Gerer Rov"; wie wir ihn hier nennen. Me Agudw bittet Sir Herbett um Schutz für das orthodoxe Judentum. ' Ter Gouverneur versichert den alten mächtigen Rabbiner feiner vollen Geneigtheit für die alten jüdischen Gebräuche. Eine seiner ersten Regierungstaten sei gewesen, die Anerkennung des Sabbats als Ruhetags für alle jüdischen Beamten durchzuführen. Auch für sich selbst. Wenn wir nach dieser Richtung noch Wünsche hätten, walle er sie gerne anhöven. R. Chaim bittet mich, der ich den Dolmetscher spiele, Sir Herbett über die englischen Absichten gegenüber der - jüdischen Konstituante Zu befragen. Sir Herbett antwortet, die Regierung betrachte die Konstituante als eine interne jüdische Angelegenheit. . Oefsentlich-rechtliche Regierungsmacht habe sie nicht. Kein Jude.werde von der Regierung gezwungen werden sich den Beschlüssen der Konstituante zu unterwerfen. Andererseits: ungefähr 70 v. H. der Palästina-Inden haben an den Wahlen teilgenommen. Die anderen sind wenig vd^: garnicht organisiert. Wenn nun die Regiermrg -Mit der palästinensischen Judenheit in Beziehung tritt, dann ist es nicht mehr als recht, daß sie mit ven Ansichten einer Versammlung rechnet, die doch von der Mehrheit gewählt ist. R. Chaim setzt die Gründe auseinander, warum die Orthodoxie an den Wahlen für die Konstituante nicht teilgenommen hat. . Unter englischem Mandat, mit einem. jüdischen Gouverneur, halt R. Chaim eine politisch --jüdische Organisation, in der die Orthodoxie "doch keinen nennenswerten Einfluß hat, für nicht erwünscht. Was kulturelle und religiöse Fragen anbetrifft: dattn dürfe die Mehrheit die Minderheit nicht zwingen. Kein Gewissenszwang, und Selbständigkeit für alle Gemeinden. Sollte mit der Zeit die englische Verwaltung eine durch die g a n z e Palästina-Bevölkerung gewählte Organisation für nötig halten und die Waylregeln feststellen, dann würde sich die Orthodoxie dem nicht widersetzen. Nach dem jüdischen Spruch: „Gesetz der Regierung ist Gesetz." g Ter erste Besuch. Aber wir werden heute rwch- | nrals mit Sir Herbert Zusammentreffen. Aus Einladung des Rabbiners I. B. Horowicz, oer hier di« Amsterdamer Pektdiem und Amarealiem vettritt, wird heute nachmittag Sir Herbert die Amsterdamer Armen- und Pilgerwohnungen auf dem Berge Zion besuchen. Ein offizieller Besuch. Abends vorher haben wir mit einem Adjutanten alles besprochen. Sir Herbert wird um ungefähr 4 llhr kommen. Obgleich offiziell, wird alles einfach sein. Tie Synagoge wird besucht werden. Aber ohne Bluff. Ties sind Wohnungen für Arme ünü für Pilger. Wir tverden also reine ettlen Teppiche von ven Nachbarn leihen. Und auch nicht goldene und silberne Zieratte von reichen Synagogen. Niemand wird eingeladen, der nicht zur Administration von Amsterdam in Beziehungen steht. Tre Bewohner des Platzes, eine liebe Welt in sich selbst, dürfen Bekannte in ihre Wohnungen laden. Aber draußen darf kein Publikum hermnlungern. Tie Tore des Platzes werden geschloffen sein. Wie nun R. Chaim Und ich nach dem Oelberg zurückfahren, dann ist schon alletz in Ordnung ge-, bracht. Am Platz große Erregung. All die Höschen vor all den Musern gedrängt voll. Jungens auf den niedrigen Mauern, die die Höfe von den Häusern scheiden. Viel Volk auf allen unbebauten Hügeln. Wer die Straße vom Tor nach d»r Synagoge völlig frei. Der jüdische Gouverneur ist pünktlich, mit der Pünktlichkeit, die die Höflichksit der Könige bedeutet. Vom Tor bis zur Synagoge haben sich die Schüler der Pekidiem-Schulen ausgestellt. Me Pekiviem haben hier eine askenasische Lehrschule, sine Volksschule für Sephärdim, «ine für Jeminiten. Außerdem subsidieren sie eine Schule flir öucharaschc, eine für griechische, eine für marokkanische Juden. Eine jede Schale hat ihre Fahne. Und aus jeder Fahne steht das ein« liebe, unvergleichliche Wott: „Amsterdam." Händeklatschen, tvo Der jüdische Gouverneur vocbeirommt. Aber Ruhe, wo er stillesteht. Me scharfen, . jüdischer, jungen Stimmen singen. Himmel und Sonne. Jl!*1!! : * Bei der Synagoge wird Sir Herbert begrüßt von R. Chaim, eine herlige Gesetzrolle auf dem Arm. Ein kurzer Menst. Min eitler Betrieb. Alle Bewohner des Platzes, meist ehrwürdige Gelehrte, sinv anwesend. Zwer Psalmen werden gesungen, Rabbiner Horowicz Mt eine Rede, kurz, aber gut. Dann Schluß. Alrf dem Arbeitsplatz der Pekiviem, wo ein paar hundert Menschen Arbeit finden, ist eine schöne kleine Ausstellung ausgebaut. Zu verdienen ist an diesen Arbeiten nichts. Es sind Gesetzrolleu in allen Größen. Auch klein«, zierliche, die man auf die Reise mitnehmen kann. Tie Rolle von Esther auf Pergament. TÜrpfostenrollen in verschiedenen Größen. Sir Herbert bekommt eine in prächtiger Schrift.; in eurer Tos« aus Olivenholz. Es ist er ne sehr schöne Arbeit. Für Lady Samuel, di« hier bald erwartet wird, einen Sabbatleuchter. Sir Herbert sagt, daß in seinem Heim jeden Freitag abend die S'abbatlichter angezündet werden und daß dies auch jetzt wieder geschehen soll, sobald er feine Familie bei sich hat. Sir Herbert Samuel, der jüdische Gouverneur, besucht R. Chaim Sonnefeld in seinem kleinen Hause. Denn der Oberrabbiner R. Chaim bewohnt ein kleines HauS von einem - Zimmer auf dem Amsterdamschen Platz. Das Zimmer an der Ecke mit Fenstern in zwei Mauern. Aussicht auf die Omar-Moschee: gewaltig. Und über Hügel und Häuser des Dorfes von Siduan. Schämen wir uns. den jüdischen Vizekönig in dieses Haus zu bringen? Nein, unsere heilig Lehre ist so groß, daß sie nt dieser kleinen Klause wohnen kann. Und sie ernpfängt wie Gott. Im Zimmer: das Bett, ein Tisch, einige Stühle, eine Bank ttnd ein« Truhe. Mehr hat der Oberrabbiner nicht. Cr will nicht mehr haben. Arm. Einsam und stark. Seine Frau ist gestorben. Fast alle Kinder sind tot. Im Kttege umgekommen, Typhus und. Mangel. Sein ältester Sohn starb an einem Sabbat. Tie Mutter weinte. „Schweig", sagte dieser Mann. „Am Sabbat meint man nicht." Wir sitzen um dem Tisch. Es ist Neumond; R. Chaim gedenkt . des T<mes in schönen, weisen Worten. Ter Abend geht. Me Omar-Aloschce und das Dorf von Siouan ■ mit geheimnisvollen Lichtchen. Wir erleben es:, der jüdische Gouverneur, der den jüdischen Rabbiner in seinem Hans besucht. Der Tag Gottes lächelt im Scheiden. Zum Schluß ein paar Gäste im Hause des Rabbiners Horowicz. Eine schöne Tafel? Art der Spitz« Sir .Herbert. Rechts R. Chaim, tinkS der Gastherr, der Rabbiner der'Jemeniten mit seinem feinen grauen Schultertuch und seinem weisen Gesicht. Und andere. Alle freuen sich. Aber ich habe Menst. Deshalb bekomme ich keinen Tee und keine Schaumkuchen, keine Schlagsahne mit Kirschen uitd lein Konfekt. Sir Herbett bekomint von allem. Aber er ist auch der erste jüdische Gonvernettr seit Jahrhundert««. Als ich dann ein halbes Stündchen später M»

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