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Der Israelit · 1920-09-09 · Heft 36 (9.9.1920) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 36 (9.9.1920)
Date
1920-09-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Der Israelit. 9i September L8L8 inderecke. Vom Gotte-recht. Bon A. L. Seite 14 88 unter diesen Steinen rin Heer — heiliger Gebeine trägt. Ich kann wohl die Denkmäler dort oben in finsterer Nacht nicht erkennen, aber die Frommen sehe ich deutlich, die unter ihnen ruhen. Nun sage mir: Törichter, zweifelst du an der Erlösung, Veil du die nicht siehst, d?ie du der Erlösung für würdig erachtest? > i!' i ,• Er, Er gedenkt der Liebe der Väter und bringt einen Erlöser den Kindern ihrer Kinder um seines Namens willen, aus Liebe! Gepriesen seist Du, Erlöser^. Israels! Zrlebhossbesuch. Glrrlbetrachtung von A. Mannheimer in Dettelbach. Kräftig entfaltet die Spätsommersonne noch den Glanz ihrer Strahlen und übergießt die Landschaft mit goldnem Scheine. Die Nebelschleier des Morgens mutzten ihm weichen und blau lacht der Hlmmel herab, als wäre es Mat. Und doch ist das Getreide längst geerntet, ja gröhtenteilS gedroschen, und die Frühsorten deS Obstes holt der fürsorgliche Landmann nach Hause. Spinngewebe, der sogen. „Altweibersommer^" fliegen durch die Luft und bleiben schließlich an Bäumen, Hecken und Gräsern hängen, oft auch als ungebetene Zierde an Hut und Rock des Wanderers. Elul ist'S, Butzezeit in Der Schofar tönt mahnend und weckend. Roschhaschono kommt. Altjüdischer schöner Brauch lentt den Schritt zum B'*n 0'3, zur Ruhestätte der Toten. Eine kleine halbe Stunde führt der Pfad aufwärts, zwischen Hohlwegen hindurch an Hecken- und Schlehenstriiuchern vorbei. Endlich, tsts erreicht. Auf freierer Anhöhe in der Nähe eine- Waldes liegt der alte Friedhof, anderswo durften die Borfahren ihn nicht anlegen. Schon von ferne grüßen einige 013X0 über die nicht sehr hohe Mauer hinüber und stimmen den nahenden Besucher oder vorübercilenden Wanderer ernst. Endlich öffnet sich die schwere eiserne Pforte. Pochenden Herzens durchschreite ich eine kleine Halle und stehe beim Eintritte zum Friedhofe. Ich mutz halt machen und wische mir die Schweißperlen von der Stirne, die der mühevolle Aufstieg hervorgelockt. Meine Kräfte und Gedanken sammeln fich gleichzeitig. Wie ruhig, wie schön ist eS hier! Kein lärmender Trubel stört in der weihevollen Stimmung. Nur vom nahen Walde hört man zuweilen die gedämpften Laute Verschiedener Vögel, auf den Bäumen über den Gräbern 'zwitschern Spatzen, ich sehe Schmetterlinge und Bienchen von Blume zu Blume sich wiegen und aus der Talebene dringt noch das schwache. Echo de» rasenden DampfroffeS ans Ohr. Auch das erstirbt allmählich und wiederum feierliche Stille. Kein Mensch ringsum. Ich nehme das jüdische Andachtsbuch heraus auS der Tasche und bete so, wie edie Weisheit unserer großen Altvorderen unS gelehrt: „Gelobt feist Lu, Ewiger, unser Gott, Köniz der Welt, C30K 320 3PK der Euch mit Recht gebildet, Euch mit Recht verpflegt, Euch mit Recht sterben ließ, der dle Zahl Mrer aller im Gerichte kennt und Euch auch einstenS wieder ins Leben zurückrufen wird. Gelobt feist Du, Ewiger, der die Toten belebt." Wie wundervoll abgefatzt! Wie wird hier alles berührt, was an Empfindungen un» bewegt wenn man den „guten Ort" betritt. Der Jude nennt ihn euphemistisch 0"n oo, Hau» der Lebenden und verbindet mit der düsteren Borstellung deS Totenreichs den Lichtgcdanken des Lebens: der Such mit Recht gebildet und mit Recht verpflegt. Hier ruhen Menschen, die Gott selbst mlt dem NabrungSlrieb ausgestatter und die deshalb tausendfältige Pfade im Leben gewandelt. Der Allvater sieht dies vom Himmel auS und denkt gnadenvoll an die Irrwege seiner Kinder im Drange nach Speise und Trank, nach Genuß und Wohlleben. Täglich prägt sich der Jude die Wahrheit ein, -atz die Ernährung der Millionen Lebewesen dieselbe Allmacht bekundet, wie das einstige Erwachen der Toten. In unserer Schmono« Esrei sprechen wir im gleichen Atemzug nacheinander „0*3*1 0'0I113 0*00 ifno, 30N3 0"N ^3^30." Kein Volk der Erde bejaht so kräftig daS Leben wie -aS jüdische. Seine heiligsten Männer, die 0'2.i3, haben der Leiche und den Gräbern fern zu bleiben. „Antikes und modernes Heidentum setzt so gern Religion und Religiöses mit dem Tode und dem TodeSgedanken zusammen. Wo der Mensch endet, beginnt ihnen daS Reich Gottes, Tod und Sterben sind ihnen die eigentlichen Manifestationen ihrer Gottheit. Ihrer Tempel geweihte Stätten sind daher bet Gräbern, ihrer Priester elfte Stelle ist daher bei Leichen. Wo Augen und Herzen brechen, ist ihrer religiösen Aussaat willkommenster Acker und ein Zeichen de» TodeS, ein Symbol der alles Leben bewältigenden Todesmacht' am eigenen Fletsche immer gegenwärtig zu haben, dürste als da- Religiöse par excellence gelten, vor allem als des Priesters wesentlichstes Attribut. (Glatze!) Nicht also der jüdische Priester, weil nicht also die jüdische Gottcslehre, die jüdische Religion, Unser Gottniitt die Kraft und Leben brechende Gewalt des TodeS ist seine erhabenste Manifestation. Nicht wie man zu sterben, wie man zu leben habe, sollen Heiligtum und Priester in Israel lehren. Wenn der Tod die Volksgenoffen zur LiebeS« tätigkeit an der Leiberhülle einer heimgerufpnen 0*03 versammelt, haben die "n '2*0 fern zu bleiben und durch ihr Fernbleiben die Standarte des Lebens neben -er Leiche aufrecht -u halten." (Hirsch, Peniateuchkommentar, 8. B. M., 3t. Kap.) Wir sollen und wollen unS den Lebensgedanken nicht überwuchern lasten durch jenen des Todes. Mitten im Bewutzlsein unserer physischen Abhängigkeit und Hinfälligkeit fühlen wir unS frei durch das eigentlich Göttliche in uns. Bald ertönt ln den jüdischen Gotteshäusern vierfach der Ruf nach Leben: '131 0".*>3 fvn *jVo ,v"N7 12137, und wir suchen vorher die Ruheplätze der Toten auf. Freilich in jüdischem Sinne, in jüdischer Auffassung. Welch überwälrigenden Eindruck macht doch ein altes 0",3 0'3! WaS Gedankenlose als wüstes Durcheinander ansehen, ist gerade daS Reizvolle, Stimmungsvolle. DaS alte 0'*n 0*3 hat etwas, daS der neuere Friedhof sich um keinen Preis, durch keinerlei künstliche Maßnahmen verschaffen kann: eS hat Geschichte. Die kann man nicht „machen". Sinnend betrachten wir die verwitterten, grauen Steine, halb schief und umgesunken, zumeist bis zum Oberteil im Erdboden steckend. Ehrwürdige Zeugen der Vergangenheit, da unsere Väter bitter zu ringen hatten ums tägliche Brot, ums nackte Leben, gegen brrrmle Gewalt und Knechtung. Wer mag unter diesen Steinen nach schwerem LekdenSgang schlafen? Die Inschriften sind kaum zu entziffern. Und doch ist keiner verschollen und vergessen, so wenig wie jene, die in der Mitte deS 0"N 0'3 ohne irgend ein GrabeSdevkmal schlummern. Die hölzernen 0i32tö find laugst dem Zahne der Zeit erlegenkein Mensch vermag zu sagen, wann sie einmal gesetzt wurden. Wie süßer Trost gehen mir die Worte der Eintrittßbtvcho zu Herzenp33 0373 3BDD pii'i. Er kennt die Zahl eurer aller inr Gerichte! Der Allwissende braucht nicht Holz,« Stein- und Marmor zum Schutze gegen Vergänglichkeit und Vergeffenheit o^w ntrpa 3317 no», beten wir am Roschhoschonofeste. „Du gedenkst, was von je geschehen, vor dir sind offenbar alle Geheimnisse und die Fülle des Verborgenen vom Weltanfangdenn eS gibt kein Vergessen vor dem Throne deiner Herrlichkeit. . Und ist nicht auch dle leibliche Persönlichkeit eines 1233 r.V0 spurlos aus unserer Mitte geschwunden? Niemand kennt den Hügel feiner Grabesruhe, außer Gott. Wie würde man vielleicht dorthin pilgern zu Tausenden und Hunderttaufenden. Vielleicht war eS Gottes Plan, ihn nur geistig sortleben zu lasten in JSraelS Mitte, in -er Geschichte. Ganz anders denkt die Jetztzeit. Ich musterte die massig daretnschauenden modernen Grabsteine, mit ihrer Wucht und prunkvollen Ausstattung. Taufende wagt man an ihre Heistellung. Und doch darf gesagt werden, daß die jüdische Pietät hier nicht jüdische Wege wandelt. DaS Judentum hat sich nie durch JaphetS Schönheit blenden lastenja eS führte einen ständigen Kampf gegen sie, insofern der sittlich hohe und erhabene Geist Schem« dadurch verdunkelt oder getrübt werden sollte. Wir sind eben daS Volk der .3733.3, der feinen Unterfch-idungsgabe, die Nation mit dem kritischen Blick. Wäre es nach der hochentwickelten Kunst unserer Zeit gegangen, ob sie in Farben, Formen oder Tönen sich äußert, nimmermehr palten an 20 Millionen blühender Menschenleben grausam ln die Gruft sinken dürfen. Wir lassen nn» durch äußeren bestrikenden Sinnenreiz nicht täuschen, selbst auf dem 0"n 0*3 nicht. Israel weiß seine Toten auch ohne dies zu ehren. Heilig bleibt uns jede Gruft. Störung in der Grabesruhe, Exhumierungen sind uns in tiefster Seele zuwider. Weihevolle Stunden verbringen wir am „guten Ort", am Ruheplatz unserer Lieben und mit einem sogenannten Rundgang nehmen wir Abschied, um pietätvoll allen Heimgerusenen gerecht zu werden, um auch nicht den Schein und Schatten einer Zurücksetzung anderer auf uns ruhen zu lassen. Zurück ruft uns das Leben des Alltags in feine Rechte, in unsere Pflichten, jeder nach Maßgabe feiner ihm von Gott verliehenen Gaben und Güter an Geist und Vermögen. Schlaft wohl, ihr Verklärten, auf deren 007 wir in diesen Tagen pochenandachtsvoll nehmen wir Abschied, gehoben und geläutert nach jüdischer Lebensauffassung und jüdischer Weltanschauung. Drunten im Tale in festlich versammelter GotteSgemeinde hallt Schofarton, ringen sich finnige inhaltschwere Bitten über dle Lippen Tausender, klingt der Ernst der 0*XH2 0'w auS in die Jubelakkorde deS schönen 0010 festes und in das lebensheitere Gelöbnis .3310.3 ON73 8>3W7 h'22. „Laßt uns jubeln und frohlocken mit dieser Thora!" (Gin 4000 Jahre aHet grfjctf.) Eine nicht auSgezahlte Anweisung auf vier Schekel in Silber, die 40% jährliche Zinsen bringen sollten, ist unter den Tontäseichen der archäologischen Sammlung der Universität von Pennsylvanien gefunden worden. Die fast 4000 Jahre alte Anweisung, der älteste unbezahlte Scheck, wurde im Oktober des Jahres 1963 v. der üblichen Zeitrechnung „dem Jahr, in dem König Rint-Sin die Stadt Dur-Dautigilycha erobert," von einem Manne namens Bur-Mama für einen gewiffen Jl-Sinnutum auSgestelt. Die Anweisung ist von vier Zeugen beglaubigt, die ihre Siegel unter das Dokument setzten und erklärten, nur dann für die Zahlung zu haften, wenn sich herausstelle, daß der Charakter deS Bur-Mama, den sie als gut beschworen hatten, in Wirklichkeit schlecht wäre. Verzeihung. ES wurde die Weisheit befragt: Welches LoS dem Sünder zuteil werden soll. Die Antwort war: „Das Unglück." Es wurde daS. Propheten tum befragt. Die Antwort war: „Er muß sterben." Es wurde das Gesetz befragt. Die Antwort war: „Der Sünder bringe ein Sühnopfer." Endlich wurde die Allmacht Gottes befragt. Die Antwort lautete: „Der Sünder bessere fich, dann erlangt er Verzeihung." Unbestechlichkeit. Rabbi Samuel war ein Richter in einer palästinensischen Stadt, die durch eine große Wasserkatastrophe sehr gelitten hatte, und wollte über eine beschädigte Brücke gehen, welche noch dazu sehr schmal war. Er zögerte, über diese Brücke zu schreiten, da kam ein unbekannter Mann entgegen und wollte ihm die Hand reichen und über die schadhafte Brücke führen. Glücklich ans andere Ufer angelangt, frug Rabbi Samuel den Führer, wohin er gehe. „Zu Gericht, Rabbi, ich habe eine Streitsache mit einem Geschäftsfreunde, und du wirst, wie ich höre, in dieser Sache den Vorsitz haben." Hierauf entgegnete Rabbi Samuel. „In diesem Falle ist es mir unmöglich, den Vorsitz einzunehmen, da du mir gefällig warst, mich über diese gefahrvolle Brücke zu führen." * * ¥ Rabbi Jsmael, Sohn Jos6, Besitzer großer Ländereien, betrieb Ackerbau und Viehzucht. Dieser große Besitz machte ihn zum reichsten Grundbesitzer seiner Gegend. Unter seinen vielen Grundpächtern war auch einer, der sich erbot, nebst dem Pachtschilling zur Obsteszeit allwöchentlich am Vortage des Sabbats, somit am sechsten Tage der Woche, dem Rabbi einen Korb, gefüllt mit schönem Obst, aus seinem Garten zu bringen. Einmal brachte dieser Pächter schon am fünften Tage der Woche den Korb mit Tafelobst. Hierüber erstaunt, frug ihn Rabbi Jsmael, welcher auch Richter war, weshalb er diesmalb abweichend von der Gepflogenheit dar Obst schon am fünften Tage überreichen wolle. „Rabbi", antwortete der Richter, „morgen stehe ich vor Gericht, eS ist der Vorabend unseres Sabbats und du Rabbi wirft in meiner Rechtssache den Vorsitz haben." „Pächter! Ich kann den. Vorsitz nicht mehr überrlehmen, und der Gerichtsverhandlung überhaupt nicht beiwohnen. Du bist mein Pächter, und bringst mir außer der Pachtgebühr noch ein Geschenk. Das würde einer Bestechung gleich sein." x * * Rabbi Jsmael, Sohn Elischas, war ein Priester und erhielt von einem sehr reichen Schafherdenbesitzer die übliche Erstlingswolle. Rabbi Jsmael frug den Ueberbringer: „Wo befinden sich deine Schafherden? Ist' denn tu der Nähe deiner Besitzung nicht gleichfalls ei« Priester, dem du die Erstltngswolle abliefern könntest?" „Wohl, Rabbi, doch morgen habe ich in einer Streitsache mit einem Grenznachbarn vor Gericht zu erscheinen, wo du den Vorsitz führen wirst und da der Gerichtsort mir näher ist, so wollte ich die Erstlingswolle zugleich dir, Rabbi, bringen." „Da müßte ich einer Bestechung geziehen werden, ich übernehme den Vorsitz nicht", und schob auch die Wolle dem Grundbesitzer zurück.

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