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Der Israelit · 1920-09-09 · Heft 36 (9.9.1920) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 36 (9.9.1920)
Date
1920-09-09
Page
– (sequence 13)
Language
German
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4«nrfwaMi^ ✓/ ♦ Bon KarkDarmftädter. Du dunkles Jahr in der Reihe der dunklen Jahre, wie wirst du sein? Wirst du ein gleiches Glied-in der Kette derer sein, die vor dir waren und nach dir sein werden? Wirst du klirrender, brausender und schauriger fein, oder milder, ruhiger und lächelnder? Glutrot wie die untergehende Sonne oder hell wie die silberne Fläche des vollen Mondes? Ich frage und du antwortest nicht. Ein seltsames Zeichen ist dir eigen. In den heiligen Zeichen und Zahlen, mit denen wir dich nennen, scheint es, als ob ein Heilen, ein Genesen, ein Wundenverschließen in dir beschlossen sei. Denn sann — so ist deine Zahl — ist umhaucht von dem Wehen eines Wortes, das lieblich klingt ins Ohr lauschender Menschheit. Du Jahr des Heikens, gab dir ein rrs"i den Namen, weil seltsame Kraft in dir ruht, oder täuschst du uns und verwirrst die Sinne, nahst in einem Gewand, schillernd wie die Farben des Bogens, betörst wie die Fieberröte auf den Wangen des Todkranken, weckst Hoffnung, wie das Aufflackern des Lebenslichtes vor dem Einbruch der Todesnacht? —- Du Jahr, das manche nennen werden, ich nenne dich anders. Düsterer und klangdunkler, nenne ich dich! Denn darin liegt das Geheimnis deines Daseins und deiner Zeit. Du bist wie die Stimme des theruakündenden Schofars, deine Zeit ist müde und gebrochen, schwankend und ungewiß. Du bist Symbol unserer Gegenwart. Nirgends ist ein Heilen. .Nirgends ein Wündenschließen. Die rissige Rinde der Erde (und Menschenkultur) berstet täglich von neuem. Wo ein Lichtstrahl austeuchtet, hüllt ihn gleich wieder Dunkelwo freudig starke, belebende Tekiahstimme ertönte, überrauscht sie Teruah. Und wieder bebt die Erde ... , Alle Großen ahnen das Kommende. .. Bru ch in den Hütten und die Unruhe in den Herzsjdarum der Seufzer in den Häusern und k er Jammer in den Gemüterndarum das Elend im Leben und das Weh in der Brust. Darum bei aller Ungebundenheit so wenig Freiheit, bei allen Genüssen so wenig Freude, bei allen Bündnissen so wenig Friede, bei allem Reichtum so wenig Zufriedenheit, bei aller Berechnung so wenig Glück." So schrieb ein Großer vor Jahrzehnten. Wo Tekiah sich hervorwagt, kltngts schwach, leise, zaghaft, gedämpft, angstvoll, ntfHn bedeutet Untergangszeit, Wendezeit. Und dann? Können nynn Jahre ein Ende bedeuten, Vernichiung, Zerbrechen, Trümmerstätte? So scheint es zu sein: Mag Teruah Grabgeläut einer Vergangenheit fein, nie endet Welt mit diesem Schoferruf, nie mit dem gebrochenen Ton uralten Widderhornes!— Vielleicht bist du, Teruah-Jahr, nicht das Letzte in der Reihe der gebrochenen, bebenden, angsterfüllten Menschheitsjahre, vielleicht bist du nur ein Atemhauch, eines.Vogels Flug, ein vorüberhuschender Schatten vor dem Auge dessen, bei dem tausend Jahre wie ein Tag sind. Vielleicht werden alle Unsere Lebensjahrzehnte nicht anderes sein als — Nk-NN-Jahre ... Und was lehrst du uns, seltsam gezeichnetes Jahr? Verzweiflung, tatlose Ergebenheit? Aber trotzdem: Wille zur Tat, zum Bauen, Schaffen, Gestalten, Helfen, Weghereiten! Wir müffen. Wir wollen. Jüdische Geschichte, Vergangenheit, die niederschmetternden Jahre unserer Ahnen — alles war schwer genug, um den Lebenswillen der jüdischen Menschen zu töten. Aber — Völker schwanden, Kulturen sanken in Trümmer — Israel lebt! Wett auf Teruah Tekiah folgt. Weil unsere Rückkehr aus innerer Zerrissenheit zurückführtzu innerer Stärke, weil wir den Ton der Tekrah von ferne ahnen, wenn auch nicht hören. Wann es sein wird, das bedeutet nichts. In der Ferne ist ein Ziel. Alles andere ist Weg. Weg, von Teruah umbebt, von Scheworim umbrandet, von Tckcah am Ende umtönt. Du Jahr der nj?nn bist ein Meilenstein am Weg zu neuer Schöpfung Erneuerter, uralter, am Beginn schon, vollendetster Schöpfung. Aus vielen Untergängen wird sie sich erneuern. Viele D’ö’ werden sein, viele Jahresbeginne, viele Bersöhnungstage der Menschheit, bis am neuen Geburtstag der Welt Tekiah, Scheworim, Teruah zusammenströmt, hinmündct in die heilende, alle Zerbrochenheit und Zerissenheit überwindende „große Tekiah" der Menschheitserlösung. Dann wird jedes Jahr KS-in, Jahr des Heils genannt werden! Auf der Sommerreise. Von Heinrich Einstävter. Die Stadt liegt hinter mir.. Ich atme auf. Tie vielen Besorgungen vor der Abreise haben mich ermüdet. Vier Wochen werde ich vollkommen getrennt sein von der Umgebung, an die mich doch sonst hnudcrt Beziehungen knüpfen. Sie abzulöwn, das trachte Mühe. Jetzt sitze ich endlich im Zuge. Wiesen, Felder, Bäume und Häuser fliegen an mir vorüber. Da richte ich lieber den .Blick aus die blauen Berge dort hinten, die langsamer auftanchen und langsamer entschwinden. Ich sthne mich nach Ruhe. Tie Gesellschaft im Abteil intcrejlicrt mich nicht. Bekannte Städter-Typen. Turchschni'ttt-ivare, Mas,enartikel. Ich suche Seltenheiten, Eigenwcsen, Eckmuster, Originale. Nur allmählich,. aus entfernteren Stationen nchchselt das Publikum. „Hier ist ja noch ein Plan frei; also Heroin in dich Bude!" Es ist ein Mann aus dem Volke, wohl ein Vierziger, mit einem Rucksacke ausgerüstet. Schon nach einigen Augenblicken ergreift er sein mitgebrachtes Frühstück und das Wort. „Die verdammten Kommunaiverbände, die elenden Wucherer! Für diese schundige Marmelade lassen sie siä, 5 Mark zahlen .... Die nichtsnutzigen Inden, die Groszschieber! Sckon zu lang haben sie die Welt regiert. Die billigen Schuhe haben sie ins Ausland verkauft, und mir müssen die teuren Preise zahlen. Sie sollen nach Palästina, wohin sie doch wollen." Ich horche auf. Ohue Unterbrechung geht es weiter. „In dem Ort drüben wohnen auch armselige Würmer. Ja, wo so ein Adeliger sitzt, da heißt es: Volk in Armut. Tie Tröpie! Alles haben sie ausgcsaugt. ... , Alan müßte sie dem Kaiser nachschicken! Ter? Keinen Glauben hat er, ein Freimaurer ist er und war er. Und nun gar der Kronprinz! Wir, wo im Feld waren, wir wissen 'was zu erzählen. Was ist dort gestohlen morden! Na, rch sag' Ihnen .... Ta fährt einmal der Pfarrer im Auto nach Laon. Ich sag' ihm ganz ungeniert: Wollen Sie auch denen da drüben einmal 'was vormachen? . Schön war es, wie wir die Enten unserer Quarticrwirtin weggesangen und gebraten haben. Und die Kuh .... Tie v5Ä'dammten Bauern, die Wucherer! An den /Galgen gehören sie." — Ta muß er anssteigen. Armes, versührtes Volk! Von allem, was es liest, behält es die Anklagen, die Bezichtigungen, möchte alle Schuld an seinem Unglück ans andere wälzen und verliert den Blick für seiii eigenes Ich. — Umsteigen! Kurzer Aufenthalt auf einer kleinen Station. Auf dem Bahnsteig stehen einige Leute, die au? die Kleinbahn warten. Es ist bäuerliche Bevölkerung. Nur ein Fremder ist Unter ihnen. Er geht etwas abseits, wo eine kleine Baumpflanzung! den Bahnhos ziert, schaut nach der sich zum Horizont neigenden Sonne und — dreht ihr den Rücken, zu. Hat er kein Auge für die Schönheit des scheidenden Gestirns? «Verachtet er wohl gar ihren satten Glaur, die prunkende Weihe, wie sie noch vor ihrem Schwanden ihre volle Größe zeigt und sich mit einem dichten Kranze aus Gold und blitzendem Gestein umgibt? Möchte er denn garnicht schauen, wie das herrliche Gefunkel noch einmal vor dem Abschiede kosend über Höhen und Gründe, über Bäum« und Gräser dahinstreicht, als ob es die Aeuglein der müden Blüten zum süßen Schlafe schließen und in die rosigen Ohrchen hauchen möchte: Schlaft ruhig, morgen weck' ich euch wieder. Warum kehrt er sich gerade nach der anderen Seite? Er stellt die Füße dicht nebeneinander und bückt sich gen Osten. Er betet. Ich beobachte ihn von der Seite; sehe, wie seine Lippen sich bewegen, wie sein Kopf sich, neigt,.* tote seine Brust sich hebt und senkt. Jetzt hebt er das Haupt. Was sucht sein Auge? Es blickt weit hinaus au, die Berge, hinüber über die Berge, wo Kinder schnsuchtsvoll gedenken des sterneu Vaters, der ihr Schutz und ihr Schirm ist. Und er? Er hebt sein Auge zu den-Bergen: Woher wird mir selbst Hilfe kommen? — Deine Hilfe kommt von Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Er läßt nicht wanken deinen Fuß, dein Hüter schlummert nicht. Ja, er schläft uns schlummert nicht, der Hüter Israels. Die Kleinbahn tragt mich kort, abseits von der breiten Straße des Verkehrs. . . Sie hebt mich fort aus der rasenden Hetze des Alltags in die wohltu.iide Beschaulichkeit der Einsamkeit. Sie führt mich zurück aus der Nerven aufpeitscheudeu Gegenwart in eine langsamer schreitende Vergangenheit. Kurz vor Einbruch der Nacht ist sie an ihrem Endziele angelaiigft während mich von dem meinigen noch eine Wegstunde trennt, die ich zu Fuß zurücklege. Ich durchschreite schnell einen {[einen Marktflecken. Wie auf einem Damme wandte ich über den Taigrund, der sich gleich zwei Mulden aus beiden Seiten des Weges höhlt. Gespensterisch heben sich die Pappeln, die den unten langsam dah'inschleichendcn Bach säumen, in das tiefe Graublau der Luft. Eine kühle Prise steigt aus den feuchten Gründen, in denen das Tagcsleben zur Ruhe geht. Nur seine allerletzten Laute, ein Quaken, ein Zirpen, treffen mein Ohr. Jetzt steigt der Weg aus die Höhe. Hier mache ich Halt. Hinter mir hebt sich die -Mondsichel aus dem Waldesdunkel empor. Ihr silberner Glanz bestreut die Mühle am Bache, daS Dörfchen im Tale, führt in dunkler Nacht Verborgenes aus Licht: Tie Ruine hoch dort oben und das Kirchlein ihr zu Füßen; das Kirchlein, wo ich selbst noch gebetet, als an der Stelle des AltarS ein Thoraschrein gestanden; den Friedhof dort am Hange, wo manche ruhen, die ich noch gesehen in strotzender Gesundheit. Das Haus dort drüben mit jdem hell erleuchteten Fenster, wo eine treue Seele meiner harrt. Am ticiblauen, nächtlichen Himmel erstrahlt ein Sternlein nach dem andern. Sieh, es loben Gott alle Diener Gottes, die dort stehen im Hause Gottes in den Nächten. Da sollst auch du den Herrn preisen, der durch sein Wort die Abende dämmern und mit Wahrheit die Zeiten wechseln läßt, der das Licht fortwnlzt vor der Finsternis und die Finsternis vor dem Lichte, der aber zu allen Zeiten dich mit gleichbleibender Liebe beglückt. Höre, Israel, der Ewige, dein Gott, der Ewige ist einzig! * Die Schatten in den Tälern haben sich verdichtet. Eine Wolke verdeckt den Mond. Das Auge kann das Dunkel nicht mehr durchdringen. TZdesstille ringsum. Die Kühle, die nach dem heißen Tage von dort unten emporsteigt, verbindet sich mit dem dichten Schleier, den die Nacht vor mein Auge zieht, und ein Gefühl der Verzagtheit, der Hoffnungslosigkeit will sich um mein Herz legen. „Es ist gar zu finster in der Welt. Woher kann uns noch einmal Licht werden?" Ta entzündet Er ein Licht in meinem Herzen. „Ich bin der E.vige, euer Gott, der euch heräusgeführt ans Aegypten, um euch zum Gotte zu sein. Ich, der euch befreit ans der Hand so vieler Könige, bin euer König. Ich, der euch erlöst aus der Gewalt der Mächtigen, bin euer Erlöser." Gcpriefen seist Tu, Ewiger, Erlöser Israels! — Ich setze mit neuem Mute meine» Weg fort. Der Mond tritt wieder hinter dem Gewölk hervor. Höher und höher steigt er hinan aus gewölbter Bahn, und weiter und weiter schickt er seinen Strahl hinaus in die Ferne. Jetzt übergießt er damit einen .Hügel, den ich bisher noch nicht hatte sehen können; die Höhe, die aus ihrem Rücken einen Wald von Steinen und

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