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Der Israelit · 1920-09-02 · Heft 35 (2.9.1920) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 35 (2.9.1920)
Date
1920-09-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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zu Ar. 35 Aabbi Tagaras Ende. Bon Ea von Cärlberg. (Schluß.) Rabbi Tagara landete, ging durch die erstorbenen Straßen, suchte, fragte, und fand den Keller, in den man sie mittlerweile gesteckt hatte. Er stieg Hinunter und sein Herz zog ihnffast zu Boden, so schwer wurde es ihm von den Tönen die seinen Ohren. entgegenschlugen. Die Wache versetzte ihm einen Stoß mit dem Flintenkolben. Sie-nahmen ihn für einen Betrunkenen, weil er sich nach einem Raum drängte, in dem seine Volksgenossen mißhandelt wurden. Sie weigerten ihm den Eintritt,'er mußte außen stehen bleiben und hören- und hörte: Wimmern, Zetern, Fluchen, Schlagen, Schreien — Entsetzen schreien! daß es ihn schüttelte. Er rief durch die Türe: „Hört Ihr mich? Sie lassen mich nicht zu Euch, aber ich bin Euch ganz nahe. — Gebt mir Eure Herzen und Hände. Ich halte' sie." — Und dann verstummte er jäh wie unter einem Schlag, denn auf einmal hatte er.begriffen,' was drinnen vorging — sie mordeten in diesem schmalen Raum, zusammeng?psercht wie Vieh— griffen sie sie nacheinanoer auf und mordeten . . . Da fand er Worte, die ihm Einlaß verschafften. Lachend stießen die Wachtposten ihn so gewaltsam durch die Tür, daß er auf den Kopf zu fallen kam und liegen blieb. v Niemand achtete auf sein Hinzukommen. Denn ein jeder in diesem Raum sah nur sich selbst und sich selbst dem Tod gegenüber. Rabbi Tagara betete in feinem Innern zu Gott, und griff in seiner Hilfslosigkett wie ein Ertrinkender, der in seiner äußersten Not gleich welchen Halt sucht, — nach Worten und rief laut: „Gott wird uns nicht verlassen! Gott wird uns erretten L Sammelt Eure Seelen in Gott! Schreit zum Himmel! Bewegt die Herzen Eurer Mörder von Gott aus. Er wird uns helfen. Und sterben wir auch, so leben die andern doch weiter fort bis zur Erfüllung. Und endlich wird doch aus uns der Erlöser der Welt geboren werden. Und die falschen Propheten, die alle nur Stückwerk leisteten mit ihrer Erlöserarbeit werden im Staube vor ihm liegen. Brüder, es ist ein Hochgefühl, unserem Volke anzugehören. Wenn uns auch die ganze Welt feind lst, und wenn wir noch so verachtet. werden und verfolgt und gehaßt bis zum Mord — Gott liebt uns! Gott liebt uns!" In diesem Augenblicke geschah es, daß eine wahnfinnig gewordene Mutter ihren Säugling ihm ins Gesicht warf. Da wußte er, daß er nicht hätte sprechen dürfen. Und sank zurück in das schwankende Meer seiner Gedanken, die trugen ihn fort und führten ihn endlich in das Gefühl zurück, das ihn hierher gebracht hatte. Da wurde es ruhig in ihm.' Und er herzte die Kinder, die um ihn standen und gab ihnen Liebe aus dem unendlichen Reichtume seineö.Herzens. Und seine Seele umklammerte Gott tm Gebet und verband sich ihm und holte sich aus ihm Kraft. Und er goß seine Liebe aus über Nahe und Ferne, und alle die ihm im Leben oder auch nurim Geiste nahe gestanden Und liebte alle. Und er wurde reicher und reicher und Gott — nah. Als dann die Kosaken kamen und mit bluttriefenden- Händen um sich blickten, sich ein neues Opfer zu suchen — da schob er sich ihnen hin. „Vielleicht kommt dennoch Hilfe", dachte er, „dann bin nur noch ich es". Alle schrieen laut auf, und die Frauen schluchzten, als er sorigeschleppt wurde. Aber niemand bot ihm die Handvoll Leben zum Tausch an. Allen erschien die Spanne Zeit, die sie noch vor sich wußten und ausmeffen konnten — kostbarer und unersetzlicher als das ganze vergangene Leben. Rabbi Tagara schwand das Bewußtsein . . . Dann aber brach der bis jetzt zurückgedämmte i Lebenswille in ihm durch, wie eine Welle weit, weit aus der Unendlichkeit kommend- und bäumte sich in ihm auf ,und überschwetnmte alles andere und riß es nieder. Er wußte nichts anderes wehr, als dies eine: „Ich will leben — leben leben!" Da setzten sie ihn auf die Rtchtbank, und wie eine Fontaine sprangen die Fragen aus seiner Seele ohne Ende — und fielen alle wieder in sie zurück. - Da Plötzlich hörte man Lärm, der von außen hereinbrach. Es war das Getöse eines heranrückenden geordneten Truppenteils.' Der Schrei „Gerettet!" „Gerettet!" zitterte durch den Raum, taumelte, überschlugsich, warf die Frauen in Weinkrämpfen zu Boden, die unfähig waren, den Wechsel so jäher Gefühle zu tragen und drang auch noch -zu Rabbi Tagaras Bewußtsein. Zugleich aber hörte er, wie feine Henker einandezuriefen:, „Nur noch den einen —" Und während einer der Kosaken schon ausholte zum Schlag, sah er noch einmal seinen Mördern ins Auge. — Nicht diesen, die hier vor ihm standen, die nichts als Werkzeug waren einer hinter ihnen waltenden Macht — aber dem ganzen Haß der Welt sah er tief ins Gesicht. . (Aus der in Berlin erscheinenden Zeitschrift, „Das Forum".) . ' inderecke. Vaters Aing. Bon Heinrich Einstädter. Bernhards Vater besaß einen silbernen Ring, der ihm besonders teuer war. Es war wohl nur ein schmaler, unscheinbarer Reif von geringem Werteaber er erinnerte seinen Besitzer an die weihevollste, wenn auch die traurigste Stunde seines Lebens) an den Abschied von se.ner sterbenden Mutter. Sie hatte damals den Verzweifelten gesegnet, zu allem Guten ermahnt und ihm zuletzt den Ring übergeben, den sie selbst 'bis dahin getragen, und ihn in Ehren gehalten hatte. Er bildete ein uraltes Familienstück. Auf einem kleinen Schilde stand der Gottesname „Schabaj", und alle seine Träger hatten in der Tat nie vergessen, daß Gott der Allmächtige ist, der den Menschen aus jeder Not und Gefahr retten kann, und sie waren bis zu ihrem Ableben gute und gotiessürchtige Juden geblieben. , Bernhards Vater trug den Ring seit jenem Tage und legte ihn nur für Minuten ab, wenn er seine Hände wusch. Aber einmal geschah es bet dieser Gelegenheit, daß er versäumte, ihn wieder anzuziehen. Während er sich abgetrocknet hatte, war sein jüngstes Mädchen vom Stuhle gefallen, und_^durch den Schrecken hatte er den Ring vergeffen. Als er später das Fehlen seines Kleinodes bemerkte, fand es sich nicht mehr. Das Mädchen hatte das Tischtuch ausgeschleudert, und dabei war der Ring verloren worden. Seit jener Stunde war der Vater nicht mehr fröhlich. Er konnte mit bestem Willen einen gewissen Trübsinn nicht besiegen. Wie leid tat das der Mutter und den Kindern! Diese gaben sich alle Mühe, um den guten VatSc zu erheitern, aber vergebens. Sein trauriges Lächeln schnitt ihnen ins Herz. Besonders Bernhard, der älteste Sohn, tat alles, was den Vater erfreuen konnte. Er lernte noch eifriger als sonst, er betete noch andächtiger, er war noch gefälltger wie früher. Doch vermochte er damit nicht, den Vater heiter zu stimmen. Da kam er auf den Gedanken, dem Vater ein sinniges Geburtstagsgeschenk zu machen. Für sein erspartes Geld kaufte er ein hübsches Bäumchen. Das wollte er am Abend vor dem Geburtstage im Hausgarten einsetzen und dann sorgfälttgst pflegen. Mch der Anweisung des Gärtners grub er in der Nähe des Wohnzimmerfensters ein viereckiges Loch, in das der Baum gepflanzt werden sollte, damit der Vater ihn auch täglich sehen könnte. Da, als er mit seinem Schaufelchen die ersten Erdschollen aushob, bemerkte er etwas Glänzendes, und als er eS in die Hand nahm, sah er, daß es Vaters Ring war. Dem guten Knaben hätte mit allem, waS nur eines Kindes Herz begehren kann, keine größere Freude bereitet werden können. Er rief sogleich aus Leibeskräften: „Vater, Vater!" Dann aber war er froh, daß ihn niemand gehört hatte. Der Ring sollte die Geburtstagsfreude hervorzaubern. Allerdings fiel es Bernhard nicht leicht, bis zum andern Tage sein Geheimnis zu wahren. Aber er widerstand tapfer der Versuchung. Abends schlief er erst spät ein, und morgens war er schon vor den Eüern wach. Die Schwester brachte mit großem Wichttgtun Slramtnschuhe herbei, die sie selbst gestrickt hatte, und stellte sie neben den großen Kuchen auf den Geburtstagstisch, und der kleine Bruder wiederholte Wieder und wieder den Vers, den Mutter ihn gelehrt. Nur Bernhard blieb schweigsam. Endlich kamen die Eltern. Der jüngste Gratulant begann sogleich mit seinem Gedichtchen und lachte über das ganze liebe Gesicht, als er es glücklich „heraus" hatte, ohne stecken geblieben zu sein. Herzlich drückte ihn der Vater an seine Brust, und gebührend bewunderte er die Schuhe und den Geburtstagsbaum vor dem Fenster - aber einen muntern Scherz wie früher machte er nicht. Der Mutter traten Tränen in die Augen. Da näherte sich Bernhard mit einem kleinen Kästchen. „Willst du mir noch etwas schenken fragte der Vater. Er öffnete und sah seinen Ring. Zuerst allgemeines Staunen, dann ein Umarmen und ein stotterndes Erzählen und zuletzt allgemeine Beschäftigung mit vem Geburtstagskuchen. Und dabet wurde soviel gescherzt, daß der Vater eine Stunde zu spät ins Geschäft kam, was ihm noch nie vorgekommen war. „Daran ist nur Bernhard schuld", sprach der Vater, als er eilends nach Hut und Stock griff, und drohte dem Knaben mit dem Finger. Der aber ließ sich das garnicht zu Herzen gehen - denn er sah noch das glückliche Lächeln, mit dem der Vater das Zimmer verließ. Liebe junge Freunde! In den letzten Wochen wurden aus dem fünften Buche der Thora viele bedeutungsvplle Abschnitte verlesen, die etne Wiederholung des Gesetzes und eindringliche Mahnworte enthalten. Auch der Spetsegebote ist gedacht. Ein kurzer Satz warnt vor der Uebertretung dieser wichtigen Vorschriften, und ich möchte gern erfahren, ob er auch Euch nicht fremd ist. Damit Ihr ihn herausfinden könnt, will ich Euch vier Sätze angeben, in welchen je ein Wort jenes Verses enthalten ist. BereschiS, Kapitel S Vers 5. / „ « 2 „ 17. II h „ I. Mischle, „ 28 „ 9. Suchet, und Ihr werdet finden! Euer Onkel in der Kinderecke

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