Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1920)
- Date
- 1920-08-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Radbi Tagaras Ende. Bon Ea von Carlberg. „Sie haben den Rabbi Betunel! Und vom ' Rabbi Kelchmann hat man gefunden die Leiche, erst hat man ihn nicht können erkennen, die Augen haben sie ihm gerissen aus seinem Gesicht. Flieht, Rabbi, flieht!" Rabbi Tagara schloß die Augen: Daß ich meine Seele zerreißen könnte, und in euch senden, ihr. Wahnsinnigen, ihr Besessenen! Warum steht geschrieben, daß Gott den Menschen schuf nach sich, als sein Abbild? Sind es nicht Tiere, von denen diese Menschen gemacht sind? Wem aber Gott eine Seele gab, der muß sie ausgießen können in andere. Es muß mir gelingen. — Und er. fühlte sich in sie hinein mit aller Gesammeltheit seiner innern Kräfte. Da gellte ein Schrei auf und riß ihn zurück in die Welt des äußern Geschehens. Sein Schüler Jonathan stand vor ihm. „Rabbi, meine Mutter, meine alte Mutter I" Ein Zittern glitt über Manuel Tagaras Gesicht. „Wo ist sie?" „Habt Ihr noch nicht gehört? Auf die Gräber hinaus haben sie sie getrieben." „Ich muß hin". „Bei Gott dem barmherzigen, geht jetzt nicht über die Straße, sie werden Euch fangen wie sie haben gefangen die Rabbiner Kelchmann und Betunel". Rabbi Tagara ging. Aber an der nächsten Ecke kam ihm der Zug schon entgegen. Männer. Frauen. Kinder. Unter hochgeschobenen Aermeln und abgeworfenen Jacken sah er blutig versträhnte Rücken und Arme, sah vor Schmerz leer gewordene Gesichter und hinterher Kosaken, die ihre Pferde antrieben auf ihre > Hacken zu treten. Er erkannte Sarah Bergmann, von der er wußte, daß sie ihren Mann aushtelt. Und Ruth Levin, die hungerte, um ihre kranke Mutter zu erhalten und Baruch Kußkeil, der sieben Söhne hatte und sieben Töchter und Wiena Scheye, die bekannt war durch ihre große Schönheit. „Dentt nicht an Euch — sonst ertragt Ihr es nicht. Seht aber von Euch selbst, sonst er-- tragt Ihr eS nicht! Denkt, daß wir zusammen gehören mit allen vor uns und nach uns. Auf uns liegt das Leid von Jahrtausenden und auch die —" „Schuld^, wollte er sagen, doch mitten im Worte fühlte.er sich gepackt und in ein Haustor geschoben. In wenigen Augenblicken war er durch verschiedene Türen, dunkle Gänge und Korridore, winklige Höfe und krumme Gäßchen halb geschleppt, halb gezogen worden und fand sich endlich in einem Boot wieder. Benjamin Levi stieß vom Ufer ab und setzte sich ihm gegenüber: „In einer Viertelstunde bist Du an Bord der „Wologda", Rabbi Du bist gerettet!" Und mit leuchtenden Augen warf er sich in die Ruder, daß das Boot dahinschoß wie ein Vogel im Flug. Rabbi Tagara kam nach und nach zur Besinnung. Cr sah die Hügel zu beiden Seite« des Wassers, dem funkelnden Tage entgegenstreben. Da hob sich eine Seele auf zu Gott. Doch als er sich ihm gegenüber fühlte, da war sie nicht voller Gesänge — da war sie voll Scham: Denrn er mußte an die Zurückgebliebenen denken. Und er rief den Gott seiner Väter an. im Geist und redete mit ihm. Und er sah an alles, was ihm im Leben mißlungen zu sein schien. Und der Glaube an sich und seine Berufung verlor sich langsam und stetig wie eine vergehende Flamme. Alles was er mit seinem Leben gewollt hatte, schien ihm unberührbar, fern vor ihm tu liegen. Und er verglich sein Wirken mit dem seines Vaters, und er erkannte wie anders der seinem Beruf als Rabbiner würdig geworden und so wie ein Baum mächtig und breit in den Aesten, Unzähligen Schirm und Schutz und Kraft und Wachstum verlieh. Er fühlte, daß er sein Lebensziel niemals erreichen könnte, trotz all seinem Wollen. Und warf sich die Frage in seine Seele, ob er dieses Geschenk des Lebens, das er noch bebend in sich hoch hielt, wie eine erlesene Gnade — einmal wert sein würde. Und sammelte allen Ernst und Siegeswillen in sich, dies Ziel, zu erreichen und sah den Kampf darum als den Inhalt der ihm noch zugemessenen Jahre vor sich. Sein ganzes bisheriges Leben durchstrich er wie einen ungültigen Schein und wollte neu anfangen und anders und garnichts hinübernehmen in sein neues Beginnen, als den Ernst seines Willens. Und er rief seine Mutter in sich an. Das Bewußtsein ihr Sohn zu sein, hatte ihn schon oft aus Dunkelheiten hinausgeleitet. Sie hatte ihm die eine große Wahrheit vorgelebt: Liebe ist alles. Es lohnt sich nicht der Mühe um alles andere. Alles kalte Tun ist dem Tode getan. Liebe bleibt, Liebe lebt, in Liebe sein ist im Leben sein, im ewigen Leben. Alle Rätsel lösen sich in dieser Wahrheit, alle Wege gehen von ihr aus und münden wiederum in ihr. Und plötzlich erschrak Mannes Tagara vor sich und vor dem was vorging. Halte er nicht soeben Gott für sein Leben gedankt und ihm Gegenleistung in Reinheit und Güte versprochen, während er seine Brüder und Schwestern allein gelassen hatte in der Stunde ihrer größten und schrecklichsten Not. Da fuhr ein Schrei mitten hinein in die Stille des rasch dahinjagenden Bootes: „Zurück!" Benjamin Levi begann zu zittern, aber er ruderte nur noch angestrengter, fanatisch im Eifer. Da fiel ihm Rabbi Tagara in den Arm- und entriß ihm nin Ruder und griff damit tief ins Wassersodaß das Boot in einem Augenblick kehrte und still lag. War er das? War das seine Mutter' in ihm, die zu dieser Stunde in ihm auferstand und sein Herz bewegte? „Rabbi" schluchzte der Junge, „es gilt Dein Leben!" Die Todesangst zuckte so sichtbar bei diesen Worten auS seinen Augen, daß Manuel Tagara davon berührt von neuem niedersaß und wartete bis ihr Boot an den Schiffbord stieß. Mit. ruhtggütigen Augen nickte er dem Jungen dann zu, gab ihm seine Brusttasche mit allem Geld, das er bei sich hatte, setztesich auf die andere Bank und griff nach den Rudern. Da weinte Benjamin Levi laut auf und umklammerte seine Knie. „Rabbi, wer bin denn ich? Denk, daß durch Dich die Menschen zu Menschen .werden, wohin Du auch kommst. Aus Güte komm mit und hilf den anderen, dort in der Ferne, die Dich noch nicht kennen. Sind denn die nicht auch Deine Brüder- und tragen das Leid der Menschen und das Leid unseres Volkes!" „Gewiß — aber noch sind sie mir fremd und noch nicht an mein Herz angewachsen, wie diese, zu denen es mich zurückzwingt, weil ich ihnen angehöre. Ich ' bin ihr Rabbi, das heißt ihre Seele — kann denn eine Seele sich auch einen andern Körper suchen, als den, den Gott ihr gegeben?" Da umarmte der Knabe Münuel Tagara in schwärmerischer E?tase, küßteihn-auf die Schütter und rief wieder und immer wieder: „Ich gehe mit Dir!" Da wurde Rabbi Tagara ernst: „Nein, Du sollst leben. Vielleicht — wir wissen nicht, was | geschehen soll, aber vielleicht werden wir alle, die wir hier verbleiben, getötet werden. Dann mußt Du der Träger sein und der Erbe von unserem Erleben. Es ist nötig, daß einer, der dies unser Schicksal bis auf den Grund durchgefühlt hat, in die Welt wiederkehrt. Du weißt, ich habe Euch immer gelehrt, daß wir zusammenhängeu wie die Wurzeln eines gewaltigen Baumes. Und daß es geringfügig ist, was aus dem einzelnen wird. Einzig notwendig aber, daß alle zusammen dem großen Ziele entgegen wachsen, das der Gott unserer Väter uns vorgeschrieben hat und von uns fordert. Greif Du nach dem unzerstörbaren Sinn meines Lebens und lebe für mich weiter". Da sagte der Knabe kein Wort mehr. Tränen, überströmt und doch mit leuchtenden Augen griff er nach beiden Händen seines geliebten Lehrers. Dann flog er die Sttickleiter hoch. Rabbi Tagara behielt einen Augenblick lang diese Stufen im Auge, die zum Leben aufstiegen. Der Gedanke an seine noch unvollendeten Schriften kam ihm, die seinem Volk neue Wege des Geistes weisen sollten — dem Ziele entgegen —: Andere werden dieselben Gedanken finden. Denn ich schrieb das nicht von mir allein. Ferne, einander Unbekannte arbeiten mit uns, es ist uns nur . nicht immer bewußt, wie sehr wir alle im Geiste Zusammenhängen. Er stieß das Boot ab und ruderte schneller und schneller. Deyn mit jedem Ruderfchlug wuchs in ihm die Scham, daß er Zeit verloren hatte von der kurz begrenzten, die ihnen allen vielleicht nur gesetzt war. Und er hob seine Seele aus sich heraus, und schickte sie weit voran: „Brüder, geliebte Brüder, ich bin bei Euch. Fühlt es doch nur, wenn Ihr mich auch nicht seht. Es sind ja Tiere, die Euch anfallen und keine Menschen. Betet zu Gott, daß alle Menschen zu Menschen werden. Daß dieses zum letzten Mal möglich sein konnte. Daß es sich nicht wiederholt. Brüder, liebe Brüder und Schwestern, haltet Euch nun, wo es doch zu allem andern zu spät ist, an das einzige, woran sie nicht rühren können. Fühlt. Fühlt den Rest dieses Daseins. Fühlt. Und weitet Euch so die Augenblicke zu Ewigkeiten!" (Schluß folgt.) Kissinger Sadebn'efe. Hi. Wenn man nach mehreren Wochen Ktssingen wieder Heimweh nach seinem lieben Frankfurt verspürt, so geht man an die Post, fetzt sich in den Auto-OmnibuS und fährt entweder morgens um neune oder nach, mittags um drei — nach Brückenau hinüber.. , Das ist zwar nicht sp leicht getan wie gesagt. Zunächst mutz man sich mindestens einen Tag vorher am Postschalter eine Fahrkarte besorgen. Kostenpunkt für die etwas mehr wie etnstündige Massenbeförderung nur Mk: 17.80. Diese Fahrkarte begründet aber noch lange nicht Deinen Anspruch auf einen Sitzplatz. Diesen mutzt Du Dir zur richtigen Zeit an Ort und Stelle, wiederum durch Geld und gute Worte, erst erringen. Hast Du aber ein Paketchen in der Hand, so nimmt es Dir der bebrillte Führer vor dem Eingang zum Vehikel höflich ab, legt es zuvorkommend auf das umgitterte Dach, und Du hast für diesen blinden - und stummen Passagier noch eine Extragebühr von Mk. 3—5 zu entrichten ... Hat man aber nach dem guten Kissinger Grundsatz r „Tue Geld aus Deinem BeutelV‘ diese ersten natürlichen Hemmungen verschmerzt, so ist man bald entschädigt durch das wundervolle Panorama, das sich dem Auge, kaum hat das Fahrzeug die Stadt verlassen, eröffnet. Rechts die zum Greifen nahen terrassenförmig bewaldeten Hügelketten mit den einzeln verstreuten rotbedachten Giebelhäuschen'und links die wetten Berge, auf die sich wie auf mächtige Mauern der Horizont neigt. Dann dichter Waid; bricht jäh ab vor einergrünstrahlenden Wiese, auf der Schäfchen, von der Kissinger Teuerung scheinbar noch ganz unbetroffen, gemächlich grasen. Die fränkische Saale plätschert und raunt alte Geschichten von Würzburger Lehnherren und von Schwedenschlachten, von den siegreichen Göbenschen Divisionen und dann von einem Manne, der hier alljährlich am ruhigen Gewäffer und am