Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1920)
- Date
- 1920-08-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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«eite 10 Nr. 82 Der JSraelit. Throne, der im Zeichen der jüdischen Lehre an Kraft und Glanz gewann, genossen, nachdem er sein Volk, von allen geehrt und gefürchtet, glücklich und zufrieden und immer tiefere Wurzeln im Boden der jüdischen Lehre schlagen gesehen hatte. Kurz davor hatte auch sein Freund und Berater Scmgcrt sein Erdenwerk vollendet und die Verwaltung seines geistigen Erbes Ben Chisdai überlassen. Alle Liebe und alles Vertrauen, die das dankbare Chasarenvolk für Bulan hatte, übertrug sich restlos auf das neue Herrscherpaar Saliman und Batsua, die in jüdischer Milde ein starkes jüdisches Volk regierten. Der Ehe entsprang ein Sohn, der den Namen Ob ad jah erhielt: Ein Obadjah, ein .treuer Gottesdiener war dieser auch, als er um 900 nach unserer Zeitrechnung den Thron seiner Väter bestieg. Wie in den Tagen dieses frommen jüdischen Regenten in den Straßen Balagars von Lehrern, die eigens aus den babylonischen Hochschulen hergeholt wurden, das Wort. der Lehre verkündet wurde, wie sich um diese Zeit Alt und Jung in Chasarien noch dem Beispiel des Königshauses der UeLung der Gebote und der Guttaten im Geiste der jüdischen Lehre befleißigte, wie schließlich diesem König am Ende gelang, die Verbindung mit der jüdischen Diaspora herzustellen, insbesondere mit den Juden in Spanten, die damals in Cordova unter R. Chisdajah Jzchak ben Sprut ihren Mittelpunkt halten, all dieses soll in einem zweiten Buche erzählt werden. Aber es schien doch, als hätte das starke, stolze Chasarenvolk mit dieser letzten Erkenntnis seine Mission auf Erden vollendet. Ilm 960 überzögen die Russen von Kiew aus das Chasarcnland mit Krieg, seitdem ging es rasch abwärts wit dem Chasarenland, bis dieses wie das ganze Gebiet am Kaspischen Meere dem mit weiten Armen in alle Welten ausgreifenden russischen Kolosse anheimfiel. Die Chasaren gingen aber nicht unter, sie wanderten nach der Krimdem Kaukasus, über die Karpathen, nach der Türkei und nach dem heiligen Lande, wo sie sich überall ihren jüdischen Brüdern in Liebe und Treue anschlossen und unter ihnen aufgingen. Ihrer ein gut Teil ging auch über die Pyrenäen nach Spanten, wohin sie mit anderen Kostbarkeiten auch die seinerzeit von Kaspt und Bolschan aufgenommenen Aufzeichnungen der Aussprachen zwischen Sangori und dem Chakan Bulan, die zum Urbertritte des Chasarenvolkes geführt hatten, Mitnahmen. In Toledo fand 200 Jahre später der große Gelehrte und Gottessänger Rabbi Jehuda ben Samuel Halevy, die kostbare Urkunde und gestaltete sie mit sehendem Dichterauge und schaffendem Melstergriffel so, daß uns die fünf Gespräche über das Wesen und Walten Gottes, den Sinn unseres Lebens und die Aufgaben Israels als Volk Gottes in arabischer und hebräischer Sprache unter dem Namen „Kusari" bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben find. Kissinger Vadebriese. Kissingen, Ende Juli 1920. I. Kissingen klagt über eine schlechte Saison. Der Fremde, der zum erste nmale hier ist, merkt es höchstens an dem ihm von jeder zweiten Billenfassade entgegenwinkenden „Zimmer frei". Im Kurgarten, am Brunnen und — in den jüdischen Hotels kann man sich das Leben kaum noch bunter und bewegter vorstcllen. Verwunderlich wäre der Rückgang immerhin nicht, bei den Preisen, die hier das Objekt der Fremdenindustrie, der Kurgast, für alle Gegenstände d>s täglichen und stündlichen Bedarfes zu entrichten hat, bei der hohen Kurtaxe, Wohnungssteuer usw. und bei der Fremdenpolitik, die heute in Bayern betrieben wird. In Kissingen selbst spürt man, im Sommer wenigstens, bis auf die Hakenkreuze, die gelegentlich zum Morgengruße für die Juden von loser Hand auf die Säulen der Wandelgänge gemalt werden, von der Judenhetze wenig. Der Knrdirektor,ein gewandter zuvorkommender Herr, meint: „Die Israeliten — er ist ein höflicher Mann und spricht nie von Juden, sonder« immer nur von „Jstaeliten" — sind uns von jeher liebe Gäste, besonders die vom Auslande . . . Die lesen doch wohl alle Ihr Blatt . . .?" Ich sprach auch den Herrn Direktor des Kurtheaters. Ein Theaterdirektor wie alle Thealerdirektoren, groß, glatt, schnurrbartlös, gewandt, heiter, höflich und kunstsinnig. Auch er meinte: „Ja, wenn es keine Israeliten gäbe . Wo käme da die Kunst, das Theater, die Bildergalerie hin"? Die Juden, pardon die „Israeliten", seien von jeher sein liebstes Publikum ... Es wurde mir mählich klar, daß man jetzt in Bayern Juden und Israeliten fein auseinanderzuhalten weiß. „Juden,— das sind .diejenigen, die man in München beschimpft und, sofern sie tandessremü sind, ausweist, interniert usw. „Israeliten" — das sind diejenigen, die man in Kissingen, im Sommer wenigstens, nicht entbehren kann... Wer also das Glück hat,, als „Israelit" hier im Sommer zu weilen, kann sich nicht beklagen. Die Verpflegung ist vorkriegerisch. Man kann auch allmvrgendlich Eier und Butter nach Herzenslust in beliebigem Matze verzehren — vorausgesetzt, -aß man ein liebes Familienglied oder einen guten Freund in Frankfurt hat, der gute Beziehungen zu Hessen oder Bayern hat , . . Man tut auch gut, sich sofort mit einem Bäcker in Verbindung zu setzen inbetreff „schwarzzebackener" weißer Brötchen, Marke: „Kosten, Nebensache". Denn das hiesige „weißgebackene" Schwarzbrot, d. h. das legale tägliche Brot, ist gerade gut genug, um noch in dieser Saison eine zweite „Kissinger Kur" dringend ' nötig zu machen ... Es wäre unrecht, den Hotelier dafür verantwortlich zu machen. Was er in den Hauptmahlzeiten aufbietet und aufbringt, rm den Kurgast für einige Wochen alle Miseren der „städtischen Verteilung" und der Hintenrumswlrtschaft vergessen zu lassen, vermag man erst richtig in seiner ganzen Bedeutung einzuschätzen, wenn man sich ein wenig in der Psyche eines Kurgastes auskennt. Sobald nämlich jemand mit seinem kranken Magen glücklich .hier gelandet ist, Unterkunft gefunden und seine Siebensachen zur Not ausgepackt hat, eilt er zum Arzt, der ihn auf Herz und Nieren, Lunge und Leber, Magen und Darm prüft und aüsforscht und ihn einem hochnotpeinlichem Verhör über sein Leben und Treiben von der Stunde seiner Geburt bis zur Stunde der Ankunft des Mittagszuges Schweinfurt-Kissingen, unterzieht. Als Resultat der Untersuchung bekommt der Delinquent ein allerliebstes, grüngelbes vierblättchenstarkes Heftchen in die Hand — sein „Schulchan-Aruch" für die drei oder vier Wochen der Kur. In schönem Fettdruck prangt auf der ersten grünen Seite dieses Zauberbüchleins das Wort „Verordnungen" für ... lfolgt eine Lücke, in die sich armselig der handschriftliche Name des Objektes, des Patienten, etnschtebt) von . . . (folgen in schöner großer Druckschrift, Name, Titel, Wohnung, Telefon, Sprechstunde des Arztes). Dein Schicksal, lieber Patient, beginnt erst auf der zweiten Seite und - nimmt seinen Anfang mit der „Brunnenkur". Du mußt .trinken... Bon den neun Zauberwässerlein, mit denen der Kissinger Boden gesegnet ist, sind — dem Himmel sei es gedankt — nur drei unterstrichen, natürlich der Rakoczy an erster Stelle und gnädig fällt auch die „Badekur" auf der dritten Seite deines Schicksalsbuches aus. Immerhin hast du, täglich zweimal, zu trinken, zu baden, zu laufen, dich in heiße Moorpackungen zu pressen, zu schwitzen, zu gurgeln . . . Und bet allem, Ruhe, viel Ruhe . v. . Du kommst vom morgen bis zum abend nicht zur Ruhe. Wirst frühmorgens gegen drei Uhr von einem nervösen Hahn, dessen Uhr mindestens um zwei Stunden vorgeht und dessen prophetisches, nicht gerade leises Tagesahren aus sämtlichen wohlgefüllten Hühnerställen Kissingens mit ebenso lautem Jubel beantrvortet wird, aus dem ersten Schlafe gerissen, wirst gegen 7 Uhr, kaum hast du die Tefillin abgelegt, mit „Lobe den Herrn" an den Brunnen zur Anbetung des „heiligen Rakoczy" gerufen, absolvierst dann den obligatorischen halbstündigen Eilmarsch mit dem Glas in der Hand durch den Kurgarten, stellst dich dann, nach verzehrtem Frühstück — aus hessischem Hamstergut — am Badeschalter in langer Reihe an und wartest geduldig eine Stunde, bis die Dame dich endlich eines Blickes würdigt, um dir eine Badekarte zu verabreichen, just für eine Zeit, da du nach den „Verordnungen" einer ganz anderen Sache verfallen bist . . . Proteste bewirken nur, daß die Dame sich ihren Kneifer zurechisetzt und zur Tagesordvung, d. h. zum Nebenmann, oder, wenn du der letzte bist, zum „spannenden Romane" übergeht. Der Vormittag ist schon vorbei. Man hat den Hahn verwünscht, hat getrunken, ist gelaufen, reihegrstanden, hat geschwitzt und Kohlensäure geschluckt. Und das grüne Vierblattbüchelchen grinst dämonisch: Ruhe, Ruhe, nichts wie Ruhe... Da hat aber zum Glückdas Heftchen drei volle Seiten, die der „A ch i l o l o gie" gewidmet sind, sie sind fein überschrieben „Diätkur". Diese sind der Trost, die Wonne des Kurgastes und — der Schrecken des Hoteliers... Was da für gute Dinge in verschwenderischer Fülle aufgesührt sind! O, wenn wir deren nur einen Teil in Küche und Keller statt auf dem grünen Papier __ 12. August 1820 hätten, wie pfiffen wir auf den Rakoczy und auf Kissingen,. . .! Milch, Chokolade, Kakao, Süßigkeiten, Eier, Butter, Käse aller Art zuck Frühstück, — zuck MtrtagSmahl ein Auszug auS derr Kochbüchern . bester Ausgabe. Secht, Forelle, Lachs, Beefsteak, Roastbeef, Hirn, Ente, ans. — Wird euch nicht der Mund wässerig, ihr Hungerleider in Frankfurt und Berlin, die ihr einen solchen grünen Zettel nicht besitzt? Wann diese wundervolle Auslese vom Arzte gesammelt, gesichtet und in Druck ferttggestellt wurde, ist nicht klar ersichtlich. Vermutlich lange vor der Blokade, denn als Nachspeise werden u. a. auch Ananas, Bananen, vor. geschlagev. Gegen Burgunder als Getränk Hat die ärztliche Verordnung, Abschnitt „Diätkur" ' nichts einzuwenden ... , - Nicht alles bleibt von diesen kulinarischen Genüssen in Druckschwärze zu Recht bestehen. Vieles — üstd oft das Beste — ist durchstrichen. Manches — und zumeist nicht das Beste — ist unterstrichen. Und mit dieser „Verordnung" in der Hand., tritt der Kurgast gegen ein Uhr, müde, abgehetzt, zerschlagen, verärgert, den gärenden Rakoczy tm Magen und mit aller Welt zerworfen, in den Speisesaal des Hotels, bindet er sich, d. h. schiebt er knisternd die Papierserviette in den Halskragen. „Ober"! Und mit dem grünen Heft in der vor Aerger zitternden Hand mustert er die Speisekarte, löffelt er die Suppe. Heiliger Himmel, erbarme dich des. geplagten Ober!, stehe bet dem grmen Restaurateur . . . „Nichts ist schwerer zu ertragen, Als eine Reihe von Juden mit krankem Magen .. Doch wo ein Wille, ist ein Weg. Und der Wille unseres Restaurateurs, der unser Gastgeber im jüdischsten Sinne des Wortes ist, ist einzig darauf gerichtet, seinen Gästen angenehme Kurtage zu verschaffen. Man muß es gesehen haben, mit welch feinem Takt er um die Essenszeit leise von Tisch zu Tisch wandelt, um überall nach dem Rechten zu sehen, sich nach dem Wohl — und Geschmack — der Gäste zu erkundigen, berechtigte und unberechtigte Beschwerden entgegenzunehmen und alle „Zwischenfälle" still und geräuschlos schon im Keime zu erledigen. Indes am Büffet die Hausfrau in der Mitte ihrer Helfersschaar mit rührigen Händen und scharfem Blick und stets lachender Miene mütterlich „haushält" und die Quelle, aus der die Hunderte im Saale genährt werden, beständig im Fluß erhält.. Es siegt etwas echt und recht Familiäres in der Art, wie der Gastgeber im Hotel Ehrenrcich, seinen Gästen entgegentrirt; ob er am Freitag abend im Hausminjan nach echt Frankfurter Zuschnitt, Marke Ntederhofheim, das Lecho daudi vorsingi, am Sabbatausgang seiner großen Familie Hawdoloh ausmacht, oder beim Glas Tee mtt.einem gelehrten Gaste ein Thorawort austauscht. Der Sabbat tm Hotel hat überhaupt seine eigene Note. An den kleinen Tischen bilden sich am Freitag abend die irgendwie Zusammengehörenden zu kleinen Familien. Jeder Tisch eine Sabbatstube für sich, wo Ktddusch gemacht, Schirhamaalaus gesungen wird. Auf manchen brennen sogar Sabbatlichter. Hier an einem Ecktisch, ganz unbemerkt, sitzt der Nestor der jüdischen Wissenschaft, Rektor Hosfmann mit seiner Gemahlin. Er ist hier ganz incognito, „der Professor". Bon Büchern hat er nur eines bei sich: ein Chumisch, um die Sidrah durchzugehen. Wem aber gegönnt ist, ein Stündchen in seiner Nähe zu weilen, der geht so „belesen" und angeregt von seinem Tische, als hätte er einen Tag in der Stadtbibltothek herumgestöbert. Und was er gibt, atmet volles Leben, sprudelt und perlt so frisch und klar, wie der Luitpoldbrunnen ... Am gegenüberliegenden Tische sitzt eine uns wohlvertraute Gestalt. „Unser Geheim rat", sagen die Frankfurter mit einigem Stolze. Man möchte ihm hier gern die wohlverdiente Ruhe gönnen und läßt ihn mit seiner Gattin allein, aber.es ergibt sich ganz von selbst, daß er über das gesundheitliche Soll und Haben eines jeden seiner Frankfurter täglich auf dem Laufenden bleibt und, wenn es nottut, ganz wie daheim, auch nachts geholt wird ... Schräg gegenüber haben vier würdige Herren einen Tisch ganz für sich annektiert. Ein rüstiger Greis hat das Wort. Prof. Simvnsen aus Kopenhagen. Ihm sekundiert Prof. Fretm ann aus Frankfurt, indes Oberrabbiner Chajes aus Wien auf Dr. Posnanski einredet. Der „Mekize Nirdam i m"-Verein in corpore. Er hat schon manches Gute and dem- Schlafe der Jahrhunderte geweckt. Ob es den Herren mitvereinten Kräften gelingt, nun auch den „Ober" auS seiner Lethargie zu wecken, daß'er ihnen das fällige Kompott bringt . . .? Es gibt hier außer dem Hotel Ehrenreich noch ein komfortabel eingerichtetes und vortrefflich geleitetes jüdisches Hotel, das man früher als „Pension Seelig" kannte und das nun> in neuen, schönen Räumen in prächtiger Lage, in jeder Beziehung auf der Höhe der Zeit steht. Auch dort ist man ist guter Gesellschaft von Frankfurtern und NtchtfrankMrtern bestens aufgehoben. Ein unter Aufsicht stehendes Restaurant galizischer Observanz trägt dem Geschmacks der Dstgäste Rechnung, von.denen noch in einem zweiten Bxiefe die Rede sein soll. , (Forts, folgt.)