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Der Israelit · 1920-08-05 · Heft 31 (5.8.1920) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 31 (5.8.1920)
Date
1920-08-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Der JSraelit. Me IQ fit. 31 _ Ruhe, die ihrem Wesen in letzterer Zeit ganz fremd war. „Du weißt es?" „Ja, cs ist, der Thronerbe Saliman ..." „Batsua!!!" Beide riefen es zur gleichen Zeit. Nechamah ergriff ihre Hand. Sie vermutete einen neuen Anfall, einen neuen Exzeß ihrer verworrenen Sinn-, der ihr sinnlose Worte über die Lippen jagte. Doch Ben Chisdai beruhigte sein Weib. „Es ist so, Nechamah, wie Batsua gesprochen". „Ich wußte es", sagte Batsua einfach, „wußte eS immer, aus mir heraus . . ." Nechamah schloß die Augen, sie mußte sich für den Zusammenhang der Dinge sammeln, für die Aufnahme der neuen Eindrücke, den nötigen Raum in ihrer Seele schaffen. Batsua dagegen war ruhig und seelenhetter. „Was soll ich Saliman sagen?", fragte Ben Chisdai. ,-Daß er nun dem Spiele ein Ende mache und uns uns selbst überlasse", bat Batsua klug und gelassen. „Das Spiel ist zu Ende, Batsua, und Saliman kommt in allem Ernst, sich sein Weib zu holen, das all die Zeit seiner gewartet". „Ben Chisdai! . . Auch Nechamah war jetzt erwacht. „Ja, Saliman freit um Batsua und an mir ist es, es ihr zu sagen". „Der Thronerbe, Chasariens künftiger CHakan, der Chasare?" „Ja, der Thronerbe, Chasariens künftiger Chakan, der Jude — er war es innerlich schon lange und ist es jetzt in aller Oeffentlichkeit — ,freit um sein jüdisches Weib, seine Königin..." „Saliman ein Jude?", brach Batsua hervor. Das wußte sie nicht, das hatte sie aus ihrem Innersten nicht herausgelesen . . - Sie lehnte sich im Polster zurück und weinte. Aber es war nicht mehr das krankhafte Weinen von gestern und vorgestern. Die Wogen, die durch ihr Inneres mächtig stürmten, waren über die Ufer getreten . . . Der Schritt Salimans erregte gewaltiges Aufsehen und machte Schule. Dutzende aus den obersten Schichten des Chasarenbolkes folgten ihm, sprachen im Rabbihause vor und ließen sich durch keine Entgegenhaltung zurückweisen. Sie bekannten sich als Juden aus tiefster Ueberzeugung und mußten schließlich als' solche, nach den nötigen Belehrungen und Vorbereitungen, anerkannt werden. Die Partei Hamenas hatte nach dem Tode ihres Führers den Kampf gänzlich aufgegeben. Unter solch günstigen Winden gingen die zwei letzten Aussprachen unter gesteigertem Zulauf glatt und glücklich vonstatten. Sangori berichtete in der vierten Aussprache über dir göttliche Waltung im Großen und im Kleinen und trat wirksam der halbheidntfchen Meinung entgegen, als könnte, der im Himmel thront, nur das Weltgetriebe im Ganzen leiten, ohne sich um das Einzelgebilde und sein Schicksal zu kümmern, woraus sich die Irrlehren der Zwischengötter und Mittler ergaben. -Gott ist die Seele der Welt und der Mensch nicht minder eine kleine in sich geschloffene Welt, vom Gotteslicht bis in die letzte Ecke durchleuchtet. Dem Gott des Aristoteles stellte er den von Abraham gegenüber. Der Philosoph forscht nach seinem Gotte, wie er nach Grund der Dinge und Ziel des Lebens forscht, weil ihm das Wissen um die Dinge als aller Ziele höchstes erscheint, unsere Väter und Lehrer forschten nach Gottes Walten, weil sie um ihn wußten und. auS der Erkenntnis seines Weseus zur Erkenntnis seines Willens und zur Anpassung dev Tat an diesen höheren Willen strebten. Die Philosophen reden der Enthaltsamkeit das Wort, weil Lebensgenuß dem Wiffen hinderlich im Wege ist, wir wollen auf dem Wege der selbsterziehertschen Enthaltsamkeit zur geläuterten > Sittlichkeit, zu einer menschenmöglichen Gottähnlichkeit gelangen - sie predigen das Gute, das heißt die Einfügung in den Mau der Weltordnung und Gesellschaft, weil in der göttlichen Natur ebenfalls alles aufs beste gerichtet und geordnet ist, uns aber zwingen höhere Beweggründe auf den Weg des Guten — weil Gott mit liebender Vaterhand all seine Geschöpfe umfaßt und damit uns alle zu Brüdern macht ... Die Rücksicht auf Staat, auf Gesellschaft, ist etwas, was der Mmsch erst verstandesmäßig, zu erfassen hat und so könnte sich denn jeder die Grenze seiner Pflichten selbst stecken und sein eigenes Bild vom'Bau der Gesellschaft machen, der auch übrigens nach Zeit und Umständen sein Gesicht ändert. Was aber göttlich in uns sitzt, wirkt und waltet ewig, treibt uns alle auf eine Bahn, die unverrückbar ist, wie Gott über uns unwandelbar ist. (Fortsetzung folgt). Sie Wen Tage Keffaw-Soser. Erinnerungen aus Alt-Preßburg von Moritz Freuder. (Schluß.) Professor Benedikt bleibt die Nacht in Preßburg.! Am nächsten Tage, Sonntags, ordnet Benedikt ein heißes Bad an. Dies geschieht gegen 9 Uhr vormittags. Nach dem Bade, um 11 Uhr, untersuchte er den Kranken, und sagte im berufsmäßig unbewegten Tone, der unheimlich gegen die Aufregung der ganzen Umgebung absticht: „Die Lungenentzündung schreitet auf beiden Seiten unaufhaltsam fort. Es kann noch höchstens zwei Stunden dauern." Ich sehe jetzt nach 48 Jahren di: ganze Szene klar vor mir. Der Gemeindevorsteher stürzt in namenloser Aufregung auf ihn zu, und stößt außer sich die Woret hervor: „Nicht wahr! Ich glaube kein Wort von dem, was Sie sagen. Der Zaddik wird 120 Jahre leben." Er faßt aber den sich zum Fortgehen wendenden klein gewachsenen-Professor Benedikt beun Arme und sagt: „Sie bleiben aber hier! Ich zahle, ivas Sie verlangen!" Dieser schiebt den Verzweigten mit sanfter Gewalt fort und verläßt das Haus. Es mar allzu währ. Zwei Stunden später um 1 Uhr beteten die Getreuen zum letzten Mate das Schema in Anwesenheit des so tief verehrten Rabbiners. Mehr als tausend Personen sagten laut schluchzend das Sterbegebet mit, die Zimmer, Gänge, Treppen und die Straße bis zum Schlesinger'schen Gasthaufe füllend. Der Tag — der 31. Dezember 1871 — war bitterkalt und düster. Von der Umgebung und auch von weiter Ferne kamen Menschen. Nun trug der Draht die Kunde vom Eintritte der Katastrophe nach allen Richtungen. Am Montag vergrößerte sich der Zuzug außerordentlich. Rabbiner" Dr. Hildeshernier kommt bei der bitteren Kälte aus Berlin in leichtem Sacoc ohne Winterrock an. Er hat die telegraphische Anzeige knapp vor dem Abgänge des letztmöaUchen Zugs erhalten und konnte nicht mehr in die Wohnung um den Winterrock eilen. . Dienstag um 9 Uhr morgens beginnt die Trauerhandlung. Die Bahre wird von der Wohnung bis auf den Friedhof getragen. Sie ruht als außerordentlich langen Stangen, damit möglichst viel Leute mittragen konnten. Die Schüler trugen die Hinterbliebenen Manuskripte vor dem Zuge vor. Die Schmerzenskundgebnngcu der jüdischen Bevölkerung tvaren erschütternd. Aus dem Friedhofe wurden ganze Schichten von Stroh aufgelegt, um die grausame Kälte des hartgefrorenen Bodens zu .mildern und die fast den ganzen Tag dauernde Trauerhandlnng für die Teilnehmer einigermaßen erträglich zu machen. Die erste Trauerrede hielt der Rabbi Fischmann s. A. Er begann mit dem Bibelverse: „Und es war am dritten Tage (Dienstag) und es waren da Töne und Gewitter und eine schwere Wolke lag auf dem Berge und es war erschüttert das ganze Volk, welches inr Lager war." Als Zweiter sprach der Bruder Rabbi Ak'ba Schreiber s. A, ferner Dr. Hildesheimer und Rabbi Dr. Guggenhtim-Kvlin. Erst bei einbrechender Dunkelheit wälzte sich die große Masse des Trauerznges in das Judenviertel zurück. Der von der bitteren Kälte und seelischen Erschütterungen Geprüften wartet eine neue Qual. Alle Lebensmittel sind von der Masse der Gäste aufgeb raucht; die meisten gehsn fastend zur Riche. ° Es folgte eine Trauerwoche, in welcher an sedcm Abende ein Trauergottesdienst in der großen Synagoge, verbunden mit der Trauerrede eines hervorragenden Rabbiners, abgehalten wurde. 5. August 1930 Allmählich unter der Allgewalt der Erfordernisse des Lebens, legte, sich der Schmerz von Angehörigen, Schülern und Verehrern und die Erinnerung wandelte sich von Trauer in. ein inneres weihevollesI Wiedererleben. (Dem ueugegiündeten, vorzüglich geleiteten orthodoxen Organe in B r at t'31 o b q | „Jüdische Presse" entnommen.) änderecke. Aus dem Sprmhbom der Weifen. Von Max Weinberg. Stufenleiter. Eisen den Stein zerbricht, Feuer macht Stahl zunicht, , Wasser macht Feuer tot, Wind macht dem Wasser Not, Mensch sich-des Windes wehrt, Furcht an den Menschen zehrt, Wein schläfert Furcht wohl ein, Schlaf macht zunicht den Wein, Tod stets den Schlaf umfängt, Guttat den Tod verdrängt. Leben. Das Leben, liebem Leute, Besteht aus Gestern, Morgen, Heute. Das „Gestern" verflogen, Eh' du's recht erwogen, Das „Morgen" verborgen, Du kannst's nicht ersorgen, Das „Heute" stets das flüchtigste, Und dennoch ist's das wichtigste. Arbeit. Als Gott zu Adam sprach: „Jetzt sollen Dtstelns sprießen, Und Feldes Kraut sollst du fortan genießen", Aus Adams Augen heiße Tränen fließen. „Ich werde dann vor Gram und Scham vergehen,! Soll mit dem Esel ich an einer Krippe stehen."! Sprach Gott: „Der Arbeit Schweiß wird dir das! Mahl versüßen"/ Und Adams Tränen hörten auf zu fließen. Geschäft. Wenn erst Große deine Ware kaufen, Kommt bald auch alle Welt gelaufen. Oben und unten. Gib, teures Weib, wo Not um Hilfe schreit, Und kannst du Elend; lindern, sei bereit, Vielleicht, daß unserm Kinde es einst frommt Und ihm, wenn Not ihm droht, zugute kommt,I DaS Rad des Glücks sich ewig dreht, Was eben hoch, bald unten steht. Sinnspruch Rabbi Jochanans. Wir alle hier sind Gottes Kinder, Ich btn's und du, und er nicht minder. Ob ich hier wirke still im Haus, Ob du ziehst in die West hinaus, Ob andre laufen im Gewühls, Nach einem und demselben Ziele, Und ob der Geist groß oder klein: — Nur muß die Absicht lauter sein, Denn soll sich Werk und Streben lohnen, So muß dir Gott im Herzen wohnen.

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