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Der Israelit · 1920-08-05 · Heft 31 (5.8.1920) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 31 (5.8.1920)
Date
1920-08-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 31 des „Waelit". Zm Zudenstaai der Chasaren. Historischer Roman ans dem achten Jahrhundert. (SL. Fortsetzung.) .Wie sich die Ueberlieferung von Mund zu Mund übertragen hatte, mußte noch Sangort in großen Zügen schildern. Er tat es übersichtlich und anschaulich nach Aboth, Mtschna, Talmud und dem Seder Olam, hielt sich bei bedeutenden Namen am Eingang von neuen Epochen, wie Simeon dem Gerechten, Hillel, Rabbi Jehuda Hanassi länger auf, um sie und ihre Zeit näher zu schildern. Das tragische Ende Rabbi Akkibas und seiner Freunde rief im Herzen der für jegliche Art von Heldentum äußerst empfänglichen Chasaren Töne höchster Bewunderung hervor. Zum Schlüsse regte einer der Räte an, auch die Karäer anzuhören. Laban aber ergriff das Wort, um die dritte Aussprache mit folgender Mitteilung zu beschließen: „Wir haben uns im Lhakanate in der Zwischenzeit viel mit der karätschen Lehre befaßt und gegen sie in der Hauptsache die Einwendungen Sangoris erhoben, die aber weder die Schriften der Karaim, noch sie selbst in mündlicher Aussprache befriedigend und erschöpfend widerlegen konnten. Eine erneute öffentliche Aussprache mit den Karaim hält daher der Chakan im Einvernehmen mit dem größten Teile seiner Räte nicht für nötg". XIX. Die Gärung im Lhasarischen Volk hatte den Höhepunkt erreicht. Es kochte und brodelte wie auf bewegter See. Für Einzelne war die dritte Aussprache bereits von durchgreifender Entscheidung.- Im Tempel des Sidharte lag beim Summen aller Gebetsmühlen der Pegan Hamenas, der nächst dem Ehakan höchste Würdenträger im Staate, auf dem Gebetteppich leblos zusammengekauert. Neben der Leiche lag die leere Schale, aus, der dex grüne Bodensatz auf den Boden träufelte. Er hatte, nachdem er seine Sache verloren gesehen, den Giftbecher genommen und bis zur Neige geleert. Keiner seiner Götter stand dem Armen bei, was noch den letzten Rest der Gläubigen aus dem Tempel scheuchte.-— Am Abend des gleichen Tages huschte ein SchaLLen an Batsuas Fenster umher. Machir stand da gedrückt mit gesenktem Haupte und flehte mit bebenden Lippen: „Noch einmal Batsua, zum letzten Male! Alles hat sich von mir abgewendet ... Willst du mich nicht anhören?" Batsua hatte das Fenster in dem blauen Sommerabend geöffnet, sah aber über Machir hinweg, in die Berge . .*. „Batsua, mein Spiel ist hier aus, meine Arbeit bei den Chasaren zu Ende. Sangori hat gesiegt ... Ich aber gehe . . . Willst du mich nicht anhören"? Batsua sah zu den Sternen über den dunklen Bergeshöhen und hörte nichts. „Komm' mit mir", flehte der Jüngling, „in die Heilige Stadt, du und ich, wir werden gesunden . . . Anan wird,uns helfen ..." j „Anan ist die Wolke, sie vergeht . . .", lachte das Mädchen schrill auf und schloß das Fenster. — — — Mit dem Morgengrauen sah man Machir in Begleitung etlicher Freunde, die geschnürte Ränzlein auf dem Rücken und das Buch der Schrift in der Hand, gen Osten abziehen. Keiner schenkte den Abztehenden irgendwelche Beachtung.-- Wenige Tage darauf klopfte ein breitschultriger Mann in langem, weitem Krtegermantel, an die Türe des in seine Bücher vertieften Rabbi Sangori. „Der Reibbi kennt mich nicht mehr"? Sangori sah dem Fremden scharf in- Gesicht. „Antlitz und Statur find mir nicht fremd, weiß aber nicht mehr genau . . . Doch was führt euch zu mir"? „Ich komme, um von euch in aller Form in den Bund Israels eingeführt zu werden nachdem ich innerlich diesem lange schon an gehöre". „Ihr wollt Jude werden"? „Ich bin es längst, trage auch bereits das Zeichen des Bundes an meinem Fleische und möchte nun aber noch aus euerem Munde meine Aufnahme in die Gemeinschaft und Gemejnde ausgesprochen hören". „Hört, Freund", sagte Sangori und sah dem Fremden, indem er die Hand sanft auf dessen Schulter legte, scharf in- Auge.. „Habt ihr euch gehörig geprüft, ist eS nicht ein äußerer Anlaß, der euch jzu diesem Schritt bewegt, ein persönlicher Vorteil oder gar die Liebe zum Weibe. . ."? Der Fremde schwieg eine Weile, dann sagte er laut und entschieden: „Was mich dazu treibt, einer der eueren zu werden, das ist die innere Stimme heiligster Ueberzeugung." „Wißt ihr, Freund, was ihr damit auf euch nehmt, den Haß der Welt. Israels Söhne sind verfolgt und mißachtet allerorts . . ." „Ich weiß es, Rabbi, zur Genüge, mein Herz hatte gesprochen, schon zu einer Zeit als die Juden auch bei uns noch nicht höher geachtet waren..." „Und Gott verlangt von seinem jüdischen Bekenner", setzte Sangori fort, „vtel§ ungemein viel. Habt ihr es alles, alles genau bedacht, guter Freund?" „Alles wohlbedacht, Rabbi, ich weiß eS: sechshundertdreizehn Gebote und Verbote, die ich alle im Einzelnen kenne"? „Ihr seid vorbereitet"? „Ja, vor Jahren schon saß ich zu eueren Füßen und lernte das Gesetz gleich den anderen". „Kosarios!", entsann sich Sangori und stand bewegt auf. „Wir hatten als« keinen Unwürdigen in unserer Mitte . . .?" „Wollt' sagen, keinen Verräter? Nein, einen Suchenden, der sich nun vollends zu euch gefunden, als erster: die anderen folgen.- Ich führte da» Heer in den Kampf und zum Sieg und komme nun als erster um den Siegesprets. Alle anderen, wie bei Ardilan, mir nach ..." Er warf den Mantel ab. Vor Sangori stand im goldgestickten Waffenrock der Thronerbe Saliman. Sangori erbleichte bis auf die Fingerspitzen. „Weiß der glorreiche Chakan Bulan um eueren Schritt?", brachte er mühsam heraus. „Ja, und er wird ihn gleich mir tun, nachdem die Aussprachen, da» was in ihm seit Jahren dunkel keimt, allgemach zur Ausreise bringen". „Gesegnet sei euer Kommen!", betete Sangori tränenden Auges. „Und ich darf jetzt, gleichen Glaubens, das jüdische Weib freien, das meiner harrt . . ."? Sangori erblaßte von neuem. Innere Beklemmung raubte ihm die Sprache. Also war , es d o ch das Weib, das hier bewußt oder unbewußt ein gewichtiger Wort mitsprach? Saliman kam ihm, als hörte er die ungesprochen gebliebenen Worte, zuvor. „Ich schwöre, Rabbi, nochmals, daß ich mit reinem Herzen zum Glauben Israels komme, daß meine Gotterkenntnis älter ist, als meine Neigung zu dem Weibe, von dem ich sprach und daß ich dieses Weib, seitdem ich meiner Gefühle erste Spuren entdeckte, nicht mehr gesehen habe, um die Erkenntnis in mir ganz unbeeinflußt ausreifen zu laffen". „Du bist unser Bruder!", begrüßte ihn Sangori mit beiden Händen, in Anlehnung an eine alte hebräische Formel. .*■£ *■» W» «■» —: Draußen umarmte Saliman Ben Chisdai. „Bruder!", gab er das Wort Sangori weiter. „Kann jetzt -as Geheimnis gelüftet werden? Kann endlich der Kosarios in sein Nichts versinken, daß das arme Mädchen, daS diesem Phantom nachhängt, gesunde?" „Es soll gesunden, führe mich zu Batsua". „Als Saliman?" Ben Chisdai sah mit großen, erschrockenen Augen zu dem Sprechenden, der im Glücke strahlte, hinauf. „Nein, noch einmal als Kosarios, denn diesem gilt ihre Sehnsucht, die ich bis ininnerste fühle. Dann werde ich gehen und du wirst die Aufklärung übernehmen und die — Werbung für mich . . ." „Werbung?" Ganz verständnislos sah Ben Chisdai zu ihm hin. „Du wirst ihr sagen, daß sie nicht umsonst auf mich gewartet, daß alle Scheidewände umgefallen, ich, der Prinz, und sie, meine Prinzessin, wir find eines Glaubens". „Unser großer Führer, unseres Landes Hoffnung, unser „Bruder", gab Ben Chisdai seinen ihn überwältigenden Gefühlen Ausdruck. «-« mm Wie Ben Chisdai mit dem Chasaren ins Haus trat, ging Batsua vom Fenster,' ein überirdisches Strahlen kam über ihr Gesicht, aber sie war ruhig, ging und sprach gemächlich und oegrüßte die Ankommenden mit ihrem Lächeln, das man lange schon bet ihr nicht mehr gesehen hatte. Vornehm und fast kühl trat sie dem Manne entgegen, als hätte sie erst gestern von ihm Abschied genommen, als hätte sie nie am Fenster geseffen und über die Berge hinausgesehen ... Und sie war beim Gespräche wie ehedem, mit allen Fasern ihres Herzens dabet, sie konnte wieder lachen. Wie vordem, saßen die beiden Männer auf der niederen Bank vor dem Kamin und sprachen von allerlei Dingen, während Batsua und Rechamah auf dem Polster zuhörten und durch Bemerkungen das Gespräch belebten. Es hatte sich fast nichts geändert. Nur, daß sie jetzt nicht von Glaubensdingen sprachen, auch nicht von Bagdad, Babylon und Wüste, sondern von den Kämpfen um Ardilan. Im Verhältnis des Mädchens zum Fremden schien sich nichts im geringsten geändert zu haben, als wären sie erst gestern voneinander geschieden. Der Chasare ging. Ben Chisdai blieb bei den Frauen. Nechamah brach zuerst das Schweigen. „Du sagtest uns nicht, Chisdai, wo und wie du Kosarios wieder entdeckt hast?" Ben ChtsdatS Erregung, da er mit zitternden Händen an die Lüftung der Hülle über dem Geheimnis gehen sollte, entging den Franen nicht. „Was ist dir, Chisdai?" „Ahnt ihr, wer dieser Kosarios ist?", stieß er rasch auf sein Ziel los. weiß es", erwiderte Batsua mit einer

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