Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1920)
- Date
- 1920-07-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 30 Dsr JSraelit. Sie letzten Tage Keffaw-Sofers. Erinilcrungcn ait^ Alt-Prcßburg boit Moritz Freuder. Hat ftch das Wesen der Autorität innerhalb des Kreises meiner eigenen Erlebnisse so grundstürzend verändern können? Welch tiefe innigqefühlte Verehrung konnte damals empfunden und so» eindrucksvoll geäußert werden? Wer ermißt -heute mehr den großen Massenschmerz, den Grad der öffenetlichen Trauer, als sich damals, un Winter 1871, die Schreckensknnde von Mmd zu Mund durch die gairze Preßburger Jndenstadt und voll da über die Grenzen der Stadt, des Landes sortpflanzte: Der Rabbi ist plötzlich erkrankt.. . . schwer erkrankt . . tode-krank! So kräftig und groß auch die majestätische Figur dieses wahren Fürsten der Thora gewesen ist, war es dennoch von jeher sehr schlecht mit seiner Gesundbeit bestellt. Dabei war sein Physikum noch durch das beispiellos emsige Studium der härtesten Belastungsprobe unterworfen. Schon viele Jahre vorher mußte er den Wiener Professor Oppolzer konsultieren, wobei sich folgender Dialog ergab: — Wie lange schlafen Sie eigentlich täglich? — „Drei Stunden, Herr Professor."- — Drei Stunden! Das können Sie llicht anshalten. Sie werdell einmal plötzlich nmafllen! Schonen Sie doch Ihr Leben! ----- „Was gewinne ich, wenn ich länger schlafe? Go lange ich schlafe, lebe ich ja auch nicht." Die traurige Vorallssage bestätigte sich. Eines Morgens, als der Rabbi inmitten seiner Andächtigen in seiner Wohnung das Morgenbebet verrichtete, tvährend des Schnwno Eßre sank er plötzlich ohnmächtig in den hinter ihm stehenden Armstuhl. Bald war der Gemeindearzt Dr Stern zur Stelle. Er ordnet sofortigen Aderlaß an. Der Rabbi, der :n halbbewußtem Zustand dalag, sagte ihm: „Doktor, überlegt Euch gut, bevor Ihr handelt. Ich erwäge jede Schaalo lange, beygr ich entscheide, hier handelt es sich um Dins nefofches." *) Dr. Stern hielt aber die Schröpfung für unerläßlich. Inzwischen wurde Prof. Durhek ketegraphisch berufen. Abends fand das Konzilium unter feinem Vorsitz statt, an welchem Dr. Steril und Dr. Gotthardt teilge^ornmen haben. Dabei durfte natürlich Niemand «nwesend fein; mich trieb aber die Sorge um das teure Leben dazu, zu. Horchen. Zwischen deil mächtigen Bibliotheksfchränken des Studierzimmers, wo die Beratung stattfand, führte eine Türe m ein kleines Gelaß, das in die Wohnungsappartements mündete. Hinter dieser Türe stand ich, angstvoll lauschend, und war von dem gewohnheitsmäßig kühlen Tone der Besprechung, die üfr mich ein Urteil , von schwerem Verhängnisse bedeutete, schmerzlich überrascht. Ich hörte von einem schweren Schlagnnfali mit linksseitiger Lähmung mit wenig Hoffnung sprechen. Später trat Dr. Gotthardt an' das Lager des bew-ußtlosen Rabbi „Erkennen Sie mich, Herr Oberrabbilier?" — Wer sind Sie? „Ich bin der Tr. Gotthardt." — Gott hat diel irr feiner Macht — flüstert» de» Rabbi. Dieses Wortspiel erzählte -ich gleich herum, und ward als ermutigendes Zeichen wiederkehre-nder Geistesfrische angenommen. In allen Synagogen wurde das Thilimgeöet angeordnet, das Tag und Nacht ohne Unterbrechung vis zu dem Tode des Rabbi verrichtet wurde. Telegramme aus allen Gemeinden Ungarns und zahlreiche telegraphische Erkundigungen ans dem weiten Auslande, die erwidert werd.n mußten, gaebn mir ein hartes Stück Arbeit. Ebenso der Empfang und die Anffchlußerteilnng an die von alten Richtungen herbeigeeilten Gäste. Eö traf der berühmte Rabbi Hillel Lichtenstein s. A ein. Er verrichtete am Lager des großen Kranken mit tiefster Andacht ein Gebtt, nutT traf einige Anordnungen. Er reiste darauf nach Budapest ab. Dann erfchieri die chrfurchtsgebieteude Gestalt des Preßburger Rabbinatsassessors Rabbi Rate Wolf s. A., der in feiner ernsten, ruhigen Weise vor dem Bette betete. Der Gemeindevorsteher Raphael-Philipp erschöpfte sich in rastlosen, keine Plag? und Opfer scheuenden Bemühungen, das kostbar? Leben zu erhalten. Nebst den Söhnen wachten Rabbi Wolf Schwarz und Moritz Bettelheim die ganze Zeit hindurch die volle Nacht bei dem Schwerkranken. Es kam ein trauriger Samstag. Die Straße war stets voll mit Menschen, welche sich da? letzte Bulletin mitteilten. Es herrschte eine ganz abnorme Kälte. In meinem Zimmer fror das Wasser in der Flasche. Der Zustano verschlimmert« sich uncuifhaltscnii. Man telegraphierte nach Professor Moritz Benedikt. Er kam Samstag RachtS; kam, sah und schlug uns nieder. Er teilte o»m Sohn? da« niederfchmitternde Resultat mit: Verloren! *) Urteil auf Leben und. Tod. (Schluß folgt) Mnderecke Zwei Rätsel. Bon Jehnda Halevy.*) I. Die Stirne von Eisen, Daß Brüder sich schieden- - Die Zunge zu preisen: Sie macht wieder Frieden. ('sbvW siH) 's ist ein Gefäß von ungemeßnen Tiefen, Doch faßt die kleinste Hand es gut; Und dennoch kann die Hand nicht prüfen. So nah' sie kommt, was in ihm ruht. *) Aus Bernhard, Jehuda Halevy. Lin Divan. Verlag von Erich Reiß, Berlin. Ich kann nicht. Von Heinrich Sinstädter. Falls du, mein junger Freund, so zu deinem Vater sagen möchtest, wenn er dir irgend einen Auftrag gibt, da würdest du wohl nicht gut dabei fahren V Und bei dir, liebe kleine Freundin, wage ich es garnicht anzunehmen, daß du diese Antwort überhaupt geben könntest. Aber bei Robert Körper war das etwas Anderes,- denn Robert, das einzige Söhnchen seiner Eltern war vyn frühester Kindheit an entsetzlich verwöhnt worden. Er wußte ganz genau, daß Vater und Mutter ihn nie bestrafen würden, und rechnete bei seinem ganzen Verhalten mit den Schwachen seiner Eltern. Als Robert noch "ein ganz kleiner Bub war, da antwortete er sogar in der Regel: „Ich mag nicht!" ' Erst als er etwas klüger wurde, sagte er dafür: „Ich kann nicht", was aber schließlich das Nämliche bedeutete. Sollte pr für die Mutter eine Besorgung machen, so hieß es: „Ich kann nicht!" Und weckte ihn der Vater morgens, damit er zur Synagoge gehe, so brummte er auch: -„Ich kann nicht", legte sich auf die andere Seite und schlief weiter. Die Eltern sahen wohl mit der Zeit ein, daß diese Art eine Unart war, aber sie vermochten nicht, Abhilfe zu schaffen. Da kam einmal in den Ferien ein Bruder der Mutter auf einige Wochen zu Besuch. Es gefiel ihm sehr gut bei seinen Verwandten, nur über Roberts Ungezogenheit ärgerte er sich häufig. Vergebens machte er seine Schwester darauf aufmerksam. Sie hatte schon zulange den Ungehorsam ihres Sohnes htngehen lassen und wußte nun nicht, wie sie ihn jetzt abstellen könnte. Da beschloß der Onkel, selbst einzugreifen, und er verstand auch, wie. das zu wachen war7 Schon bald nach seiner Ankunft hatte er bemerkt, daß Robert großes Interesse für das Fahrrad, auf dem der Onkel seine Ausflüge unternahm, an den Tag legte. Er besah es von allen Setten, fragte nach der Bedeutung jedes Teiles und bat oft um die Erlaubnis, einmal aufsteigen zu dürfen. Der Onkel sah, daß der Knabe sich schon bet den ersten Versuchen gar nicht schlecht anstettte, und lächelnd nahm er die Andeutungen hin, aus denen hervorging, wie gerne Robert ein eigenes Rad besitzen möchte; aber er stellte sich, als ob er sie nicht verstände. Ein Tages rief er seinen Neffen Heran, der sich gerade infolge eines unangenehmen Zusammenstoßes mit seinem Lehrer im Hause noch mürrischer und eigenwilliger zeigte als sonst. - '1. SS. FnlilSSQ „Robert, du mußt an die Bahn gehen und ,dort ein Gepäckstück abholen". „Ich kann Nicht", lautete die in unhöflichstem Tone erteilte Antwort, und der verdrießliche? Gesichtsausdruck sägte noch mehr als diese drei -Worte. . „So, kannst du wirklich nicht? Dann wird vielleicht dein Vetter Max können." Mit diesen Worten stand der Onkel auf und ging hinüber zu seiner änderen Schwester, deren Sohn auch in der Tat sogleich zum Bahnhof eilte. Robert bereute schon seine Unart, denn vor dem Onkel hatte er doch einen gewissen „Respekt". Aber er war zu eigensinnig, um das etnzugestehen. Er ging mit einer Miene im Hause umher, als ob ihm das größte Unrecht geschehen sei. Im geheimen schaute er aber oft hinaus auf die Straße, denn.er wollte doch sehen, was eigentlich so eilig vom Bahnhof abzuholen war. , Und sieh! Nach einer halben Stunde kam Max zurück und führte ein nagelneus kleines Fahrrad an der Hand. Und einige Minuten später konnte Robert schon sehen, wie der Onkel seinen überglücklichenNe'ffen im Fahren unterrichtete. Jetzt wußte Robert, daß das Rad für ihn selbst bestimmt gewesen war, und bald tönte das Haus wieder von seinem Heulen und Wehklagen. Das rührte wohl die Eltern, nicht aberden Onkel. Jene mußten ihm fest versprechen, nicht etwa selbst ihrem verzogenen Jungen ein Fahrrad zu kaufen, und sie taten es auch,- denn-fie:?sahen ihren Fehler ein. Robert aber bat und flehte vergebens, versprach und beteuerte vergebens. Der Onkel blieb fest: „Du bekommst vorläufig kein Rad! Wenn ich : im nächsten Jahre höre, daß du niemals mehr gesagt hast: „Ich kann nicht", dann erst lasse ich wieder mit mir sprechen". - Dabei blieb es, und -- Robert erhielt nach einem Jahre ein prächtiges Fahrrad. Da sprach er zu seinem Onkel: „Ich danke dir für Beides", und sein -Onkel verstand, was er damit meinte. Aber auch die Eltern waren ihm sehr dankbar,- denn ihr Robert war seit jener Zeit ein folgsames, braves Kind. Aus dem Spruchdorn der Meisen. Bon Max Weinberg Wer Gottes Lehre kennt und ihr zuwiderhandelt,^ Dem Schatzverwalter gleicht, der vor der Türe wandelt, Und dem sein Kaffenschlüssel gar nicht nützt, Weil er den Ladenschlüsse! nicht besitzt. Gott sieht zwar alles voraus, Läßt aber jeden gewähren, Zwanglos, nach eignem Begehren, Als wär' er Herr im Haus. Doch einstmals, nach diesem Leben, Da muß er Rechenschaft geben, Da wird all sein Tun gewogen, Und wird die Summe gezogen. Wenn selbst Gebete, die sich uns entwinden, Beim Vater droben keinen Einlaß finden, Auch dann find Himmelspforten nicht verschlossen Der Tränenflut, die' echtem Leid entflossen. Vertiefe dich in Gottes Wort Und xwend'es um nach allen Setten, Nimmst immer Neues daraus fort Und fühlst, daß Herz und Kopf sich weiten. .* » * Wir entnehmen diese Sprüche einem neuen prächtigen Buche des bekannten Verfassers der „Ewigen Weisheit", Max Weinberg, der unter dem oben angegebenen Titel (beim Phil o-B er lag in Berlin) eine überreiche Fülle taimudtscher Sprüche, Fabeln, Parabeln in reizender poetischer Uebertragung neuerdings dem jüdischen Publikum geschenkthat. Wir werden unsren jungen Freunden in der „Kinderecke" noch weitere Proben aus dem wundervollen Buche vorlegen, das sich jeder und jede von Eltern oder Freunden als "Geburtstagsgeschenk, als Jomlowgabe erbitten sollte. Die älteren Knaben sollen dann nach den beigesttgten Quellenangaben sich die Stellen Im Talmud und Midrasch aufsuchen und sich an Original und Wiedergabe erfreuen.