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Der Israelit · 1920-07-29 · Heft 30 (29.7.1920) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 30 (29.7.1920)
Date
1920-07-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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1 '■■am Zm Menstaat der Lhasaren. Historischer Roman auS dem achten Jahrhundert, (24. Fortsetzung.) Näheres wollte Bulan über Gott als Weltenlenker wissen. ' - Sangori, auf diese Frage vorbereitet, beantwortete sie klar und erschöpfend mit dem Hinweis auf die Natur, auf die organische Welt, wo alles in Harmonie miteinander arbeitend, auf den obersten Lenker und Leiter deutet, der kein Glied und kein. Rädchen in der großen Weltmaschine unnütz und an den Unrechten Platz gesetzt. Die Erscheinungen, losgetrennt vom obersten Willen des Weltenlenkers, in ihrer Alleinherrlichkeit und Alleiywirkung zu bewerten und zu bewundern, das war und ist der Lebensirrtum derer, die in ihrem Unvermögen, das einigende All und den über dem All zu erfassen, in der Naturanbetung stecken blieben oder mit ihrem Blicke an den Himmelskörpern und deren Abbildungen haften blieben. Elemente und Naturkräfte so für sich allein und auf sich gestellt, in unser Leben eingreifen lassen, hieße, in Abwesenheit des Arztes in seiner Arzneikammer die Heilmittel kenntnis- und wahllos zur Anwendung bringen ... Es Wird dies in dem einen oder anderen Falle eine Wirkung erzielen, tmi-Ganzen muß es zum Unheile-, führen. Der Götzenglauben begann immer damit, daß die Menschen über der Erde und ihrer Fülle, dem Himmel und seinem Glanze, den vergaßen, der mit einigender Hand das Ganze zusammenhält, und jedem Teil Ziel und Richtung gibt. Vorübergehend auch bet uns. Es bedurfte der starken Führerhand, die nach oben wies. In Abwesenheit Mosis entstand das „goldene Kalb". Das gab das Stichwort, auf Israels Werden näher etnzugehen. San gort erzählte wie Israel sich zwischen Zeichen und Wundern, Abirrung und Wiederkehr, zu Gott heimgefunden und schloß mit einer feurigen Schilderung des Wunders aller Wunder, der Gesetzgebung am Sinai und einer kurzen Beleuchtung der zehn Worte in ihrer grundlegenden Bedeutung für unser häusliches und Gesellschaftsleben und die geistige Wiedergeburt der-Welt. Stille Ergriffenheit herrschte im Kreise ringsherum. Es schien, als würde die Bergzacken hinter dem Gaba rot auflammen und donnerte es durch die Luft: „Ich. bin! . . ." XVIII. Die Wirkung der ersten Aussprache war gewaltig. Hamenas und Mtlkamin riefen das Volk in die Tempel der Götter, drohten mit dem Zorn Sidhartes und versprachen alle Seligkeit der Erde und des Himmels denen, die zum alten Götterglauben hielten. Nur Wenige folgten ihrem Rufe. In großen Massen drängte sich aber das Volk in die Gärten und Hallen, wo gelehrte Männer, Juden und Chasaren, aus der Schrift der Juden über Schöpfung, Menschentstehung und Werbung des jüdischen Volkes lasen und Gesetzesvorschriften und Weisheitssätze vortrugen. Inzwischen ließen sich Viele der Gebildeten und Vornehmen durch Kundige an die Urquelle der Schrift führen und lernten die hebräischen Zeichen und Laute. Pusan selbst hatte dieses . 30 des „Bmelit". längst getan und hatte dabei am Thronerben Saliman einen sicheren Leiter. Nach acht Tagen wiederholte sich daS Bild auf dem Ehakanatenhügel und diesmal war der Zulauf auf den Zühörergalerien so groß, daß Soldaten Ordnung halten mußten. Sangori erläuterte im einzelnen die Namen und Eigenschaften Gottes, sprach über die Bildhaftigkeit des Gottesbegriffes< in der Sprache der Bibel, auch über das Verhältnis Israels zum heiligen Lande, das Wesen der Prophetie, die an den heiligen Boden gebunden sei. Von heiliger Begeisterung beschwingt, ward die Sprache Sangorts als er die Opfer in ihrer tieferen Bedeutung als Annäherung an Gott und das Hinaufwachsen des Menschen in Gotteshöhen schilderte. Das Zeichen des Gottesbundes an uns, die Miloh, gab Sangori Anlaß, von der Weihe unseres Leibes für den höheren Dienst Gottes zu sprechen. Warum aber dann Israel unter allen Völkern am meisten zu leiden hätte, wollte Bulan wissen. „Weil",, antwortete Sangori, „Israel das Herz der Menschheit ist, das auf jeder Unstimmigkeit im Organismus zunächst reagiert und den Schmerz zuerst und am bittersten empfindet, was allein der Sinn das Prophetenwort in Amos sein kann : „Nur euch habe ich auserkoren von allen Familien der Erdedarum suche ich euch heim". Ist einmal der. Organismus gesund, der Heilpxozeß an der Menschheit vollführt, dann jubelt das Herz, ist Israels Erlösung da. Darum beten wir an den heiligsten der Tage: „Laß die Furcht vor dir all deine Werke beseelen, sie alle einen Bund machen usw.", dann erst: „Laß Ehre deinem Volke werden". Und zuletzt als höchste Steigerung: „Und so mögen die Gerechten sehen und frohlocken . . ." .Der Chakan wünschte, daß diese Worte im hebräischen Urtexte vorgetragen werden und Sangori mußte hernach eine Abhandlung über die Heiligkeit und Ursprünglichkeit der hebräischen Sprache daran anknüpfen. Daß sie heute in ihrer Fülle und Geschmeidigkeit dem Arabischen nachstehe, komme daher, daß die Sprache wie das Land das Schicksal des Volk's teilen. Der Naturlaut, der aus vielen Stammworten der Bibel heute noch herausklingt, deutet klar darauf hin, daß die ersten Menschen in ihrem ersten Gottahnen und Naturerleben in dieser heiligen Sprache dachten und sprachen. Nach der babylonischen Sprachenverwirrung entstanden das Aramäische, das bereits Abraham in Ur KaSdim sprach und durch Jsmael düS Arabische, wobei aber ln gehobenen Momenten und zu höheren Zwecken immer noch das Hebräische als heilige Sprache diente--- Den Reichtum und die Fülle, die Schönheit und Genauigkeit des Ausdruckes lernen wir an der Ouelle kennen, etwa im Berichte über Stiftshütte und deren Geräte, oder wenn wir uns in die Gedankentiefen des Job-BucheS versenken, die Trostworte eines Jesajas auf uns einwirken oder die Psalmen Dawids in unserer Seele widerklingen lassen. Ergriffen, von einer niegekannten Weihe durchzittert, lauschten sie im Kreise auf die Proben die Sangori zum Abschluß der zweiten Aussprache aus Propheten und Psalmen in hebräischer, arabischer und chasarischer Sprache vortrug. „Ich erhebe meine Augen zu den Bergen.." /Und wie ein leises Donnern war hinter den Bergen hörbar... Die hier gehörten Worte waren doch etwas anderes als das tote Gemurmel der Gebetmühlen, als der näselnde Gesang der Priester und zündete bis in die Seele. Alles hatte auf einmal Sinn und Leben erhalten . . . Die dritte Aussprache nach Verlauf von wetteren acht Tagen brachte eine Ueberrafchung, auf die Sangori nicht gefaßt war. Bulan wollte Auskunft haben über die K araim^und deren Lehre, die ihm inzwischen zur Kenntnis gekommen war und ihm in der Hauptsache gar nicht übel zusagte, da sie ihm ein natürlicheres, vereinfachtes Judentum schien. „Machir" war der erste Gedanke Sangoris, und es fiel ihm ein, was er von Ehisdai über die letzten Pläne deS jungen Karatten hörte. Auch der Fremde, der „Abgesandte der Bene Mikra" aus der Krim war wieder in der Stadt gesehen worden. Man hatte die Beiden sogar im Chakanate gesehen, wo sie Unterredungen mit Taban hatten. Im Nu hatte Sangori den Zusammenhang der Dinge erfaßt und straffte sein Rüstzeug zusammen. Die Richtigkeit und Verbindlichkeit der mündlichen Ueberlieferung sollte er den Karaim entgegen beweisen. Allein, wo setzte der Zweifel der Ananpartei ein? Bet der mündlichen Lehre, indes sie auf dem Boden der schriftlichen Lehre zu verharren behaupten. „Wer verbürgt ihnen aber die Richtigkeit dieser schriftlichen Lehre, das heißt unserer Leseart deS Schriftwortes f Das Buch der Lehre ist uns von Moses unpunktiert, ohne Akzente und Zeichen übergeben worden. Die Weisen der Messora umgaben sie erst mit den nötigen Punkten und Zeichen, nach der Lehre, die sich von Moses her bei den Priestern und Gelehrten erhalten, und ermöglichten uns erst das Lesen und Verstehen der Schrift. Ohne Messora könnte jeder jeden Satz, so lesen, wie es ihm gutdünkt. Die Karaim lesen die Lehre mit uns, getreu der Messora, also nach der mündlichen Ueberlieferung, um dann mittels der Ueberlieferung diese und uns zu bekämpfen- Gesetzt aber die Karatten erkennen den Text an und lehnen-seine Deutung als Etgendeutelei ab. Wie wollten sie mit dem Gesetze ohne nähere Erklärung, ohne Ausdeutung auskommen? Wenn Gott beispielsweise kurz sagt: „Dieser Monat ist euch Anfang der Monate", ist damit ein Monat des ägyptischen Kalenderjahres gemeint, oder des kasdäischen, daS schon Abraham bekannt war, des Sonnen- oder Mondjahres? Wie wäre^. aus dem Schriftwort die Art des Schächtenzu entnehmen, das kurz sagt: „Du sollst schlachten und.Fletsch essen?" Wie wollten sie die unreinen Vögel außer den wenigen in der Schrift genannten bestimmen? WaS ist „Arbeit", die am Sabbat verboten ist und was ist „Ort", den man an diesem Tage nicht verlassen soll? Wie gelangen wir ohne Ueberlieferung zu den einzelnen Ausführungsbestimmungen der Beschnetdung, der Laubhütte, zur Handhabung des Erbrechtes, der Gerichtsbarkeit, wie sie in der Schrift nur im Ganzen, in großen Zügen angedeute^ist? Wahr ist, daß auch die Karaim ihre „mündliche Lehre" haben, eine eigene, neue Lehre, die mit der lebendig von Mund zu Mund, von Generation zu Generation gehenden Ueberlteferung nichts gemein hat, ein Menschenwerk, zu Etgenzwecken geschaffen und darum voller Lücken und Widersprüche. Ist es nicht zum Exempel absonderlich, daß die Karäer in Anlehnung an ftüheren Sekten daraus aus sind, das Wochenfest auf den unserem Feste folgenden Sonntag zu verlegen, ohne daß ihnen ein Zweifel darüber aufgeht, ob der „dritte Monat" und der „erste Monat", von dem die Zählung ihren AuSgang nimmt, überhaupt Nissan und Siwan entsprechen, ohne überhaupt in unsere Kalenderberechnung, die ja auch nur Ueberlieferung ist, irgend Zweifel zu setzen? Die verwerfen den Glauben an die Weisen und halten doch starr am Glauben an eigene Lehren, die sie sich auf der Grundlage der gleichen überlieferten Weisenlehren zurechtgestutzt haben". (Fortsetzung folgt).

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