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Der Israelit · 1920-07-22 · Heft 29 (22.7.1920) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 29 (22.7.1920)
Date
1920-07-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Sette 10 Nr. 39 Zionide. Von Aehnda Halevy. Könnte ich wandern über die Stellen, Wo der Herr sich so herrlich gezeigt, Wo er in Flammen sich, strahlenden, Hellen, Deinen Priestern und Sehern geneigt! Flügel, wer gibt mir mächtige Flügel, Daß ich mich schwänge zum Lande der Lust, In eure Riffe, ihr zackigen Hügel, Trüge die Risse der leidenden Brust. O, dann stürzte ich jubelnd nieder, Meine Arme griffen das Land, Streicheln würd' ich die Steine, die kalten, Schmeichelnd würd' ich dich faffen und hallen — Du der Heimat glühender Sand! Wie erst, stund' ich dort an den Grüsten, Die mir künden der Väter Gruß, Könnte durchwandeln in Hebrons Lüften Stolzeste Gräber mein zagender Fuß! O, dann schritt' ich durch deinen Garten, Ginge waldüber nach Gilead, An deinen Bergen und Felsenwarten Staunt' ich die durstige Seele mir sali. Hör, Abarim, o ewige Wonnen! Mose und Aron, begrabene Sonnen, Leuchten und Lehrer, wo finde ich euch? Seelenlabe sind deine Lüfte, O du hvchgesegnetes Land, Deine Ströme sind Honigdüste, Myrrhe spendet dein wirbelnder Sand. Doch das süßeste Sehnen für immer Bleibt bei deinen Hallen steh'n, Zion, über deine Trümmer - Möchte ich nackt und barfuß geh'ti; Sehen, wo die heilige Lade Am geheimsten Orte stand, Wo im stolzesten Flügelrade Man die goldenen Engel fand! Herunter das Haar vom lockigen Haupt, Herunter dir von der Stirne geraubt Des Reifes goldene Bande! Fluch dem Geschicke, Fluch der Zeit, Die heilige Häupter so schmählich enttveiht » In schmacherfülltem Lande! Essen und Trinken, wie kann es mir munden? Deine Löwen seh ich zerbiffen von Hunden, Deine Aare zerrissen von gierigen Raben — Licht des Tages, wie kannst du mich laben V Ha, du Becher des Grams, Fort mit dir, laffe mich los! Angefüllt ist meines Leibes Schoß Schon längst mit bitteren Gallen! Um Israel hob ich den Kelch zunr Mund, Um Juda leert ich ihn bis zum Grund, Kein Tropfen der Hefe gefallen! Zion, Zion, du Krone der Zeit, Schönheit und Liebe find dein Kleid, So hältst du die Kinder gefangen; Sie lachen mit dir zur Lachenszeit, Sie stöhnen um dein bitteres Leid, Um dein Ende tropfen die Wangen. Sie schmachten aus Kerkersnöten empor, Sie neigen sich deinem ewigen Tor, Wenn ihre Gebete trauern. Deine irrenden Herden allzumal. Verjagt vom Berg ins dunkle Tal, Ach, seh'n nur deine Mauern! Sie klammern sich fest an deinen Saun«, Und hoch in den schwankenden Wipfelraum Deiner Palmen greisen die Hände: O Sehnsucht sonder Ende! Wohlan, wer will sich messen? Ha, Patros, Schinear, Wagt ihr's? Habt ihr vergessen, Vergessen ganz und gar Das heilige Zionpriesterkieid 7 O über eure Nichtigkeit, Und eure morsche Größe! Nein, neben dich kann niemand treten, Kein König kommt den deinen gleich: Was sind die Allerweltspropheten Vor deineur hell'gen Priesterreich? Ach, alles stürzt von seinen Thronen, Es sinkt der falschen Gäter Recht, Doch ewig bleiben deine Kronen, Dein Schatz ins tausendste Geschlecht! Du Gottessehnsucht, Menschensehnen! — Wem deine Mauer wieder Heimat bot, Heil ihm und wer durch Sehnsuchtsrränen Erblickt dem ew'ges Morgenrot! Dein Morgenrot, da alle Wolkeu fallen, llnd hundertfacher Glanz vom Himmel bricht, Da deine Kinder janchzend heimwärts wallen, Und in des Jauchzens Hall und Widerhallen Ausstrahlt dein altes königliches Licht! - Der JSraettt. Die vorstehende formvollendete Widergabe der bekannten Jehuda Halevyschen Zionide, die den Höhepunkt unserer Ttscho be'aw-Liturgie bildet, ist den« soeben bei Erich Reiß, Verlag, in Berlin erschienenen Gedichtband von Emil Bernhard: „Jehuda Haleny, Ein Diwan" entnommen. Dem Verfasser ist die Einfühlung in des Dichters Gedankenwelt meist trefflich gelungen, und er verfügt auch über den dichterischen Schwung, der die Uebersetzung zur Nachdichtung werden läßt. Das Buch, trefflich ausgestattet, sollte ein jüdisches Hausbuch werden, soweit wenigstens der durch die Ausstattung bedingte Preis (28 Mk.), daran nicht hinderlich ist. Wir behalten uns vor, die eine oder andere Probe unseren Lesern noch zu unterbreiten. Angefügt ist eine fesselnde Lebensbeschreibung Halevys und ein Quellennachweis. Am Tifcho boav. ‘ Bon Heinrich Cinstövter. W Es ist Abend. Die kleine Gemeinde hat sich in der großen Synagoge zur Andacht versammelt. Gespensterisch flackern hier und dort die Flämrnchen einiger Stearinkerzen empor. Der größte Teil des weiten Raumes bleibt in Dunkel gehüllt. Noch vor fünfzig Jahren war das anders. Damals bestand die Gemeinde noch aus über . vierzig Familien. Heute sind es nur zehn Männer, die sich zur Andacht zusammenstnden. Kurz vor Beginn des Gottesdienstes tritt noch ein Fremder ein. Es ist wohl ein Badegast aus dem nahen Kurort, der hier den Tifcho boav begehen will. Die Städter haben manchmal solch sonderbare Ideen. Man kümmert sich nicht weiter um ihn. * Ein Greis tritt vor das Pult des Vorbeters. Wehmütig, ja traurig tönt sein Vortrag. Nach dem Hauptgebet setzt er sich auf die Stufen vor dem Araun hakaudesch und stimmt Jirmijohus Klagelieder an: '„Ach, wie sitzt so einsam!"-— Still verlassen die Männtr nach beendigtem Gebete das Gotteshaus. Sie zerstreuen sich, ohne ein Wort mit einander zu wechseln. Der Fremde macht sich auf den Heimweg. , Dem Flusse entlang schreitet er dahin. Dann biegt er seitwärts ab. Nach einigen Minuten steht er vor einem Eisengitter, durch das lange Reihen von Gräbern zu sehen sind. Er verläßt den Weg und folgt dem Seitengitter des Friedhofes bis zu dem älteren, höher gelegenen Teile. Der Mond beleuchtet hell die Denkmäler. Dort, wo nahe dem Zaune ein großer, oben abgerundeter Sandstein steht, macht der einsame Wanderer halt. Er befindet sich an der Ruhestätte seines Vaters. — Lange steht er da, gedenkt der Sünden seiner Jugend. Erweckt in sich die Erinnerung an den Kummer, den er dem Vater bereitet, und ftihlt aufs Neue die Reue wie vor vielen Jahren. Bekräftigt wieder die guten Vorsätze, die er damals gefaßt, und fühlt Befriedigung darüber, daß der Vater ihn noch auf besseren Wegen gesehen. Dankt Gott, der da „stärkt die Hände, die schaffen, und festigt die wankenden Kniee". Sieht vor sich, einen breiten Weg, einen heiligen, auf dem einst „die Befreiten des Herrn zurückkehren werden. Sie kommen nach Zion mit Jubelgesang, über ihren Häuptern ewige Freude. Wonne und Seligkeit werden sie erlangen. Dann fliehen Kummer und Seufzer". —- 3m ' 7 Ungarn. (Schluß). Tie Hauptanskister des Terrors find Offiziere, für die man in der Armee keine Verwendung mehr hat und die sich ihren Lebensunterhalt durch Plünderungen an Juden erwerben. Tiefe Offiziere gehören verschiedenen Detachements der nationalen Armee an, diese Detachements aber gehen ganz unabhängig vom obersten Militärkommando vor- Ihre Anzahl dürste kaum nrehr als einige tausend Personen betragen, sie handeln jedoch mit einer solcher! Dreistigkeit, Entschlossenheit und Rücksichtslosigkeit, daß die Regierung es nicht wagt, gegen sie einzuschrerten. Tie Regierung leugnet, daß es einen weißen Terror gibt, denn damit entschlägt sie sich der Verantwortlichkeit. Sie kennt aber genau die wiederholten Gewalttätigkeiten und tut nichts, sie zu unterdrücken. Sie hat kein > 22. Juli I92t) Wort der Verrtrsteilinig gesprochen, macht auch keinen ' Versuch, die Uebeltäter zu bestrafen. Im Gegentsil, verschiedene Mitglieder der 'Regierung haben die ' ärgsten Gewalttaten gegen die Inden ermutigt, und der Laudesverweser Admiral Horthh bat tatsächlich einen der blutrünstigsten Rädelsführer, Hauptmann Pronah, zum Major befördert. Es wird erzählt und klingt auch glaubhaft, daß nicht alle Offiziere Anhänger des Blutvergießens und der Plünderungen sind; imd es sind auch Fälle zu verzeichnen, wo Soldaten und Bauern dem Befehl der Offiziere. Prvgrome zu veranitalten, nicht nachkamen. Unglücklicherweise sind dies aber Ausnahmsfälle. Ich verbrachte mehrere Stunden unter den Flüchtlingen und Allsgewiesenen der benachbarten .Städte, die' unter polizeilicher Aussicht in einem Internierungslager (in einer jüdischen Schule) beherbergt werden,' bis ihr Schicksal entschieden wird. Tie aus Polen oder Galizien stammen, werden in ihre Geburtsorte znrücktransportiert. Hier sind aber eine Anzahl Juden, die in Ungarn geboren wurden und dennoch von ihrer Heimat verbannt werden. Weder auf das Alter, noch auf das Geschlecht wird'Rücksicht genommen. Alt und jung, Männer und Dränen werden'eilends inmitten der Nacht aus den Städten und Dörfern, wo sie seit Jahrzehnten rin nützlrches und friedliches Leben führten, verschleppt. Manche von ihnen hatten Bettzeug, andere wieder verschiedene Haushaltnngsgegenstände mitgebracht. Ta war eine Witlve mit'fünf kleinen Kindern, deren Mann auf deln Schlachtfelde gefallen war. Da war.eine junge Mrrtter, die acht Tage vor der Vertreibung emem Kinde das Leben gegeben hatte. Das Baby war ein schwaches, elendes Wesen, unbewußt der grausamen Welt, in der cs geboren ward, doch ein Trost ftir die gequälte Mutter. Manche der Kinder balgten sich im Schulhof, ohne den tiefen Kummer ihrer Eltern zu ahnen. In einem der Schulräume bcgegnete ich einem Vater, der heftig gestikulierend seinen Sohn im Talmud unterrichtete und der mich kühl informierte, daß er die Talmudstelle, bei der sie „zu Hause" stehen geblieben waren, mit seinem Sohne wiederhole. Das ist der Geist, den ketll Terror eindämmen kann. Trotz all den Bedrückungen, rühren die Führer der ungarischeil Jndenschaft nicht einen Finger, um sich zu' verteidigen oder ei« drohendes Urmlück abznwenden. Die ungarischen Jttdeu rMnften sich stets eines riberpatriotischen Magharentums und bleibe» diesem Bekenntnis treu bis ans Ende. Tie Führer sürchten, daß der rrngarische Ehrenschrld besudelt würde, meint sie ihr Leid' der Welt bekanntgeöen würden, und sind stumm. Ja sie leugnen sogar, daß hier irgendwelche nennenswerten Verfolgungen statigesnnden hätten. „Einige hundert galizische Juden, laßt sic gehen!" sagen die Vertreter der ungarischen Judenheit. Sie ermutigten sogar die Regierung, die galizischeu Juden, die nach Ausbruch des Krieges in Ungarn Zuflrlcht gesucht hatten, zu vertreiben; sie bedachten aber ilicht, daß das Oel, das sie irr die antisemitische Flamme gossen, einen großen Brand verursachen könnte, der ihre eigene Haut versengen würde. Der vaterländische Stolz der ungarischen Huden war von der Art, daß ein ungarischer Rabbiner einmal eine wissenschaftliche Abhandlung schrieb, in der er beweisen wollte, daß die ungarischen Juden von dem ungarischen Nationalhelden Arpäd abflammeu und mit den anderen Juden der Welt nur oie Religion gemein haben. Der Oberrabbiner von Sz eged in Dr. Immanuel Löw trug stets das ungarische Natrvnnlkostr'im und schwelgte immer in ultra-patriotischen Knnzelreden. Dennoch sitzt er fetzt un Gefängnis, des Hochverrats angeklagt. Es gab hier eine wilde Flucht zum Taufbeckens in Budapest allein haben seit dem letzten August' 30.000 Juden ihren Glauben, verlassen. In manchen Gegenden -sind ganze jüdische Gemeinden zum Christentum nbergetreten. Cohen mahnt zum Schlüsse die ungarische Judenheit, angesichts der Verhältnisse mehr Selbstachtung und Einigkeitswillen .zu zeigen. Aus dem Talmud und Midrasch. An Rabbt Akiba wurde das Todesurteil vollstreckt vor dem Böfewichr Turnusrufus, als die Zeit gekommen war, das Sch'ma zu sagen. Er begann es zu sprechen mit heiterem Antlitz. „Alter! Bist Du ein Zauberer oder gegen Qualen unempfindlich?" fragte der Prokonful. „Bewahre! Nicht das eine und nicht das andere. Aber so oft ich die Worte: „Liebe den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen,. deiner ganzen Seele und deinem ganzen Gute" hörte, sehnte, ich mich nach dem Augenblicke, in dem ich diese ' Pflicht nach allen drei Richtungen, auch „mit der ganzen Seele", erfüllen könne. Nun ist die Zeit gekommen. Soll ich es unterlassen?" Kaum hatte er das Gebet vollendet, da hauchte er seine Seele aus. 92

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