Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1920)
- Date
- 1920-07-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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euilleton-Veilage zv Ar 29 des „Braelit". M Menstaat der. Lhasaren. Historischer Roman aus dem achten Jahrhundert. (23. Fortsetzung.) „Dann möge Kosarios wieder zu ihr kommen. Der alte Kosarios von ehedem, nur einmal, denn die Arme vergeht in Schmerz und Sehnsucht". „Ich darf Batsua nicht sehen, noch nicht, frage nicht warum, du wirst es bald erfahren". Ben Chisdai richtete sich auf, seine Stimme zitterte in Erregung, doch zwang er sich zur Ruhe, aber seine Rede klang bitter: „Der Fremde, Namenlose, hat nichts getan, was der Thronerbe gutzumachen hätte. Kosarios hatte allezeit seine Ruhe bewahrt — weil er wußte, was er seinem wahren Namen, seinem Stande, seiner Zukunft schulde. Das Mädchen wußte es aber nicht und ließ sich von einem bösen Gefühle in Bann nehmen, sie büßt ihre eigene Schuld und keiner kann, mag ihr helfen.". Saltman bewegte sich unruhig auf seinem Platze und wandte das Gesicht ab. „Ihr seid nicht gerecht gegen mich — wie damals, beim Ueberfall. Doch warte, Chisdai, wir müssen alle warten und dulden, auch Batsua . . . Auch ich muß es tragen und auf mich nehmen, daß man mir Schuld auflädt, deren ich mich frei fühle. Warten wir bis zur Entscheidung, die auf dem Wege ist . . ." Das große Viereck des Sidhartaplatzes war an der Westseite amphitheaterartig von zackigen Hügeln eingekreist. Dort erhoben sich die Estraden, die bald gefüllt waren von den Gästen und Zuhörern. Alles, was ein Amt hatte oder sonst in irgend einer Beziehung zum Chakanate oder zur Oeffentlichkeit stand, hatte sich eingefunden. Im Pavillon, der auf der anderen Seite in den Garten des Palastes hinüberführte, hatten die Weisen des Chakanates, die Großen des Handels, die Vertreter der Stände und. die Vornehmen der Gesellschaft, Platz genommen, an deren Spitze auf seinem goldenen Ehrensitze der Chakan Bulan, zu deffen Rechten Saliman, der Sieggekrönte. Der Platz zu seiner Linken,, der des Pegan Hamenas, blieb leer. Zwischen Estrade und Pavillon drängte sich das Volk in hellen Schaaren, sodaß berittene Wachen den Strom eindämmen mußten und Mühe genug hatten, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Rabbi Sangori war mit dem Hofstaat des Chakan von der Gartenseite her gekommen. Er kam wie an hohen Festen in weißem Rtlasrock mit breitem Goldgurt. Haar und Bart waren in der Zwischenzeit ganz weiß geworden, aber sein Gesicht glänzte in jugendlicher Frische. Er trat auf das ihm angewiesene Podium, sodaß er rechts dem Chakan ins Auge schauen, geradeaus aber durch den offenen Säulenbau Glick und Stimme an die Estraden richten konnte, Zur Seite des Podiums saßen zwei Männer auf breiten Schemeln mit Feder und Pergament, um Krage und Antwort, Rede und Gegenrede in Schrift festzuhalten. Wie freudig überrascht war Sangori, als er in den Schreibern zu seinen Füßen Kaspi und Balschan erkannte. Es dauerte eine geraume Weile bis sich Taban durch das Gewoge der Menschen Gehör verschaffen konnte. Innerhalb des engeren von Kriegern umsäumten Platzes vor dem Pavillon verstand man seine Worte klar und deutlich und von dort.pflanzte sich deren Sinn auch weiter in die Massen fort. „Männer und Frauen Chasariens", sprach er, „des großen Chakan Huld hat mich an diese Stelle berufen, daß ich heute für den abwesenden Pegan Hamenas, in des Herrschers Kamen spreche. Ihr wißt alle, um was es geht. Vom Himmel wird Bulan, der uns Führer und Vater ist, auf den Weg der Wahrheit gedrängt. Vielerlei Wahres und Falsches erzählt man sich im Lande von seinen nächtlichen Träumen. Es ist nur soviel davon richtig, daß sein Wille gelobt, seine Tat aber getadelt wird. Wo ist aber die rechte Tat, der Weg zur Wahrheit? Die Götter, die unsere Urväter nicht kannten, wissen uns darüber nichts zu sagen. Wir befragten uns bet dm Philosophen von Hellas und Rom, dannLei Nazarenern, wie bet Heiligen aus Medina und Mekka, sie stritten miteinander — um Worte — und ließen uns unbefriedigt. Hier der Bericht..." Und Taban verlas aus einer langen Tafel Aufzeichnungen über die Unterredung mit Pater Johannes und dem Moslim Alkazzi. „Einig waren sich beide Teile", setzte Taban fort, „über Weihe und Unantastbarkeit einer anderen, älteren Lehre, des Mosis, so haben wir, um zur Wahrheit zu gelangen, zuletzt einen Vertreter dieser Lehre gehört ..." «Heil dem Chakan und Saltman!", riefen die Räte und Krieger, und der Ruf fand Widerhall in der Menge, wo man den Vorgang auf der Esterade nur ahnend miterlebte. „Wir hörten ihn, nun sollt auch ihr hören und prüfen. Die Fragen, die wir an den Rabbi, den Weisen Israels, zu richten haben, sind von uns im Rate erst wohlerwogen worden. Seine Antworten werden kurz und klar den hier versammelten Edlen und Weisen zur weiteren Erwägung empfohlen, was ihnen durch weise Einteilung erleichtert wird. Es sind fünf Ausfprachetage gedacht mit je achttägigem Zwischenräume. In dieser Zwischenzeit wird von kundigen beredten Männern an verschiedenen Teilen der Stadt in leichtfaßlicher Art auch das Volk über die Ergebnisse der Besprechung aufgeklärt werden". Nachdem in einer eingetretenen kleinen Pause diese in Aussicht genommene Aufklärung das Ohr der Masse erreicht hatte, entfernte sich ein gut Teil des Volkes mit Sang und Klang. Auch die Kriegerscharen zogen in Reih und Glied äb. Das Gewoge ließ nach. Auf der Estrade blieb neben Bulan, Saliman und den Räten wohl noch ein' Hundert der Vornehmsten und Männer des Geistes. In der vordersten Reihe der Gäste sah man auch Affarius, den Leibarzt des Chakau Bulan. Sangori stand auf der Estrade, den Kopf weit über die Brüstung geneigt. Sein Gesicht hatte zarten Glanz wie der weiße Atlas seines Festgewandes. Nach einigen Vorfragen, die Sangori kurz ohne Umschweife beantwortete, sollte er von seinem Wissen um die Existenz Gottes und die Auserwählung Israels durch diesen sprechen. Sangori griff in klaren, kurzen Sätzen bis auf die Erzväter und deren Wechselgeschicke zurück, ging auf die Volksbildung der Jakobsfamilie unter dem ägyptischen Drucke über, führte die Zeichen und Wunder bei der Befreiung und Wüstenwanderung einzeln auf und nannte die. Männer von Moses bis zum letzten der Propheten, die alle für den einzig einzigen Gott und seine Lehre zeugten. In den steinernen Mienen der Zuhörer bewegte sich kein Zug,' der Chakan flüsterte Taban etwas zu und dieser sagte: „Was Bulan und uns alle, Weiser der Juden, in deiner Rede aüffällt, ist, daß du nicht wie alle Philosophen und Gottkünder, bet. deiner Beweisführung von Schöpfung und Natur ausgehst. Du sprichst von Dingen, die euch, nur euch überliefert sind und die, wenn sie wahr sind, eure Lehre zu einer jüdischen Lehre machen, an der wir und alle anderen keinen Teil haben können. Würdest du von den natürlichen Dingen um ups sprechen und diese zu Zeugen für Gott anrufen, so würden diese Zeugen näher und vertrauter zu uns sprechen und mehr vom Gemeinsamen als von dem, was uns trennt ..." „Auf diesen Ginwand war ich gefaßt", antwortete Sangori wärmer und lebhafter, „aber mit Vorbedacht stellte ich gleich zu Eingang über alles Glauben, Vermuten und logisches Folgern das, was wir von den Dingen wissen'. Ich berufe mich nicht auf Welt, Schöpfung und Entwicklung der Natur — weil es stumme Zeugen sind, die nur reden, was ihnen in den Mund gelegt wird. Hat es doch nie zwei Philosophen gegeben, die mit dem gleichen Beweise zum gleichen Ergebnis gekommen wären . . . Welt und Natur sind Bücher, darin jedes Blatt ein Rätsel ist, ein dunkles Rätsel, dessen Deutung man nicht dem oft auf falschen Wegen suchenden Menschengeist überlassen kann. Darum rief ich Tatsachen an, die von hunderttausend Augen- und Ohrenzeugrn verbürgt und sich lebendig von Generation zu Generattan erhalten haben. — Was aber uns ereAuszeichnung und Mevorzugung anbelangt, so ist diese gleichbedeutend mit der Aufgabe, die uns gewordenen Erkenntnisse über Gott und Welt in die Welt htnauSzutragen". Ueber sein Wissen um das Alter unserer Welt befragt, stellte Sangori nach der Geschlechterfolge im ersten Buche der Schrift die Jahreszahl bis Moses zusammen, gab dann einen kurzen geschichtllchen Ueberbltck über die Zeit der Richter- Könige, Propheten und ersten Lehrer an den Grenzen der Zettepochen bis zur Gegenwart und erhielt die Zahl von genau viert ausend und fünf hundert Jahren. Verbürgt sei diese Zahl wiederum durch die Ueberlteferung und die Tatsache, daß Millionen in allen Zeitfolgen einmütig und ohne Zweifel im Herzen an ihr festhielten. Daß die Spuren der Menschenentwicklung auf einen Urvater zurückzuführen, bewies Sangori mit lebendiger Anschaulichkeit an gewissen, allen Menschen gleich innewohnenden Grundanlagen und allen Völkern gemeinsamen Sprachelementen. Naturlaute bei Freuden- und Schmerzensausbruch, Grundzahlen, Reihenfolge der Wochentage und vieles meyr sprechen für das ursprünglich Gemeinsame der aus einer Quelle schöpfenden Menschenwelt. Den Behauptungen indischer Religtonsschrtften auf der einen und neuer philophtscher Lehren auf der anderen Seite vom Millionenalter der bewohnten Erde, kam Sangori entgegen mit einer gründlichen Widerlegung der Grundlehren der Sabier und BramaH, die er in das Reich des Götzenglaubens gröbster Art verwies. Was aber die alte, wahrheitsluchende hellenischen Philosophie hier erforscht zu haben glaubte, meinte Sangort, sei Wetter nichts als Blendeschein in Gedankenverwirrung selbstgeschaffener Irrlichter. Den Japhetiten waren Weisheit und Wahrheit nicht als Erbgut mit in die Welt gegeben. Die Weisheit gelangte zu ihnen aus Babylonien und Persien und sie mußten sie, nachdem sie einige Sterne am Himmel der Forschung hervoraedracht, unwiderruflich mit der Weltmacht au Rom wieder abtreten. Hellenische Weisheit ist ohne Anfang und Abschluß, ist in keinem Boden lebendiger Ueberlteferung verwurzelt, was wunder, daß sie über die einfache Wahrheit hinausftrebte. Hätten sich Plato, Aristoteles und Sokrates irgendwie an den Bericht der Schrift über die Weltschöpfung gebunden gefühlt, sie hätten ihre Geistesschärfe angewender, dtejen zu bestätigen, wie sie es jetzt taten, um mit wett unsichereren Mitteln das Gegenteil zu beweisen ... „Uebrtgens", schloß Sangori, „würde die Annahme vom Mtlltonenalter der Erbe, wäre es zweifelsfrei erwiesen, unserem Glauben nicht im geringsten Abtrag tun. Wir sprechen von unjerer Welt und der Menschenerde und die Talmudlehrer lassen die Möglichkeit, daß andere, ältere Welten der unsrigen voxangingen, die Gott wieder zerstörte, zu". ' (Fortsetzung folgt.) '