Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1920)
- Date
- 1920-07-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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D.-r ASL««ttL. Nr. 2» Gelte 7 23 Juli 1620 I Berlin 12. Juli. Die Notwendigkeit des Zusammenschlusses dec gesetzestreuen Studenten ist ja Durch Gründung und Arbeit des „Bundes jüdischer Mkademiker" genügend erwiesen und allgemein bekannt. Kn demselben Matze ist cs für die gesetzestreuen Studentinnen eine Notwendigkeit, sich zu organisieren, Ent nicht durch Vereinzelung ihre jüdische Weiter- LUdung zu beeinträchtigen und so der jüdischen Allgemeinheit verloren zu gehen. Gerade die gesetzestreue Mtudentin braucht angesichts der mannigfachen Gefahren des Studiums und des Unioersuäkslebens »inen Kreis Gleichgesinnter, der die Einzelne in ihrer »Entwicklung zur. jüdischen Persönlichkeit durch Zusammenleben und Zusammenarbeiten mit Gleich- Mrebenden fördert. » An einigen Universitäten (Frankfurt a. M. und Wreslau) bestehen bereits gesetzestreue Student knnen- Merbindungen mit dieser Tendenz unter dem Namen 1,8ernti«" VereinigungjüdischerAkadcmikertnnen. Es Mt zu begrüßen, daß nunmehr auch in Berlin ein »solcher Zusammenschluh erfolgt ist. Die Vereinsarbcit »vurde bereits ausgenommen; es finden an zwei »Abenden der Woche am Vormittag Kurse statt, in Lenen train beginnend mit a na-?, jüdische Geschichte und Wie jeweilige rrna behandelt werden. Tie Kurse sind »regelmäßig und gut besucht und auch solchen Nichtlakadcmikerinnen zugänglich, die durch ihren Beruf oder «hre Vorbildung an der Mitarbeit in der „Beruria" »Interesse haben. Zum Programm gehören auch jüdisch- «wissenschaflUche Vorträge und Pflege der Geselligkeit. »Zuschriften werden an Rech» Levy (Berlin-Wilmers- Nors, Uhlandstraße 138/39) erbeten. I Berlin, 1. Juli. Die Gesellschaft zur Förderung »der Wissenschaft des Judentums hat Herrn Prof. Dr. »Moritz Sobernheim, Berlin, zum Vorsitzenden »gewählt. Herr Dr. N. M. Narhan, Hamburg, ist in »den Ausschuh berufen worden. Das Büro der Gesell- Ischaft befindet sich fortan Berlin W. 35, Steglitzerstr. 9. I Leipzig, 9. Juli. Die Verwaltung der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, die schon »während des Krieges durch Gewährung von an- »gemessenen Teuerungszulagen Verständnis für die »wirtschaftliche Lage ihrer Beamten und. Angestellten »bewiesen hat, har jetzt erneut durch Aufstellung eines »Besoldungsvlanes eine den jetzigen Verhältnissen ent- »sprechende Regelung getroffen. Wenn auch etne Gletch- Istellung der Gemeindebeamten mit den Reichsbeamten »nicht völlig erreicht ist, so ist doch zu rühmen, dah die »Verwaltung trotz entgegenstehender Schwierigkeiten, »die hauptsächlich in der Unsicherheit der Entwicklung » der Gemeindesinanzen liegen, die Frage in großzügiger »Weise gelöst hat. Die Beamtenschaft erkennt dankbar »an, daß die Aufstellung eines Besoldungsplanes mit »steigenden Gehaltssätzen eine erfreuliche Verbesserung »und Sicherung der Existenzbedingungen der Beamten »und Angestellten und ihrer Familien bedeutet. I Breslau, 2. Juli. In der Nacht zum letzten »Sonntag waren in ganz Posen Hunderte von Plakaten »angeheflet worden, die die Polen aufforderten, gegen I die Inden mit Gewalt vorzugehen. Auch solle niemand »mehr bei einem Juden kaufen. Mehrere jüdische Ein- Irvohner Posens, aber auch verschiedene Polen, die an Idem Inhalt der Plakate Anstotz nahmenversuchten | bie Plakate abzureitzen. Es kam infolgedeffen zu I Prügeleien, bei denen ein junger jüdischer Kaufmann I leicht verletzt wurde, während ein tschechisches Ehepaar, Idas einem bedrängten Polen zu Htlfe kommen wollte, Iso schwer verletzt wurde, daß es in ärztliche Behand- Ilung genommen werden mutzte. Die Polizei schritt, »sobald sie Kenntnis von dem Andrsten der Plakate »erhielt, energisch,ein und entfernte dieselben, während »sie die bedrängten jüdischen Personen in Schutzhaft Inahm. Ein jüdisches Cafe am Alten Markt wurde I Vorsichtshalber polizeilich für kurze Zeit geschloffen I Halberstadt, 16. Juli. Infolge eines Brieses Iden das Zentralbüro der „Agudas JiSroel" in Zürich Ivor einiger Zeit aus Gltniany in Galizien erhielt, I und der das Elend der dortigen jüdischen Gemeinde Ischilderte, spendete der Krtegsw aisenfonds der lAguüas Jisroel 50000 Kronen, die Herrn Ober- Irabbiner Schapira in Gltniany überwiesen wurden lund die zur Unterstützung armer und kranker Kinder I verwendet werden. I Eberswalde, 13. Juli. In vorbildlicher Weise Ihat die Gemeinde Eberswalde das ihre, dazu beilgetragen, um der Not der jüdischen Kinder zu steuern. Auf Anregung der „jüdischen Hilfe für das jüdische Kind" ist dort eine kleine Ferienkplonie geschaffen worden, für die die Gemeinde vorzüglich geeignete Räume im Synagogengebäude zur Verfügung gestellt hat. Die Verpflegung der Kinder erfolgt in den einzelnen Familien, die Leitung des Ganzen liegt in! Händen einer geschulten, pädagogischen Kraft. Das Ebersw alder Beispiel sollte in den zahlreichen jüdischen Gemeinden, in denen die Möglichkeit hierzu besteht, schnellstens nachgeahmt werden. ■ K - B aden b. Wien, 3. Jul! Am Dienstag, den 29. I uni> fand hier die Generalversammlung der Cliewr a-Kadtscha statt. Der orthodoxe Geist, der hier seit kurzer Zeit in unserer Gemeinde vorherrschend ist, machte sich auch bei der diesmaligen Versammlung geltend. So wurde z. B. unter anderem beschlossen, daß am Friedhöfe während der Zeremonie und während der verschiedenen Beteiligungen beim Begräbnisse daS männliche Geschlecht vom weiblichen abgesondert Aufstellung nehme, daß sich bet der Totenwache und bei der Taharo nur religiös einwandfreie Personen beteili.qen dürfen. Bei der Neuwahl des Vorstandes wurden die Herren Adolf Raab, Gustav Oldenburger, Ludwig Lackknbacher und Erna Ehrenstein gewählt. Veremswesen. Zürich, 5. Juli. Die Generalversammlung der AgndaSJisroel-OrlSgruppehatam vergangenen Sonntag abend im gelben Saale des BolkShauses stallgefunden. Trotz verschiedener Anlässe an diesem Abend, war dieselbe gut berucht; ein erneuter Beweis, daß daS Jntereffe für die Agudabewegung, wie überall, auch in der Züricher Judenheit, immer reger wird. Als erstes Traktandum war das einleitende Referat des Herrn I. I. Braun „über den gegenwärtigen Srand der Aguda" angi-sept. In nicht ganz einer Stunde verstand der Referent in geistreicher und meisterhafter Weise, wie alle seine Vorträge sind, den Zuhörern nicht bios ein anschauliches Bild von der momentanen Lage der Agudaweltorgamsation vor Augen zu führe«, sondern es ist ihm gelungen, an Hand der Tatsachen der Geschichte zu beweisen, wie schon vor wenigstens 100 Jahren eine dringende Notwendigkeit bestand, einen organisatorischen Zusammenschluß aller frommen Juden zu schaffen. Von einer Erläuterung des Programmes der Agudas Jlsroet ausgehend, gab er einen Neberblick über das Gesamiheiisproblern des Judentums, wie es sich seit dem Beginn der Emanzipation bis zur Gründung der Aguda entwickelt hat. Er wirs die grundsätzliche Identität der Jndividual-Assimilotion, die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts auS dem Bestreben heraus entstand, dem einzelnen jüdischen Menschen durch Angleichung an seine nrchtjüvische Umgebung, die bürgerliche Gleichberechtigung zu erwirken, mit der Kollektiv- Assimilation nach, dre jetzt unter der Flagge des modernen Nationalismus, aus dem Wunsch heraus, dem jüdischen Volke die politische Gleichberechtigung zu verschaffen, eine Angleichung der jüdischen Nation und des nationalen Lebens an die nichtjüdischen Nationen, propagiert. Wie die ausrechten Juden des vergangenen Jahrhunderts sich gegen die Etnrelassiinilation mit allen Kräften wehrten, so verwerfe das orthodoxe Judentum auch heute, die jetzt erstrebte Assimilation der Gemeinschaft an die anderen nationalen Gemeinschaften. Das wahre Charakteristikum für die jüdische Gemeinschaft ist dasselbe wie für den Einzeljuden: die Unterordnung aller Lebensäutzerungen unter die Souveränität des Thoragesetzes. Diesen historischen Klallgedanken erstrebt die Orthodoxie durch die Agudas Jisroel. Zum Schluffe führte Herr Braun «ungefähr folgendes aus: Israel hat in den Jahrhunderten des bitteren Exils stets das Banner des Thoragesetzes, trotz der furchtbaren Verfolgungen, denen es fortwährend ausgesetzt war, entrollt. Mit Gut und Blut haben unsere Ahnen ihre Treue zur Tüora tausendfach besiegelt) die Thora war und bleibt daher der nationale Boden des Judentums, der allein seinen Bestand sichert. Und, wenn auch Land und Boden niemals ein Einigungsband waren, so ist doch unsere Sehnsucht nach Erez Jisroel ungemein groß, weil wir zur Pflege des religiösen Lebens und für die Erhaltung des jüdischen Wesens eines eigenen. Landes bedürfen. Wenn wir aber nach dem heiligen Lande ziehen, so darf es nicht deshalb geschehen, nur unseren Feinden aus dem Wege zu gehen, sondern wir müssen uns dem wahren Judentume zuwenden. Ein Judenstaat, in welchem in religiöser Beziehung Willkür herrschen sollte, ist ein Unding, selbst wenn er auf scheinbar festen Pfeilern gegründet würde, weil die Zersetzung des wahren JxdentumS, die hier begonnen, dort fortgesetzt würde. Wenn mir nach dem heiligen Lande ziehen, dann soll der Geist der „Thora" unser Führer sein! Losender Beifall wurde dem Redner für seinen lehrreichen Bortrag, welcher als Meisterwerk bezeichnet werden kann, gezollt. Weiterer Geschäfte halber konnte man einer Diskussion keinen Raum geben und man schritt zur Wahl der Delegierten zu«, nächsthin in Zürich statifindenden Delegierirntag des Schweizerischen Landesverbandes der AgudaS Jisroel. Der Vorstand wurde per Akkiamation bestätigt. ' Sprechssal. Geldheiraten. Geehrte Redaktion! Man macht die Beobachtung, daß seit der Revolution die jüdische Preffe geradezu von „Heiratsangebolen" strotzt. An sich sehr schön und gut. Einem aufrichtigen Juden mutz aber die Schamröte ins Gesicht steigen, wenn man von Woche zu Woche immer wieder liest: „100000 Mark — oder sogar 500000 Mark — Mitgift ist Bedingung". (Es sei zugegeben, daß ein unbemittelter Kaufmann, der eine Ehe eingehen will, etwas Geld gebraucht, um fein Geschäft betreiben und ausdehnen zu können. Aber diese Fälle schlage ich so gering an, daß sie kaum in- Gewicht fallen dürften). Es fragt sich nun, welche Kreise beanspruchen diese „materiellen" Güter. Es sind diejenigen Kreise, die das Judentum in den Augen der Andersgläubigen «och um die letzte Achtung und Ehre bringen. Ist denn nicht schon genug deS Antisemitismus? Ist es denn nicht schon Tagesgespräch bet Andersgläubigen, daß die jüdischen Mädcven nur heiraten können, die „Geld" haben? Diese vom Materialismus verseuchten Kreise gereichen dem Judentrm — ganz abgesehen von ihrer meist freireligiösen Anschauung — zur Unehre. Es ist doch Tatsache, daß der ärmste Jude der konservativste in religiöser Beziehung ist. Ich weise hierbei auf die jüdischen Lehrer und Kantoren hin, die zum größten Teil von armen Eltern sind undauS Liebe zum Judentum sich dem Berus zuwenden. Ich kenne nun arme Familien, wo unter sieben bis acht Kindern oft vier bis fünf Mädchen sind. Diese Mädchen, der gesetzeötreuen Richtung angehöend, können nun eben keine Ehe eingehen, weil die wei auS größte Z»hl der jüdischen Herren „Geld" heiraten, wohlbemerkt „Geld", nicht die Mädchen. Diese Mädchen sind nun nolen8 volens gezwungen, sich bis an ihr Lebensende irgendwie durchzuschlagen. (Um Mißverständnissen von vornherein zu begegnen, bemerke ich, daß ich die Zahl der Mädcken, die nicht heiraten können, weil die Zahl der heirntssäligen Männer infolge deS Krieges zurückgcgangen ist, wohl berücksichtigt habe.) Die nicht mir Gütern „materieller" Art gesegneten, .der nichtorrhodoxen Ntchtung angehöreuden Mädchen entschließen sich, falls.sie keine Aussicht haben, einen Juden zu heiraten, mit einem Mann christlicher Konfession die Ehe zu schließen. Bis auf den heutigen Tag hat man. auch an berufener Stelle, sich nicht bewogen gefühlt, zu diesen wichtigen Tatsachen auch nur in irgend einer Weise Stellung zu nehmen! Sieht mail denn noch nicht ein, welchen Einfluß diese Mischehen auf die noch nickt so sehr radikalisierten Kreise hatten? Nicht alle Damen nehmen es so leicht, wenn eö ihnen infolge ihrer Vermögenslosigkeit nicht möglich ist, zu heiraten. Soll die Zahl der Mischehen noch znnehmen? Die Erfahrung mancher Herren hat gelehrt, wie schlecht man des Oefreren dabei alffchncidet, wenn man ein „reiches" Mädchen sich als Gattin auserkoren hat. ohne oabei, rvas doch ausschlaggebend ist, berücksichtigt zu haben, daß es mehr auf die Tüchtigkeit, Sparsamkeit und Rcligiöfität ankomwt. Im Interesse der Sache wäre es dringend zu wünschen, daß sich Männer, wirkliche Männer, die noch einen Funken indischen Geistes in sich tragen, zu dteser Frage ausführlicher äußern würden. H. G. Selbsterniedrigung. Im Anzeigenteil eines Kreisblättchens in einem Landftädtchen lesen wir folgende Anzeige: „Die Geburt eines strammen Sonntags - Jungen zeige» hocherfreut an. N.N.u.Frau. St. geb. N." Du meinst wohl lieber Leser, die glücklichen Eltern bezw. Großeltern dieses strammen Sonntagsjungen seien fromme Christen, die in ihrer Freude, daß der kleine Weltenbürger am Sonntage, was nach christlicher Auffassung auf besonderes Glück schließen läßt, zur Welt gekommen ist, dieses glückverheißende Omen besonders hervorheben wollen. Nein, es sind bekannte Glaubensgenossen, B'ne brith und wer es nicht gewußt hätte, konnte es aus den noch recht jüdisch klingenden Zunamen der Verfasser dieser Anzeige heranslesen. Wir fragen uns, wie können Juden die noch einen Funken von Selbstachtung besitzen, eine solche lächerliche Anzeige der Oeffentltchkeit übergeben? ES ist der Größenwahn, das Bestreben, unter allen Umständen aufzufallen, die vor einer solchen Selbsterniedrigung nicht zurückschrecken. Einen strammen Jungen kann auch ein armer Teufel, der nicht zu den oberen Zehntausend zählt, in die Welt setzen. Das ist etwas Alltägliches. Aber ein Sonntagsjunge! Das zieht schon mehr in den Augen eines jüdischen Nabob, der blaues Blut in den Adern verspürt. Da wird auch der deutschnationale antisemitische Herr Amtsrichter und sein Gesinnungsgenosse, der Herr Apotheker nicht umhin können, den aristokratischen jüdischen Großeltern einen pflichtschuldigen Gratulationsbesuch abzustatten. Nur schade, daß der vielversprechende junge Erdenbürger nicht sechs Monate früher oder später zur Welt gekommen ist. ,Da konnte man doch schreiben: Ein strammes Christkind hat das Licht der Welt erblickt. Ja nun, es werden nicht alle Wünsche erfüllt. Es bewährt sich auch heute noch das alte Wort: „Wem die Götter übel wollen, den strafen sie mit Dummheit". Freudenberger.