Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1920)
- Date
- 1920-07-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 28 Mer JSraeUt. 1. Bericht über die Lage d»r jüdischen LM-e«-. 2. Vorstandswayl. 3. Bortrag des .Herrn Oberlehrer Rotschild-Eöln: „Europäische Weltlichkeit — wahre Jüdischkeit". 4. Freie Besprechung.- Nach der Begrüßungsansprache durch den 1. Vorsitzenden, Herrn Seminarlehrer Gut, folgte ein län-. gerer Bericht über die Lage der jüdischen Lehrer und über die bisherige Tätigkeit des Bundes. Btit Genugtuung wurde die ersprießliche wirtschaftliche Zusammenarbeit in der Arbeitsgemeinschaft des Zweigbereins und des Lehrervereins Rhrinland-Westfalön begrüßt. In fast allen der Arbeitsgemeinschaft bekannten Gemeinden wurde die Forderung des Exrstenzmininlums durchgeführt; über Gemeinden, die sich dieser gerechten Forderung nicht fügen wollten, wurde die Sperre verhängt. Es ist all das Solidaritätsgefühl der Kollegen zu appellieren, daß solche Gemeinden anch weiterhin keinen Lehrer erhalten, denn wie sehr die Notlage der jüdischen Lehrer die Eltern vor dem Ergreifen 1>es Lehrerberufs ihrer Söhne znrückschreckt, zeigt die Tatsache, daß die Präparandenanstalten Burgpreppach und Höchberg dieses Jahr gar keine Neuanmeldungen zu ' verzeichnen haben, nährend in Cöln ein Präparand eingetreten ist. Erschütternd war die Mitteilung, daß in Hessen junge Lehrer aus die mildtätige Hand einiger gutsituierter Frankfurter augewiefen find. Herr Gut schloß daher seine Ausführungen mit den Worten: Wir wolle«: fürderhin keine Zedokohsondern Zedekempfänger sein, nicht auf Almosen angewiesen sein, sondern was uns rechtlich zusteht, verlange«: wir. . Herr Seminarlehrer Stern nahm sodann das Wort und beantragte, angesichts der großen Gefahren, die dem Judentum durch den Mangel pädagogisch geschulter Lehrer erstünden, einen flammenden Appell au die Gemeinden zu richten,, sie zu der Bildung von kleinen Gemeindeverbänden nnzuregen. die dann ein altgemessenes Gehalt mühelos ausbringen könnten. In solchen Gemeinden müßte dann der Lehrer als „Wanderlehrer" fungieren. Auf die Anfrage: Wie setzt der Zweigverein seine Forderungen bei außerprovinziichett Stellen durch, wtzt sich Herr- Gut für die provinziale Erledigung ein. Ltuch hier versäumte es Herr Gut nicht, an das moralische Gewesen der Gemeitiden zu appellieren, ihren« Lehrer ein standeswürdiges Dasein zu ermöglichen. Herr Sknritik schob die Schuld den Lehrern selbst §u. Eine „erbärmliche" Interesselosigkeit am Vereinsleben macht sich gerade bei den jüngeren jüdischen Lehrern geltend, was die Versammlungen immer wieder beweisen. Herr Seminarlehrer Harth konnte nicht umhin, den „Bund" und seine Tätigkeit anzuspornen. Wer ist Vorsitzender des Bundes'? Ist der Bund schon gehört worden in der Frage der zukünftige«: Lehrerbildung? Wo bleibt die Bundespresse? Herr Oberlehrer Rotschild, von einen« glücklich machenden Idealismus beseelt, will keinen Unterschied zwischen Zedokoh- und Zedekempfangen festgestellt wissen und verlangt arbeiten und nicht nörgeln. Herr Dr. Siinons kritisiert die Persönlichkeit des Lehrers m:d verlangt mehr Rücksicht der große«! Verbände auf die Lehrer. Es darf nicht Vorkommen, daß die Agudvh Stltdenten in die Landgeineinden schickt, ohne sich vorher mit dem Lehrer ins Benehmen gesetzt zu haben, denn dadurch «vird die Autorität des Lehrers untergraben, «stärker ausgeprägtes Selbstbewußtsein, die Ausstattung mit geistigen Fähigkeiten sollen für den Lehrer sprechen, diesen ideellen Voraussetzungen «vird der Lohn durch eine freiwillige Gehaltserhöhung seitens der Gerneinden nie versagt bleiben. Herr Dr. Simons verlangt darum die Bildung einer Interessengemeinschaft zur Wahrung der geistigen Interessen der Lehrer. Nach Ausführmngsn des Herrn Skurnik hat die Vergangenheit durch Befolgung des oben erwähnten Rates üble Erfahrungen gezeitigt. Man «nuß zuerst eine gesicherte wirtschaftliche lluterlage habe««, um «ich daun ungestört seinen Studie«« widme«« zu können. Auch Herr Goldman«: «nöchte statt Worte Taten höre«: u:«d setzt sich für strikte Durchführung der Ztvangsmaßregeln ein. .^err Direktor Dr. Enhn kehrt mehr die ideelle Seite des Wirkungsgebietes des jüdischen Lehrers hervor. Vorn jüdischen Lehrer hängt der Bestand des Judei:t:in«s ab. 'Ihn: fällt die Lösung einer Aufgabe zu, deren Segen schließlich von.Gott abhängt. Herr Tr. Simons rät zur Aktivität: die Lehrer müsse«« die Agudoh zu der Ueberzengnng bringen, daß dein Lehrer die Erziehungsmöglichkeiten in der Gemeinde zn überlasse«: sind. Auch Herr Raphael findet für die Passivität nicht Worte der Verdammung .genug. Gewerkschaft, Streik *;tnb gefürchtete Worte in den Kreisen der ältere«« Lehrerschaft. Wenn a«lch seine dem Vvcftaild des Vereirrs gern achte ir Vorwürfe nicht ganz den Tatsachen entsprechen, io ist es doch sehr zu begrüße««, auf e:ne radikalere Durchführung der Fordern ««gen anfmerksan« zu machen, u«u endlich einrnal von der veraltete«« Devise: — es wird schon noch fontuten , Abstand Zu nehmen. lfm .1.45 Uhr trat eine zweistündige Mittags- .pause ein. Um 4 Uhr crvffnete Herr Gut die Versammlung «vieder «nit einer kurze«« Z«:sanunenfasn:ng. Herr Seminardirektor Dr. Carlebach hielt die Forderungen der Arbeitsgelneinschaft für zu hoch. Das Staatsgehalt brauche für die Gemeinde«: nicht bindend zu sein. Er verlangt ein Gehalt, das dein Lehrer ein menschenwürdiges Dasein und standesgemäßes Aufdi- > treten gewährleiste. Herr Da'. Gimvns verlangtr Agrrdoh soll die Regelung der wirtschaftliche«« Fragen der Lehrer in die Hand nehmen u«:d besteht darum aus errdgültige Abbrechung mit der ««eologen Richtung. Die Hauptaufgabe fei, die ideelle Vervollkommnung der Lehrer zu erstreben. Herr Weinstock empfiehlt größte Vorsicht bei Uebertragung der wirtschaftlichen Angelegenheit an die Agudoh. Herr Seminardirektor Dr. Carlebach wendet sich gegen ei«: Versteckspiel; denn urcsere Idee ist die Tauroh. N««r unter dem Zlvang der gestehender: Verhältnisse kam die Arbeitsgemeinschaft zustande — umsomehr ist darum die Uebertragung der Existenzforgen au die drei großen gesetzestreuen Organisationen zu xmpfehlen. Da inan der Forderung, eine Besprechung mit leitenden Persönlichkeiten der Organisationen der offizieller: Uebertragung vvrausgehe«: zu lassen, nicht nachkam, «vurde in der darauffolgenden Abstimmung der Antrag äbgelehnt. Durch Verbindung der Punkte 1 und 4 der Tagesordnullg nahm die Diskussion einen größeren Umfang an, und man entschloß sich zu einer Wiederversanrmlung am 15. Jurri 1920 i«: Cöl««. An diesem Tage wird uns dann durch den Bortrag des Herr«: Oberlehrer Notschild auch ein geistiger Genuß geboten «v erden. Leider hat sich Herr Gut gezivungeu gesehen, der Fülle der Arbeit «oegen von seinem Posten als 1. Vorsitzender zurückzutreten. Wir bedauern das aufrichtig, da gerade Herr Gut durch langjährige Tätigkeit in das Wesen des Vereins eingelebt war. ' Sein vorbildliches Schaffen möge auch hier erwähnt werden; seine selbstlose Hingabe an die Durchführung der Bereinsziele möge uns §lle zur aktiver« Mitarbeit anspornen. Tie Herren Dr. Rotschild-Dinslaken, Weinstock- Ahans i. Wests, kamen neu in den Vorstand, sodaßsich dieser jetzt zusamrnensetzt aus den Herren: Tr. Rotschild-Dinslaken, Seminarlehrer«« Gut, Harth, Stern-Eöln, Weinstock-Ahaus i. Wests. Die Reisekosten wurden den von auswärts kommenden Herrn voll vergütet. Ta die Zurückerstattung der Reisekosten für die Versammlung arn 15. J««nr 1920 auch in Aussicht genommen ist, so dürfte es wohl das Interesse aller Mitglieder erheischen, die Versammlung nicht zu versäumen, zudem die Tagesordnung sehr wichtige Fragen für jeden Kollegen zur Besprechung bringen «vird. Schluß der Tagung 8.15 Uhr nachm. Der Protokollführer: Goldschmidt-Kempen. Zwei Kapitelsynägo-aler Aestheük. Von F. Bachmann in Altona. Zu allen Zeiten «var ein ästhetisch eindrucksvoller Vortrag das erstrebe«rswerte Ziel der Deklamatoren. Es ist leicht begreiflich, daß die ^chönbe«tsdurstigen Griechen, diese unübertroffene«: Meister auf den: Gebiete der Kunst, in dieser Hinsicht die Palme errangen. Ebenso einleuchtend ist es aber auch, daß nufere Vorfahren, die für alle menschlichen Leistungen einen offene«: Sinn besaßen, nach den: anspornenden Grundsätze: av ’bn*« p3B” ns» dL' hvb’S’ ihre Anlagen für Schönheit auch «rach dieser Richtung zu kultivieren strebten. Daher darf es nicht Wunder nehmen, auch die jüdischen Redner, Kantoren und Thoravorleser in Verfolgung dieses lobens- «vcrten Zieles zu finöen. Der vfre«:tliche Gottesdienst bot die-beste Gelegenheit, solche ertvorbene Fertigkeiten zu Gehör zu bringen, «n:o alte Ueüerlicierungen gäben sogar die Richtschnur für beachtcrrstverte Regeln. Eine solche finden «vir tu der bekannten Forderung des Q’psm f>3 nn, eine geivisfe Trerrnung zwischen ztvei Wörtern eintreten zu lassen, um eine Verschmelzung der Endkonsonantei: eines Wortes mit de«n gleichlautenden Anfang des folgenden Wortes zu verhüten, «vie “pnb—‘?as, rnrtj—ormsi, oder um das Entstehen von Wortgebilden zu vermeide««, die einen unbeabsichtigten fälschen Begriff Hervorrufen könnten, wie. r-7«v», 7>rr—arr-x—arriBbi Freilich bezwecken solcherlei Vorschriften ln erster Linie, ei«: sinngemäßes Lese«: zn erzielen und jede Unklarheit ui«d jedes Mißderständriis auszuschtießen. Es kann selbstverständlich keine Meiuuugsverschiedenheit darüber herrschen, daß dem richtigen Erfassen des Wortsinnes und dem klaren Verständnis des Gedankens vor allem Rechnung zu tragen ist. Aber «venu dieser Forderung Genüge geleistet und gleichzeitig dem ästhetischen Ansprüche an eine«: vollendeten Vortrag die nötige Berücksichtigung gescherrkt iverden kann, «vird kein vernünstiffer Bcurleiler das letztere vermissen «vollen. Bei vielen Menschen ist der Sinn iür das logische Verständnis'und den klaren Gedailkennnsdruck bedeutend stärker entwickelt, als das tiefe Empfinden für Schörrheitseitldrücke des Gehörs. Ans diesein Grunde liegt auch die Gefahr nahe, daß bei einein Zmammentreffe:: dieser beiden Momente das Aesthetische in den Hintergrund gedrängt, «venu, nicht gar ganz äußer Acht gelassen wird, was im Interesse eines befriedigenden Vortrags sehr z«l bedauern «väre. Jedenfalls sind bei einseitigen« Erfassen geioisse Nebertwibnngen nicht ausgeschlossen, die auf den feinempfi«:-; denden, objektiven Zuhörer eine«: unangenehmen Ein drilck machen. 18, Juli 1826 NMnän wir an, ein Kantor binde sich auffallend an die Forderung -des -»'P2in s'2 und rezitiere deingemäß mit prononciert scharfer Trennung —3*731,'ipyn mnö v m.-n N21 nutp-BHpJV« ■ynjri’ annsic pwn av iwx «ms« ,-nne so dürste darüber nur eine Stimme herrschen, daß selbst ein durchaus nicht en:pfindsa«nes Ohr daran Anstoß nehmen tvürde. Denselben Eindruck «vürde man ernpfaltger:, «ven«: der Thoravorleser, z. B. in der ersten nViSvon «OK« folgerrde Stellen in sekundenlanger Scheidung der gleichlautenden Mitlaute vortragen «vürde: 22»« xwan fbxivr’—vz npxj m /cmx onstb m‘ —^2 jn ommya—Dsrx »nbsrri ,anito rnro— ntsnie—oab 'Vüv ho—bosr Vielleicht läßt sich diese Behauptung durch ei «rer: Vergleich noch besser veranschaulichen. Wie «vürde mar: die Leistuitg eines Vortragskünstlers bewerten, der in ähnlicher Weise gleichlautende Mitlaut» durch überrnäßiges Absetzen tre«:nte, wie: Was «volltest — Du mit — dem Dolche? — Das — sollst — Du am Kreuze bereue«:. Und bitte nicht um — mein Leben. Da gießt une,:dlicher — Regen herab. Da stößt kein — Nachen vom sichern Strand. Im — Mittag steht die Sonne. Alan kann sich leicht selbst von dem Widerhaarigen und Abstoßenden solcher Darbietnngan überzeugen, roenn «nun mit «:ur «näßig lautet Stimme ein paar Sätze ausspricht, wie: In stummer — Ruh lag Babylon. Nur oben in des Königs — Schloß, da flackert-. Ter «vilde Strom «vird zürn - Meere. Da schimmern tu Abendrots — Strahlen. Diese Beispiele zeigen zur Genüge,. auf welch schiefe Bahn sich derjenige bezieht, der sich sklavisch an die Regel bindet mrd dem. Wohltönenden. keine Beachtung schenkt. (Schluß folgt.) Au» dem Musterländle Baden. Seit cittetit Jahre beschäftigte sich eine Skala- Pressepolemik beeinträchtigt u«:d gestört werden. So bat sich nach ernster ' innerer Rührigkeit rmd bei äußerer Stille unser Streben?u einem schöne» Erfolg ausgewirkt. Am 2. Juni vollzog die badische Synode in« Stündehaus in Kurlsriche eine«: Akt, der ihr alle Ehre macht. Ich gebe hier zunächst in Kürze den erstattete der Synodale Hauptlehrer Müller-Heidelberg über die Vorlage einen Bericht, Her'verdient, «vörtlich wiedergegeben zu werden. Die ganze Vorlage, deren Durchführntkg einert «natcriellerr Auf- «vand voi: 571.000 Mk. erfordert, «vurde, nachdem die gründliche Durchberatung in der Kommissioussitzung vorallgegange«: war, einstirmnig folgendermaßen ange«:olnmen: 1. Tie G e h a l t s s k a l a. Anfangsgehalt 3000 Mark. Endgehalt nach 25-'Dienstjahren 6400 Mk. Hierzu kommen: 2. 25»/o Teuerungszulagen. 3. Kind er z--ul ag e n: 400 Mk. für jedes Kiild bis zun« 21 Lebensjahre, insofern es kern steuerbares Einkomme«: hat. 4. Dienstwohnung oder Wohnungsgeld. Wohuuirg ist zur Pension a«:rechn«:>:gsfähig. Z.. Beträge 1—4 zahlt die Zentralknsse aus und zivar «nit Rückwirkurrg aus den 1. Janullr 1920. 6. Ruhegehalte, Witwenuud Waisen« gelder sollen in der nächsten Sitzung der Synode nach Maßgabe der st a a t l ich e n G r ui: d s ä tz e geregelt «verden. 7. Ein weiterer Erfolg der Lehrer liegt in der Getrährung , der S t a «: d e s v e r t r e t u n g. Der nächsten Synode werden'neben 3 Rabbinern auch 2 Lehrer angehören. ' Sv bricht für die badischen Religionslehrer eine neue Zeit an. Dieses Ereignis darf aper nicht Halt machen an de«: Grenzen unserer engeren Heimat. Es muß einen starken Widerhall finden. in den Herzen der gesamten deutsche«: Judenheit. Das „Musterländle" hat hoffentlich hier bahnbrechende Arbeit geleistet. Ich schließe mit dein Wunsche der Wochensidra nvrn rwBMTsp .mon •>;& b«ö bu Diese obengenannte«: sieben Errurigenschasten iverden für alle Zeit lichtvolle Punkte in .der .Geschlchd» der badischen Jildenheit bilden und - «veit-Werdie Grenze«: Badens hinaus als Vorbild leuchte:«. All den Männer««, die ntiigeholfen haben 'vr> die badischen Religiqnslehrer eine: lichtvolleren Zukunft entgege»:znführen, gebührt unser N3 ifc''. - S. Rvsenfelder. H. in F. Pas Protokoll der Generalversammlung des „Bundes" wird in aller Kürze erscheinen.