Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1920)
- Date
- 1920-06-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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üdifcher Volks freund Monsts-Berlsge zum „Jsrseüt" Gerarrtrvörtliche Redaktion: Rabbiner vr. Wo!f in KSlrr. Mestjüdenfrage. (Schluß.) Trübe sehen wir heute nicht nur in die Zukunft, sondern auch in die Gegenwart. Lehrer verlassen ihren Beruf, um sich bessere Lebensbedingungen in freien Berufen zu suchen. Rabbiner sehen in ihren Stellungen nicht mehr sozial gehobene Posten, die sie der Jugend empfehlen können. Das sind Quittungen für nicht eingeiöste Verpflichtungen. Ter Beamte mußte sich nach der Decke strecken, der Kaufmann dürfte sich das Leben nach Bedarf einrichten. Man kann diesem Gedanken vom materiell gerichteten Standpunkt der Zeit nachhängen und kann'Forderungen aufstellen. Aber int jüdischen Kreise ist vom Beginn des Volksdaseins das Verhältnis vom Lehrzum Nährstand entschieden. Die Geseinsamkeit der Stämme Sebulun und Jsfachar ist schon im Segen .Moses festgelegt. Sebulun zieht hinaus und bringt das im Lebenskampf Erworbene Jsfachar heim. Er fühlt sich dennoch als der Nehmende; der Geber bleibt hm Jissachar, dessen mm Sebnl § sicherstes Geleit auf seinem Lebensweg bedeutet. Hält Jsfachar seine Thauro hoch mit Fleiß und Selbstlosigkeit, so ist es seine moralische Macht, die Sebulun zum materiellen Geben in Dankbarkeit und Verehrung gegen Jsfachar erzieht. Das aber ist gerade die Gegenseite der Quittung. Wenn der Lehrstand (Rabbiuer und Lehrer) eben nicht der mm gedient hat/ nicht rücksichtslos den Weg der Wahrheit ging, selbst das Materielle überschätzte und sich als Nehmer fühlte, sich nicht als Lehrer, sondern als Beamter führte, nur sagte, was die Gemeinde hören wollte, nur den Besitzenden nahe stehen wollte, aber nicht dem Dürftigen, nur nach Gewinn ausspähte und nicht die ganze Kraft einsetzte, ,T°nn zu mehren, wenn -ne Behörden mehr galten, als jüdisch fühlende Berater, wenn alle anderswo auftauchenden Rechtforderungen höher eingeschätzt wurden, als in der mn wurzelnden Pflicht ten, nun dann Haben sie selbst den Ast abgesägt, auf dem sie saßen. Fahnenflucht ergreift 'nur der, welcher nicht aus innerem Ruf heraus Diener der mm sein will, selbst dann, wenn die Zeit noch kein Verständnis seinein Wirken entgegenbringt. In unentwegtem Eifer soll der Lehrerstand ja das Verständnis anregen und fördern, bis er ein Geschlecht in seinem Kreis erzogen hat, das Lehr und Leben im Sinne der mm begreift und pann nach Jahren überstaudener Prüfung, nach stillem Ausharren auf seiner Stelle der Dank zu reifen beginnt und die Not in Segen sich wandelt. ppre::? Pflichtbewußt fein und Vertrauen auf den, der uns ins Herz sieht, der doch sieht, was die Menschen nicht sehen und nicht sehen wollen, doch weiß, was die Brüder nicht wissen und nicht wissen wollen, das' sind die beiden Lebenselemente, mit denen still im Busen der Lehrberuf an seine Arbeit geheü" muß, eine Arbeit, die nicht sich kennen darf, nur Gott zu Ehren, seinem heiligen Namen allein geleistet werden soll. Freilich solch imponderabilen Glücksgefühle,! wenn Erfolge der schweren Arbeit zu deinem beginnen, setzen an sich schon Empfindungen voraus, die das Produkt einer tiefen jüdischen Erziehung bilden, die wieder irr der Vergangenheit der Familie wurzelt. Dazu muß man eine jüdische, tief fühlende jüdische Mutter, einen jüdischen Vater, ideell denkenden und handelnden jüdischen Vater gehabt haben. Ein jüdisches > Familienleben muß dazu die Wärme, ein jü-! disches Gemeindeleben die Tatkraft, eine jüdische Schule die Begeisterung gespendet haben. Nur wer alles das von früher Jugend kennen gelernt hat, bringt das Zeug dazu mit, das weiter zu verbreiten, dessen Erbe er ist. Nicht nach dem Zeugnis, sondern nach dem Charakter, nicht nach der Predigt, sondern dem Leben, nicht nach der Stimme, sondern dein Verständnis sollen die Gemeinden fragen, dann falleil alle Klagen hüben imb drüben fort .und ein Band der Liebe wird die Gemeinde mit ihrem ersten Diener irr gegenseitiger Treue verbinden, allen Beteiligten zum ^tolz und der Jugend zu Nutz und Frommen. Der Geist des Materialismus hat uns verseucht. Wir haben den Schabbos im Leben und Denken vergessen. Er rächt sich. Die Engel des Friedens, die er beschert, haben nur verscheucht, andere sind au ihrer Stelle zu uns niedergestiegen. Wir bekämpfen sie nicht mit Mitteln und Mittelchen. Den Schabbos in seiner Majestät müssen wir wieder einsetzen. Tann sind alle jüdischen Fragen gelöst. Der Geist des Materialismus hat uns stumpf gemacht. Aus die mm wird von der Wahugröße des Materialismus herabgesehen, weil jedes Verständnis für sie fehlt. Den Unterricht in ihr bezeichnet man als Religionsunterricht und man versteht darunter einen erbärmlichen Thauroersatz. Man hat keine Ahnung, was der Inhalt der wirklichen Thauro ist, mau weiß nichts vom Lernen. Seit 100 Jahren und Länger sah man im Westerl keinen m der Geist des Breslauer Seminars hat verödend gewirkt, aris dem ~“i den Leichenbitter geruatt. 'Daß ein zn auch den Lebenden etrvas zu sagen hat, daß er nicht devoter Beamter, sondern würdevoller Lehrer ist, daß ihm die Ehre der Thanrvvertretung gebührt und nicht Ehrungen von ihm zu fordern sind, daß in einem Haushalt und bei der Fragen anstauchen, die ihm vorgelegt werden müssen, daß nur ein Kundiger aus vielen und triftigen Gründen p&m,? ”HD2 (Trauungen vollziehen) darf und soll das alles ist vergessen. Wir müssen wieder „in jeder Stadt und auf jedem Fleckerl wirkliche, echte, ihrer Verantwortung vor Gott und Menschen sich bewußte, gottesfürchtige, hochstehende Rabbiner haben, damit die Welt tvieder zu unterscheiden lernt zwischen Rabbinern echten L-chlages und Inhabern von Rabbinerstellen, die das Judentum vernichtet haben und vernichten. Ter endlich gegründete Bund gesetzestreuer jüdischer Gemeinden Deutschlands findet ein großes Arbeitsfeld vor. Möge er seine Kraft auf Deutschland konzentrieren^ möge er schafftu und leisten, unermüdlich für Thauro sorgen, Wahrheit und Graßheit auf sein Panier schreiben. Judentum und Jüdischkeit fördern, fern von "Politik urid Partei, fern von Eitelkeit unb Herrschsucht, von Nepotismus und Schmeichelei. Ehrlich und aufrecht verfolge er segenbringend ein klares Ziel, die beiden Säulen des jüdischen Lebens, Schabbos und Thauro, zu stärken, dann wird aus Deutschlands Juden wieder, was sie einst eins waren, nur freier und edler, einflußreicher und vorbildlicher, als ja die Ghettomauern nicht mehr besteheil und die Welt uns und mir die Welt durchdrungen. Die Zeit ist dazu da, unsere Jugend will, kowint ihr entgegen und labt ihre schmachteiide Seele. Sie werden mit Thaurogrüße Menschengröße in. edelstem Siiine verbinden rmd ein erlöftingswürdiges Geschlecht erziehen. Erlösungswürdig! Erlösung ist passiv, aktiv ist nur der Weg dahin, ist die Erlangung der Erlösungswürdigkeit. Nicht unsere Sache, nicht unser Elend, nicht unsere Massen können und sollen mir retteil. U n s e r Lebenslicht tst in Gottes Hand.. Ji, unserer Hand liegt die Erhaltung des göttlichen Lichtes in der Welt, für die Welt. Was wir zur Liuderurlg der materiellen. Not, der politischen Drangsale, der sozialen Aechtung tnii können, ist feine materielle, keine politische, reine soziale Sorge. Wir fömtcit nur ideell schassen unb wirken. Nnr der Weg der — mit es ganz deutlich hevauszusagen — steht uns offen. Jeder andere ist verschlossen. Wir sind von keiner Nation geliebt und keilte bricht iln Namen der Menschlichkeit .für uns eine Lanze. Das jüdische Volk ist keilt Objekt christlicher Nächstenliebe unb niemand findet ln stiller rechtlosen Behandlung einen Widerspruch zu humanen Begriffen. Das sollte uns doch die Augeil darüber öffnen, daß uns nichts bleibt, als unser Vater im Hirnlnel. Wohlan beim, so vertrauen wir uns ihm an, laßt uns ihm und seinem Namen dienen, laßt uns alle biejenigen Mizwaus mit Gewissenhaftigkeit üben, die wir hier erfüllen köniten. Mit den Pflichten gegen Gott laßt mls diejenigen siegen Menschen iit Handel und Wandel verbinden. Schabbos und Zinsgebot. verboteile Speisen und Herzenspflichten, Mikwoh unb Erziehnngswerk müssen als die Herolde jüdischen Denkens unb Lebens in der Welt den jüdischen Namen zu Ehren bringen. Dann haben wir mehr für Palästina getan und haben das Ziel unseres Sehnsnchtshofsens in greifbarere Nähe gerückt als mit aller Milli» neu verschlingenden Palästina- und Ostjndeiiarbeit. Wie sagt Samson Raphael .Hirsch doch so wahr? „Wir haben uns.für das Land, und nicht das Land für uns 51t gewinnen." itub gerade wir Westjuden, die mir im Brennpunkt des menschlichen Wissens leben, köniten, wenn wir erttstlich wollen, wenit mir fernen und lehren, beobachten und überall die jüdische Lebensführung stärken, das bewußte Mensch--Jisroe!-tnm erzeugen, das nicht vor Gott in Furcht erbleicht, sondern bewundernd unb verehrend seine Machtosftubancng in der Geschichte schaut nach beit Worten des Propheten Jesaja: Vom Osten her wird mail Gott fürchten, vom Westeil aber ftine Herrlichkeit schauen.