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Der Israelit · 1920-04-22 · Heft 16 (22.4.1920) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 16 (22.4.1920)
Date
1920-04-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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32 April 1920 45Wfe 2 > Nr. 16 ^est, um von diesen aus die Dinge zu werten, er holt sich vielmehr, mit dem Rechte des Genie, das sich selbst die Regeln schasst, die Maßstäbe immer von neuem, und die Gesichtspunkte bleiben weit und offen, so lange sie nicht über den „Emeth" hinausführen. In seinem inneren Wesen gibt es keinen Widerstreit. Er bekämpft nicht — um auf seine Diktion zunächstcinzugehen — die homiletische Deutung an sich, da hinter dieser, bei allem oft dem Worte angetanen Zwang, zumeist die Wahrheit, die höhere über dem Worte stehende ethische Wahrheit istaber dem P1O2 muß, nach dem Grundsatz 'ifc aSV iOptt p« l&Wö sein Recht werden. Darum genügt oft eine knappe Randbemerkung, ein kurzer Hinweis auf eine analoge Stelle) im Talmud, eine Satzumstellung, um den „Drasch" überflüssig Zu machen, oder, sofern dieser solid und altüberlresert ist, ihn dem beziehungsweise der Mischna so einzuverleiben, daß er ein Teil des Texres wird. Alles ist dann so einfach und so klar, daß man sich wundert, es nicht schon längst selbst gewußt zu haben. Das „Ei des Kolumbus". Man hätte am Ende ja selbst darauf kommen müssen! . . . Gehört es doch, nach einem bekannten Kritiker, zum Kriterium des Genies, das; es nichts erfindet, sondern blos offenbart, Erkenntnisse uns nicht aufzwingt, sondern sie in uns weckt, sie gleichsam aus dem Dunkel des Unbewußten ins offne Licht des Bewußtsein hebt. So, als überragende, vom Drange zur Wahrheit und sittlichen Vollkommenheit beseelte allumfassende Persönlichkeit — nicht als Rabbi einer Zeit, ein er Richtung, ein er Lehrmethode — gewertet, ist der angebliche Zwiespalt im Lehren und Handeln des Gaon bald geklärt. Wie sollten nicht der Mann, dem die Exaktheit Teil seines. Wesens war, bei allem Mißtrauen gegen eine thorafeindliche Pseudokultur, die Wissenschaften der Mathematik, Astronomie, Geographie — sein Werk zur Grenzverteilung unter Josua — und hebräischen Grammatik lieben und durch Veröffentlichungen selbst kräftig fördern und bereichern! Am wenigsten aber ergibt sich bei näherem Zusehen ein Widerspruch zwischen seinem Verhalten gegen den Chassidismus und seiner eigenen Vorliebe zu kabbalistischen Studien und allegorischen Ausdeutungen von Worten und Zahlen. Und damit sind wir an die politische Tätigkeit des Gaon, seinen Kampf gegen den Chassidismus angelangt. Wer nach den authentischen Quellen diesen Kampf in Ursprung und Verlauf verfolgt, weiß, daß es kein Streit um große geistigen Fragen, überhaupt kein Geisteskampf war. Die Tatsache, daß sich der Gaon bei all seiner sonstigen Der JSraelir. beispiellosen Sachlichkeit und Gründlichkeit auf eine sachliche Auseinandersetzung über das Wesen und den Geist der Bewegung gar nicht einließ, daß er bet seiner sonstigen sprichwörtlichen Versöhnlichkeit sich hier unerbittlich zeigte und es sogar ablehnte, seinen großen Gegner, Rabbi Senior Solman, zu empfangen und anzuhören, bevor er die schärfste Waffe, den Bann, zur Anwendung brachte, all dieses spricht Bände dafür, daß sich seine Gegnerschaft nicht etwa gegen die Kabbala oder das Studium derselben richtete. Er sah in der neuen Schaar, die sich um den „Rebbe" sammelte und um Bücher, deren Studium ein großes Maß von Vorkenutnissen auf anderen uns zugänglichen Gebieten der Thora erfordert, eine schwere Gefahr für das Talmudstudium, für die Autorität der Lehre und des auf derselben ruhenden Gesetzes. Es durfte keine Person heiliggesprochen werden, die nicht diesen Heiligenglanz vom Lichte der Thora erhielt. Bei R. Senior Salmon war dies der Fall, aber in anderen Gegenden, so in der Ukraine und Bukowina, fing die Rabbiwürde schon an, erblich zu werden. Man durfte sich nicht ins Uferlose unverstandener kabbalistischer Lehren verlieren, um sich dem exakten Talmudstudium zu entfremden und gleichsam in der Luftlinie vergeistigter und verinnerlichter Gedankenwelten hemmungslos über den festen Damm des Pflichtgesetzes hinwegzusetzen. Hier waren Gefahren in Sicht, denen entgegenzukommen, dem Gaon kein Mittel, sofern eS rein und offen angewandt wurde, zu stark schien. Die Gefahr trat ihm in tausend lebendigen Zeugen vor Augen. Der eigentliche Ideengehalt des Chassidismus blieb davon unberührt. (Schluß folgt.) Wochennmdscha». Sie Schaltung der Landgemeinden- Der in dieser Nummer erscheinende Aufsatz eines badischen Mitarbeiters über die Ausgaben der nächste Woche neu zu wählenden badischen Synode giebt ein interessantes Bild von der Höhe der Geldsummen, bie aufzuwenden sein werden, wenn man unseren kleinen Gemeinden die Aufrechterhaltung ihres Gemetudelebens und ihrer religiösen Erziehung halbwegs ermöglichen will. Wir stimmen zwar mit unserem geschätzten Herrn Mitarbeiter durchaus nicht überein, wenn er die kommende Synodaltagung vor jeder Auseinandersetzung über Weltanschauungsfragen bewahrt wissen will, glauben vielmehr, daß die religiöse Wahrhaftigkeit eine solche Auseinandersetzung grade in Baden gebieterisch verlangt — allein sicher ist, daß die Entwicklung der finanziellen Gebahrung in der nun einmal zwangsläufig organisierten badischen Judenheit von höchstem Interesse für das ganze jüdische Deutschland sein wird. Wir gestehen, daß es uns einigermaßen zweifelhaft erscheint, ob die indifferent-liberalen Kreise in Mannheim z. B. die ihnen auferlegten Steuern auf die Dauer zahlen oder lieber der kostspieligen Gemeindezugehörigkeit formlos entsagen werden. Die Furcht vor der jüdischen Steuerflucht scheint uns gegenüber diesen Kreisen durchaus nicht so unbegründet zu sein, wie unser Korrespondent annimmt. Die Zukunft wird darüber belehren. Die von den orthodoxen Verbänden veranstaltete Rettungs-Aktion für die Landgemeinden, die ja sicherlich nicht auf die Peßachtage beschränkt bleiben, sondern hoffentlich energisch fortgesetzt werden soll, hat inzwischen freudige Zustimmung auch in liberalen Kreisen gefunden. So schreibt Lehrer Steinhardt in Magdeburg, also eine Persönlichkeit, der man übertriebene Vorliebe für die Orthodoxie gewiß nicht nachsagen kann, in seinem Organe unter der Ueberschrift: „Eine rettendeTatder Orthodoxie" u. a. Folgendes: „Die jüdischen Blätter bringen einen Aufruf des Bundes gesetzestreuer jüdischer Gemeinden Deutschlands, der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums und des Gruppenverbandes der Agudas Jisroel in Deutschland. Er fordert auf, während des Peßachfestes, bezrv. in der Zeit vom 1. bis 15. April einen Millionenfonds für die Erhaltung des ländlichen Gemeindelebens zu schaffen. „Die jüdischen Landgemeinden", so heißt es in dem Aufruf, „stehen unmittelbar vor einer Katastrophe, wie sie die Geschichte, des jüdischen Gemeindelebens noch nicht gesehen hat." Und in vollster Würdigung der tatsächlichen Verhältnisse heißt es in dem Aufrufe weiter: „Gegen Hungerlöhne sind keine Beamten, keine Lehrer, keine Kultusüeamten, keine Schächter mehr zu haben — und ohne Beamten als geistigen Mittelpunkt und Träger ihres Gemeinschaftslebens sind allediese Gemein den zur Verwilderung, zum Untergang verurteilt." In gleicher Weise habe ich in diesen Blättern gar oft schon an unsere Glaubensgenossen appelliert) ich freue mich, daß endlich sich Organisationen gefunden haben, die ein Verständnis für die Sachlage und für das, was uns not tut, bekunden.- —- Unsere wärmste Anerkennung, unseren nie verlöschenden Dank aber sprechen wir den orthodoxen Verbänden aus, die den Versuch zu einer Rettung der Lanbgemeirden und ihrer Kultusbeamten machen. Und selbst, wenn der Versuch nicht gelingen oder doch nicht in gewünschtem Maße gelingen sollte, haben diese Verbände den berechtigten Anspruch aus unseren Dank. Und ebenso appelliere ich cm die gesamte Lehrerschaft, allerorts sich darum zu bemühen, daß die Sammlungen ein wirkliches Ergebnis zeitigen) sie kommen ja unserem Stande zugute. Wir hätten freilich gewünscht, daß die Unterzeichner des Aufrufs eine bündige Erklärung darüber abgegeben hätte, daß das Ergebnis der Sammlung allen jüdischen Gemeinden ohne Unterschied der religiösen Richtung zugute kommen soll, wie ja auch der Aufruf Von der Lehrmethode des Mtnaer Gaon. Bezeichnend für die eigene Kunst des Wilnaer Gaon, mit den einfachsten Mitteln das Eigentliche und Wesentliche aus dem Unverständlichsten herauszuarbeiten (siehe Leitartikel der heutigen Nummer), sind seine folgenden zwei Erklärungen, die eine zu einem Midrasch auf 7117, die andere zu einer schwierigen Mischnastelle. In der Tochachah, Debarim 28, 63, ist der Satz enthalten: 7i2i,i*?i 227X n»tsr6 'i 5757 717x2 '»ni 22718 IWfÄl 22718 VSX.’ft 22^7 '*7 p 02718. „Wie sich Gott einstens freute, euch Gutes zu erweisen und euch zu vermehren, so wird er jetzt Freude daran haben, euch zu vernichten und zu vertilgen". Dazu Midrasch: nixax 'i i'72 lrxi p wo» 157x2 i'M.i '121. „Darum heißt es im Psalm 48: Wie wir gehört, so haben wir es gesehen in der Stadt Gottes Zebaoth, in der Stadt, die Gott errichten mag, Selah" I Alle Erklärer mühen sich vergebens ab, hier den Zusammenhang zwischen Bibel- und Psalmsatz herauszufinden. Der Gaon tut eS nicht, sondern stellt nur die Worte folgendermaßen zurecht: '21 5757 1^82 'm '1 p U7257 “11782 — 2278 7TI277^ 2278 2'52.1^> HiKI p — 2278 1'287*7 E2‘>*77, Und alles ist damit sonnenklar. Midrasch will uns mit dem an gezogenen Psalmworte nur sagen: den ersten Teil des Possuk, das mit 15782 vom Glücke der Vergangenheit spricht, kennen wir nur vom Hörensagen (1:7257 NL'82), den Schlußsatz jedoch, der mit p das gerüttelte Strafmaß des Leides einleitet, haben wir genugsam gesehen und am eigenen Leibe erfahren (1781 p). Die andere Stelle betrifft die Mischna ':.,i"2 71N7, wo Hillel lehrt: 8^8 7ipan 78 p^ais paix57 an: pn x*72 121 p,57*72 ia£> 211 21857 „Ein Hin voll „geschöpftes" Wasser macht die Mikmah unbrauchbar, nur, daß man gehalten ist, in der Sprache des Lehrers weiter zu lehren" .... Der Nachsatz 12! x^x bleibt absolut unverständlich. Maimonides gibt im Namen seines Vaters weiter, daß dieser Nachsatz sich aus die Sprechart des Wortes pn beziehe. Schemajah und Awtalja, die Lehrer Hillles, waren fremdvölkischer Abstammung und sprachen das 'n wie 8 aus. Aus Pieiät gegen die Lehrer sprach auch Hillel das Wort pn mit 8 wie p8 aus. Viel verständlicher wird dadurch die Sache nicht. Da kommt der Gaon und lenkt als Erster und Einziger unser Augenmerk auf das Wort 8 b a in der Mischna hin (pn 8*72). Was soll dieses 8^2? Ganz einfach! Hillel. sprach, (wie Maimonides Vater richtig bemerkt), aus Pietät gegen seine großen Lehrer das p,i wie p8 aus. Ohne das 8*72 würde dann die Mischna lauten: 71,12,1 78 p*7Dis p2i82> 212 px, was zu einem unheilvollen Mißverständnis führen und den Sinn in sein Gegenteil umkehren müßte. Darum muß das 8^2 voran, das jeder Mißdeutung vorbeugt und den Sinn der Mischna sicherstellt. Aus die stumme Frage nach der Bedeutung des 8*72, antwortet nun bte Mischna selbst: 121 1157*72 121*7 2-757. Mußte er aber darum p8 sagen, so mußte er auch noch das Wort s^a hinzusügen. Es geht, wie an anderer Stelle gesagt, nicht an, an Hand einiger Stichproben aus dem unermeßlichen auf uns überkommenen Geistesschatz der Persönlichkeit und der Lehrmethode des Gaon gerecht zu werden, nichtsdestoweniger sind die zwei Fälle typisch für seine Art, spielend das Einfachste hervorzukehren, wo andere vielleicht Kunstwerk auf Kunstwerk — in den Wind gebaut hätten. Kleines Feuilleton. Sie Juden im Weltkriege. Im „Halberftädter Tageblatt" lesen wir folgende interessante und beachtenswerte Zusammenstellung: „Daß die Juden im Weltkriege ihre vaterländischen Pflichten voll und ganz erfüllt haben, davon zeugen nicht allein statistische Ergebnisse, sondern vor allem die jüdischen Heldengräber in aller Herren Ländern. Aber lassen wir auch übersichtliche statistische Ermittlungen sprechen. Am Kriege haben deutscherseits teilgenommen (in runden Zahlen angegeben):

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