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Der Israelit · 1920-04-15 · Heft 15 (15.4.1920) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 15 (15.4.1920)
Date
1920-04-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 15 Wochelmindschau. Das Vorgehen gegen »!e OWden. Seit Monaten hört die antisemitische Presse nicht auf, über die starke Einwanderung ostjüdischer Elemente zu zetern, die trotz der bestehenden Grenzsperre über die polnisch-preußiscbe Grenze herüberkommen und in den deutschen Großstädten Wohnungs- und Lebensmittelnot angeblich in unerhörtem Maße vermehren. Das preußische Ministerium des Innern nahm gegenüber dieser unausgesetzten Fremdenhetze, die schon die bloßen Einwanderungsziffern ungeheuerlich übertrieb, einen wahrhaft freiheitlichen, humanen Standpunkt ein, weshalb Minister Heine Gegenstand schäfster Angriffe aus den antisemitischen Kreisen wurde. Es ist nun wohl kein bloßer Zufall, daß mit dem Rücktritt des Preußischen Ministeriums der fremdenfeindlichen Propaganda zwei große Erfolge auf einmal beschieden worden sind: die Ausweisung der Fremden aus Bayern und die „militärische Fremden-Razzia" in Berlin am letzten März-Samstag. Ueber die Vorgänge und die Lage in Bayern berichten wir an anderer Stelle. Was in Berlin geschah, wo man wahllos von der Straße weg 250 Leute aufgriff, um sie in Zossen zu internieren, stellt sich als eine „militärische" Aktion des Oberbefehlshabers, Generals von See kt, heraus, von der die Zivilstellen keinerlei Kenntnis hatten! Gegen einen derartigen Uebergriff» aufs schärfste zu protestieren, ist nicht nur das Recht der jüdischen Oeffentltchkeit, sondern die Pflicht al^er nicht ganz mit Blindheit geschlagenen deutschen Staatsbürger. Zugegeben, daß die ostjüdische Einwanderung in das verarmte und hungernde Deutschland ein nicht ganz leichtes Problem für die deutsche innere Politik sei — wie kommt das Militär dazu, mit roher Gewalt in dieses Problem einzugreifen, dessen Lösung Weisheit, Menschlichkeit und kluge Rücksichtnahme auch auf das Ausland verlangt? Inzwischen sind, nachdem eine jüdische Kommission die Verhafteten in Zossen besuchen konnte, eine größere Zahl der Internierten wieder freigelassen worden, weil sich herausstellte, daß sie vollkommen ordnungsgemäß legitimiert waren, ja zum Teil seit langen Jahren in Deutschland wohnten. Die Einzelheiten, die der „Vorwärts" über die Verhaftung selbst und über die Behandlung im Lager zu erzählen weiß, sind so haarsträu- Kleines Feuilleton. Eine Szene an der Vudapester Im „Pester Lloyd" liest man folgende Geschichte: Ort der Handlung: Ein Korridor im Zentralgebäude der Universität Budapest. Zeit: Vorige Woche. Personen: Ein Student, ein Professor. Der Student bleich und mager. Trägt Zivilkleider, aber auf feiner Brust glänzte die große goldene Tapferkeitsmedatlle. Er humpelt und schleppt sich mühselig weiter. Der Professor (eine Zierde und Berühmtheit der ungarischen Wissenschaft, Abkömmling einer altadeligen ungarischen Familie, hochverehrt im ganzen Lande. Er wirft einen teilnahmsvollen Blick auf den Studenten, plötzlich aber erhellt ein mildes Lächeln sein Antlitz. Wie der Student näher kommt, hat er ihn erkannt): Ach, Sie sind es, lieber X.? Eine ganze Ewigkeit schon habe ich Sie nicht gesehen. Sie gehen so schwer. Sind Sie leidend? Der Student (verlegen): Es ist nichts, Herr Profesior. Bin noch etwas schwächlich, aber es wird sich schon geben. (Lüftet den Hut und will weitergehen). Der Professor (heftet den Blick auf das rechte Bein des Studenten): Was ist es denn mit diesem rechten Bein? Der Student (mit steigender Verlegenheit): Nichts, wirklich nichts. . . Eine ... eine Protheste. .. Der Israelit. bend, daß wir sie vorläufig nicht wiedergeben möchten. Von dem neuen Reichswehrminister muß erwartet werden, daß er der schmachvollen Aktion endgültig Einhalt gebietet, die Schuldigen zur Verantwortung zieht und die Behandlung politischer Fragen den Zivilbehörden sichert. Diese werden gewiß den sachlichen Erwägungen zugänglich sein, die man Vonseiten der jüdischen Organisationen in der Ostjudenfrage geltend zu machen hat. Die Losung kann nur lauten: wer sich gegen die Rechtsordnung wirklich vergeht, den treffe die Strenge des Gesetzes — die paar tausend arbeitswilligen und fctedlichen „Fremden" aber sollten und könnten im neuen Deutschland sehr wohl allmählich vom Arbeitsmarkt absorbiert werden. Schülerausschuß und Slaubenstreue. VonDtstrikSrabb. Dr. Michalski in Burgpreppach. Die schäumenden Fluten des Freiheitsdranges der Revolution spülen auch in die Schule, in die Klnderherzen hinein. Schülerausschüsse und Schülerversammlungen werden von den Behörden an geordnet und ihnen wird das Recht der Mttverwaltung und der Selbstverwaltung eingeräumt. Gefahren entfesselter Schrankenlosigkeit schlummern hinter dieser Neugestaltung: den Keim kann sie bergen zu maßlosem Stolz, zu selbstbewußter Ueberhebung. Auch der Glaubenstreue kann Nachteil aus ihr erwachsen, wenn der Freiheitsgeist auch des Glaubens Bande sprengt und im Eigendünkel nur des eigenen Willens Machtwort kennt. Es gilt darum, dem Strom dieser freiheitlichen Schulgestaltung die richtigen Pfade zu weisen, ihn mit einem Geist zu durchdringen,, der diese Befürchtungen nicht aufkommen läßt. Ja, es läßt sich erstreben, diesen Freiheitsgetst in der Schule in den Dienst unserer Religion, zu stellen, ihn zum Wegweiser zur Glaubenstreue zu wandeln. Eine mächtige Umwälzung bedeutet diese Selbstverwaltung im Leben der Schule, in dem Wesensgrund, auf dem sie errichtet. Was bisher Wunsch aller Erzieher war, kann und soll durch ..sie angebahnt werden. Die Schule wird nicht nur zur Lehranstalt, sie wird zur Bildungsanstalt für Herz und Willen. Der Schüler, der früher von außen geführt und geleitet wurde, soll lernen, diese Leitung und Führung im Innern zu fühlen und zu erzielen. Anstelle des Zwangs soll das sittliche Wollen treten, er soll selbst im Ausschuß oder in fcef Schülerversammlung ein sittliches Handeln an sich und an den Mitschülern prüfen, Der Professor: Vom Kriege her? - Der Student: Vom Kriege . . . Amputiert . . an dem Piave . . . Der Professor (wahsnehmend, daß der Student, auch das linke Bein mühselig nachschleppt): Aber das linke? Der Student (errötend): Nein, wirklich nichts, Herr Profesior . . . Verwundet . . . durch Maschinengewehrgeschoffe. Der Professor: Auch im Kriege? Der Student: Nein! Diese nicht. Der Professor: Woher sonst? Der Student (sehr verlegen): Nicht der Rede wert ... Zu Hause ... in meiner Vaterstadt . . . Sie wissen ja, Herr Profesior, da gab es in der Bolschewikenzeit . . . eine Gegenrevolution . . . Und ich bin halt dabei gewesen . . . mit meinen weißen Freunden . . . Die Wunden sind aber schon geheilt . . . Und bald wird das Bein, die Aerzte sagen es, seine frühere Beweglichkeit wieder haben. Der Professor (drückt ihm warm die Hand). Sehr teilnahmsvoll: Sie Aermster . . . Sie Braver . . . Braver . . . Und jetzt, was machen Sie jetzt auf der Universität? Der Student: Durch den Krieg habe ich sieben Semester verloren. . . Jetzt wollte ich mich einschreiben. . . Ich wollte . . . Der Professor (schmerzlich betroffen, ahnungsvoll): Und? Der Student: Und ... es ging nicht . . . Die Brachialgewalt . . . ganz junge Leute . . . heil und gesund . . . Sie lassen es nicht zu . . . Ich bin ja Jude. Der Professor (seine Wimpern werden feucht, sein Antlitz wird blaß, er langt wieder nach der Hand des Studenten, drückt sie lang und warm, öffnet den _ 15. April 1920 soll das Gute loben, das Böse verurteilen, .'soll dem selbstgewählten Mitschüler als Vertrauensmann und Aufsichtsperson strikten Gehorsam erweisen, wie er selbst ihn, wenn er dieses Amt bekleidet, von anderen fordert und heischt. Dem Pflichtenheft des Klaffenordners, dem Klaffengesetz beugt sich der Schüler im freiwilligen/ beseelten Gehorsamnicht dem Mitschüler, der auf der gleichen Bank mit ihm sitzt, der im Unterricht die gleichen Fehler oft macht, der Autorität des Gesetzes, die unsichtbar hinter dem zum Beamten gewählten Mitschüler steht, gilt seine willige Unterordnung als Ergebnis des eigenen Antriebes im Streben zur Setbfterziehung und Selbstvervollkommnnng. Cs führt diese zur Selbstbeherrschung, zur Selbstzucht und zur sittlichen Willensbildung. War bisher im Schüler nur der Respekt vor dem Befehlenden und Gebietenden vorhanden, so erwacht jetzt in ihm das Verantwortungsgefühl für sich und seine Mitschüler. Er kommt zur Erkenntnis, daß Gehorsam und Freiheit,.-Unterordnung und Selbstbewußtsein nicht unvereinbare Gegensätze sind. Hr lernt den Ausspruch Goethes verstehen: „Folgsam fühlt sich immer meine Seele am schönst-'. r~~Ui f*tnt fcefi'rpifeit unserer Weifen Wort: Pflichtgewöhnt | u, a anur unter a: Gesichtspun.;u betrachten, ob es für ihn;-’A Vorteil. a Z’u tteil sei, sondern zu Prüfen, welchen Wert a tüt seine Mitschüler, für die Klo.für die Schr-.S hat. Bei ImM Wertung Ux Gewissensmotive muß nun Me religiöse Belehrung in unseren Schulen einsetz :;; : von Schülerausschüs aa Gefahren für o. MAN ' M, •? -V' muß gelegentlich., wenn a in bit Lrschemung treten, bei ihrer Finrichtmr.r sowohl, wie bei der Ueberwachuna ihrer Tärl-Mr in überzeugender . Weise den Schülern klaranlcgi werden, daß diese Neugestaltung nach F. W. Försters Worten „eine Eharakterpädogauich ine Gymnastik des Gerechtigkeitssinns, ein: / r uisation der Seele" ist, daß, wie jetzt eine gen. rfchaftliche Bindung den Befehlenden und Gehorchenden unter die Macht des Gesetzes stellt, die jetzige Freiheit, wie auch die spätere, die ihnen, wenn sie die Schule verlassen, winkt, nicht schrankenlose Willkür, sondern freiwillig beseelten Gehorsam und ein in echter Freiheit wurzelndes, im Dienste treuer Pflichterfüllung sich betätigendes Verantwortlichketrsgefühl umschließt. Während ein im bisherigen Schulzwang erzogener Zögling, sobald er der Schule entwachsen, vielleicht schon aus Haß gegen den bisherigen Zwang das unter Mund zum Sprechen, aber es kommt ihm kein Wort über die Lippen. Endlich breitet er stumm die Arme aus und drückt den Studenten an die Brust. Dann ringt er sich los von ihm und stürzt davon). Der Student (humpelt still weiter. Ab). Der Professor (eilt die Treppe hinunter, winkt einem vorbetfahrenden Wagen und läßt sich nach Hause fahren. Zuhause stürzt er verstört in sein Arbeitszimmer. Seine Kinder eilen ihm nach, fragen ihn, geängftigt, was es denn sei. Der Professor winkt ab. Die Kinder gehen aus dem Zimmer. Der Professor setzt sich an den Schreibtisch, ergreift die Jeder, wirft sie jedoch gleich wieder von sich, beugt den Kopf nieder, lehnt ihn auf die übereinandergestellten Fäuste und sinnt eine Weile nach. Dann verzweifelt ausrufend): Ich trag's nicht länger . . . Ich trag's nicht länger ... So eine Schmach . . . So eine furchtbare Schmach! . . . (Er ergreift die Feder wieder und schreibt ein Gesuch au den Minister, worin er um seine Pensionierung bitte). Das ist keine Erfindung. Das hat sich buchstäblich so zugetragen. Im „Archiv für Jrauenkunde und Eugenik" (Bd. 5, Heft 2 u. 3, 1919), finden wir eine interessante wissenschaftliche Untersuchung von Dr. Stephanie Oppenheim, in der gezeigt wird, wie allenthalben, insbesondere aber beim Judentum, das Wohlleben blühende Geschlechter untergräbt und ihr Aussterben bewirkt. Unter Zugrundelegung eines Materials, das aus den Stammbäumen von achtzehn christlichen und

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