Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 13-14 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1. Avril 1920. 16. Jahrgang. üdifcher Volksfreund Monats-Beilage zum „Israelit" Verantwortliche Redaktion: Rabbiner vr. Wolf in Köln. mwA Verwenden Sie der freudigen Anlässen die Telegramm - Ablösungs- Zormulare unseres Vereines. Mvers pvo g*tüxk Mavk 2.— Au beziehen durch unser Büro: Cöln, Hoheustaufenring 14 Postscheck-Konto: Cöln, Nr. 506d8 pefach. Die Zusammenhänge des seelischen und Wrperlich-en Lebens sind uns nicht bekannt. Änd wenn auch die alten Römer schon eingesehen haben, daß nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist leben und arbeiten kann, so begriffen sie diese Tatsache doch nur von ihrem Nützlichkeitsstandpunkt aus und ließen diese Wahrheit nur von der intellektuellen Kraft gelten, die ihnen die Voraussetzung für die körperliche Schaffenskraft bildete. Daß aber auch diese Geistesarbeit nicht selbst als Kraftquelle anzusprechen ist, sondern nur auf einem besonders gearteten Erzeugungsboden gedeihen kann, der durch die Pflege sittlicher Gesinnung vorßubereiten ist, darin besteht die Wiedererneuenmg der Menschheit durch die Tauroh. Da ist es denn die Tauroh, die die Begriffe prägt von Reinheit und Unreinheit, von Seelenstärke und Willensschwäche, von Selbstbeherc- Arng und Unterliegen. „Reinheit", 'Reinheit des Willens und der Vorstellung bedeutet ihr die Welt, mit der wir leben oder sterben, irn Einßeldasein und im Völkerleben siegen oder untergehen. Alles Stoffliche trägt den Keim der Sterblichkeit in sich und ist der natürliche Nährboden übertragbarer Jrdischkeitsideen. Noch bevor wir die Bühne der Geschichte betraten, ruft die Tauroh uns warnend zu: „Lehret Israeli Söhne sich von ihrer Unreinheit fernzuhalten, damit sie nicht durch ihre Unreinheit sterben". Lasset in grellen, weithin sichtbaren Farben die Menschen-- und die Völkergräber leuchten, damit Israel andere Wege wandele, auf daß es bewußter Träger meiner Niederlassung in seiner Mitte sei. -Aus ihrem Grabe schreit die Selbstvernichtunjg auf, schreit zu den Lebenden empor ein kirnendes Halt. Vielfältig in der Geschichte Vereitele hochgespannte Verfeinerung der äußeren LebenSgervohnheit, überspanntes Machtgelüste den Unersättlichen das Grab und was irdisch wackp sen wollte, Zerfiel in Grabesmoder. Schaut die klägliche Gestalt des einst so Stolzen? Zn Hochmut hat er versündigt - und so oft im Völkersein ries schon der Siegessichere hinterher die Ursache seines Sturzes als mahnendes Beispiel in die Welt hinaus, damit er selbst durch schmerzliche Ersah'- rung gesunde und an seinem beklagenswerten Vorbild die Welt genesen möge. - —- Doch die Menschheit lebt schnell hinweg, Was veraltet, denkt sie, kehrt nicht wieder, und jede Gegenwart glaubt wahnwitzig an die Größe der eigenen Vernunft. Befangen im Gemntsenipsinden des eigenen Erlebens, will sie die objektive Klarheit der abgeschlossenen Geschichte vergangener Tage nicht schauen, Drum lernt sie nichts und hat nichts zu vergessen. Nicht also die Tauroh. „Zeitstistungen" hat sie eingesetzt, der Geschichte zu gedenken, und Symbole hat sie uns an ihnen in die Hand gegeben, um die Lehren wachzuhatten, um Deui teil und Handeln darauf zu erziehen.! Am Pcssach vor allem, der Gedenkzeit des ' Pharaonensturzes und der Sklavenbefreiung lveckt sie die tote Sprache des Symbols zu lebendigen Worten des Ernstes und der Liebe des Vaters zu seinem Kind, II. 13, 8. Im Anblick der Mazzoh gewinnt die Geschichte wieder Leben. Nicht am Tage, an dem zuerst die Mazzohvfticht geboten wurde, am Rausch Chaudesch Nissan, sondern am Tage,- an dem sie praktische Bedeutung erlangte, lassen Uür sie reden, da verstehen tvir ihre Sprache. Wann begreifen mir unser Sein und Sollen eindringlicher, als wenn wir uns in die Zeit versetzen, in der die Wirklichkeit, für die^Mazzoy und Morauc Symbole sind, unsere Lage mit Grauen erfüllte? Wann sollten wir inniger und lebendiger den Sinn unseres Lebens erfassen als in Zeiten, da wieder Mazzoh und Moraur unser und unserer ganzen Zeitgeschichte Sorgen und Bangen bedeuten?! Verstehen wir, warum die Weisen den Vers, der eigentlich nur an den Dn sich wendet, auch auf den mit anderer Bedeutung beziehen? Wenn keine Geschichte mehr belehrt, wenn keine Wahrheit mehr verstanden wird, wenn der Materialismus des Lebenskampfes und des Beispieles alles jüdische Empfinden niedergetreten hat, daß jedes Verständnis für Thauroh-Ideal geschwunden, dann kommen Zeiten herauf über Israel und die Welt, die in Mazzoh-Elend und Moraur-Bitternis den Kelch des Leidens und Entbehrens reichen, aber auch den Sturz der Erdengrößen und der Gottesseindschast uns j schauen lassen, Zeiten, schrecklich und groß zugleich, trübe und erhebend, eine macht- und glanzvolle, schmerzliche und heilkräftige Wiederholung des *4 HW HT ni2p2 — Spricht das eigene Erleben dann noch vergebens seine Gottessprache der Erziehung, dann ist es der PttH zu dem der Allvater sich vergebens wendet. 1*7 Für den und für die, von dem und von denen, durchden und durch die ist keine Erlösung zu erwarten, die nickst schauen, wie die Flammen, die von der zerstörten Erde auflodern, an das dunkle Firmament, das, in tiefe Nacht gehüllt, sich über die Welt wölbt, die Worte schreiben nw ni ni2v21 Die noch heute Gott nicht erfassen, die noch heute den Sturze der Mcnschenmacht nicht begreifen und ausbauen wollen mit den Steinen, die sich als morsch erwiesen, die an dem Materiellen hängen, das in seiner lleberspannung sich selber das Urteil gesprochen und in zahllosen Strömen vergossenen Menschenblutes ausgeführt, die nicht erkennen wollen, daß der Schabbos vor allem als Wahrer alles Jdealisnms und aller Sitten der treueste Hüter der Gesellschaftsordnung ist, die nur sich und ihren vermeintlichcn Augenblickes- Vorteil, aber nicht Jisroels Aufgabe und seine Gesamtverantwortung für die Menschheit im Busen tragen, die noch heute nicht beobachten, wie die Nemesis der Gesckichtswaltung für Israel und alles nur wegen Israel vollbringt, die drum noch heute sich nicht Israel und der Tauroh zuwenden, mit Geist und Herz, mit Opfer an Zeit und Mühe, mit Geld und Gut, mit 5paus und Kind, für sie alle gilt die scharfe Absage 1? *01 ’bi Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, gewahrt deutlicher als je zuvor (Ps. 68, 23.) Deine Gänge, Gott, die Gänge meines Gottes, meines Königs ins Heiligtum. Wenn die ganze Welt in ihrem Innersten erzittert, wenn /Zehrung an ihrem Ar arte frißt und wo sie geht und steht, sie den Boden schwanken fühlt - - — wenn der Feigenbaum nicht blüht und klein Ertrag am Weinstock sprießt, wenn der Olivenbamn um den Erfolg betrügt und die Gefilde keine Nahrunp bieten, wenn aus der Hürde die Schafe geichwirnden und keine Rinder in den Ställen stehen (Habakuk 3, 18—18) — was tun wir dann? dann jauchzen wir in Gott und frohlocken über den Gott der Menschenhilfe. « Tann schauen wir den Gottesboten, der den I Weg für die Gotteserkenntnis frei macht. Mötzlich tritt er ein in seinen Weltentenrpel, der Herr, den ihr suckstt und der Engel des Bundes, den ihr ersehnt, siehe, er kommt, spricht der Gott der Heerscharen (Maleachi 3, 1—2). Toch wer erträgt den Tag seiner Ankunft, wer bleibt aufrecht, wenn er erscheint? wie ein läuterndes Feuer ist er und nie Lange für die Wäsche. Die Welt ist ein Altar, für Gott geweiht.. Zum Altar sollst dn mir den Erdboden wandeln! und Feuer des Altars soll daraus brennen. Und 1 alt die Organe der niedern Triebe und alle l die Fetteile ausgespeicherter Erdenkraft — zur Asche werden sie verbrannt. Zum Lehnneister für die Geschlechter, wird die Asche von Tag zu Tag neben den Altar gelegt. Und fort und fort lodert die Flamme des Gesetzes, verni-chtend, verzehrend.. Beständiges Feuer brennt auf dem Altar, versengt und läßt vergehen, was irdisch allzu irdisch ihr sich naht, bis das Feuergesetz ganz unser geworden ist, von uns erkannt als Beherrscherin und Triumph der Zeiten. Zur Asche sind sie geworden, Völkergrößen uuo Helden der Geschichte; und noch