Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 13-14 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 No. 13 .u. 14. Kleingeistkrämers, das echte prosaische Philistertum. Und dieser soll dem Judentum auf die Beine helfen. Dieser soll eine geist- und lebensvolle Gestaltung Hervorrufen!" (II, 158 ff.) Das war am 1. Mai. Am 22. Mai erfuhr Graetz, daß Hirsch in Wöllstein das Riesengehalt von 800 Talern gefordert hatte, womit die Verhandlungen abgebrochen waren. Ihrem Ende näherten sich auch die Beziehungen des Jüngers zum Meister, der die „Kündigung" mit den lakonischen Worten quittierte: „Es tut mir leid, daß Sie unL schon verlassen wollen." „Beim Abschied" — erzählt das Tagebuch schließlich — „küßte er mich". „Ben Uüel mich küffen! Diese Phase würde in Posen wie in Mirakel klingen. Mir ist es nicht viel wert — Ne sei« pas ingrat — und sie, sie reichte mir freundlich die Hand und drückte sie . . . Aber er war wirklich gerührt. Er hat Gefühle. Aber — ich urteile jetzt nicht-— J am not at all sollicitous of what will become of me and my depart to-morrow and Basta. ^DPI Salomo (Ein neues Buch von Ben Jair.) Nach mehrjähriger Pause läßt Ben Jair im Verlag L. Sänger, Frankfurt a. M. ein neues Werk erscheinen. Gerade recht zu Pessach kommt diese Dichtung heraus, die eine wahrhaft poetische Verklärung! von Schir haschirim Hl, 14 bis Ende darstellt. Ars vor sieben Jahren des Dichters „Elijahu" erschien, haben nur schon bereits auf die Eigenschaft des Dichters hrngewiesen, mit hervorragender Intuition den Geist der hebräischen Sprache zu erfassen und die leisesten Schwingungen nach>ufühlen, die die heilige Schrift durchzittecn. Und so erwächst ihm aus den Versen N81 w bis 127 eine reizvolle Dichtung, dramatischen Aufbaues und doch hochlyrisch, dem unvergleichlichen Schir haschirim angepatzt. Ein Festspiel nennt der Dichter sein Werk. Bstkid, die Königin von Saba, hat Salomo besucht. In der letzten Stunde ihres Beisammenseins versucht sie vergeblich, Salomo zu umgarnen. Während sie in leichte Hypnose versenkt liegt, läßt ihr der König durch seinen Diener ein Gleichnis vortragen. Da hat Zaar, der Schmerz, aus seiner Wanderschaft bei seinem Bruder Chemloh (Mitleid) Halt gemacht, dessen Gattin, Chibo (Nächstenliebe) ihm für kurze Zeit vergessen machen möchte, was ihn bedrückt. Er kommt gerade zur Hochzeit ihres Töch-crlems Cbedwah mit Neeman, dem gläubig Bewährten, zu der die Urmutter Ahawo, erschienen ist und ihnen ihr Haus zeigt als „Apirjon" „tauchou rozguf. ayawoh", gebildet von Giloh, Dtzoh Rinoh uu" den anderen Bnäus Jauscholajim, wie wir sie aus den Bnchnns hanifuim kennen. Diese Inhaltsangabe besagt wenig. Man mutz das Werk selbst lesen. Noch besser wäre es ftestich, würde cs durch berufene».Kräfte dargestellt und so weiteren Kreisen lebendig'"vor Augen geführt werden. ZücherbOrechungen. Um die Ewigkeit. Jüdische Essays, von Dr Nathan Birnbaum. Berlin 1920. Welt-Verlag Preis geh. 9 Mk., geb. 11.50 Mk. Unmittelbar vor dem Kriege, zu des Verfassers 50. Geburtstage haben wir an dieser Stelle Birnbaums „Ausgewählte Schriften" {2 Bde. Czernovitz) besprochen, in Verbindung mit einem damals gerade in dem Prager Sammelbuch „Vom Judentum" erschienenen Aufsatz: „Das Erwachen der indischen Seele". Wir haben damals bereits daraus hingewiesen, datz gerade ein genaues Studium der „Äusgewählten Schriften", die so gänzlich fern aller religiösen Weltanschauung scheinen, die durchaus folgerichtige geradlinige Entwicklung Birnbaums vom Acher zum Bekenner des Echod zeigen. Die Ehrfurcht vor der Volksseele war es, die Birnbaum zum Leitfaden wurde arrS dem Labyrinth seiner materialistisch-heidnischen Weltanschauung zu Gott und seinem Gesetze. Denn die Tatsache, datz diese reiche Volksseele ganz und gar Produkt der weltgeschichtlichen Erziehung war, die das göttliche# Gesetz in der von den Trägern des Rabbtnismus ihm gewährleisteten Reinheit an Volkskörper und Volksseele vorgenommen hatte, entschleierte sich Birnbaum in jenen für ihn entscheidungsschweren Tagen, und mit dieser Erkenntnis war die Pforte zu dem weiteren Erkennen von deni absolut vergleichslosen, göttlichen Charakter des vvlkserzieherischen Ge-'! st'tzcs erschlossen. Diejenigen Arbeiten nun, die Birn- | bäum n ach jener grossen Wende in seinem Leben gez schaffen —mir Ausnahme der als selbständige Broschüren k erschienenen —, hat der Verfasser rrnrer dem charakte- » riftischen Titel „Um die Ewigkeit" hier gesammelt, x Am redentendsten erscheint uns darunter eben jener * Der Israelit. 1. April 1620 | Aufsatz „Das Erwachen der jüdischen Seele", der Birnbaums Gründe für feine reservierte Haltung gegenüber der Palästinabewegung und gegenüber dem Hebratsmus in formschöner und imponierender Weise darlegt. Es ist der Instinkt, der Birnbaum dabei leitet, das unendliche Mißtrauen gegen alle „Ideale" der modernen nationalen Maskilim, der Respekt anderseits vor der ostjüdischen Masse, die zu erheblichen Teilen von jenen modernen Idealen eben nichts wissen will. Birnbaums Golusbejahung ist leider aktueller als je, nachdem die politischen Hoffnungen, die man an die Balfour-Deklaration knüpfte, zusammengebrochen sind und auch wirtschaftlich Palästina keine Rettung für das Golusjudentum bedeuten kann. So ist denn zu hoffen, datz Birnbaum erfolgreich an der Seite und Spitze aller derer seine geistige Energie weiter betätigen können wird, die in der organisierten Sammlung der Golusjudenheit, in der Atzudas Jisroel, die vorläufige Lösung des jüdischen Problems erblicken. h. csa—> Kritik des Zisnismus. I. Teil. Volk und Gemeinschaft von Heinrich Margulres. R. Löwit's Verlag Berlin u. Wien 1920. 170 S. Dieses Buch will, wie der Verfasser betont, keine .Kampfschrift seinseine Tendenz ist vielmehr eine Wetterführung der zionistischen Bewegung aus der logischen und philosophischen Grundlage, die der Verfasser sich dafür geschaffen hat. Sein Programm formuliert er selbst mit den Worten: „Die thevreiische Fundierung, welche ich im vorliegenden (ersten) Band gebe, bildet den Unterbau für' eine dsppelre Darstellung des Zionismus, einmal als der nationalen Bewegung des weltlichen jüdischen Volkes und zum arideren als einer geistigen Strömung, einer Gemeinschaftsbewegung. Diese Darstellung soll sich der vorliegenden anschließen. Ein vierter Teil wird alsdann den Versuch enthalten, das Inhaltliche dieser Gemeinschaft, das Judentum selbst, zu umschreiben". Der vorliegende Band ist also nur der erste von vier Teilen, eine erschöpfende Kritik ist deshalb noch nicht möglich) dennoch zwingt schon dieser Unterbau des Ganzen zu einer entschiedenen Stellungnahme. Als Ziel schwebt Margulies vor „die Säkularisierung des Judentums, die Verweltlichung des Vokksbegrisses, seine LoSiösung von der Umklammerung durch den Geist". Was er unter der Säkularisierung des Judentums versteht, zeigt er im weiteren Verlaus der Darstellung mit Bezugnahme auf die Geschichte Israels. „Der Offenbarungsglaube nahm aus den koordinierten Komponenten des jüdischen Volkslebens die eine, die Religion, Konfession, das Bekenntnis, heraus und machte aus ihr, den weltlichen Volksbegriff verdrängend, den Oberbegriff". Es gilt also die Befreiung der Volkskräfte von der „Vergewaltigung" durch den Geist, die Einreihung des jüdischen Volkes unter die anderen Völker. Die Grundidee der Betrachtung bildet die Gegenüberstellung von Volk, bezw. Gesellschaft und Gemeinschaft. Der Begriff des Volkes ist ein nationaler, der Begriff der Gemeinschaft ist ein geistiger, religiöser. Gesellschaft ist Verkörperung der Macht, der Wirtschaft, der Materie, der Unfreiheit. Gemeinschaft (Gemeinde) indessen ist in ihrem Wesen dadurch bedingt, datz sie erst durch einen freiwilligen Akt sich frei entschließender Menschen geschaffen wird und nicht als Zwang übernommen oder aus notwendiger Zweckhastigkeit heraus entsteht. Ueberall im Leben nun offenbaren sich zwei Komponenten derselben Kraft: das Streben nach Macht und das Streben nach Sittlichkeit. Sie sind Heide gleichberechtigt, sind, spinozistisch ausgedrückt, Attribute einer Substanz". Sittlichkeit bedeutet aber im Leben des Einzelnen etwas anderes als im Gefettschaftsleben. Sozialethik und Jndividualethik sind völlig autonome und unvergleichbare Grössen. Die sittlichen Forderungen, wie sie allgemeine Ethik aufstellt, können nur von Einzelnen, von der Gemeinde erfüllt werden, nicht aber von der Gesellschaft, vom Volk. Von Einzelnen aber werden sie bei allen Völkern erhoben. „Ein auserwähltes Volk in dem Sinne, datz man als einziges für sich in Anspruch nimmt, neben der Bedürfnisbefriedigung auch höheren Zwecken zu dienen und eine geistige Mission in der Welt zu besitzen, das gibt es nicht mehr.". Der „Hochmutsglaube" der Auserwiihltheit ist von jeher im Judentum gepflegt worden und auch der Zionismus hat ihn übernommen, nur datz er ihm die Form der „sittlichen Forderung" gegeben habe: das neuerstehende jüdische Volk soll etwas Anderes, Höheres sein, als andere Völker. Aber auch dies ist unmöglich und in der Form ist diese Forderung, wie Margulies nachzuweisen versucht, von Flchre entlehnt, also urdeutsch? das Ziel mutz die vollkommene Befreiung von der Diktatur des Geistes sein. Säkularisieren wir endlich das Judentum! Es war lange genug .ein geistliches Bistum — wir — wollen ein weltliches Reich daraus machen". Man wird dem Verfasser zugeben müssen, datz er in den Werken der modernen Philosophen und Soziologen belesen genug ist, um auf der Grundlage ihrer! Prinzipien ein Gebäude des modernen Zionismus, , wie er sich ihn vorstellt, zu errichten. Er ist über-! zeugter und begeisterter Anhänger Spinozas, aber er kennt und benutzt auch die Philosophie Gujans und Nietzsches, die Geschtchtsphilosophie Hegels, den Kantionismus Stammlers, die Nationalitüteruheorie Renners und vieler anderer. Aber sein System ist trotzdem,! auch vom rein wissenschaftlichen Standpunkt betrachtet,! falsch und unhaltbar, weil er wesentliche Tatsachen H nicht berücksichtigt) vor allem die Tatsache der Existenz des jüdischen Volkes und seiner Erhaltung trotz aller Ungunst seiner biologischen, wirtschaftlichen und politischen Lebensbedingungen. 'Das jüdische Volk hat sich erhalten unter Voraussetzungen, die nach den Theorien der Wissenschaft für jedes Volk den geschichtlichen Tod hätten zur Folge haben müssen. Diese Tatsache, die nicht wegzuleugnen ist, bildet einen unwiderleglichen Beweis dafür, datz das jüdische Volk etwas wesentlich anderes ist als andere Nationen, daß es „ein Volk ist, das gesondert wohnt und unter die Nationen sich nicht rechnen läßt") und diese Tatsache hat Margulies einfach ignoriert. Dadurch verlieren seine Ausführungen in wesentlichen Punkten ihren Halt. Er stellt der Gesellschaft die Gemeinschaft gegenüber und sagt, daß beide Begriffe bet allen Völkern nebeneinander bestehen. Es wird gewiß niemand leugnen, datz das Streben nach Gemeinschaft, nach der Verwirklichung sittlicher Forderungen, auch bei . den Auserwäylten anderer Völker sich offeabart hat, wenngleich Margulies selbst zugibl, daß dies bet dem jüdischen Volke in weit höherem Maße der Fall gewesen sei. Wie aber, wenn gerade dieses Volk berufen gewesen wäre, als Volk die Idee der Gemeinschaft inmitten der Nationen zu verwirklichen? Datz es in seiner Jugendzeit eiu ebenso „weltliches und ungeistiges" Volk war wie andere Völker, datz seine Geschichte so prächtige und völlig ungeistige Recken" wie Joab und seine Brüder kennt, beweist dagegen garnichts. (Es darf in diesem Zusammenhänge vielleicht darauf hingewtesen werden, daß die alten Urkunden des Judentums den Begriff des Staates nicht kennen, daß das jüdische Volk immer als rro> oder S'i-s bezeichnet wird). Und es ist doch auch kein Zufall, datz selbst aus dieser „Reckenzeit" nichts aus dem Volksgeiste Geborenes sich erhalten hat, das nicht religiöses Gepräge trüge. Man mag dem „Fanatismus" der Priester noch soviel Zutrauen, alle Spuren zu beseitigen, hätte ihnen doch nicht gelingen können, wenn eben nicht das Ueberwiegen des Geistigen dem Wesen unseres Volkes eigen, wenn es nicht bestimmt wäre, ein heiliges Volk zu werden. Die Kritik, die Margulies au dem inodernen Zionismus übt, ist oft sehr zutreffend, so wenn er sagt): „Man sprach über Palästina — von hier aus. Man predigte die Renaissance der hebräischen Sprache — auf Deutsch. Man forderte die Erziehung zum Judentum — und schickte feine Kinder zu Wyneken. Man verkündete die Reinheit des jüdischen Geistes — und den eigenen Kindern fehlte die jüdische Mutter". Aber die Art, wie er auf dem Wege über modernphilosophische Theorien den Aufbau des jüdischen Volkes in die Wege leiten will, wird gewiß nicht zum Judentum zurück, sondern immer weiter aus ihm hinausführen. Dr. I. U. Literarische Aotizen. Das jüdische Palästina. Im Berlage von S. Sänger, Frankfurt a. M., (Bergweg 18), ist eine farbige äußerst orientierende Palü'stinakarte von Davis Trietsch erschienen. (General Smuts über die jüdischen Ansgaben). Der Ministerpräsident der südafrikanischen Staaten, General Smuts, der bekannte Vorkämpfer für Bölkerversöhnung, der im Kriege durch seine Friedensbespi echungen mit Oesterreich und Deutschland wohltuend aus der Reihe der Kriegshetzer hervortrat, hielt bei seinem Empfange durch die Juden von Südafrika eine interessante Rede, in der er sagte: „Ich halte Ausschau nach den Spinoza und Maimonides der Zukunft. Ich wüßte nicht, warum nicht - da das Volk noch da ist, das Wesen noch da ist, die geistige Flamme in euch noch lodert. Ich muß zugeben/datz in den letzten Jahrhunderten die geistige Kraft und Vitalität des jüdischen Volkes oft in andere Richtungen abgeienkt wurde und heute habt ihr den Ruf, wehr an das Materielle als an das Geistige, mehr an Geldverdienen als an die höchsten Werre des Lebens zu denken. Aber ich bin überzeugt, daß dies nur eine vorübergehende Erscheinung ist, die voll und ganz durch die historischen Bedingungen erklärt wird, unter denen ihr viele Jahrhunderte inmitten der Völker Europas leben mußtet. Es gibt keinen Grund, warum Israel nicht zu seiner großen historischen Mission zurückkehren, warum Israel nicht wieder das Banner des Geistes über alle anderen Völker der Erde entfalten sollte. Dies war euer Berus in der Vergangenheit) ich hoffe, es wird euer Beruf in der Zukunft sein". Und dann: „Für euer Volk ist ein großer, langdauernder historischer Starrkrampf zu Ende gekommen. Ihr hahtz eine große Rolle in der Geschichte gespielt. Ich sehe die Tage kommen, wo ihr wieder eine große Nolle spielen werdet) wahrlich, wenn ihr wieder zu dem alten Programm, zu dem Programm der Psalmen und Propheten zurückkehren werdet. Wenn dieser Tag kommt, dann werden wir hier in Südafrika, wir Christen, Sprossen eines teutonischen Blutes, anerkennen, daß eines der mächtigsten, eines der wertvollsten Elemente unserer Bevölkerung die Juben sein werden, die unter uns gelebt und uns die geistige Auffassung des Lebens gelehrt haben".