Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 5 (5.2.1920)
- Date
- 1920-02-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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üdifcher Volfesfreund Monats-Beilage zum „Israelit" Verantwortliche Redaktion: Rabbiner vr. Wolf in Kbl«. MW Talmud Thora, Mn. Studenten^und schulentwachsene junge Leute, die sich auf einige Zeit ausschließlich dem Thoralernen widmen wollen, finden hier ihrer Vorbildung und Befähigung entsprechende Förderung. — Anmeldungen zum Sommersemester erbeten an Hlaöö. Dr. Wolf. Westjudensrage. IX. In acht Aufsätzen hatten wir im 12. und -13. Jahrgang des „Jüdischen Volksfreundes" versucht, die Aufgabe der deutschen orthodoxen Judenheit in Deutschland zu umschreiben. — — Macedonlen war damalszu klein.- Jetzt ist es ganz klein geworden. Wir sind gezwungen, uns nur in Deutschland zu betätigen. Die Flügel sind beschnitten. Ueber die Grenzpfähle können wir nicht mehr hinausflatiern. Da ist es Zeit, daß wir unser Augenmerk aus das Wesentliche richten und den Fingerzeig verstehen, der uns den Weg weisen will. Inzwischen hat man an vielen Orten angesangen, auf eigene Faust zu arbeiten, da Führer und führen sollende Organisationen das Volk der Thauro sich selbst überlassen hatten. Und Gott sei dank hat es sich herausgeftellt, daß bei ernstlichem Willen auch in und für Deutschland die Thauro noch nicht verlassen ist. Deutsche Kinder und deutsche Jünglinge können sich auch Thauro erwerben, wenn man ihnen Lehrer gibt, wenn man ihre eigene Energie wachruft, um sich selbst das Gut abzuringen, das die notwendigste Bedingung für Lernen ist: Zeit. Der im Alter viel beklagte Fehler Zeitvergeudung. Der Lateiner klagt schon: 0 si redidit mihi Jupiter perditos annos. Gäbe mir Jupiter doch die verlorenen Jahre zurück! Glücklicherweise kennt der Lehrplan der deutschen Schulen schulfreie Nachmittage und vor allem Ferien. Er kennt Sonn- und Feiertage. Das sind alles Zeiten, die uns in ernsterer Lebensauffassung, die unglücklichen Zeiten, in denen wir leben, besser verwenden lehren, als es unsere Jugend vielfach getan hat. Bis dahin hatten wir das Wort Hoseas wenig beachtet, das uns mahnt: „Du Israel, hast dich nicht auf Jauchzen zu freuen wie die Völker". Man mußte auch wandern. — Man, soll auch der Gesundheit dienen, auch das ist eine Pflicht, die die Thauro uns uuflegt, die wir der Jugend schulden. Aber man muß nicht jede freie Minute vergeuden, man muß vor allem ernstlich lernen wollen. Wo ein Wiste ist, da ist ein Weg, wo der Ernst dazu vorhanden ist, da findet sich auch Zdtt. mrm nmro 21?. Daß nicht die erste Sorge dem Thaurolernen galt,, steht mit blutigen Lettern in den Annalen unseres jüdischen Volkes. Wird es wieder das erste Anliegen unseres Volkes, dann werden die Blutspuren in Blumen verwandelt, die wir uns auf unserem aufwärts führenden Pfad streuen. Allerdings dürfen wir nicht in denselben Bahnen die Methoden, die wir anzuwenden haben, suchen, wie sie anderswo die altüberkommenen sind. Wir haben in Deutschland kein geistiges Ghetto mehr, haben teilgenommen an allen wissenschaftlichen Bestrebungen und haben von überall das Rüstzeug geholt zum Bau der Thauro.. Wie einst Maimonides in seiner Zeit, so hat Samson Raphael Hirsch der unsrigen den Weg geebnet und hat uns auf diesem Weg mit ungeahntem Erfolg an der damaligen Stätte des vollendeten Abfalls, die er zu einer 281 gewandelt geführt. Das Symbol des jüdischen Geisteslichtes im Tempel hatte sieben Arme. Die sechs Seitenarme dienten dem Mittellicht der min und nam Nur wo man zu nun Sinnen pa TH fügte, Wissen und Streben für das und in dem praktischen Leben, gleichviel in welchen Berufen, ob in Gelehrten- oder im praktischen Leben verband, da kam man weiter. Das Seelenleben ist ein Ganzes und das Wissen kann nur ungeteilt rin ganzes werden. Nur darf alles andere nicht Hauptsache werden, nur Gerüst darf es sein und Thauro bleibt höchstes Ziel. Vor allem aber bleibe der Gedanke Grundlage jeder Lernmethode: Eben'owemg wie die schriftliche Lehre ohne die mündliche zu ergründen ist, ebensowenig dürfen wir die mündliche von der schriftlichen loslösen. So mancher Schönheitsfehler wäre uns erspart geblieben, wenn die scharfe logische Behandlung talmudischer Themen von .Tnachs Geist beseelt geblieben wäre. So manche Schärfe in der Behandlung gegensätzlicher Ansichten wäre gemildert worden, wenn aus dem Geiste Tnachs die Reinheit der Gotteslehre uns davor geschützt hätte, unsere Größe und unfern Namen in den Vordergrund der Diskussion über das zu stellen, was Wahrheit ist. Um indes in der Lage zu sein, über die Zeit unserer Jugend so verfügen zu können, wie wir als erziehungsberechtigte Väter es vor unserem jüdischen Gewissen verantworten zu können glauben, fordern wir die jüdische höhere Schule, deren Lehrplan wir zu bestimmen haben, wenn er auch im Ziel und im Pensum der profanen Fächer die Anforderungen des Staates erreichen muß. Diese jüdische Schule muß aus religiösen Gründen Höchst- und nicht Mindestanforderungen an das jüdische Wissen stellen, dann werden wir eine Jugend hinterlassen dürfen, wie Samson Raphael Hirsch, den wir auch hierbei nicht vergessen dürfen, Deutschland schenken wollte, Deutschland, das doch einen Kant und einen Schiller hervorgebracht har. Das ist unsere wichtigste Aufgabe. Aber zu ihrer Lösung gehört auch ein Opferwille. Und da unser Geld im Ausland tm Augenblick keinen materiellen Wert besitzt, könnte Deutschlands Orthodoxie keine bessere Kri.egsgewtnnerin werden, als daß sie dieses deutsche Geld innerhalb der deutschen Grenzen in ideelle Werte ummünzte. Für materielle Nöte sorgen andere auch, für die jüdische Seelennot muß die Orthodoxie die Rettung übernehmen. Sie muß ihre Kraft für Thauroverbrettung sammeln. Dazu gehört auch min pnnD fein, d. h. Thauro unterstützen. Um die mm tm alten Glanz erstrahlen zu lassen, dazu gehört auch, ihre Mehrer so zu halten, daß sie ohne Sorge frei und freudig ihrem heiligen Berufe dienen können, daß ihnen Nachfolger erwachsen, daß die Jugend durch die Aussichten auf eine geachtete und überhaupt mögliche Existenz, angeeifert wird |n321K imm Thaurolernen und Thaurolehren — nicht tm bisherigen Stil — zum Lebensberufe zu wählen. Heute flieht alles diesen dornenvollen Weg und fürchtet die steile Bahn. Wohin soll das führen? Auch die Thaurojünger wüffen soviel Jahre ihre gründliche Ausbildung erfordert, ruhig, ohne den Eltern zur schwer empfundenen Last zu werden, ihrem Studium widmen können. Man soll aber ihre Konzentrierung auch nicht durch allerlei Vereinsmeierei großen und kleinen Stils stören. Das Buch der Jugend und der Jugend das Buch. Durfte sie schon ein schweres Joch ablegen, um es hoffentlich nie wieder auf sich nehmen zu müssen, so soll sie mit vertieftem Ernst und doppeltem Eifer min 211t auf sich nehmen. Dann harrt der Westjudenfrage mit göttlichem Beistand eine glänzende Lösung. Warum fie nicht zum Ziele kommen. Der Wirrwarr, in dem wir leben, ist die Bankrotterklärung aller philosophischen und sozialen Anschauungen und Betätigungen. Der bloße Name wird zum Hohn. Denn keine Spur sozialen Geistes lebt in der Masse, kann in ihr leben, weil ihr der Boden entzogen ist, auf der die Blume sozialer Schönhettspflanze gedeihen kann. Der Gott, den man vergessen hat und vergessen ließ, rächt sich. Die Thora, die man mit dem Banne der der Unwiffenschaftlichkeit belegt hatte, um die vernunftlosen Vernunftstolzen von ihr abzulenken, schaut in edler Vornehmheit von ihrer sozialen Höhe auf die Erdenniedrre, auf der Hoch und Niedrig wetteifert, jede Menschensitte ntederzutreten. Man hat die Menschen in den Zeiten üverschäumenden Glücks glauben machen, sie könnten auf eigenen Füßen stehen. Da kam das Unglück, da wankten sie und fielen. Was hatte man ihnen genommen? Um sozial sein zu können, dazu genügt nicht eine Hand, dazu gehört auch ein Herz. Um Liebe geben zu können, dazu muß man Liebe besitzen. Um Recht zu gewähren, dazu muß man seinen Grund einsehen und anerkennen. Es ist ein wichtiger Grundsatz, den in schlichten Worten die Thauro lehrt: Kinder seid ihr eurem Gotte. Kinder haben einen Vater und darum sind sie Brüder. Können sich nur darum als Brüder fühlen, weil sie einen Vater haben. Man rede nicht von Brüderlichkeit und Gleichheit, wenn man zuvor den Vater der Menschheit aus dem Gedanken der Menschen gelöscht hat.