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Der Israelit · 1920-01-29 · Heft 4 (29.1.1920) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 4 (29.1.1920)
Date
1920-01-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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39. -Januar 1920 Ser junge GrH bei Samson Raphael Hirsch. II.*) Grätz kam, nachdem er vergebens einen Boten.gesucht, um dem Lehrer erst brieflich feine Ankunft anzuzeigen,gradewegs inHirschsWohnung. „Schon an üer kleinen Statur, schreibt er, die mir bezeichnet war, erkannte ich ihn undlvar recht überrascht, aber nicht außer Fassung gesetzt. Ich nannte meinen Namen. Da hieß er mich willkommen und setzen. Ich statte ab, was ich hatte, und nach einer viertel Stunde wies er mir mein Zimmerchen an, das künftig mein Wohl und Weh einschlteßen soll. Nun war ich allein im Hause des Wunder-Mannes. Es dauerte nicht lange, -wurde ich zum Abendbrot» gerufen, und nach diesem fragte er mich, wo und was ich schon zu lernen Gelegenheit hatte. Immer war die Frage so eingeleitet, daß ich ein Urteil über das Gelesene oder Gelernte auszusprechen hatte. Es währte nicht lange, begab ich mich zu Bett. (II, 53 ff.)" „Durch die religiöse St mmung, die mir das Werk nmn etnhauchte, war 'ich so recht unzufrieden, daß ich nicht Gelegenheit habe, den edlen Tel des Judentums, die Liebe, auszuüben. Ich lernte am Mardi (4. Jjar —) 9. Mat mit dem Manne, dem ich die Füße küssen möchte, etwas Gemoro, womit der Vormittag verging. Nachmittag trug ich meinen Paß aufs Bureau und holte meine Keidungsftücke von der Post. Am Mittwoch hörte ich dann den Plan von ihm, was wir künftig vornehmen wollten, und ich entwerfe mir selber einen Plan, den ich nicht überschreiten will (II, 55 f): Vormit ags 4 —6 6—8 8—10 10-12 tattJ D"n rro« beten Yjji Frühstück «Tw griechisch Nachmittag 1—3 3—5 6—8 Geschichte oder Mathematische Latein oder Wissenschaften Physik Geographie 9 —11 Lektüre, abwechselnd deutsch, hebräisch, französisch und lateinisch. Vor Abend fingen wir EPTfifl an. Ach welch eine andere Gestalt bekam 'es durch seine durchdachte Exegese!" (II, 54 f.) Trotzdem de.r junge Studiosus etwas von Heimweh gequält war, fühlt er sich doch im ganzen behaglich, und sein Enthusiasmus ließ nicht nach. Als er die Schlußkorrektur der beiden Druckbogen des „Choreb" lesen darf, schreibt er am 28. Mai in sein Tagebuch: „Welch ein beseligendes Gefühl, mit dem Verfasser, Hessen Kieidersaum ich und seine Verehrer küssen möchte, an einem Pulte zu lesen, ja auch berichtigen zu dürfen. Heute Abend zeigte dieser wahrhaft große Mann ein seltenes Beispiel für Religiosität und Judentnm. Wir lasen gemeinsam H. Helne's „Salon", der voller Blasphemien und roS’», unter anderem auch Lästerung des heiligen göttlichen Namens, des Dtp* Vergangenes Jahr, als ich es tu einem Auszug gelesen, scheure ich mich nicht, es auszusprechen, ja, oft nachzuerzählen, welches mich Der Israelit.",, , nun vielfach reuet. Aber mein Meister fragte mich: „Wie, müßte man nicht eine reißen, wie bei LVN ffu, das mau mit anhört?" Ich staunte; darauf sagte er, er wolle H.'s „Salon" verbrennen und das Buch dem Bibliothekar bezahlen. Welche Treue!...... Gott gebe, daß ich durch dieses Muster zu ähnlichen Handlungen angesenert werde!" (II, 58 f). Gleich nach Schewuos durfte Grätz den Land- I1 rabbiner auf eine Inspektionsreise in die kleinen Gemeinden begleiten, wobei, wie der Jünger notiert, unterwegs lehrreiche Gespräche geführt werden: über die verschiedenen Stufen von mim und iri^a«, über den dem ntwn tj -Verbot zugrunde liegenden Gedanken, über die Begriffe der reinen und unreinen Tiere. „Kurz diese Tour ist für mich beseligend, wenn ich bedenke, daß ich mit dem Manne, den ich und viele meinesgleichen verehren, gemeinschaftlich reise und neben ihm gehe, als wäre er gar nichts mehr als ich." Anfang Tammus, als Hirsch eine Badereise nach Ems anireten mußte, erteilte er dem Famulus die Erlaubnis, etwaige mnitty „nach klarem Durchgedachthaben" zu beantworten. „Allein", schreibt dieser, „bei Vieser Gelegenheit erkenne ich die Folge des oberflächlichen Studiums der das doch bisher meine einzige Beschäftigung war. Nicht einen einzigen pn oder jwn konnte ich als Ergebnis des Studiums richtig angeben. Dieser Gedanke martert mich unaufhörlich. Aber ich will das Vernachlässigte mit Gottes Beistand nachholen." Ein „kleines liebevolles Zettelchen vom Landrabbiner", bas aus Ems eintraf, lautete: „Mein lieber Graetz, ich bin Ihnen noch herzlichen Dank für Ihre freundlichen Zeilen schuldig. Es freut mich, daß Sie fleißig sind, und auch, daß Sie meine Stunden so hübsch wahrnehmen. Lernen Sie nur brav, denn ich werde bald alles Lernen verlernt haben und ganz buchstäblich wieder zu lernen beginnen! müssen. Ich habe Sie vor meiner Abreise noch auf etwas aufmerksam machen wollen, was ich jetzt nachholen will. Ich habe Sie häufig im Bayle lesen gesehen. Es ist das ein Schatz von Gelehrsamkeit und viel daraus zu lernen, aber der Mann hat sich pikiert, besonders nnv hervorzuheben, dergleichen ist xbsd und Köüö. Verweilen Sie bei dergleichen nicht; es nützt nicht und schadet. Lesen Sie nur das rein Wissenschaftliche. Befolgen Sie weinen Rat." Nach Hirsch's Rückkehr legte ihm Grätz zwei von ihm ausg.'arbeitete Anssätze über ipn ni?V und über l"y vor, die zur großen Glückseligkeit des Verfassers den Beifall des Meisters fanden. Sv vergingen die Herbst- und Wintermonate bei eifrigem Studium und reicher geistiger Anregung. Interessant ist dabei, daß Grätz einen Aufsatz über den Levi a thau fertigte, der „Ben Usiel nicht, mißfiel", und den er Phllippson für die Allg. Ztg. des Judentums sandte. Erschienen ist er jedoch nicht. Das Erscheinen von Htrschs ^naj ’Vinai notiert Grätz wie folgt in seinem Tagebuch: „Heute legte ich das Manuskript zu einer Broschüre von B. U. auf die Post. Daran ist drei Wochen geschrieben worden. Was dies Buch wohl für Sensation machen wird. Je suis tres curieux. Die Reformatoren werden darin ganz hart angegangen, wozu sie unmöglich schweigen können." Das erste kritische Wort gegenüber dem Meister findet sich einige Wochen später gelegentlich einer gemeinsamen Reise nach Delmenhorst zur Einweihung der Synagoge. „Das kleine Schälchen ist schön dekoriert. Die Einweihung war auch angemessen. Die erste Predigt nicht bedeutend, und doch wurde sie von Juden und Christen mit Enthusiasmus ausgenommen. Die Mahlzeit des Abends war srefferisch. Die Predigt rotP Morgen war schön und herzerhebend, und das fühlten auch die! Christen. Die Delmenhorster sind recht freundlich und arbg. Des Nachmittags gingen wir nach dem sogenannten Tiergarten, und alt wie jung, d. h. junge Leute von 40 und 20 trieben Kindereien. Das sind Amüsements"/) So ging das Jahr zu Ende, und zu Beginn des neuen ') a. a. O. S. 539. ■ No. i Seite 9 Jahres schrieb Graetz rückblickend in sein Tagebuch (II, 111): „Gottes väterliche Hand war wieder dies Jahr über mir, daß es sich mir mit Seelenruhe anfing. Zu Dw war ich von der Idee, daß wir in pK ein so erhabenes Leben eutfalten könnten, und uns hier so recht Nrr!srs pK3 herumplagen muffen, so ergriffen, daß die Tränen mir strvrnweise aus den Augen stoffen. Aber solche Tränen bringen auch das feste unerschütterliche Bewußtstyn, daß einst die Zeit doch sich realisieren wird und muß. Nichts kann aber besser von unserer höheren Aufgabe Zeugnis ablegen, als eben dies Tina (n fMV Gebet. So etwas göttlich Redendes liegt darin! Und dies Gcbct am iTOH W) und DTlsan ö1\ wie groß, wie herrlich!" Nicht ganz ohne Einstuß aus den jungen Menschen blieben die kleinen, im kinderreichen Haushalt unausbleiblichen Verdrießlichkeiten in Gestalt einer fehlenden Kaffeetasse oder eines vermißten Wasserglases, die zuweilen für Stunden Verstimmungen zwischen der Fran des Hauses und dem Famulus hervorriefen. Mehr noch drückten finanzielle Sorgen auf das Gemüt des Jünglings. Er muß um des Erwerbes willen Englisch' unterrichten, ohne es selbst recht zu können, und freut sich mit 2 Talern, die ihm Hirschs Vater nebst einem sein Entzücken hervorrufenden Kusari-Exemplar von Hamburg mitbringt. So tritt allmählich die Sorge um die Zukunft in den Vordergrund seines Denkens, und es beginnt danüt anscheinend gleichzeitig eine Lockerung des seelischen Bandes, das ihn an den Meister knüpfte und das den ihm eingeborenen oppositionellen, oft pietätlosen Skeptizismus bisher gewissermaßen betäubt hatte. Einige Tage nachdem er Philippson eine kritische Besprechung von Josts Geschichte der Juden geschickt hat (10. Januar 1840), begleitet ec den Lehrer aus eine Reise nach Aurtch, wo Hirsch am Sabbat predigt. Der Tagebuchschreiber berichtet darüber nun in folgendem überraschenden Gefühlserguß: „Eine gwße Menscheumaffe hat sich dazu einge. fanden. Alles ist neugierig. Indessen kreischen beim Beteiüalle, daß einem die Ohren gellen, und jeder ohrt etwas für sich, der sagt Dfynn job> — der andere liest ’BH, ein dritter rrncya. So geht es in unfern frommen Gemeinden zu. Woher kommt das alles? ''Von dem vielen unverständigen Beten, von den sinnlosen O'vns. Und doch könnte man ihm pn bs geben, ohne daß er einen m? P8 0 abschnffen würde. Woher das? Aus angkstamarter SkrupoiosttäU Er wäre käpabek, das 'ft beim Hernntecsasien ZU küssen. Unterwegs trinkt er schwarzen Kaffee, obgleich er so gut wie der Vi.n nv weiß, daß man hier auch unter Christen nur Kuhmilch braucht. Er bindet sich N2L» das Taschentuch u»n den Leib, obgleich er wohl weiß, daß wir keinen Q’nn nitin haben und Tore in der Stadt sind. Bloß weil es tm y 'p steht, in diesem Pfuhl des jüdischen Schmutzes, der schon manchen Jüngling vom Judentum abgeführt hat . . . Die Predigt war gut, sie rührte alle Zuhörer. Das Judentum hat solch eine Fülle von Ideen und Poesie in sich, daß. selbst die ungeschickteste Hand die Gemüter rühren kann. Er berüh te Geschichte, aber nur allgemein, weil er das Detail nicht kennt, aber viel bester nioisn jva ’swn kämp 2ns. Dabei hat er sich hier angewöhnen müssen, kein Hebräisch durchdringende Phrasen etnzusireuen, was in Aurich sehr mangelhaft sein mußte. Doch sie gefiel so sehr, daß Juden und Christen den Wunsch hegen, ihn zu besitzen. Ich freue mich nur, daß ich mich unter Fremden so frei bewegen kann. Die Auricher haben wer weiß! welch grande Idee von mir. . » Das macht mich nicht stolz; gibt mir eine Lehre, wie man sich zu benehmen hat, um bei Menschen nicht zurückgesetzt zu werden. Denn der Mensch, er mag noch so sehr zum Mob gehören, bleibt irumer eine Quelle des Studiums." Es klingt wie eine Fügung, daß Grätz bei der Rückkehr von dieser Reise, die ihn mit einem Male reichlich selbstbewußt und bar aller D^aan zeigt, einen Brief von den Selnigen vorfand mit der Aufforderung, endlich einmal an seine Zukunft zu denken. Die Wege sollten sich scheiden. Zwar setzt Graetz seine gut gemeinten l) DioseS kalirifche Gedicht gehört zur Keroba des Sabbats vor Purim 0*2! v"L>) und erscheint bei unbefangener Betrachtung als ein Meisterstück der Reimkunst. Für mitteleuropäische Ohren ist freilich die erste Strophe eine etwas starke Zumutung. Man findet das Stück mit Uebersetzung in den von H Arnheim herausgegebenen Jozeroth für alle Sabbme des Jahres. (Glogau und Leipzig. 384:6). S. 91 ff. (Braun) *) Siehe Nr. 49/50 des vorigen Jahrgangs.

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