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Der Israelit · 1920-01-22 · Heft 3 (22.1.1920) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 3 (22.1.1920)
Date
1920-01-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 3 Nr. 3 Mchemililöschou. Me Katastrophe in Polen. Wir veröffentlichen an anderer Stelle einen Teil des erschütternden Aufrufs, den die polnische Aguda aus Anlaß der Eln'ührung der Zwangs« Sonntagsruhe an alle jüdisch fühlenden Brüder in Polen erlassen hat. Aus den Worten dieses Aufrufes spricht das ganze Entsetzen, aber auch das ganze Gottvertrauen, mit dem unsere Gesinnungsgenossen der neuen Lage gegrnüberstehen. Von einer Katastrophe darf und muß man sprechen. Denn es ist eine Millionenbevölkerung, die sich nach Großhändlern und Kleinkauftruten, Ladmhesitzern und Hausierern, Fabrikanten, Harrkiridustrlellen und Fabrikarbeitern schichtet, und deren jüdische Treue in diesem Augenblicke nach fünf Jahren schwerster Krisen und Nöte auf eine wahrhaft furchtbare Probe gestellt wird. Werden alle sie ölstehrn? Bei dieser bangen Frage, die natürlich die erste ist, die das Herz bewegt, darf es nicht bleiben, und wir sehen erfreulicherweise, daß man in den Kreisen unserer polnischen Freunde es auch keineswegs bei der Anwendung moralische religiöser Mittel zur Stärkung der Schwachen und Otraucheludeu beweudeu läßt, sondern daß man nach"prak tisch e n Auskunstsmitteln sucht, um die Lüge zu erleichtern. So beschäftigt sich dar Organ der polnischen Agud« rlugrhrnd mir der Akt und Weise, wir di? kstiuereu Handwerker ünb selöstLEgen Sewerßekreibrndkn den Zerruusfull um Sonniffg ersetzen können. Artt meisten erscheint die Lage der jüdischen Fabrikarbeiter gefährdet, die bisher neben nichtjüdtfchen Genoffen in großen Fabriken tätig sind und dort Sonntags Ersatz für die Sabbatharbeit leisteten. Das Blatt schlägt daher die Einberufung einer von allen Parteien zu beschickenden jüdischen Konferenz in Warschau vor, auf der jüdische Arbeitgeber und Arbeitnehmer in ernster Erwägung nach Auskunftsmitteln suchen sollen zur Erhaltung der jüdischen Arbeiter für den Gabbath. Daran sind in der Tat alle Kreise ohne Ausnahme interessiert, die nicht wollen, daß in ein, zwei Generationen '"n Hunderttausende völlig für Judentum und Judenheit verloren gehen. Uns scheint aber, daß auch auf politischem Gebiete die Bemühungen zur Erwirkung einer den jüdisch-religiösen Interessen Rechnung tragenden Ergänzung des Gesetzes keinen Augenblick ruhen dürfen. Nicht mit Gewalt und nicht mit der Audrohung einer Intervention des Völkers bundeS zu Gunsten der vergewaltigten jüdischen ' Was die Söhne fragen... (Zum Wochenabschnttt). W? rs‘?n mnyn no B2*ja B2^y na«» »2 '\m „Und es wird sein, wenn euere Söhne zu euch sagen, was soll euch dieser Dienst"? Die Frage der Böhne kann im guten wie im bösen Sinne gedeutet werden. Nach einer Auslegung war damit eine frohe Botschaft dem Volke gewoöden — nua« nni» mwn — indem ihm Kinder und Kindeskinder verheißen wurden. Vorherrschend ist aber die Meinung: NM2rv nyi mw2 bxirp'v mm ronontp min n-rny npcv es sei darin die trübe Perspektive dem Volke eröffnet wird, daß „am Ende" die Thora der Vergessenheit „entgegengehe". Die umständliche Sprache rrpny pjiwp fällt auf, das Spa neben bam m’ny gibt dem Kenner talmudischer Ausdruck-weise zu denken. Ob damit nicht denn doch noch der angedrohte Fluch der Unwiffenheit in etwas gedämpft und gemildert wird? Die Auffaffnng der Frage im Sinne der ny*i miro stände übrigens im Gegensätze zu dem 'ov roirn xf? '2 iy*iT. Hat doch a*pn mit Israel einen Bund ge- Der Israelit. 82 Januar 1*20 Minderheit wird sich in Polen etwas erreichen lassen, wohl aber durch eine besonnene, diskrete und an das eigene polnische Interesse appellierende Politik, die auch auf die Unterstützung durch freundschaftliche Bemühungen der westeuropäischen Alliierten keineswegs zu verzichten braucht. Möchte es der Orthodoxie in Polen gelingen, diese Linie verfolgend, alle einflußreichen Faktoren aus eine gemeinsame Aktion zu Gunsten des gefährdeten Sabbath zu einigen. Sine französische Stimme über den jüdischen SoWewtömu-/ Es ist bereits bis zum Ueberfluß und Ueberdruß nachgewtrsen worden, daß selbst im klassischen Lande des Bolschewismus, in Rußland, die Annahme, die Juden feien die Führer und Treiber deS radikalen Umsturzes, auf einem Märchen beruht. Immerhin ist es erfreulich, daß in der großen Presse der Entente sich diese Erkenntuts nach und nach durchsetzt. Der „Temps" widmet diesem Thema einen lehrreichen Artikel, in dem er auf die Entstehungsgeschichte des Bolschewismus eingeht und 36 Namen nennt, die als die eigentlichen Schöpfer und Träger der üolschewistischrn Idee und der bolschewistischen Macht gelten dürfen. Unter diesen drei Dutzend sind nur acht Juden, von denen bereits drei ihre politische Betätigung mit ihrem Leben bezahlt habm. Bedenkt man noch, schreibt der „Temps", daß Trotzki seine Macht einerftlts ans einengroßen Pttzb von dkamten and der zürlstlschLN Zelt SNfdLNk, &iU Lenrselrs immer zwischen gllsn SMnrongea i innerhalb h?r FrAHUtspauuea halsSrcchcüfch zu öalanzieren hat, so wirb es uns klar, baß nicht Trotzki, sondern Lenin der eigentliche Schöpftr des Bolschewismus und der Spiritus rsotor der ganzen bolschewistischen Politik bis ans den heutigen Tag geblieben ist. In Erkenntnis dieser Dinge" muß mit dem Märchen vom jüdischen Bolschewismus einmal für allemal aufgeräumt werden. Hoffentlich macht diese Feststellung deS französischen Blattes Eindruck. Sine Krage. Von Dr. Kelix Kanter in Zwittürr (Mähren). Vor einiger Zeit war in der jüdischen Presse des In» und Auslandes von der Propagandareise Dr. Nathan Birnbaums nach Litauen im Interesse der Weltorganisation der Agudas Jisroel zu lesen. Es wurde auch berichtet über öle Vorträge die Dr. Birnbaum in Kowrw hielt nnd die schönen Erfolge, die er dort erzielte. Bei dieser Gelegenheit regte sich im Schreiber dieser Zeilen jene Frage, die ihn schon seit langem beschäftigt, die Frage: warum die Gemeinden unserer jungen Republik von der Aguda grundsätzlich und, wie es bett Anschein hat, absichtlich boykottiert werden. Seit Bestehen der Aguda hielt es die Leitung derselben offenbar nicht der Mühe wert, Mit dem Judentum in Böhmen, Mähren und Schesien sich nur einigermaßen zu befassen, in diesen Gemeinden eine Propaganda zu entfalten und sich überhaupt um sie zu kümmern. Vs wurden seitens der Aguda Propaganoareisen unternommen nach England, Amerika, den Niederlanden und Palästina, an Böhmen scheint man entweder vergessen oder darauf verzichtet zu haben. Ja noch mehr, selbst als in einigen Kronländern der ehemaligen Monarchie die Tätigkeit der Agu^a ewfttzte — wie z. B. in Niederofterrelch, in G-rlizikn und der Bukowina — blieb Böhmen vollständig unbeachtet und unberücksichtigt, sodaß es den Anschein hat, als wolle man die Gemeinden der genannten ehemaligen Kronländern absichtlich ignorieren und boykottieren. Warum? Entweder man hält unsere Gemeinden für zu schlecht, oder — für zu gut, um sich mit ihnen zu befassen. Nun für zu gut sollte man das böhmische Judentum sicherlich nicht halten, wenigstens nicht für so schlecht, so verfallen und verkommen, daß man sich an leitender Stelle der Mühe enthoben fühlt, wenigstens einen Versuch zu wag'tt. W-s speziell Böhmen einst für das Judentum der Diaspora bedeutete, braucht an dieser wührl'ch nicht erst herssrgchoberr zu wsrdsn. Jahrhunderte hindurch galt heispi?lßweise Prag M öuVTtf M Mmker- und Muster- Gemeinde in Jkrsei. Äeer auch viel? G?MLrrLeu in Mähren genossen einst einen Weltruf, teils wegen ihrer wie als ^182 gelten, teils ihrer N12^ wegen, aus denen das Licht der min für alle anderen Gemeinden aufging. Daß es heute nicht mehr der Fall ist, ist traurig genug, daß es aber so bleiben muß, ist noch trauriger. Abgesehen davon, soll man über keinen Jehudi und am allerwenigstenS über so ohne toeitflcei oen Stab brechen. Der Weg zur yranwi strht jedem offen, und bekannt ist auch der talmudische Ausspruch 1"21 yun XX221 p’iat ö"p rflBHipö na '"IN 1272 mitten ‘imrr revD rortipö Ferner scheint man die neue geographischpolitische Lage des heutigen Böhmen ganz außer acht zu lassen. Die czechoslovakische Republik ist lange nicht das Böhmen vor dem Kriege. Auf die böhmischen Gemeinden hätte man vielleicht verzichten können, die Gemeinden der «eugeschüffenen czechoslovakischen Republik bilden einen Faktor mit dem unbedingt gerechnet werden muß. schloffen, nach dem die Thora nie aus dessen Mine schwinden kann, “j^y ivx 'mn 'n -ivu wwjnns rst vui y-fl 'BDI iy*1? 'BDI "I’BD W1D»' *6 -s'V2 'NLip 2VU '2211 Lbiy nyi nnyv 'n u»« "pnt. Was soll dann demgegenüber die Androhung des völligen geistigen Verfalls? Gottlob hat die Geschichte bisher gelrhrt, daß es mit der Unverlierbarkeit der Ttzoralehre im Volke kein leeres Versprechen war. Immer hat sich noch das Kohelethwort rovn kdi vorn mn, „eine Sonne erstrahlt, wenn eine Sonne untergeht", in der Ausdeutung unserer weisen Lehrer bewahrheitet: nypjypB ,-it bv wsw nmt nt b/w wer. Kaum hatte sich die Sonne deS einen Thoraträgees gesenkt, als schon eine andere Sonne leuchtend am Horizonte erschien. Looses und Josua reichen sich die Hand. Das ist entscheidend für den ganzen Laus der Geschichte bis in die spätesten Generationen. Im Jahre - vielleicht am Tage — da in Mainz Rabbi Gerschom, „die Leuchte der Diaspora", die Augen schließt, wird im Hause des Jzchokt in Troyes Rascht geboren. Und bis an die Schwelle unseres Zeitalters haben wir es erlebt, daß ^<0#” i»1?« >6, daß in Tagen, da man alles verloren glaubte, der Retter in der geistigen Not entstand, um auf altem Fundamente den Bau von neuem und in erneuter Schönheit aufzurichten. Wie oft schon schien aller niedergerissen, alles verloren! Es schien »ur so, in Wahrheit gingen aber schon irgendwo im Verborgenen die neuen Kräfte der Entfaltung entgegen, die des gegebenen Momentes nur harrten, um in Wirksamkeit zu treten. Ist nicht aber dieser Schc-inverfall schon Strafe genug für den um das Schicksal der Thora, der Seele des Judentums, Besorgten? Diese Strafe, das Hangen und Bangen . um des Thorajudentums Zukunft (die ja schließlich nie verloren ist), wird mit der „Frage der Söhne" angedroht. Es ist schon traurig genug, wenn eS zu einer gewissen Zei' so aussehen kann, als müßte „am Ende", wenn eS im gleichen Tempo weitergeht", (in einer späteren Periode), die Thora in völlige Bergeffenheit geraten — imn^ntf rrpny-. An uns ist eS aber durch Erziehung und Belehrung, durch Wort und Beispiel dafür zu sorgen, daß das L2v2 D2>$y nett' *a 'm uns in allen Teilen zum Segen gereicht. Erlauschtes und Erlebtes. Aus einem Ausflug im Spessart rraf ich ein paar Jünglinge und Jungfrauen mit blauweitzen Abzeichen, die durch die Dorfftraße zogen nnd taut hebräische Lieder sangen. Mir gefiel das sehr und die Bauern störte das wenig, doch ein jüdischer Bewohner nahm daran Anstoß uud stellte die Sänger mit der Bemerkung, sie sollten sich Loch nicht so auffällig machen. „Warum auffällig"?, trumpfte einer der Touristen auf, „wir sind kalt anders wie die Anderen, wir sind Juden"! Auch dies gefiel mir außerordentlich. Nach einer Stunde treffe ich die gleiche Gruppe im jüdischen Restaurant. ES war Sabbat und da blieben sie am Platze, aßen auch „koscher" und benschten sogar „Mesumon". Das gefiel mir noch mehr. Cs entwickelt sich ein Gespräch, Zionismus, Agubismus, Blauweiß, Esra, Palästina, jüdische Kultur. Also lauter Zündstoff, der prallend mw prasselnd zur Entladung

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