Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1919-12-30 · Heft 51 (30.12.1919) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
60 (1919)
Issue
Heft 51 (30.12.1919)
Date
1919-12-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2446951-2450084-2450087--67958-2525031
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Feuilleton-Mage zu Ar. 51 des „Israelit". Sine Kriegs-Shaimcka. Von Gutti Alfen. Sie hatte lange, Wange an Wange, schweigeitb auf die menschenleere Gasse hinausgespäht, deren regennasse Steine stille Häuser mit lichtlosen Fenstern wiederspiegelten, die wie erloschene Augen in den brüchigen, alten Mauern standen. In weiten Zwischenräumen tauchte hier und da der Umriß eines' Menschen auf, hob sich wie ein Schattenbild von dunkelgrauer, unbeleuchteter Leinwand ab, huschte vorüber, verschwand. Der Regen rauschte eintönig, stach unzählige, kleine Wunden in den trüben gelben Fluß, in die rinnenden Gossen, und strömte in langen Wasserstrahlen aus' den übervollen Dachtraufen. Und da dieses' Wetter jede Hoffnung ausschloß, den Abendstern aufblitzen zu sehen, welcher, alter Ueberlieserung gemäß, den Beginn aller jüdischen Festtage bestimmt, so trat Markus Frenkel von seiner Tochter fort und zündete langsam, eines nach dem andern, sechs gelbe Wachslichter in der silbernen Chanukkalampe an. Denn es war der sechste Tag des jüdischen Lichter- oder Chanukkafestes, und er vermochte . selbst in solcher Zeit nicht, auch nur um ein Haar breit von einem Gebot oder Gebrauch seiner Religion abzusehen. Und wie gu anderen frommen "Gedenktagen, ließen sie auch heute, in zwei weiche tiefe Lehnstühle geschmiegt, ihre Reden in eine lichtere Zeit der Vergangenheit zurückschweifen, spähten lange entschwundenen Geschehnissen ihrer Vorfahren nach, die mit den lautlosen Tritten des seit Jahrtausenden Vergangenen durch die Weltgeschichte schritten und verharrten ab und zu bei einer Stelle, die irgendeinen verborgenen Sinn wachznrufen schien. Ihre Gedanken verankerten -sich schließlich bei dem heutigen Feste, das zur Erinnerung an die Wiedereinweihung. des jernsalemischen Tempels acht Tage lang begangen wird. Aber je länger sie sprachen, um so deutlicher kam es ihnen zum 'Bewußtsein, das in ihnen, dumpf und nagend, etwas' lebte, was nicht Teil hatte an diesen Gesprächen. Und daß aus den dämmernden Winkeln des nur durch die schwachen Wachskerzen kärglich erhellten Zimmers etwas anderes ihnen entgegenzuspringen schien ... ein .nahendes Ungemach, ein Ungreifbcttes und doch Lebendiges . . . die Gegenwart... die schreckliche Gegenwart, die wie ein reißendes Tier auf der Lauer lag, um den friedlichen Wanderer anzusallen, zu zerfleischen . . . Der Weltkrieg hatte bis in diesen abseitigen, jeder Bedeutung baren, polnischen Flecken hinübergegriffen, dessen Bevölkerung sich zum großen Teil aus Juden zusammensetzte, die hier ein armseliges, kummerreiches Dasein fristeten. Sorge und Krankheit schlürften Tag um Tag unhörbar, unabwendbar, von Haus zu Haus, und machten diese von aller Freude, allem Frohsinn des Lebens Ausgestoßenen langsam, aber sicher, jeder Auflehnung gegen ihr Geschick unfähig. Es war eine fromme, unerschütterlich an ihrem Glauben sesthaltende Gemeinde, und ihre Fügsamkeit in die ihnen ausgezwungene Kasteiung, die Entsagung fast jeglichen irdischen Genusses wuchs sich bei manchem zu einer schier märtyrerhaften Wollust der Askese aus. Traurig und arbeitsreich verlief den um kargen Tageslohn srohnenden Händlern die Woche, — ,Mr.ftig, entbehrungsreich, aber durch Gebet und Studium vergeistigt der graue Sabbath. Und doch lebte, ihnen allen stets gegenwärtig, eine Hoffnung, eine feste Zuversicht in ihren leidgeprüften Seelen: der Glaube an den Messias, der da kommen wird, -einst, in ferner, vielleicht in absehbarer Seit, um sie, das auserwählte Volk Gottes, zu alle der hier ungelebten Herrlichkeit an seinen Tisch zu holen. . . Und vielleicht war es dies eine, was ihnen die Kraft verlieh, ihre schier übermenschlich schwere Bürde zu schleppen... Durch dieses Häuflein, mit dem Packen auf dem Rücken, oder in dumpfem „Gewölbe" schuftender Glaubensbrüder schritt, als eine Vorahnung himmlischer Gnade und Seligkeit, der seit zwei Jahren hierher verschlagene Markus Frenkel mit seiner jungen Tochter Mirjam. Welchem Zusalle der Ort diese Barmherzigkeit zu danken hatte, — niemand wußttz es. Eines Tages war der reiche alternde Mann, noch in Trauer um seine verstorbene Gattin, mit der halb kindhaften Mirjam, 'die hold war wie ein erstes Ahnen von Lenzes Blühen und Wehen, in das bestLerhaltene Haus des halb verwahrlosten, verwitterten Städtchens' eingezogen und hatte sich, mit einer dort fast prunkhaft anmutenden Großartigkeit eingerichtet. Und unverzüglich hatte seine hilfreiche Tätigkeit eingesetzt. Da war keine Hütte im Flecken, in die er nicht trostspendend eingetreten wäre, kein noch so ärmlicher Raum, in dem er nicht als Thorakenner und Talmudgelehrter ohnegleichen mit andern Liebhabern talmndischer Wissenschaft diskutiert hätte, bis sie in einer höheren, schöneren Welt vorübergehend Vergessen ihres pemvollen Daseins gefunden, — da war kein Kranker, dem er, von Mirjam begleitet, nicht eine Suppe, ein Glas Eingemachtes, Tee oder Bargeld gebracht, und.niemand, der mit einem unerfüllten Anliegen sein Haus verlassen hätte... * Der Glanz des langen, schwarzseidenen Kaftans des graubärtigen Mannes verblich allmählich, — ertrank dann in der Finsternis des Zimmers, als das letzte Wachslicht verglommen war. 'Nur das lichtgraue Gewand des jungen Mädchens schimmerte noch eine Weile als heller Fleck in der sonst undurchsichtigen Dunkelheit. Eine unheimliche, ungewohnte Stille schreckte jedes Wort in ihre 'Kehlen zurück. Dann verdichtete sich zusehends die Nacht um sie her, daß siewie Blinde dasaßen, und, jeden anderen Sinn ausgeschaltet, wie solche nur noch Ohr waren. Und sie horchten hinaus in das geheimnisvolle Dunkel, hörten den Regen trommelnd gegen die. Fensterscheiben schlagen, saßen da und warteten . . . warteten des Unaufhaltsamen. . . Schon am frühen Nachmittag hatten ihre Schützlinge die Nachricht gebracht, daß die nächste Umgebung des Fleckens von den Deutschen besetzt worden sei, daß ihre siegreichen Heere sich in wenigen Stunden einer ganzen Reihe naher Ortschaften bemächtigt hätten, und daß die Russen bereits zahlreiche Verhaftungen von Juden vorgenommen hätten, — weil sie deutsch verstünden, oder: weil es der russischen Polizei notwendig schien, sie festzunehmen, ihre ärmliche Habe zu konfiszieren, auch ohne ihnen einen Grund hierfür unzugeben. Markus Frenke! hatte sie beruhigt, so gut es ging, und sie gehorchten, lieber.in ihrem Heim anszuharren, als sich bei ihm zusammenzurotten, was der Obrigkeit vielleicht als Drohung erscheinen und ihnen eher schaden als nützen könne. . . War es das Rauschen der großen Stille in ihren erregt lauschenden Ohren, oder Wirklichkeit, was da mit einem Male hörbar ward? Ohnmächtiges, leises Weinen und Jammern, Wimmern, Schluchzen, dann gellende Zurufe und Schreien . . . Ein Konzert verzweiflungsvoller, unsäglichster Menschheitsqual, das anschwoll, näher kam, das ganze Weltall zu durchdringen schien. . . Und nun, — nein, es war keine durch Ueberreizung der Nerven hervorgerufene Sinnestäuschung, — nun fielen Schüsse, zersplitterten irgendwo in der Luft, wiederholten sich. Der Himmel über der schwarzen Gasse färbte sich rot, beschien das morsche Mauerwerk eines nahen verfallenen Gebäudes, — ein hohes, eisernes Gerüst — einige bessere Häuser. . . Johlend, pfeifend, kreischend drängte eine wild gewordene Rotte halbvertierten Gesindels hinter einem Haufen klagender Judenweiber, schrillweinender Kinder, stöhnender Greise her, die im Nu von einem Trupp Soldaten eingeholt wurden. Und während ein kleiner Teil der verfolgten Juden sich in das Frenkelsche Haus retten konnte, spielten sich auf der Gasse draußen die furchtbarsten Tragödien ab . . . Bezechte Soldaten, von ihren Befehlshabern ermutigt, drangen in die Häuser, schlugen die Bewohner nieder, warfen Hausgerät, Wäsche, Betten m chaotischem Durcheinander aus den Fenstern, welche sie zu diesem Zwecke nicht 'öffneten, sondern einschlugen. Statt des Regens, welcher nachgelassen hätte, hagelte es jetzt Glassplitter. Bald glich die vor einer Weile noch so leere, stille Gasse einem Trümmerfeld. Zerstückelte Polstersachen, aufgeschlitzte Betten, zerbeultes Hausgerät, verbogene Eisenstangeu wanden sich neben verletzten, am Boden kauernden und liegenden Menschen, deren' Gesichter von unaussprechlichem Schmerz durchwühlt waren. Besudelte Kleider, blutige Fetzen, waren ans Mauervorsprungen, auf Zäunen, hängen geblieben oder in Pfützen getreten. Und inmitten dieses Höllenbildes hatten die Hüter russischer Ordnung Holz anfgeschichtet und ein Freudenfeuer entfacht, welches sic, von flackerndem Schein bestrahlt, mit vielstimmigem Gebrüll und höllischen Grimassen, wie springende Teufel umtanzten. . Der Brand, welcher zu Ehren des erfolgreich durchgeführten Judenpogroms die winklige Gasse beleuchtete, erhellte auch das Wohnzimmer des Frenkelschen Hauses. Aus der Schwelle ist der erst gestern hier neu eingestellte Polizeimeister des Städtchens stumm stehen geblieben. Dann gebietet er der vordringenden Soldateska strengen Tones, .im Vorraume seiner Befehle zu harren. (Schlug folgt.) sinderecke. Mischen. Von Heinrich Cinstädter. Ein Winterabend! Warm umschließet Der Lampe Lichtkreis jung uno alt. Und rege Unterhaltung fließet; Erinnerung gewinnt Gestatt. Von unsrer Ostmark spendet Kunde Der Vater, der zurückgekehrt Bon dort in früher Morgenstunde, Mit bangen Sorgen sehr beschwert. Der Aeltste auf der Karte zeiget Dann jeden oft genannten Ort. Der Jüngste aber plötzlich steiget Zum Bücherbrett. — Was holt er dort? Er hat bemerkt, wie lang vergeblich Nach B e n t s ch e n man sich urngesehn. Schnell blättert er und ruft dann fröhlich: „Ich Hab 's in meiner Tfillo stehn!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.