Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 60 (1919)
- Issue
- Heft 1 (9.1.1919)
- Date
- 1919-01-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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KerrMets«. MM yk1 Wl Alle bekannte Melodie. «cMlung von B. H. (Fortsetzung.) „Ihr Männer urteilt mit dem Kopfe, wir Grauen mit dem Herzen, «erbliche Herzen Annen nur von weiblichem Herzen richtig verstanden und beurteilt werden!" antwortete Frau LarltSle ernst. „Auf alle Fälle", setzte sie hinzu, „dürfen wir im Verkehr mit ihm niemals über die Grenze vornehmer Zurückhaltung hinausgehen, eS darf durchaus keinerlei Vertraulichkeit zwischen uns und ihm Platz greifen. Er muß zu jeder Zeit de« Abstand fühlen, der zwischen uns und ihm bestehtdadurch wird auch Elise diesen Abstand nicht außer Acht lassen können!" „Das ist sehr richtig", antwortete Carlisle «it Befriedigung. Und über das Gesicht der Frau Carlisle breitete sich der Ausdruck stolzer Zufriedenheit, da sie, trotz LhreS weiblichen Herzens, jetzt selbst fest glaubte, durch ihre Ratschläge jeder Gefahr »orgebeugt zu haben. Indes Carlisle und seine Frau im Nebenzimmer Beratung pflegten, saß FräHletn Elise am Klavier und ließ, von Meserttzer darum ersucht, dann auch ihren Gesang vernehmen. Während das Ohr Meseritzer'S prüfend auf ihr Spisl und ihre Stimme horchte, ruhte sein Auge bewundernd auf ihrer Gestalt. Die war für ihr Alter bereits sehr groß zu nennen, und ihr bisher zart und schwächlich scheinender Körperbau, wohl eine Folge ihres schnellen Wachstums, ließ bereits die Spuren beginnender kräftigerer Entwicklung erkennbar werden, tzhr Wuchs war tadellos, ihre Haltung musterhaft. Auf dem schön geformten Halse ruhte ein zierliches Köpfchen mit einem ovale», vornehm blassen und durch seine ebenmäßigen Formen überaus reizenden Gesichte, welches ahnen ließ, daß hier eine Schönheit ersten Ranges in der Entwickelung stehe. Man mußte bei dem Anblicke dieses reizenden Gesichtes, auf dem noch ein schwacher kindlicher Ausdruck ruhte, unwillkürlich an sine Rosenknospe denken, deren Deckblätter sich eben zu öffnen beginnen, um der durchbrechenden Pracht der vollendeten Blume Raum zu geben. Aus ihren schönen, blauen Augen schauten lebhafter Verstand und Frohsinn hervor, aber auch Ernst, Entschlossenheit und fester Wille. Ihr goldgelbes Haar hing lass an ihrem Nacken herab und bedeckte in diesem Augenblicke bei dem etnfallruden Sonnenlichte ihren Rücken mit gvldschimmernden und goldglitzeruden Wellen. Als die Tür des Nebenzimmers sich öffnete und CarliSle und seine Frau eintraten, hatte Elise eben die letzte Strophe eines Liedes ausgesungen. Sie eilte auf ihre Eltern zu und hängte sich an den Arm ihres Vaters. „Run, Herr Meserttzer, wie finden Sie das Spiel und den Gesang meiner Tochter k" fragte Carlisle. Elise sah mit ihren blauen A«gen voller Neugierde zu ihm hinüber, wie das Urteil über sie auSfallen wird. Meseritzer gab ein sachverständiges Urteil ab. W war nicht rnckhultlsfeZ Lsö, er hsbte im genteil mancherlei zu tadeln, was aber von den Eltern wie von der Tochter selbst anerkannt wurde. Man einigte sich bald über den Unterricht und die Fortsetzung der Stunden. „Das wäre also in Ordnung. Sie ents huldigen, ich muß zur Börse fahren. Ich empfehle mich Ihnen!" Mir diesen Worten eilte Carlisle ans dem Zimmer, ohne Meserttzer noch einmal die Hand zu reichen. Auch Meseritzer erhob sich zum Gehen. Er empfahl sich unter üblicher Verbeugung. Die beiden Damen hatten sich ebenfalls, sich leicht verbeugend, von ihren Sitzen erheben, ohne jedoch ihre Plätze zu verlassen. Der Abschied war sehr kühl, ganz nach dem von Fvnu Carlisle entworfenen Programm. Meserttzer fühlte sich unangenehm berührt, machte sich jedoch keine weiteren Gedanken darüber. Herr Meißner hatte ihm ja bereits mitgeteilt, daß die Familie Carlisle sehr stolz sei. Meseritzer beschloß nunmehr vor der Hand keine Schüler mehr anzunehmen, um die ihm bleibende freie Zeit best« ernstlicher seinen Stu> dien widmen zu können. Er hoffte es durch fleißige Selbststudien bis zu einem akademischen Grad zu bringen, um an einer höheren Schule angestellt zu werden oder sich an einer amerikanischen Universität als Privatdozent ntederlaffsn zu dürfen. Da er sich etnzufchränken verstand, so war er überzeugt, daß das Honorar der bis jetzt erworbenen Schüler vollständig zu seinem Unterhalte ausreichen würde. Er berichtete am üächsten Samstage Herrn Meiner über den Erfolg bei Carlisle und teilte ihm auch seinen entworfenen Lebensplan mit. Herr Meißner drückte ihm seine Freude und seinen vollen Beifall aus. Am nächstfolgenden Sonntage begann Meseritzer seine Unterrichtstätigkeit bei sämtlichen übernommenen Schülern. Im Hause Carlisle's mußte er den Unterricht im Wohnzimmer erteilen, während dieser von den früheren Lehrern, welche freilich viel ältere Herren waren, in einem für Fräulein Carlisle besonders eingerichteten Unterrichtsztmmer geschah. Als Meseritzer eintrat, befand sich Frau Carlisle allein im Zimmer, Carlisle selb«! bekam er überhaupt nicht mehr zu Gesichte. Sie gab ihm seine Zeugnisse zurück, da ihr Mann dies zu tun vergessen hatte, und sagte, daß das „gnädige Fräulein" sogleich erscheinen werde. Mit dem „gnädigen Fräulein" war ihm ein Wink gegeben, wie er ihre Tochter fernerhin anzureden habe. Meseritzer war klug genug, diesen Wink zu verstehen und zu befolgen. Erst jetzt, als er sich mit Frau Carlisle allein im Zimmer befand, fiel ihm dir Aehnlichkeit von MutterFundfTochter auf. Frau Carlisle mußte in "ihrer Jugend eine große Schönheit gewesen sein und war jetzt noch eine sehr stattliche Dame, deren Augen Klugheit verrieten und deren angenehme, regelmäßige Gesichtszüge noch voller Liebreiz waren. DaS „gnädige Fräulein" erschien nach einigen Minuten, und Meseritzer ^begann auch alsbald mit dem Unterrichte, den er von da ab Tag für Tag, mit Ausnahme des Samstags, regelmäßig zu der festgesetzten Stunde, nach der vorher bestimmten Ordnung und Reihenfolge fortsetzte. Er hatte alle Ursache mit seiner Schülerin zufrieden zu sein. Sie begriff schnell, war sehr aufmerksam und lerneifrig und machte daher in allen Fächern, in welchen er sie unterrichtete, sehr bemerkenswerte Fortschritte. Das machte ihm Freude, und daß dieses Mei ihren Eltern ebenfalls der Fall war, konnte er an dem reichen Honorar merken, welches ihm Carlisl» monatlich durch die Post zukommen ließ. Nach drei Monaten erhielt dieses Honorar sogar noch eine ansehnliche Erhöhung, bei welcher Gelegenheit lhnr LsÄMr in f&fggg Mlrrr fffm Anerkennung und seinen Dank für feine tüchtigen Leistungen aussprach. Auch Meißner honorierte sehr anständig und er sowohl als seine Frau ließen es an Anerkennung und Zufriedenheltsbezeugung nicht fehlen. Herr Meißner namentlich zeigte sich Ihm als wahrhaft väterlicher Freund, den er stets zu Rat und Lat bereit fand und in dessen Hause er manche angenehme Stunde verlebte. Sein Hauswirt und dessen Frau endlich wurden vor lauter Dankbarkeit für den ihrem Sohne erteilten Unterricht alle Tage freundlicher und zuvorkommender gegen ihn und Laten ihm Alles zu Liebe, was sie ihm, wie man zu sagen pflegt, von den Augen absehen konnten. So hatten sich seine Verhältnisse so freundlich gestaltet, als er nur wünschen konnte. Die ihm zufließenden Unterrichtshonorare reichten nicht blos genügend für seinen Unterhalt au», sondern er konnte sich auch noch verhältnismäßig sehr ansehnliche Ersparnisse zurücklegen. Und da er von seinen Eltern oft erfreuliche Nachrichten über deren und seiner Geschwister Wohlbefinden erhielt, sowie darüber, daß ihre geschäftlichen Verhältnisse sich in dauernder, fortschreitender Besserung befänden, so konnte er recht sorglos seinen Studien leben, und das tat er auch mit großem Eifer und Fleiße und, wie er bei sich selbst wohl fühlte und erkannte, mit ganz zufriedenstellendem Erfolge. So waren ihm fast anderthalb Jahre in zufriedener Beschäftigung dahingeflossen. Der für Fräulein Carlisle anfänglich auf ein Jahr berechnete Unterricht hatte aber bald einen jähen Abschluß gefunden. Fräulein Carlisle war ein mit ungewöhnlicher Klugheit begabtes Mädchen. Sie verstand es, scharf zu beobachten und klar zu denken. ES war ihr am ersten Unterrichtstage schon ausgefallen, daß jetzt für diesen Unterricht die Wohnstube benutzt werden solle, während sie doch ein sehr schönes und zweckmäßig eingerichtetes Unterrichtszimmer besaß, in welchem sie auch bis jetzt ausschließlich den Unterricht erhalten hatte. Sie fragte aber ihre Eltern über den Grund dieser auffallenden Veränderung nichtdenn ewar eine leise Ahnung in ihr aufgestiegen, welche ihr beim ersten Auftauchen das Blut in die Wangen trieb und ihr die Zunge band. Nach einigen Tagen schon war die aufgetauchte Ahnung in ihr bereits zur vollen Ueberzeugung geworden. „Die Mutter hat sich zwar stets für meinen Unterricht interessiertaber so interessant schien ihr derselbe doch nie zu sein, daß sie sich an jedem Tage hatte dabetietzen müssen und denselben überwachen mögen. Nein, sicher nicht! Die Sache liegt ganz anders!" Sie brachte dies damit in Zusammenhang, daß Herr Meserttzer ein junger, gebildeter und schöner Mann war, der den Eltern inbezug auf sie Furcht einflößte. Jetzt verstand sie auch ihr so kaltes und steifes Benehmen gegen Herrn Meseritzer. So waren die Gedanken beschaffen, die durch ihr kleine- Köpfchen zogen, und sie hatte das Richtige herausgeklügelt. Ihre Brust hob sich mächtig stolz bet dem Gedanken, daß ihre Eltern schon der Besorgnis Raum geben, es könne sich Jemand in sie verlieben, und sogar ein so schöner und feingebildeter Mann, wie Herr Meseritzer und daß sie für eine Person gelte, die sich auch schon verlieben könne. Das verlieh ihr in ihren Augen ein bedeutendes Gewicht. Sie kam sich vor, als wäre sie plötzlich ein Slück gewachsen, und es schien, als ob sie von diesem Augenblicke an fester und selbstbewußter einherschreiten könnte. (Fortsetzung folgt.)