Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 58 (1917)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1917)
- Date
- 1917-01-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton.Beilage zu Nr. I des „Israelit". Fettilleton» Eine Begegnung/) Non Scholem Alejchem. Max Berland War viel auf Reisen. Zu wiederholten Malen reiste er im Jahre von Lodz nach Moskau tntb von Moskau nach Lodz. Er war mit sämtlichen Verkäufern an den Büfetts bekannt, stand mit sämtlichen Schaffnern ans! vertraulichem Fuß. Auch nach den entferntesten; - uiifftfdL)en Gouvernements kam er, wo den Juden nur ein Aufenthalt von vierundzwanzig Stunden erlaubt war, plagte sich in den Polizeirevieren herum und mußte so manche Demütigung, so inanchen Aerger über sich ergehen lassen. Alles wegen des Judentums. Nicht weil es ein Judentum gab, sondern weil er ein Jude war, obendrein von echt jüdischem Aussehen. Hatte er doch echt jüdische, schwarze glänzende Augen, echt jüdisches, schwarzes, gekräuseltes Haar) eine echt jüdische, röchelnde Aussprache und dazu eine Nase, o! eine Nase!... Wie zum Trotz hatte unser Held einen Beruf, bei dern er seine Nase aller Welt zeigen mußte, bei dem er reden, immer wieder reden^ sieh überall sehen und hören lassen mußte; -- deine der Bedauernswerte war Reisender. Zwar hatte er alles mögliche getan: seinen Bart geopfert, die Schnurrbartenden nach oben gedreht, er putzte sich wie ein. junges Mädchen, trug lange Nägel und die sonderbarsten Krawatten, die man kaum ein zweites Mal in der Welt finden konnte. Aber trotz aller Bemühungen gelang es Max Berland nicht, seine Abstammung vor den Juden und Andersgläubigen. zu verleugnen. Mau erkannte ihn wie einen bösen Schilling, genau so wie den vermaledeiten Kain. Auch Schritt und Tritt ließ man ihm fühlen, wer er ist und was er ist. Kurz, er war tatsächlich zu bedauern. * * * War Max Berland vor feiner Reise nach Kischinew ein bedauernswerter Mann, so gab es nach dieser Reise überhaupt keinen unglücklicheren Menschen als ihn. Nur der vermag zu begreifen, welche Höllenqual es ist, im Innern des Herzens einen tiefen Schmerz zu tragen und. sich seiner zu schämen, wer diese Pein selbst durchgemacht hat. Max schämte sich der Stadt Kischinew, als Ivürde sie ihm gehören. Wie zum Trotz wurde er gerade 'kurz nach beit Ereignissen in Kischinew nach Bessarabien, in jene Gegend geschickt. > Er fühlte, daß er neuen Qualen ausgesetzt sein wurde. Er wußte genau, daß er dort die uukständlichen ausführlichen Erzählungen, das Jammern, und Seufzen seiner Glaubensgsuossen und die spöttischen Bemerkungen der Fremden würde anhören müssen; je inehr er sich jener Gegend näherte, um so mehr hätte er vor sich selbst fliehen wögen. Als der Zug hielt, wollte er noch eine Weile in seinem Abteil sitzen bleiben, doch be-- *} £)6enftet}enbe aus bcm Jüdischen übersetzte Skizze gehört zu den letzten Arbeiten des verstorbenen Dichters, in denen er mit beißender Ironie die seichlS A?k LitM bestimmten, Nutt einer Pseudoknltnr nngekrälstetten jüdischen Klasse in Rußland kennzeichnet. sann er sich eines Besseren, stieg zugleich mit den anderen Reisenden aus, betrat den Bahnsteig, ging zum Büffet so zwanglos, als wäre er in der besten Laune, trank ein Schnäpschen, steckte eine Zigarre an und ging auf den Tisch mit Zeitungen mrd Büchern zu. Sein Blick siel auf „Die Standarte", ein feines antisemitisches Blatt, das von einem Herrn Kruschewan, eitlem feinen Antisemiten, herausgegeben wurde. Das Blatt blieb gewöhnlich unberührt liegen, weil kein Mensch nach ihm verlangte. Die Juden nahmen es nicht in die Hand, weil es zu abscheulich war, die Nichtjuden hatten sich an ihm schon satt gelesen. So ruhte es freilich, und gemahnte die Menge nur daran, daß es einen Herrn Kruschewan gab, der nicht schlief und nicht ruhte und immer nach neuen Mitteln suchte, die Welt vor der Krankheit genannt „das Judentum", zu beschützen und zu bewahren. Max Berland war also der einzige Mensch, der eine Nummer der „Standarte" verlangte. Zu welchem Zweck? Warum'tat er das? Womöglich aus demselben Grunde, aus dem er sich vorhin am Büfett so manches geben ließ? . . . Oder wollte er vielleicht wirklich lesen, was dieser Erzhund über die Juden schrieb?... Man sagt allgemein, daß die antisemitischen Blätter hauptsächlich von den Juden gelesen werden. Das wissen die Herausgeber jener Blätter sehr genau, sie finden, daß die Juden nichts taugen, ihr Geld aber tauglich ist. Max Berland kaufte also eine Nummer der „Standarte", nahm sie in sein Abteil mit, streckte sich aus der Bank aus und bedeckte sich mit der Zeitung, als wäre sie sein Plaid. Plötzlich kam ihm der Gedanke: „Was würde wohl ein Jude denken, wenn er jetzt entstiege und einen Menschen mit der „Standarte" zugedeckt sähe? Keinesfalls wurde er jenen Menschen für einen Juden halten... Das ist eine Idee! Wirklich, ein vortreffliches Mittel, sich den Juden vom Hals zu schaffen und für.die Nacht, wie ein großer Herr, allein ans der Bank liegen zu bleiben!... So dachte unser Herr. Damit auch niemand Erkenne, wer auf der Bank lag, zog er die Zeitung über das Gesicht und verdeckte Nase, Augen, Haar, kurz das .ganze jüdische Antlitz. Dann stellte er sich vor, wie in der Nacht ein Jude mit zahllosen Gepäckstücken entstieg. einen Platz suchte und plötzlich auf der Bank einen Menschen bemerkte, der mit der „Standarte" bedeckt war.... „Ein vornehmer Christ und ein schlimmer Judenfeind, vielleicht gar Kruschewan in eigenster Person...., ivürde der arme Jude glauben. Und er würde mit seinem Gepäck schnell wieder kehrtmachen und dreimal ansspeien; er aber, Max, würde allein, wie ein Gras, ans der Bank liegen bleiben. Ha, ha, ha. Ihr wißt doch, ein Mensch, der gut gegessen und getrunken, eine gute Zigarre geraucht hot und am späten Abend wie ein Graf ans der Bank ausgestreckt liegt, sinkt allmählich in einen leichten Schlummer nnd Zuletzt in einen festen Schlaf. Pst! Still; Max Berland, unser Held, der. Reisende, der von Lodz nach Moskau und von Moskau nach Lodz reist, liegt ganz allein ans der Bank ausgestreckt, mit der „Standarte" zugedeckt nnd schläft sanft. Wir wollen ihn nicht stören. * * * Max Berland ist zwar ein schlauer Mann, aber diesmal kam es anders. In das Abteil stieg Zwar leuchend ein Reisender,' ein dicker, derber Mann, uckt Kost fern beladen, der sich wirklich Max näherte, ihn wirklich betrachtete und die „Standarte" bemerkte, mit der er sich zugedeckt hatte — aber er spie nicht dreimal ans und verließ auch nicht das Abteil. Er sah sich diesen sonderbaren Menschen, den Antisemiten mit der semitischen Nase, genau an. Das Blatt war nämlich' ivährend Max schlief, heruntergerutscht, und die Schande, das heißt die Nase, ragte unter der Zeitung in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit hervor. Der neue Reisende blieb eine Weile mit lächelndem Antlitz stehen, legte seine Koffer ans die Bank gegenüber, ging noch einmal ans den. Bahnsteig und betrat nach einer Weile das Abteil, eine Nummer der „Standarte" in der Hand: hierauf öffnete er einen Koffer, nahm ein Kissen, Morgenschuhe und ein Fläschchen mit Kölnischem Wasser heraus, machte es sich bequem, streckte sich aus der Bank aus, steckte sich eine Zigarre an und las die. „Standarte" so lange, bis ihm zuerst das eine, dann dos andere' Auge zufiel, und er in einen leichten. Schlummer versank. Sehr bald begann er zu schnarchen nnd zu röcheln, wie es oft geschieht, wenn man nachts in der Eisenbahn fährt, im Wagen hin und her geschüttelt wird nnd die Räder rasseln: Tiderderachtach, Tiderderachtach, Tiderderachtach, tach... Wir lassen jetzt die beiden Standartenträger schlafen und machen den Leser mit dem zweiten Reisenden bekannt. Er ist General. — Nicht ein General vom Militär und auch kein Generalgvnverneur, sondern ein Generalinspektor, das heißt Agent einer Gesellschaft. Er heißt Niemtschyk. Sein Vorname ist Chaim, aber er schreibt sich Albert und wird Peti genannt. So wird ans einer Ente ein Puthahn. Obgleich er Peti genannt wird und Generalinspektor ist, so ändert das nichts an der Tatsache, daß er Jude ist, so gut wie alle anderen, daß er die Juden gern hat nnd für den jüdischen Sabbat mit jüdischen Fischen, jüdischer Kugel und echt jüdischen Anekdoten schwärmt. Peti Niemtschyk ist wegen seiner jüdischen Anekdoten berühmt. Seine jedesmalige Versicherung, daß er die betreffende Anekdote selbst erlebt hat, darf man nicht wörtlich nehmen, wenn er es auch mit dem heiligen Eid beschwört. Er vergißt nämlich, daß er sie jedesmal an einen: anderen Ort erlebt hat. Peti Niemtschyk nimmt cS mit der Wahrheit nicht immer genau, er liebt zuweilen, etwas ausznschneiden, er ist, wie es bei uns — mit Verlattb zti sagen — heißt: ein Lügner. Ihr dürft es nicht übelnehmen, wenn wir uns ein wenig derb ansdrücken, eigentlich braucht man tun zu sagen, daß er-Agent ist; denn was eilt Agent ist — das Näßt ihr selbst. Wenden wir uns jetzt jetzt von dein Antisemiten Nummer Zwei, dem Generalinspektor Peti Niemtschyk ab und kehren wir zu dem Antisemiten Max Nummer Eins, dem Reisenden Max Berland zurück. * * * * Max Berland hatte eine böse Nacht. Die verworrensten Träume zogen durch sein Hirn. Es schien ihm beispielsweise, er sei nicht Max Berland, sondern Herr Kruschewan, der Herausgeber der „Standarte", und er fahre nicht in der Eisenbahn, sondern er reise ans einem Schwein und höre ans der Ferne ein Jammern und Winseln: Ki-schi-new. Ein leiser Wind säuselte ihm in den Ohren, er vernahm das Rascheln der Blätter; er wollte die Angen öffnen, doch er konnte es nicht, er griff nach seiner Nase, doch die Nase war fort, spurlos verschwunden; an Stelle der Rase berührte er die „Standarte". «.Schluß folgt-)