Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 28-29 (9.4.1903)
- Date
- 1903-04-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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44. Jahrgang. eilage zu J& 28 & 29 des Zettungsnachrichten unt> Correspondenzen. D e u t s ch l a n d. Berlin, 7. April. (Die Zionisten unter s i ch.) Man mag über den Zionismus denken, wie man immer wolle, feine Gegner müssen einräumen, daß es ihm gelungen ist, große Kreise der zeitgenössischen Judenheit zu intereffiren, und seine Freunde werden nicht in Abrede stellen können, daß dieses Interesse von Tag zu Tag mehr und mehr zu erkalten im Begriffe ist. Dieses ursprüngliche Interesse und seine Erkaltung liegen in der ganzen Natur des Zionismus begründet, so daß der unbefangene, abseits stehende Beobachter weder von der einen, noch von der anderen Phase sonderlich überrascht wird. Dem Zionismus kam von Anfang seine Neuheit zu statten, deren Reiz ja immer für eine Zeit lang zieht; ferner, daß er eine Anzahl hochbegabwr Männer an seiner Spitze hat, deren publiziMsche Gewandtheit es verstand, durch eine groß angelegte Reklame für die neue Bewegung Stimmung zu machen. Trotzdem hat die Bewegung im Westen Europas, und speziell in Deutschland, nur geringen Erfolg gehabt, während sie im Osten von unverkennbaren! Einfluß auf große Schichten der jüdischen Bevölkerung war und auch heute noch immerhin ist. Aber der Zionismus hat im eigenen Schoße mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, die von Anfang an schon vorhanden waren und von Tag zu Tag schärfer hervortreten. Er hat mehrere Köpfe resp. Gesichter, und sieht in Folge dessen B. in Rußland ganz anders aus, als er sich hierzulande zeigt. Obwohl die Erfinfcer und treibenden Elemente des Zionismus für ihre Person nicht auf dem Boden des überlieferten, praktischen Judenthums stehen, so muß man ihnen doch zugestehen, daß sie sich bemühen. ihre persönliche Auffassung zurückzudrängen und in ihrer Eigenschaft als Führer der Zionisten alles zu vermeiden, was nach dieser Seite hin einen Anstoß erregen könnte. Im Osten dagegen, und besonders in Rußland, sind die Wortführer des Zionismus Männer, die nicht nur für ihre Person sich von den Satzungen des Judenthums losgesagt haben, sondern die unter dem Deckmantel des Zionismus auch eine fanatische Propaganda für den Abfall vom praktischen Judenthum durch Schrift und Wort betreiben. Sie nennen das Kultur und kulturellen Zionismus. Wenn diese Männer das Heft der Leitung in die Hände bekämen, so wäre der Zionismus vollständig unmAlich gemacht, gerade in den Ländern, in welchen er heute seine meisten Anhänger besitzt. Das , wissen die andern auch ganz gut und sind deßhalb bemüht. diese Kulturkämpfer in Schach zu halten und . ihnen nur einen sehr bedingten Einfluß zu gestalten.! Aber ein Zionismus, der ihren destruktiven Ten- | denzen keinen Vorschub leistet, hat für diese Kulturzioj nisten weniger Werth, und sie streben deßhalb bei jeder j passenden und unpassenden Gelegenheit danach, sich den ihnen bislang versagten Einfluß a tont prix zu sichern. Das hat schon auf den jüngsten Kongressen zu unliebsamen Scenen geführt, und ist in der That einer der Hauptschäden, an welchen das innerste Wesen des Zionismus leidet. Die Gegensätze innerhalb der zeitgenössischen Judenheit sind zu ausgeprägt, als daß es möglich wäre, alle unter einen Hut zu bringen. Dieser Gegensatz führt denn auch zu persönlichen Gehässigkeiten; die für uns aber nur insofern von Interesse sind, als die prinzipielle Verschiedenheit dabei so recht drastisch zum Ausdruck kommt. Herr Dr. Herzl hat einen zionistischen Roman veröffentlicht, der vielfach die Kritik herausfordert und ja auch im „Israelit" seine Würdigung erfahren hat. Ein bekannter, radikaler Zionist, der unter dem Nennen „Achad Haam" viel schreibt, hat auch gegen den Roman Herzl's in scharfer, abfälliger Veurtheilung Stellung genommen. Darauf hat Max NordaU wieder „Acha'is Haam" bös mitgespielt, und dagegen ereifert sich nun ein Herr Dr. Osias Thon aus Krakau in der zionistischen „Jüdischen Volksstimme" in einer Weise, die einer vollständigen Absage an Nordau gleichkommt. Das alles interessirt uns wenig, dagegen ist es von Interesse, was bei dieser Gelegenheit über den Zionismus ausgeplaudert wird, wenn Herr Dr. Thon wörtlich schreibt: „In Wirklichkeit ist Achad Haam's Kritik eine durchaus sachliche. Er ist ein Mann von ausgeprägter Weltanschauung, und darum empfindet er es schmerzhaft, daß man dem zentralen Gedanken seiner Anschauung, den er und viele, sehr viele mit ihm, auch für einen zentralen Gedanken des Zionismus überhaupt halten, nicht die nöthige Beachtung widmet. In der That, wer will es leugnen, daß der ganze kulturelle Unterbau des Zionismus geradezu vernachlässigt wird? Ich gestehe es ganz offen, daß zwischen dem Zionismus der „europäischen" Herren und unserem eine gewaltige Kluft 'liegt — zunächst in Bezug auf die Entstehung. ' Wir sind Juden gewesen, waren dann in „Europa" und sind Juden geblieben. Jene aber sind Juden geworden, weil der Antisemitismus ihnen persönlich oder anderen weh gethan hat. Daraus folgt, daß wir Zionisten bleiben werden, auch wenn Alfred Dreyfus Chef des französischen Generalstabs und Karl Lueger der letzte. Portier im Wiener Magistrat geworden sind. Und zwar