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Der Israelit · 1903-04-06 · Heft 27 (6.4.1903) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 27 (6.4.1903)
Date
1903-04-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Zklt»mgSiiaHrrcht«« mrö Lorrespondenzm. D - « t s ch l - » t>. Berlin, Z. April. (Kann ein getaufter Jude christlichen Religionsunterricht e r t h e t1 e n?) Um diese Frage handelte es sich dieser Tage in einer Sitzung der Potsdamer Stadtverordneten-Versammlung. Schon bei früheren Gelegenheiten war von dem antisemitischen Stadtverordn. Kaufmann Ernst Fröhlich zur Sprache gebracht worden, daß in der GemeindeschNle VI der ehemals jüdische Lehrer Silberstern, welcher sich nur deßhalb habe taufen lassen, weil er dann Anstellung erlangen konnte, christlichen Religionsunterricht ertheile. Vom Magistrat wurde auf diese Angelegenheit nicht weiter eingcgangen, weßhalb dieselbe nunmehr von dem Stadtverordneten Japel bei der Etats'berathung auf's neue angeschnitten wurde. Vom Magistrat wurde nun geltend gemacht, daß die Beschäftigung des Lehrers von der Schulaufsichtsbehörde kontrolliert werde und daß der Lehrer Silberstein von der. königlichen Regierung nicht als ungeeignet zur Ertheilung des Religionsunterrichts erachtet sei. Stadtverordneter Fröhlich erachtete weite Kreise der christlichen Bevölkerung durch diese Art von Unterrichtsertheilung beunruhigt, da Silberstein nicht aus Ueberzeugung Christ geworden sei, sondern nur, um eine Anstellung zu finden. Stadtverordneter Geh. Rechnungsrath Hinze hielt Fröhlich entgegen, daß Silberstein seit 20 Jahren getauft sei, warum, das habe derselbe mit sei- ' nem Gott'abzumachen, als Lehrer habe er sich stets bewahrt. Die Stadtverordneten-Verfammlung sei keine Antisemiten-Versammlung und lasse sich nicht in's Schlepptau nehmen. Der Vorsteher der Stadtverordneten-Versammlung bereitete schließlich der Debatte dadurch ein Ende, daß er erklärte, es handle sich um Personenfragen, die nicht öffentlich zu erörtern wären, weßha'kb die Fragesteller bei anderer Gelegenheit wiederkomMen mögen. Gr.-Lichtcrfcldc, 30. März. (Die Einweihungsfeier des ncuerbauten Jsr. Lehrerinnen hei ms.) Das gestrige Einwcihungsfest war ein neuer Beweis, wie reich unser Zeitalter an Humanitären Bestrebungen, ist. Die große Anzahl der Erschienenen legte beredtes Zeugniß für die Bedeutung des Vereins ab. Aus kleinen Anfängen hervorgehend, wuchs das Unternehmen derart, daß es jetzt, nach acht Jahren, zu seiner jetzigen, umfangreichen Größe gelangte. Die Gründerin des Heimes, Frl. Pauline Münchhausen, nahm, einem Erforderniß der Zeit Folge gebend, Veranlassung, den so schwer um ihre Existenz ringenden, staatlich ihren christlichen Colleginnen nicht gleichgestellten isr. Lehrerinnen, eine Heimstätte zu bieten, wo dieselben ihren Lebensabend, frei von Existenzsorgen, genießen können. Vor vier Jahren in Steglitz bei Berlin, m grmietheten Räumen, mit sechs Damen eröffnet, zahlt das Heim heute zwölf Insassinnen. Frl. Münchhausen hat durch ihre immense Thatkraft— ihre rastlose, in ausgedehntestem Maße geübte Propaganda — durch Abhaltung von Versammlungen, Vorträgen, durch Werbung einflußreicher Gönner und Mitglieder in Berlin und auswärts — ihr Unternehmen so zu fördern verstanden, daß der Verein eine hervorragende Stellung im In- und Auslände einnimmt, und sich bereits Ortsgruppen in Stettin. Hannover, Königsberg in Pr., Frankfurt a. M. und Stargardt gebildet haben und' neue in der Bildung begriffen sind. - Welch' einem tiefgehenden Bedürfniß die Gründung des „Jüd. Lehrerinnenheims" entsprochen, davon | zeugt die große Anzahl Bewerbungen aus allen Theilen Deutschlands, um Aufnahme in das Heim. Rach dieser kurzen Abschweifung zur Otientirung auswärtiger Leser, kehre ich zu meiner Pflicht, den Einweihnngsakt zu schildern, zurück. Die Feierlichkeit wurde durch die vom Synagogenchor oorgeführte Beethov'en'schr Hymne „Die Himmel rühmen" eingeleitet, 'worauf die Begrüßungsansprache durch Herrn Sanitätsrath Dr. Wi e s e n t h a l, den ersten Vorsitzenden des Vereins, erfolgte. Herr Dr. Wiesenthal führte aus, der „Jüd. Lchrrrinnenverein" sei kein Werk der Barmherzigkeit im landläufigen Sinne, sondern eine Tilgung der SchNld an diejenigen, die ihr Leben in Arbeit bis zur letzten Kraft für unsere Kinder verbrauchen. Der zweite Redner, Herr Rabbiner Dr. Weiße, gab dem neuen Hause die Weihe. Mit markigen Worten schilderte er den dornenvollen Lebensweg der jüdischen Lehrerin. Tief im Schatten stehen diejenigen, denen wir unser Liebstes anvertranen und deren Einfluß auf die künftige Generation maßgebend ist. „Ehrfurcht vor Gott, Ehrfurcht vor dem Lehrer ist biblisches Gebot!" Herr Dr. Wiesenkhal Nahm dann Veranlassung, Herrn Max Wygodzinsky das Diplom als Ehrenmitglied des Vereins zu überreichen. Ehrenmitglieder sind außer diesem Herr Direktor Dr. Adler in Frankfurt a. M., der verstorbene Philanthrop Ro-. senstiel und die Gründerin, Frl. P. Münchhausen. ' Reiche Verdienste um das Heim haben sich Herr und Frau Ferdinand Reichenheim, Frau Professor Landau. Frau Direktor Max, Frau Bamberger und viele andere erworben, deren Aufzählung hier nicht

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