Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 103-104 (29.12.1904)
- Date
- 1904-12-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Gruß entgegen irnb sagte: .Was ich eigentlich da Unten suche, ich weiß es selber nicht. Aber seitdem ich von der Geschichte weiß, zieht's mich mit unsichtbarer Gewalt an das Inster, ich meine immer, ich müsse da etwas sehen, was zur Aufklärung fuhrt. Gott hat es nicht umsonst Mfiigt, daß wir am alten Steinweg wohnen, wo alles, was von Hamburg nach Altona geht, vorbei muß; aber fetzt ist Sckabbos; nun wollen wir zu Tisch.- Livman Osterode war ernstlich wegen des Wohlbefindens seiner Frau besorgt. Aber bei Tisch verkehrte sie so heiter und in ihrer gewöhnlichen Weise mit allen Tischgenossen, daß ihr Mann Gott dankte, als er sah, daß seine Befürchtung unbegründet war. Man begab sich zur Ruhe, aber als Alles schlief erhob sich Rifka von ihrem Lager und setzte sich ans Fenster um unverwandten Blickes auf die Straße zu schauen. So traf sie ihr Manu am frühen Morgen und machte ihr deshalb Vorwürfe. .Das eine" entgegneie sie. .wirst Du mir doch erlauben, daß ich ruhig auf die Straße blicken darf, wenn ich sonst Deinem Willen folge und keinen Schritt in der Sache thue! Aber heute sprichst Du dock) mit den Parnossim? Kann ich mich darauf verlassen?" Ihr Mann beruhigte sie und ging zum Morgengebet. Nach Beendigung desselben theilte er Helscher seine Besorgniß wegen des Zustandes seiner Frau mit. «Ich begleite Euch nach Hause," bemerkte ihm Hekfcher. .und werde Euere Frau beruhigen, daß wir heute noch mit den andern Baale Battim (Gemeinde Mitglieder) Rücksprache nehmen." Als sie vom Dreckwall. wo die Schule war. nach dem alten Steinweg kamen, sahen sie schon von ferne die arme Frau mit stieren auf die Straße gerichteten Blicken. .Gut Schabbos," rief Hekscher, in das Zimmer tretend. .. .Gut Schabbos!" erwiderte Rifka. ohne das Auge vom Fenster zu wenden. .Was gibt's denn da unten zu sehen? fragte Hekscher. .Was?" ries mit lautem Schrei Rifka. .seht hinunter und überzeugt Euch selber. Da unten geht der Roscho und seine Frau, und hinter ihnen führt ein Dienstmann eine schwere Kille. Sie gehen nach Altona. Jetzt weiß ich's. was mich an das Fenster die ganze Zeit zieht.- Erstarrt blickten sich die Männer an; aber als sie sich von ihrem Schrecken erholt hatten, war Rifka längst auf die Straße geeilt und folgte dem Paare mit der Kiste aus dem Fuße n«h- Alle Versuche sie zurückzuhalten waren vergeblich. Den Männer blieb nichts übrig, als ebenfalls der Spur nachzugehen. Aber sie gingen nicht zusammen, sondern jeder für sich, der eine auf der rechten, der andere auf der linken Seite der Straße, während Rifka in der Mitte des Weg-/etwa'? dreißig Schritte hinter dem Karren mit der geheimniß- ' vollen Kiste ging, um sich zu überzeugen; wohin , die Mörder ihre Schritte lenkten, um ihre Unthat zu ver< bergen. Denn das war Rifka kein Zweifel, daß in der. Kiste der Leichnam des Ermordeten war. den die Mörder bei Seite schaffen wollten. X. Scherzend und lachend zogen der muthmaßliche Mörder und seine Frau des Weges dahin, ohne Ahn-- ung, daß jede ihrer Bewegungen von drei Personen, die hinter ihnen herschritten, bewacht wurden. So gelangten sie bis zum Altoner Hafen, an welchem sich viele Wirthshäuser befinden. Das saubere Paar trat in das erste ein, ließ den Dienstmann mit der Kiste vor der Thüre warten, während es sich an einem reichen Frühstück gütlich that. Rifka hatte keine Ahnung, daß ihr Mann und Reb Sam. Hekscher ihr ebenfalls gefolgt waren. Wo sie in Altona während ihres Ganges einen Juden fab. rief sie ihn zu sich, sagte ihm rasch und leise, daß sie hier die Mörder von Ahron Mosessohn-und in der Kiste den Leichnam vor sich hätten, man solle um Himmelswillen sie. die schwache Frau, nicht allein lassen, sondern mit behilflich sein, damit Nelomo geübt werden könne. Bis zum Wirtshause, in dem das Paar eingekehrt war, hatten sich auf diese Weise schon sechs Altonaer Baale Battim (Gemeindemitglieder) Rifka angeschlossen. Run traf Rifka ihre Dispositionen, die jedem Detektiv alle Ehre gemacht hätten. Zwei Leute schickte sie zum Parnes von Altona, Rabbi Seligmann, drei sollten in das Wirthshaus hineingehen und sich mit den Beiden zu thun machen; einer sollte bei ihr bleiben und noch etwaige Jehudim herbeiholen, die er in nächster Nähe bemerke. , Da traten ihr Mann mit Rabbi Samuel Hekscher auf üe zu. Sie?,;.wollten ihr Vorstellungen darübe? tk machen, wie sie die ganze-jüdische Gemeinde Altona in ein Unglück stürze, das sie niemals verantworten könne. Aber die wackere Frau ließ sie gar nicht zu 'Worte kommen. Sie gab ihnen ihre Ordres mit solcher ruhigen Entschiedenheit und Festiakeit, daß üe die Vorhaltungen ganz vergaßen und sich, ohne Widerwille, willig den Anordnungen der Frau fügten. «Ihr geht hier in die Straßen, wo die Jehudim' wohnen und holt so viele, als Ihr nur austreiben könnt, hierher; aber schnell!" Die Männer sahen sich einander an und folgten dem Machtspruch des schwachen Weibes. Inzwischen kamen drei, vier, zehn und mehr Jehudim. Alle schickte Rifka in die Wirthschast mit der Weisung, dafür zu sorgen, daß das Paar festgehalten werde.' Diesem wurde es aber bei dem Eindringen so vieler Juden nicht geheuer. Er erhob sich und ging in eine andere