Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 99 (15.12.1904)
- Date
- 1904-12-15
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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8158 Eine gleich gut besuchte Propaganda-Versammlung sür den Hilfsverein sand Tags zuvor in Bromberg in Wicherts Festsälen statt. Auch hier hatten die Herren James Simon und Dr. Paul Nathan sich in das Referat über den „Hilfsverein der Deutschen Juden und seine Aufgaben" getheilt. Der Erfolg war ein glänzender; die meisten Anwesenden, unter denen auch Vertreter der Nachbargemeinden Nakel und Jnowraz. law sich befanden, erklärten ihren Beitritt zum Hilfsverein. Dem neu gebildeten Lokalkomitee traten sofort folgende Herren bei: Landtagsabgeordneter Louis Aronsohn, Rechtsanwalt Baerwald. I. Barnast, A. Eohnfeld, Oberlehrer Friedland. Bankdirektor Friedländer, Rudolph Jakobi, Lipowsky, Landtagsabgeordneter Amtsgerichtsrath Peltasohn, Justizrath Wolfen und Rabbiner Dr. Walter. — Der hier seit fast einem halben Jahrhunderte bestehende jüdische Armenhilfsverein, durch deffen geräuschloses Wirken nicht nur Roth und Elend vieler hiesigen bedürftigen,.Familjen .gelindert, sondern..auch hilfsbedürftige Durchreisende. -angemessen unterstützt werden, hat den Kreis seiner wohlthätigen Wirksamkeit in letzter Zeit noch erweiten. Da die außerordentliche Höhe der Kartoffelpreise den minder begüterten Familien die Beschaffung dieses fast unentbehrliche Nahrungsmittels sehr erschweren, so ist seitens des Vereins die Einrichtung getroffen, daß solchen Bedürftigen für einen Minimalpreis Kartoffeln geliefert werden. Es werden nämlich gegen Zahlung eines der Hälfte des Marktpreises entsprechenden entsprechenden Betrages Anweisungen ausgehändigt, gegen die von bestimmten Viktualienhandlungen das gewünschte Quantum Kartoffeln verabfolgt wird. Gewiß eine nicht zu unterschätzende Wohlthat. Judenleiden In Rußland. Deprimirende Nachrichten über die schreckliche ökonomische Lage der Juden im Westgebiete veröffentlicht der nationalruffische „Wilenskij Wjestnik". Die Zahl der Personen jüdischen Glaubens, welche in Folge von Nahrungsmangel erschöpft und entkräftet in den Straßen von Wilna aufgefunden werden, wird immer größer. Eine alte Jüdin starb auch an den Folgen des Hungers. In Lodz wiederholt sich.^wie dasselbe Blatt meldet, dieselbe Erscheinung in unheimlicher Progression. Die Nothlage der jüdischen Bevölkerung der Stadt Lodz hat einen derartig kritischen Höhepunkt erreicht, daß unter den Juden zahlreiche infektiöse Krankheiten ausgebrochen stnd. So meldet das russische Blatt, das Organ der Oberverwaltung im Südwestgebiete: Die Lage unserer Volksgenossen muß wahrlich eine äußerst verzweifelte sein, wenn ein im Dienste der Regierung stehendes Blatt sich nicht zurückhieli. derartige Meldungen zu publiziren. Von der großcn Armuth der jüdischen Bevölkerung im Weichselgebiete können folgende offizielle statistische Daten sprechen, welche die „Nowoje Wremja" einem in Warschau publizierten Jahrbuche der Verwaltung im Weichsclgebiete entnommen hat. Die Daten beziehen sich zwar bloß auf die Stadt Warschau, aber sie illustrieren auch die allgemeine Lage der Juden im Weichselgebiete. Die Einwohnerzahl der Stadt Warschau beträgt gegenwärtig 772,000. darunter 275,000 Juden. Warschau ist somit die größte Judengemeinde in Europa, und die zweitgrößte in der Welt. Nur Newyork hat eine Juden^meinde von 500,000 Mitgliedern. Warschau hat 55,000 jüdische Familien, aber Gemeindesteuer in der Höhe von 2—500 Rubeln jährlich zahlen bloß 7890 Familien. Alle übrigen Judenfamilien leben in solcher Armuth, daß sie keine wie immer geartete Steuer zahlen können. Von den sieuerzahlenden Familien zahlen 4585 eine jährliche Steuer von 2—10 Rubeln und nur 2885 Familien leisten eine Abgabe von 15—500 Rubeln jährlich. Sie bilden 5 Prozent der Gesainmtzahl, müssen aber 86 Prozent der Kultussteuer entrichten. Von den 192,000 Rubeln, welche in diesem Jahre an Kültüssteuern eingenommen wurden, mußten die 2805 Familien 166.000 Rubel, die anderen 4586 Familien bloß 26,000 Rubel einzahlen. Das laufende Jahr fiel besonders schwer für die jüdischen Handwerker aus. Mehr als 13,000 Handwerker sind brotlos geblieben. Der jüdische Hilfsverein hat bereits 30.000 Rubel verausgabt, um diesen Unglücklichen Brot zu verschaffen, aber die Noth unter ihnen nimmt zu. Doch hat dieser Tage der Präsident der jüdischen Kultusgemeinde von Warschau. Bergsohn. dem Generalgouverneur 30,000 Rubel übergeben, welche er unter den Juden von Warschau zu Gunsten der Verwundeten und Kranken im fernen Osten gesammelt hat. Im offiziellen ..Warschawskij Dnewnik" vublizirt der russisch-orthodoxe Journalist AküeMow einen längeren Artikel über die große Nothlage der Familien der jüdischen Aerzte, welche nach dem Kriegsschauplatz im fernen Osten entsendet wurden-^-Der russische Publizist schreibt unter anderem wörtlich: „Die jüdischen Aerzte, welche nach Ostasien geschickt wurden, hätten früher ibre Familien durch ihre Privatpraxis ernährt .und erhalten, jetzt aber ist diese Einnahmequelle versiegt und die Familien befinden sich in großer Nothlage. Aber das ist noch nicht alles. Indem die jüdischen Aerzte dem Daterlande ihre Arbeit und den Wohlstand ihrer Familien opfern, müssen sie außerdem noch erleben. daß ihre Kinder in den Lehranstalten des Reicks über Bord geworfen und zum Schulbesuche nicht zugelaffen werden. Welche Gefühle mögen die jüdischen Aerzte beschleichen, wenn sie erfahren, daß ihre Kinder in ihrer Zukunft bedroht werden, während sie selbst im fernen Osten ihre Arbeit den Verwundeten und Kranken widmen. Soll man daher nicht die Kinder .der im fernen Osten weilenden jüdischen Aerzte auch I ^".'Nerbalb der Prozentklassen aufnehmen? DaS wäre I nicht bloß menschlich, sondern auch gerecht!"