Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1904)
- Date
- 1904-11-10
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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1908 Tempeln der Christen oder in den Synagogen ihre Rechtgläubigkeit und Frömmigkeit zur Schau trägt." Daß die jüdischen Wucherer jemals in der Bewucherung der Bauern das geleistet haben, was jetzt Herr Protovopescu den christlichen Wucherern imputirt, ist nicht anzunehmen, weil man es sonst längst breit besprochen hätte. Aber selbst wenn man zugeben wollte, daß es der Fall war. so wird man heute zugleich zugeben niüffen. das; man ihnen kein Spe.zialoerbrechen daraus machen kann. Es liegt in den Verhältnissen der Bauern, daß sich das System des entsetzlichen Wuchers aus dem Lande ausbilden kann. Man hat die Juden beschuldigt, daß sie die Bauern auswuchern, man hat ste vom Lande vertrieben, aber der Wucher hat nicht aufgehört, sondern besteht fort, wie er auch dort bestanden hat und noch besteht, wo nie ein Jude gewesen ist. Man hat die Juden beschuldigt, daß sie als Schankwirthe die Bauern vergiften. Man verbot ihnen darauf das Schankgewerbe aus dem Lande, aber der Alkobolismus hat sich weiter entwickelt und wirkt verheerender denn je unter der Bauernbevölkerung. Sollten da unsere Antisemiten, wenn sie überhaupt etwas einsehen wollen, nicht einsehen. daß die verschiedenen Nebel, welche sie den Juden zuschreiben, weder spezifisch jüdisch, noch mit der Vertreibung der Juden zu beseitigen sind? (Fr. Ztg.) Der Prozetz in Hornel. Homel. 5. Nov. Fast 13 Monate hat die Voruntersuchung in Sachen des Judenkrawalls, der am 1. Sevtember des vorigen Jahres hier stattgefunden hat, gedauert. Als Ergebniß dieser mühsamen Arbeit liegt uns jetzt eine ziemlich umfangreiche Anklageschrift vor. aus Grund deren 36 Juden angeklagt sind, aus Haß gegen die christliche Bevölkerung und aus Rachsucht für Kischinew einen Krawall vorbereitet und organisirt zu haben. Eine besondere -Kommission der Strafkammer des Kiewer Gerichtsbezirks mit Ständevertretern bildet den Gerichtshof, der gestern hier im Rathhause zusammengetreten ist. Den Vorsitz führt der Präsident des Kiewer Gerichtsbezirkes, Kotljarewsky, als Beisitzer fungiren die Richter Nordstein. Karpenlo und Arenkow, als Ständrvertreter der Homler Adelsmarschall Sawizky, der hiesige Bürgermeister Romanow und der Dorfälteste Konalew. Die Vertheidigung der angeklagten Juden liegt in den bewährten .Händen der Rechtsanwälte Basunow. Ganfmann. Sokolow und Kral aus Petersburg; Mandelstamm und Metaksa aus Moskau; Kupernik und Rainer aus Kiew; Kalmanotoitz aus Saratow; Brinken und Elwschew aus Homel. Die Zivilklage vertreten Winawer, Sarudnv, Sliosberg aus Petersburg; Margolin aus Kiew und Krasiltscbikow aus Homel. Die Anklage wird durch die Staatsanwälte Rijow und Kokenko vertreten. Die Verhandlung wird wenigst«»- einen vollen Monat in Anspruch nehmen. Wider Erwarten ist die Verhandlung eine öffentliche. Es ist bemerkenswerth, daß in analogen Gerichtsverhandlungen. wenn die Angeklagten Christen sind, die Oefsentlichkeit fast immer ausgeschlossen wird; während in diesem Falle, wo die Behörde glaubt beweisen zu können, daß die Juden selbst die Anstifter alles Unheils sind, die für ähnliche große politische Prozesse bei uns ganz ungewöhnliche Oefsentlichkeit zugelassen wird. Die Angeklagten sehen, da sie den wahren Sachverhalt kennen, dem Ausgang der Gerichtsverhandlung ruhig entgegen. Die Oefsentlichkeit der Verhandlung kann nur eine für die Angeklagten günstige Wirkung haben. Leider sind die Raumverhältnisse hier in Homel so schlecht, daß nur Wenige Einlaß in den Sitzungssaal finden, während Hunderte den ganzen Tag hindurch draußen stehen und vergebens Einlaß begehren. In dankenswerter Weise ist für die Vertreter der Presse gesorgt, die einen Tisch ganz in der Nähe des Richters bekommen. Fast sammrliche große russische Zeitungen und mehrere Provinzial- Blättcr haben ihre Berichterstatter nach Homel entsandt und am Tische der Presse herrscht immer ein reges Leben und fleißige Arbeit. Die erste Sitzung wurde am 11./24. Oktober um 6 Uhr Abends eröffnet und war nur dem namentlichen Aufrufe der Zeugen und Angeklagten gewidmet. Dabei zeigte sich, daß einige Zeugen jetzt ihre Dienstpflicht als Offiziere (die an der Unterdrückung des Krawalls Tbeil nahmen) in Ostasien erfüllen. Der Gerichtshof wollte sich, gemäß dem Antrag der Staatsanwaltschaft, mit der einfachen Verlesung der Aussagen dieser Zeugen in der Voruntersuchung begnügen. Dem widersprachen ganz energisch die Vertheidiger, die behaupteten — sie wollen mit lebenden Zeugen und nicht mit geschriebenen Worten zu thun haben. Der Gerichtshof hat den Beschluß gefaßt, vorläufig die Frage unentschieden zu lassen bis zur eventuellen Rückkehr oder neuen Vernehmungen der nicht erschienene» Zeugen. — Heute hat man den ganzen Tag die Änj klageschrift verlesen. Morgen beginnen die Zeuaen- I Vernehmungen. Der erste und interessanteste Zeuge ist! der Homeler Polizeimeister Herr Rajewsky. « . —— —- i -- vermischtes. Lauchheim (Württ.). 2. Nov. Den Eheleuten Maier Neumaier und seiner Frau Ernestine, geb. Pappenheimer, die ihre goldene Hochzeit feierten, ließ Sr. Maj. unser König durch den hiesigen Ortsvorstand einen prächtigen üldcrnen Pokal überreichen. Wie», 5. November. Baron Nathamel Rothschild hat den Betrag von zwei Millionen Kronen zur Erhaltung von 50 Betten im hiesigen israelitischen Nothschildspital gespendet.