Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1904)
- Date
- 1904-11-10
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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45. Jahrgang. Kweite Asilage z« 89 des „Zsraekt." Der Wucher in Rumänien. Bukarests Anfang Nov. Das Organ der liberalen Regierungspartei, die j „Vointza Nationala". veröffentlichte vor einiger; Zeit eine Reihe Artikel, welche sich mit; dem Wucher auf dem Lande befaßten. Verj faffer dieser Artikel ist Herr D. Protopopescu, Vize- Präsident der Kammer, Subdirektor des Creditul! Nural und hervorragendes und einflußreiches Mitglied! der Regierungspartei. Wahrlich Titel genug um seinen j Behauptungen ein großes Gewicht und seinen Vor- ■ schlagen die Möglichkeit der Durchführung zu sichern. ' Denn was Herr Protopopescu auf Grund einer persönlichen Enquete festgestellt hat. ist einfach unerhört. Es übertrifft selbst die Vorstellung, die man sich von dem Wucher lnachen konnte nach dem Buche des Herrn Nenihescu, das ich in der „Frankfurter Zeitung" 'besprochen habe und in welchem nachgewiescn wird, daß der niedrigste Zinssatz auf dem Lande 60 Prozent beträgt, der höchste aber 600 Prozent und noch mehr. Denn was Herr Protopopescu mit authentischen Doku-; menten feststellen konnte, ist, daß aus dem Lande der grausamste Wucher sich unter der Form geschickt aus-; gearbeiteter Pachtverträge verbirgt, die von den maß- ' gebenden gerichtlichen und administrativen Behörden \ bestätigt werden. Der Bauer befindet sich in großer 1 Noth. Der Dorfwucherer, zumeist der Dorfwirtb.; borgt ihm 20 oder 30 Francs oder mehr, beileibe nicht! gegen Zinsen. Er läßt sich nur einen Vertrag ausj stellen, welcher besagt: ich verpachte für diese 20 Frs. > einen Pogon (2 Hektar) meines Bodens für zwei Jahre l und verpflichte mich, diesen Boden zu bestellen und den I Ertrag mit N. N. (also mit dem Geldleiher) zu tbeilen. j Der Wucherer macht auf diese Weise einen Gewinn j von mehreren hundert Prozent jährlich und er bat j überdies den Vortheil. daß er sich auf den Wohlthäter! der Bauern ausspielen kann, denen er zinsen los Geld ■, geliehen hat. Das Gesetz, welches 1864 durch einen > Staatsstreich zu Stande kam und wonach die Bauern zu Grundbesitzern gemacht wurden, hat in weiser Voraussicht die Unübertragbarkeit dieses Grundes — außer auf die gesetzlichen Erben — vorgesehen. Die Wucherer haben nun' thatsöchlich diese Gesetzesvorschrift aufgehoben. Herr Protopopescu schreibt darüber: „Das Uebcl ist° der unter der Form der Verpachtung der Bauerngüter sich versteckende Wucher. Es ist dies die thatsächliche Expropriation eines großen Theiles der Landbevölkerung zu Gunsten der Spekulanten. Durch Pachtverträge, die theilweise seit Jahrzehnten, theilweise sogar noch seit längerer Zeit gelten, und die noch weitere Jahrzehnte durch Verlängerung in Wirk« samlcit blciten dürften, ist eine Anzahl Bauern des Lodens, den sie besaßen, beraubt worden — sei eS. daß sie dtnselben überhaupt nicht mehr besitzen, sei eS. daß sie ihn nur als Pächter der Spekulanten besitzen, denen sie seinen Ertrag verpfändet haben." Dem Uebel ist nicht stick: abzuhelsen. Durch die Raiffeisen'schen Lollsbankcn konnte wohl zum Theil geholfen werden, aber die Gefahr ist groß, daß auch diese Banken von den Wucherern beherrscht werden und daß für die Beschaffung von Geldern der Bauer zu deren Unterschrift Zuflucht nehmcn müßte. In diesem Falle würde sich der Wucherer ein gutes Geschenk ausbitten und somit den Unterschied zwischen den Zinsen, welche ihm die Bank für seine Einlage zahlt, und den Zinsen, die er sonst zu berechnen pflegte, wettmachen. Ja noch mehr, er könnte in dieser Art Geschenke auch für die Beschaffung solchem Gelder einstecken, die ihm gar nicht geboren Nur eine gründliche Reform, welche überhaupt die Lage der Bauern nmändern würde, könnte der Landbevölkerung Rettung bringen. Die Regierung befaßt sich y.\x Zeit eingehend mit der Bauernfrage. Die Frage des Wuchers ans dem Lande in Rumänien hat noch eine andere Seite, die zu wichtig ist, als daß man sie stillschweigend übergehen könnte. Wer sind denn alle diese Wucherer, welche in so grausamer Weise, mit so viel Raffinirtheit die Bauern ausbeuten? Wohl die Inden? Keine Spur. Den Juden.ist ja schon seit über 30 Jahren das Wohnen auf dem Lande verboten. Ja noch mehr: wo Herr Protopopescu seine Feststellungen machte hat nie ein Jude gewohnt, hat nie ein Jude den Boden jener Dörfer betreten. Und Herr Protopopescu hält es für seine Pflicht, festzustcllen. daß die Wucherer Ehristen sind, manche sogar sehr gute Christen, die nie versäumen in die Kirche zu gehen, die Heiligenbilder zu schmücken, sich durch Stiftungen für Kircheri'wecke Heil zu erkaufen. Einer von den wenigen, die der Vizepräsident der Kammer kennen lernte, hat sogar einen Orden bekommen. Diese Wucherer, die weder ein Gewissen haben noch Mitleid kennen, sind gewiß wüthende Antisemiten, denn hier zu Lande wird leider nur allzu oft Antisemitismus für gleichbedeutend mit Patriotismus gehalten, die Liebe zur eigenen Ration nur hat durch den Haß gegen die arme jüdische Bevölkerung bezeugt. Wenn aber dem gut christlichen und gut kirchlichen Wucherer die Maske vom Gesicht gerissen wird, dann ist es kein Wunder, daß den Herren von der „Voinha National«" ein Licht aufgeht und sie ausrufen: „Wie es scheint ist die Wuchererscele dieselbe, ob sse gleißnerisch in den