Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 87 (3.11.1904)
- Date
- 1904-11-03
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1862 menstoß zwischen den Arbeitern und den Juden zu verhindern, zu welchen» Zwecke eine Kompagnie Soldaten aus dem in der Nähe von Homel sich aufhaltenden abchasischen Regiment nach Hornel beordert und rm Hofe des Ambulatoriums neben dem Bahnhof aufgestellt wurde. Uin 12 Uhr mittags verließen die Arbeiter nach dem üblichen Fabrilsignal die Werkstätten. und auf der Brücke, welche zur Stadt führte, hatte sich eine ziemlich große Menge versammelt. Das ungewöhnlich laute Benehmen der Arbeiter, unbestimmte Rufe und Ausrufe zeugten von einer Aufregung unter der Menge, sodaß der auf dem Bahnhof befindliche Pvlizeimeister Rajewski es für angebracht bielt, die in Bereitschaft stehende Kompagnie hierher zu beordern und der Arbeitermenge den Zulaß zur Stadt abzusperren. Dies hatte die Arbeiter noch mehr erbittert: „Ter Juden wegen dürfen wir nicht einmal nach Hause zum Mittagessen!" schrieen sie, und die Menge begann über den Bolizeimeisser zu schimpfen. Dir künstlich aufgehaltene Arbeitermenge wurde durch andere herbeigekommene Arbeiter verstärkt und nachdem sie sich auf dem Platze vor dem Bahnhof gruppirt batten, »narschierten st.e auf die Samkowaja-Straße los. Unter dem allgemeinen Stimmenchaos hörte man drohende Rufe gegen Juden ausstoßen. Die Stimmung der Menge tvar. wie der Polizeimeister Rejewski bestätigt, eine düstere und aggressive, alle Ermahnungen, die er an die Menge richtete, nach Hause zu gehen und keine Gewalttbätigkeiten auszuüben, blieben erfolglos, und aus der Menge wurden Steine in die nächsten jüdischen Häuter geschleudert. Währenddessen hatte auch die jüdische Bevölkerung nicht stillgesessen. Es begannen sich große Gruppen von Juden zu organisiren, und bei Beginn der Unruhen hatte sich eine große Menge von solchen auf der Samkotvaja-Straße versammelt und schleuderte mit Steinen und Stöcken nach der Arbeitermenge. Der Polizeileutnant Brszosowski, von einer Soldatenpatrouille und einigen Schutzleuten begleitet, hatte den Zusammenstoß zwischen den Arbeitern und den Juden Verbindern wollen, wurde aber von zwei Ziegeln, die aus der Judenmenge geschleudert kamen, dermaßen stark in den Rücken getroffen, daß er zu Boden fiel und das Bewußtsein verlor. Dieser letzte Umstand diente als Signal zu wirklichen Judenausschreitungen. Die Menge ging mit dem Rufe: ..Die Juden höben den Polizeileutnant getödtet!" zur Plünderung der jüdischen Häuser und Laden über. Roch der Anklage sind 250 jüdische Wohnhäuser und Läden geplündert, neun Personen getödtet und acht verwundet worden, davon die eine Hälfte Juden, die andere Christen. Es sind über die Vorgänge in Homel am 1. September v. I. genug Einzelheiten bekannt geworden, n:n erkennen zu lassen, daß die Anklageschrift vielfach in schroffein Widerspruche zu den Thatsachen steht. Die Panik der Juden, welche ihre Läden eiligst schloffen, wird als Beginn zu verabredeten Ausschreitungen ausgelegt. Der Schutz, welchen das Militär de» Excedenten erwiesen hat, wird als „Theilung" der Judenmenge von den russischen Arbeitern dargestellt und die Selbstvertheidignng der Juden wird als Ueberfall auf die christliche Bevölkerung geschildert, um dadurch die Opfer der Erceffe in Angeklagte zu verwandeln. Der Tod eines Philanthropen. London, 26. Okt. Im Alter von 89 Jahren ist der bekannte Philanthrop Chaim Guedalla, der Neffe Sir Moses Montefiore's s. A., gestorben. Seine Großeltern sind im Jahre 1760 aus Mogador (Marokko) eingewandert. Wie sein Vater, der in Jerusalem eine den Namen Beth Guedalla tragende Jeschibah unterhielt, hat auch der Verblichene lebhaftes Interesse für Palästina beihätigt. Seitdem er dasselbe im Jahre 1855 in Begleitung seines großen Oheims zum ersten Male besucht hatte, hat er dem heiligen Lande soviel Geld und Mühe zugewandt, daß das Jerusalemer Rabbinat im Jahre 1885, nach dem Tode Sir Moses', den von diesem geführten Ehrentitel eines „Nass! der Diaspora" cfriya kw) auf ihn übertrug. Im Jahre 1865 begleitete er seinen Onkel auf dessen Reise nach Marokko und knüpfte auf der Rückfahrt in Madrid Verhandlungen mit dem derzeit allmächtigen General Prim an, welche vier Jahre später zunächst dazu führren, daß Spanien den Juden wieder geöffnet wurde. Noch aber war unseren Glaubensgenosse» durch § 11 der Verfassung die freie Reliaionsübung untersagt, und so rubte Guedalla nicht eher, bis der Ministerpräsident Sagasta in einem Schreibe» vom 25. August 1831 jenen Paragraphen dahin commeniirte, daß es den Juden gestattet sei, eigene Bethäuser und Degräbnißplätze zu besitzen. Gleich interessant waren die von Guedalla mit dem Großvezir Midhat Pascha im Jahre 1876 eingeleiteten Verhandlungen, welche nichts Geringeres bezweckten, als — - Palästina für die Juden anzukaufen! Als Präsident der türkischen Veite publique schlug näinlich Guedalla vor. anstatt der fälligen Zinsen den Bond-Inhabern Land in Palästina zu überlassen. Da die Staatsschuld der Türkei damals nicht weniger wie fünf Milliarden, so würde ein Eingehen auf den Vorschlag, der von Midhat Paslcha sehr ernst genommen wurde, einer Abtretung Palästinas an die Gläubiger der Türkei gleichbedeutend gewesen sein, vorausgesetzt, daß die christlichen Mächte nicht ihr Deto eingelegt hatten. Midhat Pascha's Sturz hat den Verhandlungen eines jähes Ende bereitet. Mit Chaim Guedalla ist der letzte große Zeitgenosse und Mitarbeiter Sir Moses Montefiore's zu Grabe getragen werde».