Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 97 (8.12.1904)
- Date
- 1904-12-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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2102 die Juden, welche sich noch mehr verdichteten, als die Mobilisation angekündigt wurde. Die ersten zwei Tage nach dieser Ankündigung verliefen noch ruhig. Aber am 24. Oktober versammelten sich beim Bahnhof eine Menge von 70 Personen und schrie unaufhörlich: „Schlaget die Juden!" Zuerst zertrümmerte man einige staatliche Branntweinläden und die in der Nähe derselben sich befindenden jüdischen Wohnungen. Die Einwohner versteckten sich, wo sie nur konnten, und ließen Alles geschehen. Dann gingen die Unruhstifter nach dem Markt herüber, wo sie Läden und große Geschäfte zu plündern anfingen. Da die meisten Geschäfte geschloffen waren, beschlossen die Unruhstifter, ihre Wuth darüber an den Juden auszulaffen, und die Letzteren wurden unbarmherzig geschlagen. Die Unruhen dauerten bis zum Abend. Die Einwohner verschloffen sorgfältig ihre Thüren und brachten in großer Aufregung die Nacht zu. Am folgenden Tage vergrößerte sich die Zahl der Lärmmacher beträchtlich, und die Unruhen nahmen einen erbitterten Charakter an. Ein großer Uhrladen wurde völlig vernichtet. Ein Theil der Excedenten plünderte in Saretschje (einem Stadttheil). Eine Gruppe der jüdischen Selbstwehr leistete Widerstand, es fand ein Zusammenstoß statt, bei welchem 23 Juden verwundet wurden, viele von ihnen sehr schwer. Um 2 Uhr Nachmittags kamen die Kosaken an. Die Unruhestifter bewarfen sie mit Steinen und Flaschen und verwundeten einige von'ihnen; auch dem Polizeimeister flog ein Stein an den Kopf. Am 26. Oktober wurden wieder zwei staatliche Branntweinläden und zwei jüdische Weinkeller zertrümmert. In den folgenden Tagen waren alle Geschäfte geschlossen und in der Stadt herrschte eine unbeschreibliche Panik. Am 28. Oktober kamen nach Witebsk noch 6000 Reservisten aus Twer an. welche wiederum mit der Plünderung der Häuser und der Geschäfte begannen. Ein Ladenbesitzer schoß auf die plündernde Menge und wurde auf der Stelle umgebracht. Der Vater dieses Ladenbesitzers wurde dermaßen schwer verwundet, daß'er> bald darauf starb. An diesem Tage wurden 22 Juden verwundet. Die Unruhen nahmen ihr Ende, als die Kosaken die Reservisten umzingeltem Einigen Berichten zufolge sind einige jüdische junge Mädchen während dieser Unruhen in Witebsk vergewaltigt worden, wonach sie sich das Leben nahmen. Unwillkürlich wirft man die Frage auf, wie es denn komme, daß in einer so großen Stadt wie Witebsk die Polizei sammt Militär mit einer Exzedentenmenge von 70 Personen nicht fertig werden konnte, wo man doch nach fünf Tagen die Kraft fand. 6000 Reservisten zu zähmen! Es läßt sich, bei den letzten entsetzlichen Ereignissen noch nicht fesistellen. ob die zentrale Regierung, d. h. das Ministerium des Innern, die Kischinew- Politik des verstorbenen Plehwe fortsetzt oder ob bit örtlichen Behörden, die die Plehwe'sche Schule durchgemacht haben, aus eigener Initiative die Judenexzesse inszentren.; vermischtes. Frankfurt a. M. Infolge ungünstiger Geschäftslage wurde der Israelitische Hllfsverein im letzten Berichtsjahr mehr als sonst in Anspruch genommen. Don 2591 Personen, die um Unterstützung nachsuchten, wurden 2120 mit 9527 M bedacht. Ferner wurden auf Epezialfonds an Unterstützungen u. s. w. 66,861 M., zessammen also 76,383 M. ausgegeben. Nürnberg. Herr Siegfried Back, tahier, Mitinhaber der Firma I. Bach in Fürth, Spiegelglasfabrik und Spiegelglas- «nd Zedervholzhandlung hat das Aller öchste Exequatur als türkischer Konsul in Nürnberg erhalten. Osnabrück, im Dezember. Die hiesige israelitische Gemeinde, die sich im letzten Jahrzehnt in ungeahntem Maße entwickelt hat, hat den Beschluß gefaßt, nachdem das seither benutzte Gotteshaus sich als nicht mehr hinreichend erwies, eine neue Synagoge zu erbauem Zu diesem Zweck ist das an der Rolandsttrße, neben dem NegierungSgrbäude belegen« Grundstück bereits an gekauft worden. Zugleich sollen daselbst Dienstwohnung für den Lehrer und Lokalitäten, für die israelitische VolksschrL geschaffen werden. K... Württemberg, 29. Nov. Der .Verein isr. Lehrer u. Vorsänger in Württemberg' versendet in dieser Woche seinen Rechenschaftsbericht pro 1903/4. Der Verein zählt 55 Mitglieder und zahlreiche außerordentliche Mitglieder. Er erfteute sich auch Heuer der Theilnahme Sr. Maj. des Königs und der huldvollen Unterstützung Ihrer Maß der Königin, sowie der Beiträge von Gemeinden und Privaten. Es wurden im Berichtsjahr 2700 M. in 17 Portionen vertheilt und dadurch manche Noth gelindert. Vereinnahmt wurden zum Grundstock 376 M., Beiträge ordentlicher Mitglieder HO M-. außerordentlicher Mitglieder 215,50 M. Spenden 1968,35 M. (darunter 820 M. von Stuttgart,) Kapitalzinsen 1929 M. Das Vermögen des Vereins beträgt 58309 M. und hat um 1241 M. zugcnom'men.- Zürich, 5 Dczbr. Die „Züricher Post" zufolge erkannten in einer am lrtzten Samstag von Russin abgehaltenen Versammlung mehrere russische Sozialdemokraten in einem Anwesenden einen Spitzel, den sie beschuldigten, in Kisckincw an der Organisation der Judenkrawalle bctheiligt gewesen zu sein- Die fragliche Persönlichkeit ist ein gewisser Limionoff aus Sumara. Er ist während der Nacht überwacht und Sonntag der Polizei übergeben worden. Petersburg» 3. Dez. Von hier kommt die erfreuliche Mittheilung, daß der Ansassigkeitsrayon der Israeliten binnen kürzesterZeit erweitert und ihnen der Aufenthalt in weiteren 48 Orten gestaltet wird. Vielen Dank der Redaktion Für der Lösung schönen Lohn; Din ich auch nicht ein Sohn, Hab' ich doch Verwendung schon; Laß meinen Bruder dran entzünden. Bis einen braven Mann thu finden. Bad Kissingen, Chanuka 5664. Kelah Nürnberger N, * Briefkasten der Expedition. Emil Stafett&e&g in Sarmakag: Ungefragtes Werk ist bei I. Kauffmauu in Frankfurt a. M. erschienen. p 7^ Adressenveranderuugen unserer werthe» Abonnent« wollen »ns gefl. rechtzeitig mitgetheilt werden, damit in der Zusendung beS Blattes keine Unterbrechung eintrete»