Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 97 (8.12.1904)
- Date
- 1904-12-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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2097 Emmes dringt durch. Heute gibt'-, keinen Menschen in ganz Hamburg und Altona, der an diesen Lug noch glaubt. Die Desuro (Botschaft) ist das Purimgeschenk, das ich Euch bringe." Mit diesen Worten ritz er sich los, rannte die Treppe hinab und ward nicht wieder gesehen. «Habt Dank, Schneider Pinkerle, tausend Dank für dir gute Nachricht, wie kann ich's Euch vergelten!?" rief ihm freudig Sarah Metz nach: ein schwerer Stein war ihr mit dieser Nachricht vom Herzen genommen. Ob es wirklich den Thalsachen entsprach, ab der gute Wille von Schneider Pinkerle genügt hatte, die Lästermäuler zu schließen, ob Pinlerle selbst daran glaubte, das mag dahin gestellt bleiben. Die arme Frau glaubte daran. Seit diesem Purim ging sie wieder unter die Menschen, der schmerzlichste Stachel, der ihr edles Herz verwundet hatte, war durch Schneider Pinkerle's genialen Einfall glücklich beseitigt. Schelomo Pempel war eines der richtigsten Originale. wie sie in den alten Kehillos vielfach vorkamen, aber in unserer alles nivellirenden Zeit so vollständig auszusterben im Begriffe sind, datz man sie nicht einmal mehr in Museen unter Glas oder in Spiritus findet. Ein solches Original ist schwer zu schildern. Es vereinig grotze Beschrankheit und geriebene Verschmitztheit; kindliche Naivität und vorsichtiges Mißtrauen, liebenswürdige Nachgiebgikeit und eigensinnige Ouerköpfigkeit nebst einer ganz stattlichen Reihe sonstiger Gegensätze so harmonisch in einer und derselben Persönlichkeit. daß sie von selbst zum Eckmuster wird, an dem sich jeder stoßt. Schelomo Pempel war in geschäftlicher, gesellschaftlicher und den meisten anderen Dingen ein äußerst beschränkter Mensch, und dabei der beste Schachsvieler in ganz Hamburg. Er hatte eben — so erklärt man sich dieses Problem — seinen ganzen Verstand auf's Schachspiel gelegt, dadurch war für alle anderen .Facher nichts übrig geblieben. Er war ein sehr wohlhabender Mann mit zahlreicher Familie und handelte mit Perlen und Juwelen, auch mit Gold- und Silberwaaren. Diese seine Branche verstand er wie ein Fachkenner ersten Ranges, hier konnte er nicht getäuscht werden. Da er sehr vorsichtig und zurückhaltend in seinem ganzen Geschäftsgebaren war. — durch seinen vom Vater ererbten Wohlstand brauchte er den Geschäften nicht nachzuloufen. wie es sonst Brauch in der Geschäftswelt ist. sondern er konnte warten, bis sie an ihn herankamen — so zählte sein Geschäft zu den solidesten und galt als Belveis dafür, wie wenig Verstand eigentlich erforderlich ist. nicht nur um die Welt, sondern auch um em angesehenes Geschäft zu fnbve«. Fast zwei Jahre waren seit den in den vorigen Kapiteln geschilderten Vorgängen verflossen. Es war in der Woche vor Tischo-be-Ab des Jahres 5447. — Schelomo Pempel ging mit seinen feinsten Jomtofkleivern und einem hohen Hute des Morgens in aller Frühe durch die Elbstraße. Wie er eben um die Ecke biegt, trifft ihn gerade sein alter Freund Ahron Mosessohn, und siebt seinen Partner erstaunt an. «Was geht vor in der Woche vor Tischo-be-Ab. so geputzt, und Euern hohen Hut auf?" «Ihr wißt doch, datz ich Bris-Milo habe. Ihr seid ja auch gepreit (eingeladen); war der Schammes nicht bei Euch?" «Gewitz war er da; aber dann habe ich ihn falsch verstanden; ich meinte der Bris sei erst morgen." «Ihr habt ganz recht verstanden, die Brismilo ist erst morgen." «Nun bleibt doch als die erste Kaschje (Frage) schwer, warum Ihr heute so geputzt seid?" «Ich kaufe für die Bris-Milo ein; Kaffee. Zucker und Schaar Jerokaus (andere Kräuter)." «Und dafür setzt Ihr an einem gewöhnlichen Mittwoch, drei Tage vor Tischo-be-Ab, Euren hohen Hut auf?" Darauf ergreift Schlome Pempel die zwei obersten Rockknöpfe seines Freundes und zieht diesen so nahe zu sich heran, datz er ihm leise in's Ohr sagen kann: „Da könnt Ihr auch einmal etwas von mir lernen. Das habe ich Bezwoo (durch hinterlassene Verfügung) von meinem Vater — sichrauno librocho —, der hat immer gesagt, wenn man Zucker kauft, soll man ihn im Hut kaufen, dann kriegt man ihn billiger." «Wieder was gelernt, was man ihm Leben gut brauchen kann." entgegnete lächelnd der Freund, «dafür habe ich aber auch etlvas erfahren, was ich nicht gut brauchen kann. Ihr kauft Kaffee und Zucker ein? Also gibt's eine milchdinge Ssudo, in den neun Tagen, wo sich jeder darauf freut, wieder einmal Fleisch bei solcher Gelegenheit essen zu können?" „Wo denkt Ihr hin, wie kann man so was auch nur als Hawe Amino (Hypothese) glauben; das ist nur für sofort nach dem Bris. Aber Mittags nach der Börse, um halb drei ist die eigentliche Ssudo, selbstverständlich Fleischding: hat's denn der Schammes nicht bei Euch ausgerichtet?" Der Bris ist in Schul und direkt nach Schachris gehcn die Keruim (Eingeladenen) mit mir nach Hause zum Kaffee und Kuchen- und. Nachmittags ist die Hauptsudo. Ihr kommt doch?" «Im Jirze Haschem (so Gott will), bin ich zur rechten Zeit auf dem Posten," sagte Mosessohn und verließ den glücklichen Gastgeber, um seinem Geschäfte nachzugehen. Mosessohn hatte Wort gehalten- und sich am anderen Morgen nach dem Morgengebet mit Schlomo Pempel und ungefähr einem Minjan Gästen zum Frühstück eingefunden. Da die sämmtlichen Geladenen aber