Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 97 (8.12.1904)
- Date
- 1904-12-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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4S. Jahr-otg- M 97. Kenlrak-Hrgan für das orthodoxe Zudenthum. Begründet von - »r. in Wtnln$. Donnerstag, de« 30. KrSlew 5665. 8. Dezember 1904. Das Leben Josephs, j ein Spiegel der Geschichte Israels.; Zu j'pc ntns. Von Rabbiner Dr. Weyl-Czarnikau. Wir machen öfter die Erfahrung, wie Schicksale sich im Leben der Volker wiederholen. Wer wird nicht in den Kulturentwicklungen mancher modernen Völker das getreue Abbild derjenigen des römischen Reiches zur Zeit seiner größten Ausdehnung erblicken müssen? Geht doch diese Aehnlichkeit nicht nur in großen Umrissen, sondern auch in so vielen einzelnen Zügen so weit, daß Forscher von großem Rufe daraus schließen zu können glauben, es müsse darum auch der modernen Kultur dasselbe Ende bevorstehen, wie jener alten, daß nämlich ave Verhältnisse sich schließlich derart zuspitzen müßten, daß nothwendig ein Zusammenbruch erfolgt, gleich wie ein Haus, das zu hoch aufgeführt wird, ob seiner eigenen Wucht Zusammenstürzen muß. Und wie ein ganzes Volk so oft einem anderen sein ganzes Schicksal vorlebt, also auch ein Einzelner seinem ganzen Volke. Das haben schon unsere Weisen mit ihrem wunderbaren Scharfblicke erkannt, wenn sie bemerken: cnzb jnu »5*6 jtw ttd „was den Erzvätern auf ihrem Lebenswege begegnet ist. ist auch ihren Söhnen, dem ganzen Hause Israels, begegnet", das hat sich an ganz Israel, auf seinem Gange durch die Geschichte, wiederholt. Wenn wir, um nur einen Zug aus dem Leben der Erzväter herauszugreifen, von . Jakob erzählen hören, daß er mit einem Engel gerungen, und wenn unsere Weisen diesen Engel für i?p bv rwr „für den Schutzengel Esaus" erklären, so drängt sich uns von selbst die Ueberzengung auf, daß uns von diesem Kampfe Jakobs nur um deffentwillen erzählt wird. weil er ein Vorbild ist für den jahrtausendelangen Kampf unseres ganzen Volkes gegen die übrigen Nationen der Erde. In dem Leben keines altbiblischen l Helden ist aber die Geschichte Israels derart vorge-! bildet, wie in dem Leben Josephs. Und jetzt verstehn wir es auch, warum dasselbe in unserer heiligen Thora einen so breiten Raum einnimmt, wie das Leben keines der andern Väter Israels. Ja. die Geschichte Josephs ist gleichsam der Spiegel, in dem man das Bild der Geschichte Israels selbst wahrnehmen kann. Und in diesen Spiegel soll Israel zu allen Zeiten blicken, soll darin lesen und dadurch erkennen, daß eine wunderbare Fügung, wie in* Leben Josephs, so auch in seinem eigenen Gesammtleben. sich in einer Weise geoffenbart hat, daß, wessen Auge, um mit dem Propheten zu sprechen, nicht verklebt ist. so daß es nicht stehet, und wessen Ohr nicht verstopft ist. so daß eS nicht hört, bekennen muß, daß kein Zufall, auch keine Rothwendigleit. die Welt regiert, sondern daß es ein allweiser Gott ist, dessen Geist gegenwärtig ist in den Entwickelungen der Natur und der Geschichte, und der ganze Völker wie den Einzelnen lenket und zum Besseren fuhrt. Und um diesen großen Gedanken der Lehre Israels in uns zu befestigen, lasset uns wenigstens in allgemeinen Zügen. Josephs und damit Israels Schicksal betrachten. In unserem Wochenabschnitte heißt es zunächst: LDv nm 6 new vjs bso spi* «c snn tor-rn «und Israel liebte den Joseph mehr denn alle seine Söhne und er machte ihm einen bunten Rock." Aber warum schlug denn das Herz Jakobs wärmer für diesen seinen Sohn? Nur aus dem Grunde, weil er ein Sohn seines Alters war, wie man gewöhnlich die Worte der Schrift versteht? Aber wie ist das denn? Hatte Joseph denn nickt Brüder, die nur um ein und um zwei Jahre älter waren, ja, hatte er nicht sogar einen noch jüngere« Bruder? Aber nein, Joseph war nicht nur in jenem, rein äußerlichen Sinne, der Sohn seines