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Der Israelit · 1904-10-20 · Heft 83 (20.10.1904) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 83 (20.10.1904)
Date
1904-10-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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4tf. Jahrgang. rlle Deikage z« J& 83 des „Israelit". Ein Nachwort. Von einem Monnenten. (Schluß aus dcm Hauplblatt). Wer ist aber denn Gegner des Austritts? Der Orthodoxe kann es doch nicht sein, der Liberale wird es nicht sein wollen. Und doch — unglaublich aber wahr — der Orthodoxe! Wir sprechen dabei natürlich nicht von bezahlten Beamten, deren Aussicht „geschäftlich" größer ist, wenn sie eine einheitliche- Gemeinde haben. Diese Art „Beamten" zählen heute überhaupt nicht mit. Das Gute ist nur vom Volk zu erwarten, besten Blick für das wahre Judevthum nicht getrübt wurde durch den Schleier der „Ehre" und „Standeswürde", die ein „kollegialisches Pfaffenthnm" um die Augen auch vieler konservativer „Standesbeamten" gewoben. Um nicht gehässig zu erscheinen, wollen wir auch von einer Art „Orthodoxen" schweigen, die Ansehen und Amt. Stellung und ..feinen" Verkehr in dem Gesellschaftskreis reicherer und „gebildeterer" Kreise — selbst mit Aufopferung der Sittlichkeit und Religiosität der Kinder zu finden wähnt; schweigen wollen wir auch von solchen Austrittsgegnern, die fürchten, die Tasche zu weit öffnen zu müssen, um die neue Geineinde thatkräftig zu unterstützen (— dann kämpfen sie noch lieber gegen ihr eigenes Lager —); schweigen auch von jenen, die über alles G'milluth Chessed gern Thora und Awaudoh vergessen. Aus Vertretern solcher Anschauungen setzt sich die Mehrzahl derer zusammen. die persönlich gehässige Gegner des Austritts und der Austretenden sind. Sie liefern zum Ueberfluß den Beweis des Tiefstandes ihrer Bildung, deren erstes und vornehmstes Zeichen Anerkennung der Gewissensfreibeit ist, dadurch, daß sie mit niedrigen Maßregeln ge - w a l t t h ä t i g e r Herrenmoral, wie mit Entziehung der Kundschaft (!) und Kündigung der Stellung (!) denen drohen, von denen sie fürchten, daß sie aus ihrem Gewissen keinen Hehl machen. Wir wollen uns nur mit ehrlichen Gegnern beschäftigen. Als solche erkennen wir Diejenigen, welche ernstlich glauben, durch Nichtaustritt mehr Gutes wirken zu können, als Segen durch den Austritt gestiftet wird, die den Austritt sogar für freventlich darum halten, weil die bereits abgefallenen Brüder dadurch jeden Halt verlören. Gegen eine solche Ansicht möchten wir zweierlei ins Feld führen. Vom Jahre 1851—1876 war z. B. die Frankfurter Gemeinde einheitlich. Was vermochten damals die Orthodoxen auf friedlichem Wege zu erreichen? Nichts, gar nichts. Die ganze Errungenschaft des orthodoxen Theiles der dortigen Neformgemeinde datirt erst seit dem Tage der Furcht vor dem Austrittsgesetze. Daß die Schechitah-Verhältnisse in Berlin auch in der großen Gemeinde sich gebessert, geht auf die Gründung der Adaß-Jißroel-Gemeinde im Ursprung zurück; auch von Königsberg erzählt man sich Aehnliches vom Gebiete des Religionsschulwesens. Der. Radikalismus läßt sich gutwillig auf keinem Gebiete zu Konzessionen herbei. Aber auch jetzt, nach dem Inkrafttreten des Austrittsgesehes fußt das ganze Wirken von orthodoxen Theilen einer Reformgemeind/ lediglich auf Verschweigen der trennenden Elemente, auf Richtberührung desSabbwtgeb o t e s u. s. w. Unter solchen Bedingungen könnten wir auch mit Nichtjuden eine einige Neligionsgemeinde bilden; wir brauchen nur von den Besonderheiten zu schweigen und das allgemein Menschliche hervorzuheben. Es würde das viel mehr im Sinne der Thora liegen, die von Richtjuden Opfer annimmt, aber solche von jüdischen Sabbatschändern verweigert. Das Hervor heben der einigenden Elemente ist ein großer Jrrthum der^Gegenströmung des Ausirittsgesetzes. Jesajas 58. 1 und Micha 8. 5 wird zu erfolgreicher Wirksamkeit gerade das Gegentheil vom Propheten gefordert. Wenn auch 3. D. M. 19.17 nur eine dreimalige Zurechtweisung empfiehlt, so verhält es sich doch mit Ermahnungen an die Adresse der jüdischen A l l ge - m e i n h e i t anders, da dürfen wir wohl eher von Jerem. 7. 13 und 2? u. a. Stellen lernen, an denen darauf hingewiesen ist, daß unaufhörlich das Volk an seine Pflichten zu erinnern sei. Wenn es auch zuerst durch stete Belehrung etwas gereizt erscheint, es erkennt doch dankbar nachher den guten Willen an, was bei aeaentheiligem Verhalten des berufenen Volksführers durchaus nicht der Fall ist und sein kann. Vergl. Spr. Salowon 24, 25. Bei diesem beabsichtigten „friedlichen" Zusammenleben wird die Leisetreterei zum unumgänglich nothwendigen Verkehrsmittel, und das ist die größte Gefahr, in welche sich der „Kompromißler" selbst begibt. Man gewöhnt die Jugend daran, über das Wichtigste, als sei es etwas Anstößiges, nicht öffentlich zu sprechen; — die Folge, es nicht öffentlich zu üben, kann nicht ausbleiben. Es ist darum fast unmöglich. selbst bei Wohlthätigkeitsangelegenheiten, deren gemeinsame Erledigung wir oben gelten ließen, einig mit Reformern zu gehen. Die Sabbatfrage taucht sofort auf. Es wäre unverzeihliche Bogelstrauß- Politik und wäre mehr als eine „bloße Unterstützung der Gesetzübertxetung", wollte man sich da begnügen, sich der Stimmabgabe zu enthalten oder Sitzungen mit

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