Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 81 (13.10.1904)
- Date
- 1904-10-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1693 Rabbi Tobia habe ihm zweitausend Gulden für die Jeschiba versprochen, wenn er die Verbindung zwischen den beiden jungen Leuten zu Stande bringe. Ferner habe er ihm zweitausend Gulden für denselben Zweck versprochen, wenn der Chosen den Schidduch deßhalb zurückgehen lasse, weil ihm die Kallo nicht gefalle. — Die ersten zweitausend Gulden hat Fried jedenfalls zu bezahlen, denn wenn man hier die zwei jungen Leute Arm in Arm miteinander gehen steht, so zweifelt Niemand daran, daß da eine solide Verbindung zu Stande gekommen ist. Die anderen zweitausend Gulden muß er aber auch zahlen, da der Choson um keinen Preis dazu gewinnen ist. seine frühere Braut zur Frau zu nehmen. Darüber kann kein Zweifel sein und darauf bezieht sich daher mein Din Thora nicht. Dagegen steht fest, daß Herr Fried heute 200,000 Gulden gewonnen hat. Erstens 100,000, die er seinem früheren Choson nicht auszuzahlen braucht, und zweitens hat er heute einen Sohn bekommen, der doch unter Brüdern nicht weniger werth ist, als seine Schwester mitbekommen sollte, also schlecht gerechnet auch 100,000 Gulden. Ich frage nun, wenn Herr Fried gelegentlich einer Ausgabe von 100,000 Gulden 4000 Gulden schuldig ist. wie viel wird er erst schuldig sein bei einem glatten Reingewinn von 200.000 Gulden?" Die anwesenden Thorakundigen meldeten sich auf einmal alle zum Worte, um ihre Meinung zu sagen, die jedenfalls nicht zu Gunsten der Tobias Friedschen Kasse ausgefallen wäre. Deßhalb bestand Herr Fried darauf, man solle, nachdem man den Gläubiger gehört habe, zunächst auch den Schuldner anhören, was ihm auch durch allgemeines Schweigen bewilligt wurde. Der kurze Inhalt seiner Darlegung war. daß der Gläubiger formell wohl im Rechte sei. daß sich aber vielleicht auch einige Bedenken gegen die Forderung geltend machen ließen; wohlgemerkt nur gegen den zweiten. Theil, zur Zahlung der ersten 4000 Guldrn bekenne er sich schuldig. Er schlage nun eine Peschoro (Ausgleich) vor, für den zweiten Theil ebenfalls 4000 Gulden und zwar für die hieügen Armen zu geben. Wenn die Herren damit einverstanden seien, so bedürfe es keines Din Thora weiter. Lauter Beifallsturm bestätigte die Annahme dieser Offerte. Eine lange Diskussion erfolgte darüber, wer das Tischgebet laut vortrdgen solle, da dies bei Hochzeiten sonst Ehrenfunktion des Bal Kiddufchin sei, heute sei aber gar kein Bal Kiddufchin zugegen. Auch diese Frage wurde zu aller Zufriedenheit gelost, indem Josef erklärte, er habe sich bereits mit seiner Schwester dahin verständigt, daß die Erfahrung, dir sie heuie gemacht. . ihnen keineswegs die Lust am Heirathen verleidet hätte. Sie hoffen beide mit Gottes Hülfe, das heute vereitelte .Hochzeitsfest recht bald in doppelter Auflage nachzuholen. Sie hoffen, daß auch dann der Rabbi ihnen seinen Segen geben werde, wie er es heute bereit war zu thun. In diesem Falle sei aber Ihr Bal Kiddufchin allerdings zugegen und es könne keinem Zweifel unterliegen, daß ihm das Benschen znkomme. Als die Gesellschaft in später Nachtstunde sich trennte, saßen der Rabbi. Josef und die Familie Fried noch lange beisammen, um die Ereignisse des Tages noch einmal in der Erinnerung vorüber ziehen zu lassen. Jeder der Anwesenden hob ein anderes Moment aus dem merkwürdigen Erlebniß hervor und der Rabbi sprach das Psalmwort in heiliger Sprache: „Das ist von Gott! In unseren Augen bleibt's wunderbar!" „Rabbi," begann Josef, „das größt? Wunder ist und bleibt doch die Kamea, was muß doch der Rabbi für ein gottbegnadeter Wunderthäter sein, wenn er das alles voraussah und schon vor Jahresfrist niederschrieb?" „Ich glaube. Du bist hier nicht auf der rechten Fährte," entgegnete Rabbi Sisi. „Mein Bruder hat schon manches Wunderbare vollbracht, aber das größte von allen seinen Wundern ist er selber. Neben seiner Größe, neben seiner Reinheit und Heiligkeit, Fei seinem tiefen Wissen, seinem hellen Geist und warmem Herzen, hört alles andere auf wunderbar zu erscheinen. Es kommt einem ganz klar und nüchtern, ja selbstverständ-' iich vor. Ich möchte sicher behaupten, daß mein Bruder, als er die Kamea niederschrieb, so wenig von dem was wir heute erlebt, eine Ahnung hatte, als wir. Dagegen hat sich sein scharfer von der Weisheit der' Thora erleuchteter Verstand klar gemacht, was seinen Lieblingsschüler von jedem andern jungen Mann unterscheidet. der eine Lebensgefährtin sucht. Das Unterscheidende ist: Du kanntest Deine Eltern, Deine eigene Familie nicht, Du konntest deßhalb in die Möglichkeit kommen, die eigene Schwester zu heirathen; deßhalb hat er Dich gewarnt. Daß diese Warnung dazu geführt hat Euch zusammenführen, das ist ein Wunder, das Haschem selher gefügt hat. Freilich thut er den Willen seiner Frommen, freilich ist ein Weiser mehr als ein Prophet, freilich liegt das alles für uns jetzt auf der Hand, aber für ihn lag es schon vorher so'da, das ist der Unterschied, zwischen seiner Größe und unserer Kleinheit." . Der Morgen fing bereits an zu grauen, als sich die Helden unserer Erzählung zur Ruhe begaben. XX. Am anderen Tage fuhr Josef mit seinen Eltern und Geschwistern nach .Jaroslau und freute sich zum ersten Mal des Glücks, das der Besitz liebender Eltern und zärtlicher Geschwister bedeutet, ein Glück, das die große Menge mit zur Welt bringt und das daher von vielen nicht in seiner vollen Größe gewürdigt wird. Aber Josef, dem dieses Glück einundzwanzig Jahre