Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 74-75 (14.9.1904)
- Date
- 1904-09-14
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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45. ZtchrgavA. »Weite AZis. zN 74 & 75 des 99< Die Weihe der neuen Synagoge in der Nöah-Iisroel-Gemkinöe zu Vevlin.*) Berlin, am 1. Selichothtag. Ein Scherzwort aus alter Zeit sagt: Berlin ist ein twh rrrjj xSo c*pa (ein Ort voll von Gelehrsamteit und Gottesfurcht). Wieso?! Antwort: Jeder, der dorthin kommt, läßt seine Thora und Ji rah dort! In der Thal! Von den Tagen David Friedländers und der Massentausen ist Berlin vorbildlich gewesen für jede Art der radikalen Reform. Die Orgel hat freilich zuerst im Hamburger Tempel ihre Stätte gesunden, aber ihren Siegeszug durch die größeren und kleineren Gemeinden hat ste erst angetreien, als ste in Berlin die Gesetzestreuen aus der Synagoge trieb. Die Provinz, die blickte mit Be- U'underung und Verehrung nach der Reichshauptstadt und bezog aus dieser Quelle ihre Prediger und Lehrer, ihren Kult und ihre Verwaltungsprinzipien, - ihre Orgel und ihre Gesinnung. Es ist das unsterbliche Verdienst des Rabbi Esriel Hildesheimer mnzb prtpi pnx 121, daß er die Gefahr, die dem gesehestreuen Judenthum Deutschlands aus dieser centralen Stellung und Bedeutung erwuchs, in aller Schärfe erkannte, und mit der Energie und der schnellen Entschlußfähigkeit, die ihm eigen war. der Gefahr zu begegn-n wußte. Durch die Gründung der Adaß Jisroel Gemeinde wurde ein Mittelpunkt geschaffen kür die gesetzestrene Minderheit Berlins, durch das Rabbinersemiuar und seine Schüler, die auf zahlreiche Rabbinatssitze in der Provinz berufen wurden, konnte den destruktiven Tendenzen der Reform ein Paroli geboten werden. Anläßlich der Einweihung der neuen Synagoge der Adaß Jisroel- Gemeinde sei in wenigen Worten auf ren Zweck und die Bedeutung dieser Gemeinde hingewiefen. Vielleicht gelingt es uns. bei den Gegne.tr der „Auslrittsgemeinden" das Verständniß dafür zu tvecken. daß die Vorkämpfer, Führer und Mitglieder dieser Gemeinden nicht nur blinde Fanatiker, streitlustige Draufgänger, irregeleitete Herdenthiere sind, daß sie vielmehr die Einzigen sind, die das Prinzip in seiner Reinheit wahren, daß Recht. Vernunft und Eonsequenz allein auf ihrer Seite ist. Michael Sachs s. A. war gestorben und die Frommen Berlins ersuchten die Genreindeverwaltung. von der sie hinsichtlich der Gegnerschaft gegen das traditionell-gesetzestreue Judenthum, das Schlimmste befürch- *> Bgl. Borbecicht in voriger Nummer. Red. d. „3&." teten, um Bürgschaften dafür, daß ihre religiösen Empfindungen nicht verletzt würden. Die Antwort war die Berufung Abraham Geigers, dieses Tjrya *ib» dieses nntsi wov aus dessen Schriften die Bibelkritik und die radikale Reform noch jetzt ihr Rüstzeug holt. Wie die Dinge sich weiter entwickelten, das soll uns hier' nicht weiter beschäftigen, genug, die Verhältnisse führten mit unerbittlicher Folgerichtigkeit zur Konstituirung der Adas-Jißroel-Gemeinde. Hier fanden sich die Männer zusammen, die zu den religiösen Institutionen der von Reformern geleiteten Großgemeinde kein Vertrauen hatten, an ihrer Spitze stand ein Mann, der durch sein Wissen, seine Lebensführung und sein Wirken die Gewähr bot, daß allen Forderungen, die das göttliche Gesetz an eine jüdische Gemeinde stellt, ihr Recht werde. Bis hierher gingen alle konservativen Elemente einträchtig miteinander, doch als nach dem „Austrittsgesetz" eine Reihe von Mitgliedern ihren Austritt aus der Großgemeinde erklärten, da begann das Kesseltreiben, da wurden alle Leidenschaften entfesselt, blindwüthiger Haß, Schmähung und Verleumdung. Es steht leider außer Frage, daß dieser Haß gegen die Austrittsgemeinde und ihre Mitglieder zumeist sehr niedrigen Ursprungs ist. Es ist das Haß, wie ihn die Griechen und Römer und ihre Schriftsteller gegen das Judenthum und seine Religion hegten. Sie konnten es nicht verzeihen, daß die Jud-en etwas besonderes sein wollten, nicht tolerant gegen jeden Kult waren, nicht überall 'und in jedem Tempel Opfer brachten, sich von den Sitten und Gebräuchen ihrer Umgebung fernhielten. So finden auch Mitglieder der Großgemeinde cs unerträglich, daß Anderen die Institutionen nicht genügen, die sie doch anerkennen, „bis Hildesheimer kam, hat man also in Berlin kreise gegessen!" Das ist der stets wiederkehrende Refrain. Doch zu diesem wollen wir nicht reden, der Haß ist nicht zu überzeugen. Aber da sind Andere, denen es schwer ankommt, das Band, das sie mit der Gemeinde verknüpft, zu zerreißen, weil ihre Vorfahren feit vielen Generationen in der Geschichte der Gemeinde eine Rolle gespielt, die da wähnen,, wer aus der Gemeinde austrete. sei sich tcot so Brno und die gegen die Ausgetretenen die Anklage erheben,- durch ihren Austritt schwächen sie das konservative Element in der' Ge--. meinde, und diese werde nur immer mehr der Reform entgegengetrieben. Wir antworten: Was die Frage des sv.vnv betrifft, so hat Samson Raphael Hirsch s. A. in den Brochüren. die die Kämpfe in der Frankfurter Gemeinde begleiteten, unwiderleglich bewiesen, daß jede Gemeinde, mag sie einer noch, so stolzen Vergangenheit in der Geschichte sich rühmen dürfen, - den Charakter