Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 93 (24.11.1904)
- Date
- 1904-11-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450070--61855-2524210- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4& Ichrga«-. M. 03. Ei« Gentrat-Hrgan für das orthodoxe IudenLHum. Begründet von ör. Urhmrrnn in Dorrtterstag, den 1«. KiSlew S665. 24. November 1904. Zum fünfzigjährigen Jubiläum des Breslauer Babbinerseminars. i. Berlin. 23. November. Unsere Zeit lebt schnell und vergißt noch schneller. Deßhalb haben ihre'Kinder Jubiläums- und ähnliche Veranstaltungen erfunden, um die dahinrauschenden Geschehnisse und -das Gedächtniß an sie wenigstens für eine Tagesspanne festzuhalten. Selbst dieser armselige Aschentrost ist denr Breslauer Rabbinerseminar versagt geblieben. Am 10. August dieses Jahres war ein halbes Jahrhundert seit seiner Eröffnung verstrichen, und niemand hat davon Notiz genommen. Erst jetzt, also richtig post festuin, hat Herr Dr. M. Brann eine „Geschichte des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau" veröffentlicht, durch welche man an das halbe Säculum erinnert wird, das seit Bestand der Anstalt diesen Sommer dahingegangen war. Die Schrift ist reich an Daten über die Vorgeschichte, Gründung und Entwicklung des Seminars, aber sie läßt dem kritischen Beurtheiler, der vonr Standpunkt des orthodoxen, historischen Judenthums die Anstalt, ihre Lehrer und Schüler in's Auge faßt, noch manchen nnmnd o^s. Es liegt auf der Hand, daß der Festschriststeller eine Lehranstalt, der er selber seine Ausbildung verdankt und an der er jetzt als Lehrer thatig ist, mit arideren Augen ansieht, als der unbefangene, außerhalb der Anstalt auf der Höhe des überlieferten Judenthums stehende Beobachter. Der erste kehrt die Lichtseite, der andere auch die Kehrseite hervor und das Weltkind in der Mitte wird auf diese Weise in der Lage sein, sich ein zutreffendes Urjheil zu .bilden. Wenn in dem Bericht gesagt ist, man sei sich von vornhinein darüber klar gewesen, daß man in dem Seminar eine Anstalt schaffen müsse, die der Allgemeinheit, der ganzen großen Glaubensgenossenschaft Nutzen bringe, indem sie eine Pflanzstätte echter Religiosität und tiefer Wissenschaft zugleich werde, wenn der Bericht fortfährt, daß dieses Ziel durch Berufung Frankels erreicht wurde, der von der Nothwendigkeit überzeugt war, daß man „der Welt durch Belehrung und Beispiel zeige, wie wahre Wissenschaft mit echter Frömmigkeit und lauterer religiöser Gesinnung sich zu einem harmonischen Ganzen vereinigen lasse"; wenn auch der heutigen Leitung das Zeugniß ausgestellt wird, sie sei bemüht, das Seminar zu einer Pflanzstätte lauterer Gottesfurcht und echter Wissenschaft zu machen, so sind das gewiß sehr schöne Worte, wie sie einer Festschrift ganz gut anstehen. Inwiefern sie der thatsächlichen Wirklichkeit entsprechen oder widersprechen, darüber dürften die folgenden Bemerkungen einiges Licht verbreiten. Echte Religiosität, tiefe Wissenschaft, Gottesfurcht und dergl. sind Worte von sehr relativem Werth und kautschukartig dehnbarer Bedeutung, bei welchen man sich sehr viel und sehr wenig denken kann, Worte, die daher kein Urtheil ermöglichen, besonders wenn sich Jemand diese Attribute selber zuerkennt. Auch der Religionslose kann sich für religiös halten und lediglich aus Religiosität mit keiner der bestehenden Religionen sich einverstanden erklären. Ebenso wird gerade der wissenschaftlich Leichtfertige viel leichter sich das Prädikat der Gründlichkeit zuerkennen, als der besonnene, wirklich gründliche Meister der Forschung. Deshalb sind alle diese Bezeichnungen wenig geeignet, eine Anstalt mit ihren Lehrern und Jüngern zu charakterisiren. Erwägt man aber, wie gerade zur Zeit der Gründung des Seminars, die Wogen des geistigen Kampfes innerhalb der deutschen Judenheit besonderhochgingen, wie im Namen der Religiosität, der Wissen-