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Der Israelit · 1904-09-01 · Heft 70 (1.9.1904) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 70 (1.9.1904)
Date
1904-09-01
Page
– (sequence 17)
Language
German
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45. Jahrgang. MÜS Um was sollen wir beten? Neujahrs predigt von I. H. Schwarz, Rabbiner und Prediger in Kladno. (Schluß.) II. vhn vsb *xu x^i bpto 'jm; Lsn ^Preiset den Herrn, der unsere Seele dem Leben gab und unseren Fuß nicht wanken läßt!" (Ps. 66, 9.) Für das Leben haben wir Gott dem Herrn gedankt, für das Dasein im Reiche des bewegten thätigen Lebens. Die Schönheit des irdischen Lebens, die Lichtseiten des Sonnenbeschienenen Daseins haben wir zu zeichnen versucht und haben es in jugendlicher Gluth vielleicht mit allzu rosigen Farben ausgemalt. Wie, wenn uns nun Jemand fragen wollte: Kennst Du des Lebens Stürme nicht, die da brausend und tobend durch die Welt ziehen? Kennst Du die bittere Hefe nicht im Kelche des Lebens? Was sprichst Du so inbrünstig was freust Du Dich gar so sehr des verlebten Jahres? Hast Du in den Zeitenstrom geblickt, ob seine Wellen nicht blutgefärbt waren von den Millionen Herzen, die darin in diesem Jahre vielleicht verbluten? Du freust Dich des Lebens für den häuslichen Kreis? Hast Du den Blick in die geheimen Kammern gerichtet, allwo der sengende Hauch der Zwietracht, wo der Sturm aufgeregter Leidenschaften die zarten Blüthen häuslichen Glückes geknickt hat in diesem Jahre? Du freust Dich des Lebens für Freundschaft? Kennst Du die glatte, farbenschillernde Natter, die Falschheit nicht, die sich oft unter den Rosen der Freundschaft verbirgt? Lebt denn die tauscndköpfige Hydra des Hasses, des Neides, der Falschheit und der Mißgunst nicht mehr? O, da kommen denn die finstern Schatten alle und drohen uns, das kaum entworfene lichte Lebensbild in dichtes, trostloses Dunkel zu hüllen! Doch, da rauscht, es. wie mit unsichtbaren Schwingen i n uns und u m uns. Ein lichter himmlischer Engel berührt uns mit überirdischem Flügelschlage und hebt uns über all diese Tiefen des irdischen Trübsals. — Die Seele ist es, dieser leuchtende, strahlende Himmelsfunke, der unser Dasein verklärt; die gottentstammte, himmelentstiegene Seele, die mit ihren überirdischen Schwingen uns über alles, was mit uns lebt auf dieser Erde, erhebt, sie scheucht all die schwarzen Schatten von unserem Lebensbilde hinweg. Das Seelenleben, wenn es uns in feiner höheren Macht durchdringt, das Seelenleben, wenn es seinen himmlischen Abglanz «70 über unser irdisches Dasein verbreitet; wenn wir der Seele ihren Wirkungskreis nicht schmälern auf Erden; wenn unsere Handlungen alle den Stempel des reinen, gottähnlichen Seelenlebens tragen — wenn wir, kraft unserer Hähern Bestimmung, unserer von Gott geadelten Seele das Recht nicht rauben, Unbilden zu vergeben, wie Gott vergibt; alle Menschen zu lieben, wie Gott sie Alle liebt und Alle gleich bescheinen läßt von seiner Gnadensonne — über irdisches Weh und irdische» Schmerz sich zu erheben mit geistigen Schwingen; wenn wir der Seele ihre himmlischen Begleiter auf dieser Erdenwallfahrt, dm Glauben und das Gottvertrauen nicht entziehen — dann wird eben dieser Gottesglauben und dies Gottvertrauen uns nicht sinken lassen in die Untiefen des Trübsals: wird uns nicht sinken lassen, wenn des Schicksals Stürme tobend durch ° die Welt ziehen; wird uns festen, sichern Schrittes durch's Leben gehen lassen; wird uns in Sturmeswehen stützen und erhalten. Ja, Erhalten, das, meine Brüder und Schwestern, ist der letzte sonnige, vollendende Pinselstreich, der das Lebensbild zur Bollkommenheit erhebt. Nicht wer lebt ist glücklich, wer sich erhält im Leben und nicht wanket; wer sich erhält auf dem Givfel seines ehrlichen guten Namens; wer sich erhält auf dem Höhepunkte seiner Ehre; wer sich erhält im Gleichgewicht mit guten, edlen Menschen; wer sich erhält auf der Höhe der M e n s ch h e i t; wer sich erhält auf der Höhe des Glaubens: wer sich erhalt in der Sphäre eines stammen, allen Schicksalswendungen trotzenden gläubigen G l e i ch m u t h e s — der ist glücklich, der lebt und mag sich des Lebens freuen. Wohl uns, wenn wir heute, am Tage des geistigen Rückblickes, am Tage, da wir mit uns selbst zu Gerichte gehen, am Tage der Selbstbetrachtung, finden, daß wir mit dem Beistände des Himmels uns erhalten haben; daß des Lebens Stürme uns weder von der Höhe des Glaubens, noch von der Höhe der Menschheit — weder vom Gipfel unserer Ehre, noch von der Höhe unseres guten Namens herabgestürzt — bann haben wir gelebt! Denn leben ohne festen Stühpunkt zu haben, leben ohne Ehre, leben ohne makellosen reinen Namen, leben in der untersten Schichte der Gefallenen, wohin der Leidenschaften Sturm den Menschen oft schleudert, leben ohne Glaubcnskraft und Glaubensstärke,- ohne Glaubensmuth und Glaubenssinn — heißt nicht lechen. Wir danken Dir, o Herr, daß das Jahr mit all seinen Unleiden, die es für so Manchen.in seinem Schoße barg, uns doch nicht hat sinken lassen'und daß wir trotz der so mannigfaltigen Dornenkronen, die unS als Israeliten, als Menschen, als Freunde von

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