Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 103-104 (30.12.1903)
- Date
- 1903-12-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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44. Jahrgang. Zeitttttgsnachrrchte« «nd Correspoudenzen.! Deutschland. Berlin. (Die Religionen im Deutschen Reiche.) Die Verschiebungen in dem religiösen Bekenntniß der Bevölkerung des Deutschen Reiches sind so geringfügig, daß erst bei einem längeren Zeitraum Aenderungen von Belang in die Erscheinung treten. Selbst wenn man den Zeitraum von 1871 bis 1900, also die Dauer eines Menschenalters, in's Auge faßt, ergibt sich für das Reich im Ganzen nur ein Anwachsen des evangelischen Theiles der Bevölkerung von 62,3 auf 62,5 Prozent. Der Antheil der katholischen Bevölkerung ist während dieses Zeitraumes prozentual noch etwas mehr gesunken, als der evangelische gestiegen ist, nämlich von 36,2 auf 36,1 Prozent. Diese und die folgenden statistischen Angaben sind den Veröffentlichungen des kaiserlichen statistischen Amtes entnommen. Weisen die beiden großen Konfessionen also ziemlich stetige Verhältnisse aus, so finden wir das Gegentheil bei den Dissidenten und bei den Juden. Stieg doch der Promille-Antheil der als Dissidenten bezeichneten während jenes Zeitraumes auf das Doppelte, nämlich von 2 auf 4 Promille der Bevölkerung, während umgekehrt der Antheil der Juden von 1,25 auf 1 Prozent zurückgegangen ist. Zahlenmäßig fallen diese Gruppen nicht in's Gewicht, und ihr prozentualer Antheil ist nicht geeignet, die großen Religionsgemeinschaften irgendwie zu beunruhigenimmerhin ist ihre Entwicklung, die Zunahme der Dissidenten absolut und relativ, die Abnahme der Juden relativ wohl nicht ohne Bedeutung. Zeigen sonach die Religionsverhältnisse im Reiche nur mehr oder minder belanglose Veränderungen, so gestalten sich die Dinge doch weit interessanter, wenn man die einzelnen Theile des Reiches in's Auge faßt. So ist es zunächst eine auffallende Erscheinung, daß die relative Zahl der evangelischen Christen in Preußen, im Gegensatz zum Reiche, zurückging, und zwar von 65 auf 63.3 Prozent. Dementsprechend sind die Katholiken in Preußen von 33,5 auf 35,1 Prozent gestiegen. Zu einem guten Theile beruht diese Verschiebung auf einer größeren Geburishäufigkeit der polnischen Bevölkerung. Merkwürdigerweise bietet das katholische Bayern das entgegengesetzte Bild wie Preußen. Den katholischen Antheil der Bevölkerung Bayerns sahen wir von 71,2 auf 70,6 v. H. zurückgehen, den der Evangelischen von 27,6 auf 28,3 v. H. anwachsen. Immerhin sind auch diese Verschiebungen in den beiden größten deutschen Einzelstaaten nur noch als mäßig zu bezeichnen, bemerkenswerthere Verschiebungen stellen sich erst heraus, wenn man dir größeren Einzelstaaten des Reiches nach Preußen und Bayern, sowie die einzelnen preußischen Provinzen und die Stadt Berlin besonders betrachtet. Da finden wir die größte Zunahme des Protestantismus in Baden, Elsaß-Lothringen und im Rheinland, in welchen Landestheilen der protestantische Antheil der Bevölkerung seit 1871 eine Zunahme bis zu 4,1 Prozent aufweist. Berlin, Brandenburg und Schlesien zeigen eine fast ebensogrohe Abnahme des protestantischen Theils der Bevölkerung. In Elsaß-Lothringen ist es vornehmlich die Einwanderung aus Altdeutschland, die diese Aenderungen zeitigte. In Rheinland und Baden haben wir die deutschen Landschaften zu erblicken, wo der Protestantismus sich noch eine werbende Kraft bewahrt hat. Die Zahl der Dissidenten ist besonders in Berlin, Elsaß-Lothringen und im Königreich Sachsen gestiegen; die der Juden in Berlin, Brandenburg und ebenfalls im Königreich Sachsen. In letzterem hat sich die Zahl der Juden seit 1871 nahezu vervierfacht. In Berlin finden wir etwa eine Verdreifachung. im übrigen Brandenburg etwa eine Verdoppelung der Juden. Wohl in Folge größerer Abwanderungen ist dagegen die Zahl der jüdischen Bewohner in der Provinz Posen von 61,982 auf 35,327 zurückgegangen, aus welcher Provinz wohl die meisten Berliner Juden stammen. Frankfurt a. M. Dem 21. Jahresbericht des „Israelitischen Hülfsvereins" entnehmen wir: Wie groß die Nothwendigkeit eines Hülfsvereins für unsere Stadt ist, zeigt sich mit jedem Jahre mehr. Fort und fort wachsen die Ansprüche, welche von Nothleidenden an uns gestellt werden. Hatte der Verein im Vorjahr Mk. 46.289 für Unterstützungen ausgegeben, so steigerte sich die Summe im Berichtsjahr auf Mk. 71,740. Hiervon wurden für besonders dringende Fälle auf Spezialfonds Mk. 63.564 verausgabt, gegen Mk. 38,839 im Vorjahr. Auf dem Bureau meldeten sich 2444 Petenten (gegen 2399), hiervon wurden 2274 (2203) mit Mk. 8175 (7450) unterstützt. An Geschenken zur Verwendung vereinnahmten wir Mk. 8052 (7758). an Mitgliederbeiträgen Mk. 9998 (Mk. 10.335). auf Spezialfonds Mk. 53,702 (35,235). Die Abtheilung „Weibliche Fürsorge" hat auch in dem zweiten Jahre ihres Bestehens an den leitenden Gedanken, die zu ihrer Gründung führten, festgehalten: individualisirte Armenpflege einerseits, andererseits theils theoretische, theils praktische Arbeit zur Anbahnung und Durchführung sozialer Hülfsleistung in allgemeiner umfassender Art.