Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 103-104 (30.12.1903)
- Date
- 1903-12-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein »i I - ^_ -r - - -•- •■--- 44, Jahrgang. M103 L104. KenLrat-Hrgan für das ortyodoXe Zudenlyum. Begründet von ftr-Wtfymann in Mrslrrz. Mittwoch, den 11. ThevetS664, SO. Dezenrder IVOS. Zum ^5. Jahrgang. Mainz, 27. Dezember. Das vergangene Jahr war für das Judenihum kein erfreuliches; der eine große Schmerzensschrei „Kischinew" übertönie schier alle anderen Leiden und Sorgen. Wir glauben mit Unrecht, denn wahrlich, so entsetzlich und grauenhaft jene Vorgänge auch waren, unsere anderen Sorgen sind durchaus nicht geringer, ja, wenn wir es recht bedenken, vielleicht noch größer. Ist ja die geistige Noth unendlich gefahrbringender, als die materielle, und eine große geistige Noth ist leider vorhanden. Konnten wir vor wenigen Jahren noch einen Aufschwung in geistiger Hinsicht feststellen, so ist es uns heute zur traurigen Gewißheit geworden, daß der religiöse Sinn und das damit unlösbar verknüpfte Volksbewußtsein und Volksgefühl bei dem bester situirten Theile unseres Volkes im Niedergang begriffen ist. Wir wollen keine Anklagen schmieden und keine Vorwürfe erheben, nur die unendlich traurige Thatsache muß festgestellt werden: Die veränderten Zeitverhältnisse haben es vielfach mit sich gebracht. Schwerer als .auf irgend einem anderen Theile deS deutschen Volkes lastet der wirthschaftliche Druck auf der trengläubigen und gesetzestreuen jüdischen Bevölkerung. Seit Einführung des Gesetzes über die Sonntagsruhe hat mancher sonst brave, aber durch die starke Erschütterung schwankend gewordene jüdische Mann sich zwar blutenden Herzens, aber immerhin entschlossen, von der altheiligen Sabbatruhe zu lassen, weil ihm. in seinem Mangel an Gottvertrauen, der wirthschaftliche Ruin, das Elend der Seinen und der Verlust der sauer erworbenen Heimstätte vor Augen standen. Für das Judenthum bedeutet aber der Abfall auch nur Eines seither Gesetzestreuen ein verhänznißvolles Rütteln an dessen Grundpfeilern, einen Bruch mit den geheiligten Traditionen, für die unsere Ahnen freudig-leuchtenden Auges den flammenden Holzstoß betraten und denen unser geliebtes Volk nicht nur seine Existenz, sondern auch seine hochbedeutsame Kulturstellung zu verdanken hat. Ist ei nicht das Erbe der Ahnen, wenn irgend ein jüdisches Finanz- oder Unternehmergenie vermittels der durch Jahrhunderte in der Schule des Talmuds geschärften, ihm schon in die Wiege gelegten Geistesgaben Millionen und Ansehen und Macht erringt, und seine Kinder — die werden getauft und schärfen nicht mehr ihren Geist in der Talmudschule, sondern ihre Säbel auf dem Paukboden.' Statt jakobitischer Zeltbewohner, edomitische Schwertführer.' Seine Jahrtausende alte strenge Inzucht hat dem Judenthume seine Kräfte concentrirt, mit dem eS nun so machtvoll die Kultur der neuen Zeit beeinflussen konnte, und trotzdem werden heute leichten Herzens Mischehen geschlossen. Daß das kleine, verachtete, im Rath der Nationen so unbedeutende Völkchen ein Machtfaktor allerersten Ranges geworden ist, diese bewundernswerthe, nicht genug anzustaunendc Thatsache ist einzig und allein die Folge des unentwegten Festhaltenunserer Väter an unserem heiligen Gesetz. Selbst die Gottesleugner erkennen diese Thatsache an.. Und nun soll man mit solcher, auch materiell so werthvoller Tradition brechen! Man gibt nicht nur jene Welt, man gibt auch diese preis! Daß dies Alles geschieht, daß viele glauben, daß es geschehen muß, das ist daS beklagenswertheste Ereigniß in der Gegenwart des jüdischen Volkes, und man wird mit uns übereinstimmen, wenn wir behauptet haben, daß es beklagenswerther ist, wie die Massacre eines barbarischen Volkes, verübt an jüdischen Brüdern und jüdischen Schwestern! Aber ein anderes Moment ist es noch, das die Decadence unseres Volkes auf das Grellste beleuchtet. Sogenannte „Richtungen" und „Schattirungen" ent-