Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 102 (24.12.1903)
- Date
- 1903-12-24
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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44. Jahrgang. M 102 des per Prozeß gegen die Kistziiikwer (Pifibiiitrn. j Kischinew, 18. Dezember. ’ ~ : Die Plaidoy er s. Heute fanden die Plaidoyers des Staatsanwalts D f i b t II i und des Vertheidigers S ch m a k o w statt. Staatsanwalt D s i b e l l i sagte unter anderem: Seitdem Excesse gegen die Juden in Rußland stattfinden, erinnere ich mich nicht eines „Pogroms" von dem Charakter und dem Umfange desjenigen, der uns derzeit beschäftigt. Man behauptet, daß er durch Agitatoren im voraus vorbereitet worden str. Die Vertreter der Beschädigten haben sich die größtmöglichste Mühe gegeben, die Organisation der stattgehabten Unruhen nachzuweisen und ihre Planmäßigkeit festzustellen. Nach meiner Ansicht gab es keine Vorbereitungen und keinen Plan, sondern die Vorgänge waren ganz einfach eine Folge des uralten Hasses, der gegen die Juden besteht. Der Judenhaß besteht seit der Geburt des Stifters der christlichen Religion bis auf den heutigen Tag, dieser Haß hat auch die Excesse in Kischinew veranlaßt und hervorgerufen. Ich will gerne glauben, daß eines Tages die Kulturentwicklung zu^ einem Schwinden des Hasses der Christen gegen die Juden führen werde, aber vorläufig muß man zugestehen, daß die Antipathie eine sehr mächtige, tief wurzelnde iss und allein die Erklärung der geschehenen Grausamkeiten bietet. Wir haben hier gehört, daß man Pronin und Stepanow der systematischen Vorbereitungen des „Pogroms" beschuldigt. ... Präs, (unterbrechend): Ich kann nicht gestatten, daß diese Namen hier genannt werden. — Staatsanw. (forifahrend): Wenn ich diese Namen nicht aussprechen darf, so kann ich ja die Frage der Organisation nicht berühren. Man beschuldigt mich ohnehin, daß ich mit denjenigen sympathisire. die an ein Werk von Agitatoren und eine bestandene Organisation glauben. — P r a s.: (eine Weile in Gedanken versunken, dann mit lauter Stimmet: Ick muß aber trotzdem bei dem unabänderlichen Beschlüsse bleiben, daß jene Namen nicht bezeichnet werden: wenn Sie, Herr Staatsanwalt, über die Unschuld Pronins und Stcpanows sprechen werden, so werden andere über deren Mitschuld und Betheiligung Reden halten dürfen, während der Gerichtshof daran festhält, daß Personen, die in der Anklageschrift nicht erscheinen. Hier nicht erwähnt werden dürfen. — Staatsanwalt: Aber über die Polizei darf ich doch reden? — Der Präsident nickt zustimmend. — . Staatsanw.: Man beschuldigt die Organe des - Sicherheitsdienstes, sie hätten während der Excesse nicht j ihre Pflicht gethan, aber die Herren, welche diese Beschuldigungen Vorbringen, sollten doch erwägen, daß Kischinew ein Areal von 90 Quadratwerst (1 Werst gleich 1,067 Kilom.) umfaßt und beinahe 160,000 Einwohner zählt, und in einer Stadt von dieser Ausdehnung waren im Ganzen einige Dutzend Wachmänner. (Die vage Angabe des Staatsanwalts ist hier besonders unzutreffend, da der ehemalige Polizeimeister selbst die Zahl der in Kischinew an den bezüglichen Tagen in Dienst gestandenen Wachleute mit 212 und mit Einschluß der Revierausseher und Pristaws mit 300 Mann bezeichnet hat.) Die Artikel Kruschewans im „Bessarobetz" und in der „Snamja" mögen das Entstehen der Krawalle gefördert haben; ich will damit nicht sagen, das; Kruschewan absichtlich auf die Vor-' gänge hingearbeitet hätte, aber der- Ton seiner Artikel war so scharf und der Stil ein derartiger, daß unwillkürlich bei seinen Lesern eine heftige Erregung gegen die Juden entstand: viel hat auch zum Ausbruche der Krawalle die Nachricht beigetragen, die über die Mordthat in Dubossary verbreitet wurde. Was die Rohheiten und Brutalitäten betrifft, welche laut Aussage des Dr. med. Doroschewsky begangen wurden, so findet sich hiervon in den Akten der Voruntersuchung nichts vor. Hierauf besprach Dsibelli noch im Detail die den einzelnen Angeklagten zur Last gelegten und nachgewiesenen Delikte und verlangte die Anwendung der gesetzlich normirten Strafe. Das ist alles, was der öffentliche Ankläger über die Tragödie der Apriltage vorzubringen wußte! ... Nach dem öffentlichen Ankläger sprachen der einzige, im Saale zurückgebliebene Vertreter der Beschädigten. Portugals, dann die Vertheidiger. der Angeklagten. Labutschenko wählte . zur Ver- Vertheidigung seiner Klienten die Taktik, die Juden, ihre Religion, Gebräuche und Sitten mit Schmutz zu bewerfen, um dadurch die Exzesse zu rechtfertigen oder zumindest verständlich zu machen, wobei er auch die Ermordeten und Geplünderten als Angreifer, hinstellte. Bodi und Lewetzki gaben die Verbrechen in allem Umfange zu, legten sie jedoch der Polizei und den Militärversonen zur Last und bezeichneten die gesam.mten Vorgänge als die Folgen einer plünmäßigen, ge-, willenlosen Hetze, deren Urheber aus dem..über jenen schwebenden Dunkel gezogen und bestraft, werden, sollten. Wahre Brandreden gegen das Judenthum waren die Plaidoyer von S ch m a k o w, P o g a r s ch e w